14.12.2009

TIEREDie Geister des Urwaldes

In der Karibik versuchen Biologen, den giftigen Schlitzrüssler zu retten. Der Säuger zählt zu den seltensten Arten der Erde. Dass er bislang überhaupt überlebt hat, grenzt an ein Wunder.
Im Stockdunkeln schwärmen die Häscher aus. Gerüstet mit Kevlar-Handschuhen und Stirnlampen verschwinden die beiden Männer in der Nacht. Stundenlang ist nur noch das Zirpen der Zikaden, das Singen der Baumfrösche und das leise Wispern der Blätter zu hören.
Dann, kurz nach Mitternacht, tauchen die zwei Fährtenleser aus dem Dorf Mencia im äußersten Südwesten der Dominikanischen Republik urplötzlich wieder auf. Am langen Schwanz baumeln in ihren Händen zwei Schlitzrüssler, struppig und rotbraun, mit einer Nase wie eine Karotte. Und der Biologe Jose Nuñez-Miño, für den die Einheimischen auf die Suche gehen, kann sein Glück kaum fassen.
Im Jahr 1906 war der Naturforscher Alpheus Hyatt Verrill auf die karibische Insel
Hispaniola gereist, um "Solenodon paradoxus" zu finden, den Dominikanischen Schlitzrüssler. "Hoffnungslos" sei es, des Tiers habhaft zu werden, warnten Kollegen, "genauso wahrscheinlich, wie Geister zu fangen". Doch Verrill gelang der Coup. Ein Weibchen ging ihm in die Falle.
Einhundert Jahre später sind Forscher dem Säuger wieder auf der Spur. Sie sorgen sich um das Überleben des nachtaktiven Tiers mit den winzigen Augen und dem merkwürdigen Rüssel. Rund 300 000 Euro hat die britische Darwin Initiative für das "Hispaniolan Endemic Land Mammals Project" bereitgestellt. Im Oktober erst startete die einzigartige Rettungsmission.
"Schlitzrüssler sind lebende Fossilien und gehören zu den frühesten höheren Säugetieren der Erde", erklärt Nuñez-Miño, der für den federführenden Durrell Wildlife Conservation Trust arbeitet. "Wenn wir sie verlieren, gibt es nichts Vergleichbares mehr auf der Erde." Schon vor rund 76 Millionen Jahren - die Dinosaurier stampften noch über die Erde - huschten die Vorfahren der ulkigen Geschöpfe durchs Unterholz. Und noch etwas ist an ihnen besonders: "Sie sind die einzigen lebenden Säuger, die mit ihren Zähnen Gift injizieren können, ähnlich, wie es Schlangen tun", sagt Samuel Turvey von der Zoological Society of London.
Der Biologe arbeitet am Projekt "Edge" ("Evolutionary Distinct and Globally Endangered"), das die 100 seltensten und evolutionär einzigartigsten Säugetiere der Erde retten will. Der Chinesische Flussdelphin gehört dazu, der eierlegende Langschnabeligel oder die Hummel-Fledermaus, der wohl kleinste Säuger der Welt.
Der Schlitzrüssler ist die Nummer vier auf der Liste. Und er steht exemplarisch für eine Vielzahl einmaliger Kreaturen, deren größtes Problem es ist, in ein Inselparadies ohne natürliche Feinde geboren zu sein. Schon die ersten Bewohner Hispaniolas begannen, den Wald abzuholzen. Erste Teile des Schlitzrüssler-Lebensraums gingen verloren. Die europäischen Invasoren setzten den Kahlschlag fort. Noch fataler indes war, dass die Europäer Hunde und Katzen einschleppten. Für die Raubtiere war der Schlitzrüssler leichte Beute.
Längst steht der knuffige Säuger auf der Roten Liste der bedrohten Arten. Fast an ein Wunder grenzt es, dass es ihn überhaupt noch gibt. In Haiti hält er sich nur noch an den Hängen des Massif de La Hotte im äußersten Südwesten. Das letzte lebende Exemplar einer kubanischen Schlitzrüssler-Art wurde 2003 gesichtet. Die Dominikanische Republik jedoch, so hoffen Experten, könnte noch eine kleine überlebensfähige Population beherbergen.
Über eine holprige Piste geht es am anderen Tag hinauf nach Mencia, das direkt an der Grenze zu Haiti liegt. Am Steuer des Geländewagens sitzt Jorge Brocca von der Naturschutzorganisation Sociedad Ornitología de la Hispaniola. Zusammen mit Nuñez-Miño betreut er das Projekt vor Ort. Die Biologen sind hoffnungsfroh. Eben haben sie eine ihrer Videofallen geborgen, die sie im Wald installiert hatten.
Ist ein Schlitzrüssler nächtens durch den Laserstrahl getappt, der die Kamera auslöst? Nuñez-Miño startet den Computer. Die Forscher verstummen andächtig, als sie die kurze Videosequenz sehen: Da tapst das Tier, schwankend wie ein Seemann, tatsächlich durch die Tropennacht. "Nie zuvor wurde ein Schlitzrüssler in freier Wildbahn gefilmt", schwärmt Brocca.
Kurz zuvor hatten die Biologen im Wald "Nasenstupser" entdeckt: kegelförmige Löcher im Waldboden, die der Säuger auf der Suche nach Insekten hinterlässt. Ohnehin ist der Schlitzrüssler ein skurriles Wesen: Die Zitzen der Weibchen sitzen in der Leistenregion. Die Muttertiere schleifen ihre daran hängenden Jungen hinter sich her, berichtet Nuñez-Miño. Merkwürdig auch das laute Zwitschern und Zirpen der Tiere, sobald sie gestört werden - oder der Gang, langsam und breitbeinig wie Sumo-Ringer.
Bei schwarzem Kaffee mit Zucker und Zimt erörtern die Biologen die Lage. Bis heute brennen die Bauern vor allem im bitterarmen Haiti Wälder nieder, um Holzkohle für ihre Kochstellen zu gewinnen. Zudem verwechseln die Einheimischen den Schlitzrüssler häufig mit dem Mungo. Das eingeschleppte Raubtier meuchelt Hühner und Hähne der Dorfbewohner. Für dominikanische Männer jedoch ist Hahnenkampf eine todernste Angelegenheit. Können die Forscher den Menschen erklären, dass der Schlitzrüssler schuldlos ist am Geflügeltod?
Auch die Jagd ist problematisch: Die Einheimischen stellen in den Wäldern verwilderten Schweinen und Ziegen nach. Ihre Jagdhunde lassen sie dabei auch nachts frei herumlaufen. Zusammen mit verwilderten Hunden sind sie die größte Gefahr für den Schlitzrüssler. "Wir wissen, dass Hunde immer wieder Exemplare der Säuger töten", sagt Nuñez-Miño.
Doch es geht auch andersherum. Der Biss eines Schlitzrüsslers, gut gesetzt, kann einen Hund zur Strecke bringen. Giftiger Speichel fließt dann durch Rinnen in den unteren Schneidezähnen des Tiers. Ähnlich funktioniert das bei Schlangen.
Tötet der Schlitzrüssler auch seine Beute mit dem Gift? Die Forscher wissen es nicht. Ohnehin beginnen sie fast bei null. Die Gesamtzahl der Tiere? Unbekannt. Das Verbreitungsgebiet? Unklar. Auch die Lebensweise liegt noch weitgehend im Dunkeln. Bald wollen sie einige der Tiere mit Sendern ausstatten, um ihnen zu folgen. Doch wie fängt man einen Schlitzrüssler? Erfahrene Fährtenleser sind rar.
Mit Sardinen, Erdnussbutter und Salami versuchten die Biologen zuletzt, die Tiere in Fallen zu locken. Ohne Erfolg. Im Zoo der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo werden nun erstmals die kulinarischen Vorlieben der Säuger ergründet. Drei Tiere hausen dort auf Betonböden in kleinen Räumen. Ihr Fell ist grau geworden. Bislang wurden die Insektenfresser mit Pferdefleisch gepäppelt. Doch was fressen sie in der Wildnis? Testweise kredenzen die Forscher nun Tausendfüßer, Mäuseembryos und Katzenfutter.
Zoodirektorin Patricia Toribio plant zudem ein Zuchtprogramm, oftmals die letzte Chance für akut gefährdete Tierarten. Noch kann das aber nicht klappen: "Unsere drei Tiere sind allesamt Männchen", räumt sie ein.
Wird das alles reichen, um den Schlitzrüssler zu retten? Die Geschichte Hispaniolas spricht dagegen. Rund 25 einzigartige Säugerarten lebten einst auf der Insel, unter ihnen Faultiere, Spitzmäuse und sogar eine Affenart. Bis auf zwei Arten, das rattenähnliche Zaguti und eben den Schlitzrüssler, sind sie alle längst ausgestorben.
Die Biologen sind dennoch zuversichtlich. Als die Hitze des Tages weicht, bringen die Fährtenleser die markierten und vermessenen Tiere zurück in den Wald. Neben einer Kuhweide unweit des Dorfes haben sich die Säuger angesiedelt. Vielleicht können sich Schlitzrüssler und Mensch doch arrangieren?
"Der Schlitzrüssler ist ein zäher, anpassungsfähiger Charakter", sagt Nuñez-Miño. "Sonst wäre er auch längst von der Insel verschwunden." PHILIP BETHGE
Video unter http://www.spiegel.de/schlitzruessler/.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 51/2009
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