14.12.2009

FOTOGRAFIEStarschnitt für Ästheten

Für technische Versuche entwickelte der Physiker Werner Kraus einst eine Riesenkamera. Nun erlebt der magische Apparat eine Renaissance - in der Porträtfotografie.
Sein Äußeres betreffend ist der Philosoph Peter Sloterdijk bislang nicht durch besondere Eitelkeit aufgefallen. Als die Berliner Künstlerin Susanna Kraus den Schnauzbartträger kürzlich für ein Fotoshooting gewinnen wollte, lehnte der Meister zunächst ab: "Von mir gibt es genug Bilder", ließ er ausrichten.
Kraus blieb hartnäckig und konnte den Denker schließlich doch erweichen - was umso erstaunlicher ist, als dieser dazu in einen Apparat klettern musste, der aussieht wie eine Kreuzung aus frühem U-Boot und Eiserner Lunge.
Für "eine halbe Stunde" hatte Sloterdijk zugesagt; am Ende verbrachte er volle vier Stunden in der merkwürdigen Kammer. Das Ergebnis - ein Porträt von zwei Meter Länge und 60 Zentimeter Breite in Schwarzweiß - begeisterte den Vielschreiber dermaßen, dass er die monumentale Fotografie umgehend für ein Buchcover auswählte.
Ähnlich entzückt reagierten auch die anderen Intellektuellen und Künstler, die bislang mit der Kamera "Imago" abgelichtet wurden. Sämtliche Porträtierten staunten über die außergewöhnliche Wirkung der Bildnisse, die der eigentümliche Fotokasten hervorbringt. Ein Hauch von Silbergelatine überzieht die großformatigen Bilder wie Weichzeichner. Gleichzeitig wirken die Werke so ausdrucksstark, als handelte es sich um Bühnenszenen einer existentialistischen "Faust"-Inszenierung.
Künstlerin Kraus verweist angesichts der Faszination ihres Publikums gern auf die Einzigartigkeit des Geräts. In der Tat: Eine Kamera wie die Imago gibt es vermutlich nirgendwo sonst auf der Welt. Doch was macht den vertrackten Apparat so besonders?
Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts musste Kraus' Vater Werner im Auftrag von Daimler-Benz eine Kamera entwickeln, um Einspritztechnik und Zündungsverhalten des Wankelmotors zu dokumentieren. Gefordert waren gestochen scharfe Bilder. Optische Linsen garantierten nicht die erforderliche Präzision. Kraus ließ deshalb für horrende Summen einen Oberflächen-Hohlspiegel fertigen, wie er für gewöhnlich in der Astronomie verwendet wird.
Den Einsatz seiner kostspieligen Schöpfung im Versuchskeller des schwäbischen Autokonzerns empfand der Erfinder jedoch bald als Verschwendung. Kraus baute die Kiste um und stellte diese seiner Frau Karin, einer Modefotografin, zur Verfügung. Erst jetzt kamen die magischen Eigenschaften des Geräts voll zur Geltung. Dank des Hohlspiegels kann die Imago auf sehr kurze Entfernung Menschen in einem Größenverhältnis von eins zu eins ohne Verzerrung abbilden.
Fotogene Berühmtheiten wie die junge Iris Berben stiegen in die Kamera. Angesagte Galerien schmückten ihre Räume mit den außergewöhnlichen Bildern, die von Kunstfreunden als bessere "Bravo"-Starschnitte für Ästheten beklatscht wurden.
Abseits seiner komplexen Technik funktioniert der Kasten wie ein Passbild-Automat. Das Motiv wird direkt auf ein Spezialfotopapier gebannt. Jeder Schnappschuss ist ein Unikat. Die Imago avancierte so zum Blickfang auf der Photokina 1976.
Mitte der achtziger Jahre stellte die Firma Agfa die Produktion des erforderlichen Spezialpapiers ein. Jäh endete damit die kurze Ära der Imago. Jahrzehntelang verstaubte die Riesenkamera in einem Lager der Neuen Sammlung München - bis jüngst in Susanna Kraus die Leidenschaft für das Werk ihres Vaters entbrannte. Kraus, eigentlich ausgebildete Schauspielerin, gab ihre Karriere auf, um sich allein der Wiederbelebung der Imago zu widmen.
Im Berliner Szeneviertel Prenzlauer Berg mietete sie den Lagerraum einer ehemaligen Fabrik an, den sie in ein Studio umfunktionierte. Nebenan pinselt ein Kleinbetrieb Werbetafeln. Im Innenhof parkte einst Erich Honeckers Wagenflotte.
Die kultige Kamera war also angemessen untergebracht, nur: Wie sollte der Automat wieder knipsen, ohne passendes Fotopapier? Kraus stieß auf einen betagten Wissenschaftler der Firma Ilford Imaging Switzerland, der ihr nach Monate währenden Experimenten schließlich eine brauchbare Emulsion zusammenrührte.
Mit dieser Mixtur reiste die einstige Aktrice in die kroatische Hauptstadt Zagreb. Dort befand sich noch eine alte Maschine aus deutscher Fertigung, mit der Kraus die Chemikalie auf Fotopapier auftragen konnte.
Dann aktivierte sie ihre Kollegen aus Bühnentagen, auf dass diese sich in dem von ihrem Vater gezimmerten Rumpelkasten in Szene setzten. Die Schauspielerin Suzanne von Borsody etwa stieg mit Lederhose und freiem Bauchnabel in die Kabine und fand sich auf dem belichteten Fotostreifen "ziemlich heiß".
Ihr Meisterstück in Sachen Objektwerbung allerdings gelang der Imago-Herrin in Wien. Kraus hatte sich in den Kopf gesetzt, die Psychoanalytiker der Freud-Metropole zum Selbstporträt zu bitten. Allerdings geriet sie zwischen die Fronten verfeindeter Schulen. Alsbald hagelte es Absagen: "Ah naa, bitt' schön, wenn S' den g'fragt haben, müssen S' auf mich verzichten."
Am Ende siegte die Diplomatie. So sind nun die gegnerischen Lager friedlich vereint - auf Fotopapier und nebeneinanderhängend. FRANK THADEUSZ
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 51/2009
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Starschnitt für Ästheten

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