14.12.2009

GEHEIMDIENST„Wir wollen ihn ja nicht hängen sehen“

Der rumäniendeutsche Schriftsteller Richard Wagner, 57, der 1987 zusammen mit der heutigen Nobelpreisträgerin Herta Müller in die Bundesrepublik kam, über seinen Kollegen Werner Söllner, 58, und dessen Eingeständnis, in Rumänien für die Securitate gespitzelt zu haben
SPIEGEL: Herr Wagner, der Lyriker Werner Söllner hat sich auf einer Tagung in München dazu bekannt, dem rumänischen Geheimdienst Informationen gegeben zu haben. Hat Sie das überrascht?
Wagner: Nein. Wir wussten das ja schon länger: aus den Akten, die wir seit mehr als einem Jahr kennen. Es war nicht schwer, Werner Söllner als IM "Walter" zu identifizieren.
SPIEGEL: Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?
Wagner: Ja, und wir haben uns damals geeinigt, dass er es selber öffentlich macht. Es hat dann allerdings bis jetzt gedauert.
SPIEGEL: Musste Söllner damit rechnen, auf der Münchner Tagung enttarnt zu werden? Oder dass Ihre Ex-Frau Herta Müller im Zusammenhang der Nobelpreisfeier darüber spricht?
Wagner: Ich fürchte, dass es sich so verhält.
SPIEGEL: In München scheint Söllner mit seiner Offenbarung beim Publikum auf viel Verständnis und Sympathie gestoßen zu sein.
Wagner: Er hat einen guten Augenblick erwischt, der emotional aufgeladen war. Es war ja auch das erste Mal, dass ein rumäniendeutscher Securitate-Informant sich öffentlich geäußert hat - nach 20 Jahren! Es waren mehr als 200 Teilnehmer und Gäste im Saal. Und bei manchem mag sich das Bedürfnis eingestellt haben, die Versöhnung vor der Aufarbeitung herbeizuführen.
SPIEGEL: Söllner hat dadurch Mitgefühl hervorgerufen, dass er glaubwürdig berichten konnte, wie der Geheimdienst ihn erpresst und bedroht hat.
Wagner: Das ist gar nicht zu bestreiten. Und ich habe persönlich auch keine Probleme mit Werner Söllner. Es geht uns um die Klärung nach so langer Zeit.
SPIEGEL: Der Hauptvorwurf gegen Söllner geht dahin, dass er für die Securitate Gedichte interpretiert und darin versteckten Hintersinn entschlüsselt hat.
Wagner: Das hat denen Material für ihre Anklagen in die Hände gespielt. Bei unseren Vernehmungen 1975 wurden wir, die Autoren der Aktionsgruppe Banat, damit konfrontiert.
SPIEGEL: Sie haben damals andere im Verdacht gehabt?
Wagner: Ja, und Söllner bekennt sich auch jetzt nicht zu diesen Details. Darüber bin ich unglücklich. Wir wollen ihn ja nicht hängen sehen, wir möchten einfach nur wissen, wie das damals zustande kam. Wir hatten unsere Professoren verdächtigt, einige zu Recht, andere aber zu Unrecht.
SPIEGEL: Und das wusste Söllner?
Wagner: Ja, er wusste von unseren Spekulationen und hat nichts gesagt. Das ist ja das Schlimme: Er hat in all den Jahren nie etwas gesagt. Und er hätte wohl auch jetzt nichts gesagt, wenn wir nicht die Akten gehabt hätten.

DER SPIEGEL 51/2009
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