14.12.2009

KINOJetzt machen wir Krach!

Der Kinderbuch-Klassiker „Wo die wilden Kerle wohnen“ hat 40 Seiten. Um daraus einen Film zu machen, brauchte der Regisseur Spike Jonze zehn Jahre. Die Geschichte eines Missverständnisses.
Der vielleicht beste Film, den der Regisseur Spike Jonze je gedreht hat, dauert nur 90 Sekunden und endet im Chaos. Das Ganze spielt in einem Klamottenladen und beginnt harmlos: Einem Kunden fallen aus Versehen ein paar sorgfältig aufgeschichtete Hemden herunter, was eine Kettenreaktion auslöst. Eine Kundin schubst absichtlich eine Schaufensterpuppe um. Ein Verkäufer eilt herbei - und macht mit. Eine weitere Schaufensterpuppe geht zu Boden, immer mehr Kunden und Verkäufer schließen sich an.
Angetrieben vom Rhythmus der ersten "Peer-Gynt-Suite", vierter Satz, zerbrechen sie lustvoll Kleiderbügel, kippen Verkaufstische um und zerfetzen T-Shirts, ein Vermummter zerlegt die Reste der Einrichtung mit einer Kettensäge. Am Ende ist das Geschäft völlig zerstört. Aber die Menschen sind glücklich. Sie haben etwas getan, was niemand von ihnen erwartet hätte, am wenigsten sie selbst.
Die fröhliche Zerstörungsorgie, bei YouTube für die Ewigkeit konserviert, ist übrigens ein Werbespot: für Gap, den amerikanischen Modekonzern.
Wenn man Spike Jonze fragt, was genau er mit diesem Spot eigentlich bezwecken wollte - Konsumkritik? Kundenverarschung? -, dann überlegt er sehr lange. Jonze gehört zu einer Generation von Künstlertypen, deren Kunst auch darin besteht, sich niemals festlegen zu wollen. "Ich arbeite so", erklärt er schließlich, "ich sage den Auftraggebern am Anfang: Das und das stelle ich mir vor." Und dann werde es eben exakt so gemacht, "oder gar nicht".
Jonze sitzt in einem spanischen Restaurant in London, er stochert in den Tapas herum, Schwertfisch-Carpaccio und marinierter Broccoli, und soll eigentlich über sein neues Werk reden, "Wo die wilden Kerle wohnen", seinen dritten Spielfilm, von diesem Donnerstag an in den deutschen Kinos. Nicht, dass er besonders große Lust dazu hätte. Er redet für seinen Geschmack schon viel zu lange über diesen Film.
Als Jonze ernsthaft mit der Arbeit an "Wo die wilden Kerle wohnen" begann, war er Anfang dreißig und galt als Wunderkind der Popkultur. Er entwarf skurrile Parallelwelten, und die einzige Regel war, dass keine Regeln galten, solange alles irgendwie cool wirkte. Zum Meeting mit Studiobossen fuhr Jonze mit dem Skateboard vor. Er drehte Musikvideos für Björk oder die Beastie Boys, er war einer der Erfinder der MTV-Stunt-Show "Jackass", sein erster Kinofilm "Being John Malkovich" wurde für drei Oscars nominiert, er heiratete seine Kollegin Sofia Coppola, die Tochter des großen Francis Ford Coppola.
Mittlerweile ist Jonze 40 Jahre alt und hat die ersten grauen Haare. Die Ehe mit Sofia Coppola wurde 2003 geschieden, Skateboard-Fahren war er schon länger nicht mehr, "keine Zeit", sagt Jonze. Die "Wilden Kerle" haben ihn geschafft.
Dabei ist der Plot eigentlich schnell erzählt: Die Buchvorlage von Maurice Sendak, erschienen 1963, hat 40 Seiten, 10 Sätze, 341 Wörter im amerikanischen Original. Ein Bilderbuch, das auch viele erwachsene Leser berührt, Auflage bis heute rund 20 Millionen, längst ein Klassiker.
"Wo die wilden Kerle wohnen" ist eine Geschichte über das Königreich der Phantasie und den Trost, den Parallelwelten spenden können. Der kleine Max, verkleidet mit einem Wolfskostüm, streitet sich mit seiner Mutter und wird zur Strafe ohne Abendbrot zu Bett geschickt. In seinem Zimmer träumt er sich in eine von zotteligen Monstern bevölkerte Gegenwelt hinein. Max zähmt die Monster, indem er "in alle ihre gelben Augen" starrt, "ohne ein einziges Mal zu zwinkern". Sie krönen ihn zu ihrem König. Nach einer Party kommt Max wieder in seinem Zimmer an, sein Essen steht auf dem Tisch, "und es war noch warm".
Trotz des versöhnlichen Endes provozierte Sendaks Buch einst heftigen Streit. Der Autor verstehe offenbar nicht, klagte der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim, "wie tief die Geschichte ein Kind traumatisieren" könne. "Ich fand die wilden Kerle als Kind faszinierend", sagt Jonze. "Ich habe mich gefürchtet, aber gleichzeitig habe ich mir vorgestellt, ich könnte sie kontrollieren und wäre der König."
Sendak und Jonze hatten sich Mitte der neunziger Jahre kennengelernt. Schon damals überlegten sie, ob man das Buch in einen Spielfilm verwandeln könne. "Ich wollte nicht", sagt Jonze, "das Buch ist perfekt, so wie es ist. Es hat einen gewissen Groove. Warum sollte man einen Film daraus machen?" Seine Einstellung änderte sich erst, als er eine Idee hatte: Die wilden Kerle, im Buch anonyme Unholde, sollten Individuen werden, mit Charakter und Gefühlen. Mit Sendaks Segen schrieben Jonze und der Schriftsteller Dave Eggers ein Drehbuch.
Hollywood-Studios haben eine gewisse Routine darin entwickelt, mit einer Mischung aus falschen Versprechungen und echtem Buchhaltergeist Künstler fast um den Verstand zu bringen. Eine Erfahrung, die auch Jonze bevorstand.
Erste Station: die Universal-Studios, die einen Deal mit Sendak hatten und nun Jonzes Version der "Wilden Kerle" wollten. Bis er die erste Drehbuchfassung präsentierte. Sie fiel durch. Die zweite auch. Mehrere Jahre hing das Projekt bei Universal in der Schwebe. "Sie haben eine Weile gebraucht, um sich zu entscheiden", sagt Jonze. Am Ende lehnte Universal ab. Zu riskant, zu wenig kommerzielles Potential.
Zweite Station: Sony, man kannte sich bereits von Jonzes zweitem Kinofilm "Adaptation" (2002). Pech für Jonze: Kurz bevor die Entscheidung über die "Wilden Kerle" anstand, floppte Sonys "Zathura", ein Märchen mit Kindern als Helden. Ähnlichkeiten mit den "Wilden Kerlen" waren nicht zu übersehen. Sony sagte ab.
Studio Nummer drei: Warner Bros. Seit Jahren verpflichtet man dort Autorenfilmer für Massenunterhaltung, meist erfolgreich. Außerdem sucht Warner, das Ende der hauseigenen "Harry Potter"-Serie im Blick, ständig nach neuen kindgerechten Stoffen. Man kam ins Geschäft. Ein großes Missverständnis: Warner dachte, Jonze plane einen Kinderfilm, "und ich dachte, ich mache einen Film über Kindheit", sagt Jonze.
Zunächst fiel dieser Dissens niemandem auf, weil praktische Probleme die Produktion überlagerten. Jonze hatte sich anfangs geweigert, die Monster, wie bei vergleichbaren Filmen üblich, per Computer zu kreieren. Er bestand auf bis zu vier Meter großen Puppen, die Köpfe vollgestopft mit Technik, um Augen und Lippen bewegen zu können. Allein die Kostümabteilung der "Wilden Kerle" war größer als Jonzes komplette Crew bei "Being John Malkovich".
Beim Dreh - gefilmt wurde im Herbst 2006 in Australien - stellte sich heraus, dass die Köpfe der Puppen zu schwer waren, ein perfektes Sinnbild für einen Film, über den sich zu viele Menschen zu lange Gedanken gemacht hatten. Die Darsteller in den Kostümen konnten das Gleichgewicht nicht halten und kippten ständig um.
Als Jonze Ende 2007, nach monatelanger Arbeit im Schneideraum, eine erste Fassung des Films ablieferte, bekamen die Studiobosse nicht die glatte Unterhaltungsware, die sie bei Produktionskosten von 80 bis 100 Millionen Dollar erwartet hatten. "Zu verrückt, zu gruselig", fürchteten die Marketingexperten. Bei Testvorführungen flohen Kinder weinend aus dem Kinosaal.
Bald meldeten Blogger, Warner verlange von Jonze erhebliche Änderungen - oder der Film werde nie herausgebracht.
"Das Studio wollte auf Nummer sicher gehen", sagt Jonze. Weitere Schnittfassungen, noch mehr Diskussionen. Im Frühjahr 2008 musste der Regisseur neue Szenen drehen. Warner verschob den Filmstart auf Herbst 2009. Jonze verzog sich nach London, um die Postproduktion des Films zu überwachen: Die Gesichter der wilden Kerle wurden schließlich doch am Computer animiert. Der Kampf um den Film ähnelte immer mehr Sendaks Buch: Max gegen die wilden Kerle, Jonze gegen Warner Bros. Jonze verhielt sich wie Max: Er zwinkerte nicht.
"Am Ende", erzählt Jonze, "haben sie mich meinen Film machen lassen." Sehr lange Pause. "Aber es war kein Spaß."
"Wo die wilden Kerle wohnen" ist tatsächlich ein Spike-Jonze-Film geworden: ein sehr physisches Spektakel, mit einem grandiosen Beginn. Max (Max Records) tobt durch sein Elternhaus wie in einem Werbespot für Ritalin, er lacht, er weint, er zankt mit seiner Mutter (Catherine Keener), er ist eifersüchtig auf deren neuen Freund, er flieht hinaus in die Nacht. Kein "Harry Potter"-Kitsch weit und breit.
Max landet im Reich der wilden Kerle, aber es könnten auch die Stuntmen aus Jonzes "Jackass"-Show sein: Auf das Kommando "Jetzt machen wir Krach!" hin springen die Monster durch die Luft, prallen gegeneinander, sie zerkratzen Bäume, zerstören Holzhäuser, werfen mit Dreck und brechen sich fast den Hals.
Doch die anfängliche Ekstase währt nicht lange. Anders als in Sendaks Buch verfallen die Monster bei Jonze schnell in tiefe, unmotivierte Melancholie. Genauso plötzlich, wie sie beginnen, eine Art Festung zu bauen, hören sie auch wieder damit auf, ohne dass dies für die Geschichte groß von Belang wäre. Kein Plot, nirgends. Stattdessen lamentieren die wilden Kerle über ihre Beziehungen, sie lästern übereinander, als hätten sie zu viele schlechte Woody-Allen-Filme gesehen, aber auch das führt zu nichts. Jonze, der König der absurden Phantasie, hat am Ende offenbar beide gezähmt: das Studio und die Monster. "Wie eine Hippie-Kommune, bei der die Drogen aufgehört haben zu wirken", spottete das "New York"-Magazin.
Max reagiert auf die Depressionsschübe seiner kuscheligen Gastgeber anfangs irritiert, dann zunehmend genervt. Irgendwann will er nur noch nach Hause - wie der Zuschauer. Was bringt die beste aller Traumwelten, wenn darin nichts passiert?
Dem Warner-Studio dürfte diese Frage mittlerweile egal sein. "Wo die wilden Kerle wohnen" hat in den USA bisher 76 Millionen Dollar eingespielt. Der Flop, den viele befürchtet hatten, ist ausgeblieben.
Spike Jonze sagt, dass er jetzt erst mal Urlaub machen wolle. Sein nächster Film soll im Januar auf dem Festival in Sundance uraufgeführt werden. Er heißt "I'm Here". Ein Kurzfilm. MARTIN WOLF
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 51/2009
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