14.12.2009

HOLLYWOODUnd Jim erschuf den Film

Regisseur James Cameron drehte mit „Titanic“ vor zwölf Jahren den erfolgreichsten Blockbuster aller Zeiten. Nun kommt sein Werk „Avatar“ in die Kinos - und soll wieder Rekorde brechen.
Nein!", ruft James Cameron. "Ich spiele nicht Gott. Sehe ich so aus?" Der Mann ist fast 1,90 Meter groß, etwas achtlos hat er einen grauen Blazer über einen schwarzen Rolli gestreift. "Ich bin nur ein Regisseur, der einen Film gemacht hat. Und weil der jetzt fertig ist, bin ich arbeitslos. Also, wenn Sie von einem Job hören sollten ..."
Nun, nach seinem Film "Avatar - Aufbruch nach Pandora" gibt es für den 55jährigen Cameron auf dieser Erde nur noch wenige Jobs, für die er nicht hoffnungslos überqualifiziert ist. Seit Mitte der neunziger Jahre dachte er über dieses Projekt nach, drehte wie zum Aufwärmen aber erst mal das Melodram "Titanic", das 200 Millionen Dollar verschlang und in den Kinos über 1,8 Milliarden Dollar einspielte.
Sieben Jahre lang bereitete "Jim" Cameron "Avatar" vor. Er entwickelte spezielle Kameras, um den Film in 3-D realisieren zu können. Mehr als zwei Jahre dauerte die Produktion, die Kosten werden auf 230 bis 300 Millionen Dollar geschätzt. Das ist, natürlich, Weltrekord.
"Ja, der Film war teuer", sagt Cameron lakonisch. "Aber das sind Entwicklungskosten, die sich am Ende auszahlen werden. Wir könnten einen zweiten Teil von ,Avatar' mit einem erheblich geringeren Budget drehen." Cameron ist ein Mann, der so schnell vorangeht, dass er manchmal den zweiten Schritt vor dem ersten macht.
Tatsächlich ist "Avatar" ein visuelles Spektakel. Der Science-Fiction-Film spielt im 22. Jahrhundert und erzählt von menschlichen Kolonisatoren, die auf dem Planeten Pandora nach Bodenschätzen suchen und mit den dortigen Ureinwohnern, den Na'vi, aneinandergeraten. Der Ex-Marine Jake Sully (Sam Worthington) wird zum Mittler zwischen den Zivilisationen.
Mit Hilfe moderner Technik kann Jakes Geist in den künstlichen Körper eines Ureinwohners, einen Avatar, transplantiert werden. Im Fremdkörper entwickelt Jake immer mehr Verständnis für die exotische Rasse. Nie zuvor kamen sich der große Konservative der Unterhaltungsindustrie, Rupert Murdoch, dessen Studio 20th Century Fox den Film produzierte, und die Gesellschaft für bedrohte Völker so nah.
In dieser Woche läuft "Avatar" weltweit in über 15 000 Kinos an, und wenn er am ersten Wochenende weniger als 200 Millionen Dollar einspielt, gilt er als Enttäuschung. Belastet das Cameron? "Nein", behauptet er. "Alle Entscheidungen sind getroffen. Ob sie richtig waren, wird sich zeigen. Jetzt liegt alles in den Händen des Schicksals."
Das ist allerdings ein Satz, der seiner nicht würdig ist. Denn wenn es einen Regisseur gibt, der nicht an Schicksal glauben kann, weil er seit Jahren Schicksal spielt, dann Cameron. "Filmemachen ist wie Tauchen", sagt er. "Du musst versinken in der Geschichte, die du erzählst, aber vor allem musst du einen extrem präzisen Plan haben, wo du hin willst. Folgst du ihm nicht, bist du erledigt."
Cameron plante "Avatar" generalstabsmäßig bis ins letzte Detail. Er schrieb das Drehbuch, führte Regie, produzierte mit, entwickelte die Kameras und scannte die Gesichter von Schauspielern wie Sigourney Weaver ein, um aus ihnen am Computer dreidimensionale Kunstwesen zu erschaffen. So ist "Avatar" der größte Autorenfilm in der Geschichte des Kinos.
Sollte Cameron scheitern, gäbe es nur einen Schuldigen: ihn selbst. "Ich mag es, unter Druck zu sein", versichert er. "Manche Menschen lieben es, durch den Park zu schlendern. Andere steigen auf Berge. Ich bin nicht für den Park gemacht."
Das klingt markig, genau so, wie Hollywood seine Helden liebt. "King of the world!", hatte Cameron bei der Oscar-Verleihung 1998 ausgerufen, als er drei der begehrten Trophäen für "Titanic" erhielt.
Doch auf dem Gipfel des Kino-Olymps wurde König Cameron einsam. Er hatte ein Problem, das viele gern gehabt hätten: Er hatte den erfolgreichsten Film aller Zeiten gedreht und ein Hollywood geschaffen, das einen Aufwand betrieb, der keine Grenzen mehr kannte.
In dieser neuen Welt war es für ihn aber fast unmöglich, einen neuen Film zu machen, ohne die Erwartungen zu enttäuschen. So flüchtete er über ein Jahrzehnt lang vor Hollywood.
Er drehte drei Dokumentarfilme auf dem Grund des Ozeans und plante als erster Regisseur einen Besuch auf der International Space Station. Cameron: "Einer muss versuchen, diesen Menschheitstraum auf Zelluloid zu bannen. Über das Leben zu ebener Erde werden genug Filme gedreht."
Nun hat sich Cameron den Traum erfüllt, das Höchste und das Tiefste, Weltraum und Meeresgrund, miteinander zu verbinden: "Avatar" zeigt einen Planeten, der von einer Natur bewachsen ist, wie sie am Boden des Ozeans existiert. Nachts leuchten Pflanzen und Tiere im "Avatar"-Urwald wie im Dunkel des Meeres. Ohne seine Taucherfahrungen, sagt Cameron, wäre der Film anders geworden.
"Ich sehe mich als Forscher, als Pionier", sagt Cameron. "Ich möchte dorthin, wo niemand vor mir war - und möglichst viele Zuschauer dabei mitnehmen. Als ich ,Titanic' drehte, ging es mir vor allem darum, dieses legendäre Schiff zu erforschen. Die Liebesgeschichte war der Preis, den ich dafür zahlen musste."
Wer Cameron also vorwirft, die Story von "Avatar" sei eher dürftig, eine Art "Der mit dem Wolf tanzt" im Weltall, und seine Figuren seien so flach, dass sie nicht unbedingt in 3-D gezeigt werden müssten, der hat ihn gründlich missverstanden. Schon sein erster Mega-Hit "Terminator 2" (1991) mit Arnold Schwarzenegger tritt, dramaturgisch gesehen, lange auf der Stelle - das aber mit Höchstgeschwindigkeit.
Die Geschichten, die er erzählt, sind für Cameron der Treibstoff, der verbrannt werden muss, um in neues Terrain vorzudringen. "Das Hauptziel von ,Avatar' war es, die technische Entwicklung des Kinos voranzutreiben", sagt er. Cameron möchte in die Filmgeschichte eingehen als der große Innovator. Und die Chancen, dass ihm dies gelingt, stehen nicht schlecht.
Denn "Avatar" könnte viele Skeptiker überzeugen, dass 3-D mehr ist als ein Gimmick. Insbesondere in jenen Szenen, die in der Forschungsstation auf Pandora spielen, schafft es Cameron, den Blick des Zuschauers auf Entdeckung gehen zu lassen. Das Auge dringt in die Tiefe des Raums vor, um zu erkunden, was sich hinter Konsolen oder halboffenen Türen verbirgt.
"Avatar" ist eine visuelle Völlerei, die den Zuschauer mit neuen Eindrücken überwältigt. Es gibt wunderbar zarte Augenblicke, wenn sich leuchtende quallenartige Wesen sanft auf dem Körper des Helden niederlassen und ihn so in der neuen Welt willkommen heißen. Aber es gibt auch eine wüste Schlacht, in der die Kriegsmaschinerie der Menschen mit voller Wucht auf die Flora und Fauna des bedrohten Planeten trifft.
In der gewaltigsten Sequenz lässt Cameron einen heiligen Baum der Na'vi, der einige hundert Meter in den Himmel ragt, von Raumschiffen zu Asche bomben und zu Boden stürzen: Das ist der 11. September dieses Films, der Zusammenbruch eines World Wildlife Tower.
Und doch hat dieses Bild, so mächtig es auch ist, weniger Kraft als das Fällen eines echten Urwaldriesen in Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo" (1982). "Finden Sie?", fragt Cameron und guckt ziemlich indigniert - wie einer, der sich aus dem Paradies, das er selbst geschaffen hat, von niemandem vertreiben lassen will.
"Klar liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir die Natur in ,Avatar' feiern, indem wir eine ganz und gar künstliche Natur am Computer fabrizieren", räumt er ein. "Doch wir erweisen der Natur unseren Respekt, indem wir uns Tausende Stunden an Computern quälen, um Pflanzen und Tiere zu erschaffen, die möglichst echt und lebendig wirken."
Wenn man ihn so reden hört, wird deutlich: Cameron rekapituliert nicht die Entstehungsgeschichte von "Avatar", sondern die Schöpfungsgeschichte. Nie zuvor hat ein Regisseur die Möglichkeiten der Computeranimation so konsequent genutzt, um eine eigene Welt zu erschaffen und sie völlig plastisch erscheinen zu lassen.
Schon in seinem Regiedebüt Anfang der achtziger Jahre hatte Cameron die Natur ein wenig verbessert: "Piranha 2" erzählte von mutierten Fischen, die fliegen können. Auch der Mensch ist für Cameron ein Mängelwesen: Der Avatar, in den Jake Sully schlüpft, ist größer, stärker und schneller als jeder menschliche Körper.
"Es ist ein faszinierender Gedanke, den eigenen Geist in einen Cyborg transplantieren zu lassen", sagt Cameron. "Als ich bei den Dreharbeiten zu meinen Dokumentationen Kameraroboter per Fernbedienung in Schiffswracks steuerte, hatte ich das Gefühl, meine Arme würden unendlich verlängert. Die Maschine war Teil von mir, ich war Teil der Maschine."
Wie ein Frankenstein des digitalen Zeitalters schwärmt Cameron von der Vision, den menschlichen Körper zu erweitern: "Viele der heutigen Teenager empfinden den Controller ihrer Playstation fast als weiteren Körperteil." Dann schmunzelt er: "Allerdings verfetten sie dabei zusehends."
Er schaut an sich herunter. Sein Bauchansatz ist kaum zu erkennen. Cameron grinst. Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein. Aber es ist eigentlich ganz in Ordnung, ein Mensch zu sein. LARS-OLAV BEIER
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 51/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

HOLLYWOOD:
Und Jim erschuf den Film

  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg
  • Volocopter: Flugtaxi-Versuch in Stuttgart geglückt
  • Verblüffende Erklärung: Warum Trumps Gesicht (eigentlich nicht) orange ist
  • Das Tier im Menschen: Warum manche führen und andere folgen