14.12.2009

SCHRIFTSTELLERDer Rächer als Dichter

Der Ire Ken Bruen erzählt in seinen Krimis von dem Privatdetektiv Jack Taylor, der zu viel trinkt, zu viel kokst und sich durch die Unterwelt einer irischen Hafenstadt schlägt. RTL will nun aus Bruens Antihelden einen Serienstar machen. Von Matthias Matussek
Die Frage wird sein, wie man es schafft, diesen dunklen Alptraum auf die Allgemeinheit loszulassen, genauer: auf das deutsche Fernsehpublikum, ohne dass einer von beiden Schaden nimmt. Ohne dass der Ex-Polizist Jack Taylor seine Kanten verliert. Aber auch ohne dass die Fernsehpädagogen aufheulen.
Es wäre ohnehin für niemanden einfach, mit Taylor warm zu werden. Er sitzt meistens im Pub Grogan's im irischen Galway hinten in der Ecke und redet nicht gern. Die Themen sind begrenzt. Taylor hasst:
die katholische Kirche,
Manchester United,
Mixgetränke,
Yuppie-Kneipen.
Das Grogan's, sagt er, ist okay, weil es die einzige Kneipe ist, in der er noch kein Lokalverbot hatte. Taylor trinkt und kokst und trinkt weiter, Dunkles, Jameson-Whiskey, so lange, bis die Dämonen besiegt sind, die ihn quälen. Ab und zu wird er von der Garda, der irischen Polizei mit ihren schweren, schwarzen Stiefeln, zusammengetreten, weil er seine Nase in Fälle steckt, die ihn eigentlich nichts angehen. Und die Nase ist schon, kurz nachdem der Leser ihn in diesem Roman kennengelernt hat, mehrfach gebrochen*.
Mit anderen Worten: Jack Taylor ist kein Held, sondern ein Loser. Genau der Typ, den der keltische Tiger während der Boom-Jahre abgeschüttelt hat auf der Jagd nach Profit und noch mehr Profit.
Umgekehrt hat sich Taylor nie besonders für das Biest interessiert und dafür, es zu reiten wie all die Spekulanten und Immobilienbroker und Kredithaie und Whiz Kids, die Galway kaputtgemacht und dem
Fischerstädtchen an der irischen Westküste ihren neuen Gospel beigebracht haben - Missgeburten in Armani mit ihrem neuen Gebetsbuch, den Börsenkursen auf dem iPhone.
Es ist nicht gerade die Blümchenwelt Rosamunde Pilchers, die den deutschen TV-Zuschauern hier begegnen wird, sondern ein ziemlich harter Gegenentwurf.
Galway hat James Lynch hervorgebracht, nach dem die Lynchjustiz ihren Namen hat. Nora Barnacle, die Lebensgefährtin von James Joyce, stammt von hier. John F. Kennedy hat Galway ein halbes Jahr vor seinem Tod besucht, da war es noch industrieschwarz. Die Fischer nutzten den Galway-Hooker, ein Segelschiff mit offenem Deck.
Vor allem hat man es hier mit Typen wie Jack Taylor zu tun. Taylors Lebenseinstellung wird in einem klassischen Dialog mit einem Barmann wiedergegeben. Er dreht sich um eine Bierreklame, ein Schild mit einem Pelikan drauf, der Pints im Schnabel hat:
"Ich mag es nicht, wenn sich etwas ändert."
"Sehe ich auch so."
"Neulich war ein Typ da, der wollte die Schilder kaufen."
"Alles kann man kaufen."
"Außer hier."
Gleich zu Anfang seiner Saga rückt Taylor mit der Sprache heraus, wie er zum Privatdetektiv wurde, dem wahrscheinlich einzigen in Irland: "Es ist fast unmöglich, bei der Garda Síochána rausgeschmissen zu werden." Es gab Rügen, Verwarnungen, Abmahnungen, Vergebungen, "und trotzdem habe ich mich nicht gebessert".
Doch dann beging er den Fehler, den jeder von der Garda, wie besoffen auch immer, tunlichst vermeiden sollte. Er legte sich mit einem hohen Tier an. Stoppte dessen Dienstwagen wegen überhöhter Geschwindigkeit. "Sie unverschämter Jungspund", fegte der ihn an. "Haben Sie eine Ahnung, was passieren wird?"
"Ich weiß genau, was passieren wird", sagte Taylor.
Und haute ihm aufs Maul.
Mit Jack Taylor hat nicht nur einer der düstersten Rächer das schwarze Krimi-Genre betreten, sondern gleichzeitig der belesenste. Es ist ein Segen, dass der Atrium-Verlag den Irland-Spezialisten Harry Rowohlt für die deutsche Übersetzung gewinnen konnte, einen Bruder im Geiste also, der mit dem absoluten Gehör für Slang und die Poesie der Außenseiter und Trinker gesegnet ist. Die Fortsetzung folgt im Februar, weitere im Laufe des Jahres.
Für Jack Taylor sind Bücher so lebenswichtig wie sein Stoff. Sie sind Rettungsringe im Meer der Verzweiflung. Da sind Zitate von Alexander Solschenizyn, Blaise Pascal oder dem opiumsüchtigen Gottsucher Francis Thompson. Dazu jede Menge "hard boiled"-Schule: Ed McBain, Raymond Chandler, Dashiell Hammett und vor allem David Goodis, der Exzentriker, zu früh verstorben an einer Hirnblutung.
Taylor verehrt sie, und Ken Bruen, Taylors Erfinder, tut es auch. Er hat sie alle gelesen und mehr, viel mehr, und diesen Satz von Oscar Wilde hat er sich zu eigen gemacht: "Bei Dingen von echtem Belang kommt es auf Stil, nicht auf Lauterkeit an. Gewalt erfordert einen kalten und tödlichen Stil."
Es gibt wohl kaum einen zeitgenössischen Krimi-Autor, der so punktgenau schreibt und so ökonomisch mit seinen Mitteln umgeht wie Bruen. Schlanke Dialoge, meist One-Liner, Sätze, die wie Pistolenschüsse durch die unwirtlichen Seelenlandschaften seiner Romane peitschen.
Durch eine Welt von Betrügern, bigotten Priestern, korrupten Polizisten, Junkies, ermordeten Zigeunern, gierigen Anwälten, vermeintlich ehrbaren Geschäftsleuten, die sich als Mörder entpuppen und ihre privaten Vendetten betreiben.
Ken Bruen, 58, begann mit Gedichten, und vielfach sind seine Geschichten von Listen unterbrochen, die wirken wie die Ruinen von Lyrik. Filmtitel, Songtitel, die Refrains von Emmylou Harris' "Stumble into Grace" werden benutzt wie Fahrpläne durch einen besonders schlechten Tag.
Er spricht abends auf Band, was er tagsüber geschrieben hat, und hört es ab und korrigiert. Es muss richtig klingen.
Für einen, der ein Monster wie Jack Taylor in die Welt gesetzt hat, ist Ken Bruen überraschend schmal, seine Handgelenke zierlich wie die einer Frau. Das rechte trägt ein Silberkettchen. Seine weiße Mähne würde sich gut vor einer Schiefertafel im Trinity-College in Dublin machen. Das ehrwürdige Trinity: Als Katholik hatte Bruen zu kämpfen, um in der damaligen protestantischen Eliteschmiede zugelassen zu werden, aber das Kämpfen war er ohnehin gewöhnt.
Es war der Kampf um Wissen, um Literatur, um alles, was jenseits der Wettbüros und Kneipen von Galway lag, die sein Vater frequentierte. Im Hause Bruen gab es nur ein Buch: die Bibel. Alles darüber hinaus hielt der Alte für schwul. Er brachte dem Sohn das Pokern bei, so gut, dass man von Turnierreife sprechen könnte, wenn es sich nicht, nun ja, so schwul anhören würde.
Die ersten sieben Jahre sprach Ken kaum. "Sie hielten mich für autistisch", sagt er. Er fand die Bücher. Dickens zunächst, Thackeray, Poe. Er versteckte das alles vor seinem Vater, denn er wollte nicht als, wie gesagt, schwul gelten.
Er studierte Schauspiel und entdeckte, dass er viel Spaß daran hatte, aber kein Talent. Er machte seinen Doktor mit einer Arbeit über Metaphysik und ging dann hinaus in die Welt, als Englischlehrer, unterrichtete in Südostasien, Afrika, Japan, insgesamt 25 Jahre als Drifter, es gab wechselnde Frauen, die er verließ, wenn es ernst wurde, stets ein Notizbuch in der Tasche von der Sorte, wie sie Bruce Chatwin benutzte.
Ken Bruen hat Taylor nicht erfunden, er hat ihn gelebt. In Rio, 1979, wurde er in eine Kneipenschlägerei verwickelt und verschwand für vier Monate in einem der Knäste dort, die die Hölle auf Erden sind. Sadistische Wärter, Prügel, Vergewaltigungen.
"Sie tunkten gleich am ersten Tag meinen Kopf in Exkremente", erinnert er sich, "und dann ging das Programm weiter." Er rettete sich und seine Seele dadurch, dass er katatonisch wurde, in einen inneren Bezirk flüchtete, der nicht angerührt werden konnte.
"Ich habe ernsthaft zu schreiben begonnen, um mir zu beweisen, dass ich noch lebe", sagt er. Jack Taylor würde sagen: "You can leave prison, but the prison never leaves you."
Nach ein paar Jahren in London zog er mit seiner schwangeren Frau Phyl zurück nach Galway. Das Kind, das sie zur Welt brachte, hatte eine milde Form des Down-Syndroms, und heute, 15 Jahre später, steht die Tochter in der Zeitung, weil sie die mittlere Reife geschafft hat.
Anders als Taylor hält sich Bruen an einen strikten Tagesablauf, an eine nahezu militärische Disziplin. Er steht um fünf Uhr auf und setzt sich an seinen Laptop.
Der Blick fällt auf einen Schutzengel aus Kristall, eine Marien-Ikone, einen Heiligen aus einer Basilika in Padua, auf den Erzengel Michael - es gibt ziemlich viel Katholisches am Arbeitsplatz des Mannes, der immer wieder Sünden der Kirche zum Thema macht.
Zwischen dem Durcheinander ein gerahmtes Foto. Es zeigt einen Mann in seinen Dreißigern, mit langen Koteletten - Kens Bruder, der im australischen Outback tot aufgefunden wurde. Er wurde identifiziert, weil er Kens Foto und einige seiner Kritiken bei sich trug.
Er hatte sich totgesoffen, genauso wie der Bruder seiner Frau Phyl. Auch Bruen selber hatte seine Zeit mit Alkohol, mit Heroin. Er weiß genau, worüber er schreibt, wenn er von der Sucht schreibt.
Nach seiner Morgensession am Schreibtisch bringt er die Tochter zur Schule, liest, macht Besorgungen, alle zu Fuß, das ist seine Form, sich fit zu halten. Erst später werden E-Mails erledigt, das ist wichtig. E-Mails stören, sie nehmen viel Zeit in Anspruch, es gibt die wachsende Fan-Gemeinde rund um den Globus, es gibt Post von Kollegen.
Die Krimi-Autoren der harten Schule bilden eine verschworene Gemeinschaft. Ein amerikanisches Pulp-Magazin schenkte ihm, für seine Verdienste um das Genre, kürzlich eine 44er Magnum, Dirty Harrys Waffe.
Später dann ein Zug durch das Viertel. Rucksacktouristen bummeln, Straßenmusikanten vor ihren geöffneten Gitarrenkästen setzen auf das todsichere Best-of-Repertoire von Beatles-Dylan-Dire-Straits, Mädchen mit gepiercten Nasenflügeln verteilen Flyer für esoterische Läden, jenseits des Flusses Corrib die Schwäne, und davor der Stein für Kolumbus, der sich hier in Galway den Tipp geholt haben soll, mal nach Westen zu segeln.
Da ist das The Quays, in dem Brad Pitt ab und zu abhängt, gegenüber Mc Donagh's mit Fish and Chips, die selbstverständlich in Essig ertränkt werden, das King's Head und das Hotel Spanish Arch, das jeden Tag einen anderen Preis im Aushang hat.
Weiter oben Vinnies Buchladen, dessen Scheiben schon mal zertrümmert wurden, weil Bruens Romane als blasphemisch empfunden wurden. Dann der Secondhand-Laden, in dem sich Jack Taylor eindeckt: meistens 501er-Jeans und weiße Hemden, was auch Ken Bruens Standardgarderobe ist. Bruen wird erkannt, wird angesprochen. Von einem alten Fischer, einem Rockmusiker, einem Penner, einer Lady, einem Schauspieler.
Ja, Bruen hat derzeit eine goldene Hand. Gerade sind zwei seiner Nicht-Taylor-Romane in London verfilmt worden, unter anderem mit Colin Farrell, Keira Knightley, Jason Statham. In einem hat er mitgespielt, einen Priester.
Doch auch Galway profitiert. Bruen hatte seinem Jack-Taylor-Debüt, das sofort mit dem Shamus Award ausgezeichnet wurde, weitere Taylor-Romane folgen lassen, und jetzt wird der versoffene Borderliner mit der wunden Seele, der das Recht in die eigene Hand nimmt, zum Serienstar mit Iain Glen in der Hauptrolle.
RTL überlegt, mit internationalen Partnern alle Taylor-Romane zu verfilmen. Eine Menge Arbeitsplätze werden da geschaffen.
Wir treffen Ralph Christians, den Produzenten, der Ken Bruen überragt wie ein Wikinger. "Ralph ist verrückt", sagt Bruen, und er sagt es bewundernd, denn um Taylor zu verstehen, muss man verrückt sein.
Ralph Christians lebt seit 15 Jahren in Galway, aber auch vorher war sein Leben eine ziemlich bunte Reise. Früher war er mal bei "Pardon" gewesen, danach Dokumentarfilmer zu den Zeiten des legendären Dagobert Lindlau. Irgendwann zog er nach Island und heiratete eine Tochter von Nobelpreisträger Halldór Laxness, bis er schließlich nach Galway kam.
In den letzten Jahren hat er sich einen Namen mit Trickfilmen gemacht, Kinderserien, Derrick-Parodien, derzeit entwickelt er mit seinen Autoren den Film "Ooops, Noah ist weg". Und eben - Jack Taylor.
In Christians' Büro steht ein Schlagzeug, das er bearbeitet, wenn er sich freut oder ärgert. An diesem Morgen hat er vor Freude gehämmert - da waren unterschriebene Verträge von RTL zurückgekommen.
Also noch einmal die Frage: Wie setzt man Taylors düstere Innenwelten um? Gab es Auflagen? Zum Beispiel: Kann man einen Kokser im Fernsehen zeigen? "Ach, wissen Sie, nehmen Sie Dr. House", sagt Christians. "Er ist tablettenabhängig. Vicodin. Und er erzielt beachtliche Einschaltquoten bei RTL." Die Schwierigkeit mit Taylor, sagt er, liege woanders. Bruen zeige ihn als Opfer, als Getretenen. "Wir haben ihn aktiver gemacht."
Wie ist es mit all den Referenzen Bruens zur Weltliteratur, den Dichtern und Romanciers? "Die können durchaus Hinweise liefern, die zur Lösung der Fälle führen." Also Blaise Pascals "Pensées" als Orientierung im kriminellen Sumpf Galways? "Warum nicht, auf Umwegen." Insgesamt erzähle die Serie eine Saga - Jack Taylors Reise ans Licht.
Abends ist Galways Quay Street eine einzige große Kneipen- und Restaurantmeile. Die Raucher stehen auf der Straße. Jack Taylor, der sich irgendwann auch das Rauchen und die Drogen abgewöhnen wird, sieht sie als Versammlung von "verschreckten Leprakranken".
Im Martine's, über einer Scholle, kommt das Gespräch mit Christians auf die Malaise des deutschen Fernsehens. Es gebe keine Drehbuchkultur, nichts, was sich mit dem Professionalismus der US-Industrie vergleichen ließe, und daher auch kein "Wire", keine "Mad Men", keine "Sopranos".
"Drüben schreiben ganze Teams an einer Episode", sagt er, "bei uns ist es immer das einzelne Sensibelchen, das mal eine Idee hat." Bruen nickt. "Drehbuchschreiben ist Handwerk, das hat mehr mit Tischlerei zu tun als mit göttlichen Eingebungen."
Allmählich ist Dunkelheit über die Quay Street hereingebrochen. Die Pubs füllen sich. Weiter oben wird sich Jack Taylor an einen Tresen setzen und auf seinen nächsten Job warten.
Irgendwas stört unser Geplauder. Und dann sickert ins Bewusstsein, was es ist - der Langhaarige mit der Strickmütze gegenüber, der seit 20 Minuten seine Gitarre bearbeitet und dazu "Let's start a revolution" singt.
Nichts dagegen einzuwenden, würde Taylor da wohl sagen, jederzeit. Nur hör mit dem verdammten Geplärre auf.
* Ken Bruen: "Jack Taylor fliegt raus". Aus dem Englischen von Harry Rowohlt. Atrium Verlag, Zürich; 304 Seiten; 16 Euro.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 51/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHRIFTSTELLER:
Der Rächer als Dichter

  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn
  • Paris: "Fliegende" Wassertaxis auf der Seine
  • Wie zu König Blauzahns Zeiten: Dänen bauen längste Wikingerbrücke
  • Süße Versuchung: Bär macht Kleinholz aus Bienenstock