14.12.2009

Robertas Risiko

Literaturkritik: Martina Zöllners Roman „Hundert Frauen“ über die Macht der Liebe und der Gerüchte
Was die Zeitschrift "Literaturen" im Jahr 2003 veranstaltet hat, war bemerkenswert. Einer Debütantin, die über das Verhältnis einer jungen Frau zu einem sehr viel älteren Intellektuellen einen Roman geschrieben hatte, wurde nachgesagt, darin kaum verschlüsselt eine reale Affäre mit einem bekannten deutschen Schriftsteller geschildert zu haben. "Wir wollen nicht so tun, als täten wir das nicht auch genießen", schrieb mokant der Rezensent.
Ja, mehr noch: Es wurde in der Kritik insinuiert, die Autorin des Romans, die Fernsehredakteurin Martina Zöllner, habe das Buch gewissermaßen im Auftrag und mit Hilfe des Schriftstellers Martin Walser verfasst, der sich in der Darstellung seiner Person sonne und die Fäden gezogen habe. "Ein Walser-Roman, möglicherweise" lautete die Überschrift.
In einem Interview vom SPIEGEL (44/2003) dazu befragt, zeigte sich die Autorin Zöllner verwundert, "dass ein professioneller Leser offenbar glaubt, was in einem Roman erzählt wird, sei wirklich so passiert".
Tatsächlich ist der inkriminierte Roman mit dem Titel "Bleibtreu" aus dem Jahr 2003 nicht nur das subtile Porträt eines verheirateten und in der Öffentlichkeit wirkenden Mannes, geschrieben aus der Sicht der Geliebten, sondern auch ein Buch über die Schwierigkeiten, ein solches Buch zu schreiben: ein raffiniert verspiegeltes Werk mit doppeltem Boden.
Nun hat Martina Zöllner, 48, einen zweiten Roman veröffentlicht, in dem sie wiederum kunstvoll die uralte Frage nach dem Verhältnis von Fiktion und Realität, von Dichtung und Wahrheit aufgreift und erzählerisch fruchtbar macht*.
Dabei sieht es zunächst so aus, als werde hier die Dutzendgeschichte einer Frau in den Vierzigern erzählt, einer Journalistin, die sich bewusst gegen ein Kind entschieden hat: ledig, erfolgreich, doch längst
nicht mehr so sieges- und zukunftsgewiss wie in jüngeren Jahren.
Roberta Ostertag, die Ich-Erzählerin, arbeitet als Redakteurin im Ressort Landespolitik bei einer Saarbrücker Zeitung und sieht ihre Lage realistisch. "Auf ein eigenes Kind verzichtet fürs unterbezahlte Rotieren als Betriebsamkeitsrädchen eines Provinzblattes" - doch was wäre die Alternative gewesen? "Vatermutterkind in einer städtischen Dreizimmerwohnung, der Alptraum. Noch schlimmer: Jene Alleinstehenden, die sich verzweifelt schwängern lassen wollten, egal von wem."
Die Journalistin hat gerade ihr erstes Buch veröffentlicht: eine Sammlung "scheuer Geständnisse aus den Zonen der eigenen Unzulänglichkeit". Frauen erzählen von ihren Problemen und Ängsten, ihren Erlebnissen mit Ehemännern und Liebhabern. Hundert dieser auf Band gesprochenen Selbstporträts hat die Romanheldin ausgewählt und gebündelt. "Hundert Frauen" heißt das von Roberta herausgegebene Werk - und so nun auch der Roman, in dem Proben aus dem fiktiven Buch enthalten sind.
Höchst anschaulich erzählt Martina Zöllner am Beispiel ihrer Heldin davon, wie schön und schrecklich es ist, das erste Exemplar eines eigenen Buches in Händen zu halten und den Reaktionen von Kollegen, Freunden und Verwandten entgegenzubangen. Die Szene, in der die von Roberta nicht eingeweihten Eltern während einer Familienfeier eher zufällig von der Existenz dieses Buches erfahren, ist grandios.
Überhaupt verfügt die Autorin über eine bemerkenswerte Fähigkeit, Alltagssituationen lebendig werden zu lassen - ob es sich dabei um eine Redaktions- oder Pressekonferenz, um ein Fortbildungsseminar, das Gespräch mit einer Freundin, eine Geburtstagsparty in Berlin oder das Interview mit einem Landespolitiker in Saarbrücken handelt. Das alles ist scheinbar leichthin geschrieben, mit einer Eleganz, die gewöhnlich nur in angelsächsischen Romanen zu finden ist.
Geradezu brillant wird "Hundert Frauen", wenn es um das Gerücht geht, die Journalistin Roberta habe eine Affäre mit dem von ihr interviewten Politiker aus Saarbrücken, ein Gerücht, das von einer kleinen Zeitschrift in die Welt gesetzt und von der Boulevardpresse aufgegriffen wird. Der Verdacht stützt sich auf eines der anonymisierten Protokolle in Robertas Buch.
Wird darin ein bizarrer Sexualakt der Journalistin mit dem verheirateten Politiker geschildert? So wird es, mit Fragezeichen abgesichert, kolportiert.
Wie soll die Betroffene darauf reagieren? Mit Schweigen oder einem Dementi? Die Autorin Zöllner spielt hier souverän mit den Erfahrungen, die sie mit ihrem ersten Roman machen musste. In der modernen Gesellschaft, wird Roberta belehrt, sei das Bedürfnis verschwunden, "zwischen Wahrem und bloß Erfundenem zu unterscheiden".
Auch den SPIEGEL lässt die Autorin bei der geplagten Romanheldin anrufen und in abgewandelter Form jene Fragen stellen, die 2003 im Interview tatsächlich gestellt wurden. Schließlich folgt in diesem virtuosen Spiel mit Phantasie und Wirklichkeit noch eine Pointe: Roberta geht das Risiko ein, nach all der gemeinsam ertragenen Aufregung jene Affäre mit dem Staatssekretär nachzuholen, die ihr bisher bloß angedichtet worden ist - und am Ende einen Roman darüber zu schreiben.
Die Rezension dazu? Die darf dann wieder ganz real sein. VOLKER HAGE
* Martina Zöllner: "Hundert Frauen". DuMont Buchverlag, Köln; 368 Seiten; 19,95 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 51/2009
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