14.12.2009

PRESSE„Breiteres Meinungsspektrum“

„Zeit“-Herausgeber Michael Naumann, 68, über seine neue Aufgabe als Chefredakteur von „Cicero“
SPIEGEL: Sie wechseln von der liberalen "Zeit" zum konservativen "Cicero". Bedeutet das eine publizistische Kehrtwende?
Naumann: Der "Cicero" ist konservativ. Das ist keine Frage. Ich selbst bin bei der "Zeit" ein liberaler und pluralistischer Chefredakteur und Herausgeber gewesen. Doch es geht nicht darum, ein völlig neues Blatt aus "Cicero" zu machen. Das wäre sinnlos und journalistisch nicht professionell. Aber pluralistischer soll es werden, ein breiteres Meinungsspektrum abbilden. Ich würde das Heft gern stärker für außenpolitische und Globalisierungs-Fragen öffnen.
SPIEGEL: Finden diese Debatten in der "Zeit" nicht mehr ausreichend statt?
Naumann: Es gibt keine hausinternen Gründe für meine Entscheidung. Für mich ging es nur darum, ob ich mit 68 Jahren noch einmal das machen kann, was ich am liebsten getan habe, nämlich als Macher eine Mannschaft zu inspirieren und zu führen. Das noch einmal wagen zu können ist eine Chance, die nicht noch einmal kommt.
SPIEGEL: Welche Debatten würden Sie gern anstoßen?
Naumann: Eines der großen Problemfelder für die nächsten Monate ist Afghanistan und die Teilnahme deutscher Soldaten an einem Feldzug, bei dem der Rückzug schon beschlossene Sache ist. Dann die Frage: Wie sieht dies Land in seiner gravierenden finanziellen Lage sich selbst ins Gesicht und in die Zukunft?
SPIEGEL: Sie sind unter Intellektuellen gut vernetzt. Wen wollen Sie unbedingt für "Cicero" verpflichten?
Naumann: Die Namen derer, die ich ansprechen will, werde ich jetzt nicht verraten. Eine Literarisierung der politischen und ökonomischen Debatte wird es nicht geben. Die alte deutsche Hoffnung, dass Schriftsteller zu gesellschaftlichen Problemen etwas Besonderes zu sagen haben, ist leider zu oft enttäuscht worden. Ich möchte mich deshalb in Zukunft stärker auf fachlich ausgewiesene Journalisten verlassen. Und wenn dann noch Platz ist für eine Kurzgeschichte - umso besser.

DER SPIEGEL 51/2009
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