14.12.2009

VERLAGE„Ich will nicht in die Weltliga“

Hubert Burda, 69, über seine Nachfolgeregelung und das Risiko von Familiendynastien
SPIEGEL: Herr Burda, waren Sie in letzter Zeit wieder in der Sixtinischen Kapelle?
Burda: Nein. Warum?
SPIEGEL: Es heißt, Sie würden dort vor großen Entscheidungen Inspiration suchen.
Burda: Das ist nicht auf Rom beschränkt, dieses Jahr war ich oft in Florenz, auch mit meinem Sohn Jacob, der jetzt 19 ist. Wir haben uns den Palazzo Medici angesehen. Die Dynastie der Medici hat mich immer fasziniert.
SPIEGEL: Sie haben verkündet, dass Sie sich vom Vorstandsvorsitz zurückziehen, und Paul-Bernhard Kallen zu Ihrem Nachfolger ernannt. Haben Sie mit sich gerungen?
Burda: Ich habe immer angedeutet, dass ich das Thema gelöst haben will, bevor ich 70 werde. Anfang des Jahres war mir klar, dass Kallen die neue Generation ist.
SPIEGEL: Zum ersten Mal steht kein Familienmitglied an der Spitze des Verlags. Ist das für die Familiendynastie Burda eine Übergangslösung?
Burda: Das Haus Burda hat in hundert Jahren nur drei Vorsitzende gehabt, die alle aus der Familie kamen. Mein Sohn Felix ist tot. Er wäre jetzt 42 Jahre und durchaus ministrabel. Für mich war klar, dass 10, 15 Jahre zu überbrücken sind. Und das wird jetzt geschehen. Wenn die Familie Kontinuität schaffen kann, ist das etwas sehr Schönes, denn Komplexität wird am schnellsten reduziert durch Vertrauen. Und Vertrauen ist die Grundlage eines Fami-lienunternehmens, wenn es funktioniert.
SPIEGEL: Auch Dynastien sind vor dem Untergang nicht sicher. Die Fälle Schaeffler und Schickedanz zeigen das.
Burda: Das betraf immer Familien, die sich anstecken ließen von einer Kapitalsucht, die sich völlig verspekuliert haben und dachten, sie könnten so zum ganz großen Player aufsteigen. Meine Strategie war das nie. Ich hatte nie Weltmachtträume, ich sehe mich nicht als der politische Präzeptor dieses Landes, wie es Springer war, und ich will auch nicht in der Weltliga mit "Time" mitspielen, diese Läden sind zu groß geworden.
SPIEGEL: Sie bleiben alleiniger Eigner und sind weiter der Verleger. Fällt es Ihnen schwer, ganz loszulassen?
Burda: Nein. Für mich ändert sich eigentlich auch nichts. Ich habe schon vor Jahren das Tagesgeschäft abgegeben. Noch mal eine Auflagenmeldung, noch mal eine Werbekonzeption - das hat mich nach 40 Jahren nicht mehr so gepackt. Mein Tagesgeschäft ist es, über die großen Trends nachzudenken.
SPIEGEL: Was ändert sich denn für das Haus Burda mit dieser Lösung?
Burda: Es ändert sich vor allem etwas für die anderen. Die haben ja immer die Sorge gehabt, dass ich die Frage meiner Nachfolge nicht angehe, und wenn mir etwas passiert, ist da ein großes Fragezeichen. Ich denke, die Mitarbeiter sind nun erleichtert, dass ich die Frage gelöst habe und wir mit Kallen und Philipp Welte im Vorstand eine sehr gute Lösung haben.
SPIEGEL: Gibt es denn zur Nachfolge auch eine Erbregelung?
Burda: Beide Kinder erben mit 27 Jahren und haben den festen Willen, ins Unter-
nehmen einzutreten. Die Einzelheiten dazu haben wir vorsorglich geregelt. Die Frage, ob sie auch im Unternehmen aktiv sind, stellt sich erst danach. Auch die Frage, ob sie dazu in der Lage sind. Man kann nicht 7500 Mitarbeitern seine Kinder vorsetzen, wenn sie nicht ausreichend befähigt sind. Das bringt die Kinder um und das Unternehmen ebenfalls.
SPIEGEL: Lesen Ihre Kinder Ihre Zeitschriften überhaupt noch?
Burda: Jacob ist bei Facebook und Twitter, ich war mit ihm bei Mark Zuckerberg in Palo Alto. Er liest den "Economist" und kommt damit sehr gut zurecht. Lisa liest selbstverständlich "InStyle", aber "Focus" und SPIEGEL sind beiden etwas zu weit weg. Aber ich habe mit 18 und 19 auch nicht viel gelesen. Tageszeitungen waren mir zu kompliziert, vor allem der Wirtschaftsteil. Man darf also nicht glauben, dass junge Menschen, die heute nicht lesen, es auch später nicht tun.
SPIEGEL: Soll Burda denn ein Familienunternehmen bleiben?
Burda: Der eigentliche Firmenkern sollte in den Händen der Familie bleiben, aber ich werde viele Geschäfte der Zukunft nicht mehr zu einhundert Prozent besitzen. Die Holding aber sollte ganz uns gehören, sonst geht es uns wieder so wie mir damals mit meinen beiden Brüdern: Man streitet sich, weil jeder reinredet, bis hin zu den Ehefrauen. Zeitschriften sind wie Fußballvereine, jeder weiß alles besser, bis zur Mannschaftsaufstellung.
SPIEGEL: Wie viel Freude macht Ihnen der "Focus" noch?
Burda: Bei "Focus" fängt jetzt eine neue Generation an, und die muss auch angreifen. Helmut Markwort, Uli Baur, Wolfram Weimer und ich, wir treffen uns gleich, um über den neuen "Focus" zu reden. Ich habe hier drei Heftkonzepte liegen, aber es ist noch zu früh, dazu etwas zu sagen. Uli Baur ist augenblicklich in Marktgesprächen darüber, wie sie ankommen.
SPIEGEL: Warum haben Sie "Cicero"-Chef Weimer als "Focus"-Chef ausgewählt?
Burda: Im "Cicero" finde ich die Themen, die mich interessieren: Peter Sloterdijk, Gunnar Heinsohn. Auch sonst hat mich das Heft überzeugt: die Auswahl der Titel, die Autoren, die Optik. Oft ist ja die Sorge, dass ein Monatsmensch das Tempo eines Wochenhefts nicht mitgehen kann. Aber Weimer hat ja zuvor schon Tageszeitung gemacht. Er kann also beides.
SPIEGEL: Es gab Gerüchte, Sie wollten einen Verlegerbeirat gründen, mit Ihrer Frau Maria Furtwängler ...
Burda: ... nein, wenn es mich nicht mehr gibt, wird es einen Gesellschafterausschuss geben. Aber einen Beirat plane ich im Moment nicht.
INTERVIEW: MARKUS BRAUCK, ISABELL HÜLSEN
* Mit den Kindern Lisa und Jacob.
Von Markus Brauck und Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 51/2009
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