14.12.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Wer bin ich?“

Der Schweizer Ski-Rennläufer Daniel Albrecht, 26, über seinen schweren Sturz auf der Hahnenkamm-Abfahrt in Kitzbühel, die Folgen seines Schädel-Hirn-Traumas und die schwierige Rückkehr in den Weltcup
SPIEGEL: Herr Albrecht, haben Sie noch eine Erinnerung an den 22. Januar, den Tag Ihres Unfalls in Kitzbühel?
Albrecht: Nein. Alles ist gelöscht. Ich kann mich ja nicht mal mehr genau erinnern, wer ich vor meinem Unfall überhaupt war.
SPIEGEL: Sie waren damals der Jungstar des Schweizer Skiteams, Weltmeister in der Super-Kombination, Vizeweltmeister im Riesenslalom, ein Mädchenschwarm, ein kommender Olympiasieger. Dann gerieten Sie beim Zielsprung des Abfahrtstrainings auf der berüchtigten "Streif" bei Tempo 138 in Rücklage, Sie flogen 70 Meter weit durch die Luft, landeten mit Kopf und Rücken zuerst auf der vereisten Piste ...
Albrecht: ... und alles nur, weil ich bei der Bodenwelle kurz vor dem Sprung zu tief gedrückt hatte, der Platz zwischen Knien und Brust zum Abfedern fehlte. Die Knie schlugen gegen die Brust, nur ganz leicht, der Wind griff zu, und die Skispitzen richteten sich gen Himmel. Da hast du keine Chance mehr.
SPIEGEL: Daran erinnern Sie sich?
Albrecht: Nein. Aber ich habe mir die Szene unzählige Male in Zeitlupe angeschaut.
SPIEGEL: Was haben Sie dabei empfunden?
Albrecht: Nichts. Ich konnte keine emotionale Verbindung zu den Bildern herstellen. Es kam mir vor, als ob da eine Playmobil-Figur durch die Luft wirbelt.
SPIEGEL: Sie blieben nach dem Sturz bewusstlos liegen, erlitten ein Schädel-Hirn-Trauma, eine Lungenquetschung, Hirnblutungen, die Ärzte versetzten Sie in ein künstliches Koma, um Ihren Organismus zu entlasten, der wegen der lebensgefährlichen Verletzungen zu kollabieren drohte. Wann kamen Sie wieder zu Bewusstsein?
Albrecht: Nach drei Wochen erwachte ich im Spital aus dem künstlichen Koma und
wusste weder, wo ich bin, noch, warum ich dort bin. Ich konnte nicht sprechen, nichts schmecken und nicht riechen. Meine Eltern mussten mir jeden Tag aufs Neue erklären, dass ich ihr Sohn sei. Als ich mich nach drei Wochen wieder ein bisschen artikulieren konnte, fragte ich dennoch als Erstes: Wer bin ich?
SPIEGEL: Ihre Ärzte sagen, bei Ihnen sei das prozedurale Altgedächtnis noch vorhanden. Das bedeutet, dass früher erlernte Handlungs-, Wahrnehmungs- und Denkroutinen, etwa die Fähigkeit, Ski zu laufen, nach einer Erholungsphase wieder abrufbar sind. Das episodische und semantische Gedächtnis hingegen sei bei Ihnen blockiert. Was hat das zur Folge?
Albrecht: Ich habe zum Beispiel Tiernamen komplett vergessen. Es kommt vor, dass ich auf einem Bild ein Tier sehe. Ich weiß dann, dass es in Afrika lebt. Aber die Bezeichnung Elefant fällt mir nicht ein. Oh Mann, jedes Kind erkennt einen Elefanten! Aber viel schlimmer als diese bis heute andauernde Beeinträchtigung war die Tatsache, dass ich keine Gefühle mehr empfinden konnte.
SPIEGEL: Wie erkennt man, dass man nichts mehr fühlt?
Albrecht: Meine Eltern waren täglich in meiner Nähe. Ihre Anwesenheit tat mir gut, aber so etwas wie Liebe habe ich nicht empfinden können. Wie ein Kleinkind warf ich meinen Eltern, ohne es zu merken, Gemeinheiten an den Kopf.
SPIEGEL: Wie hat Ihre Familie reagiert?
Albrecht: Sie hat gelitten. Aber auch das habe ich nicht gemerkt. Auch dafür fehlte mir das Gefühl. Eines Morgens sagte man mir dann, dass eine Physiotherapeutin um 14 Uhr zur Behandlung kommen würde. Als um kurz vor zwei Uhr die Tür aufging und eine Frau eintrat, fragte ich: Sind Sie die Physiotherapeutin? Kann es sein, dass ich Sie schon mal gesehen habe? Es war meine Freundin.
SPIEGEL: Wie geht es Ihnen heute?
Albrecht: Ich glaube, dass ich mittlerweile auch wieder Gefühle empfinde. Aber ich weiß nicht, ob es intensiver oder schwächer ist als früher. Das ist das Gemeine an der Amnesie, man weiß nie, woran man ist. Es gibt keinen Vergleich.
SPIEGEL: Ende März sollte Ihre bei dem Unfall gequetschte Lunge durch einen komplizierten Eingriff wieder entfaltet werden. Warum wurden Sie dann aber doch nicht operiert?
Albrecht: Weil die Ärzte am Vortag des Eingriffs auf der Röntgenaufnahme erkannten, dass sich die Lunge von alleine wieder aufgerappelt hatte. Sie sagten, ich sei ihnen unheimlich. So etwas hätten sie noch nie erlebt. Leider hat sich der Rest meines Körpers nicht so schnell erholt. Ich hatte während des Komas 15 Kilogramm abgenommen, machte bei der kleinsten Bewegung schlapp. Beim Aufstehen kippte ich wieder zurück ins Bett, den Morgenmantel konnte ich mir nur mit Mühe überstreifen.
SPIEGEL: Was haben Sie getan, um wieder fit zu werden?
Albrecht: Es war ziemlich mühsam, wenn ich ehrlich bin. Aber anscheinend bin ich nicht der Typ, der sich bei dem ersten Hindernis ein neues Ziel sucht. Bestimmt war ich als Profisportler genauso. Irgendwann schaffte ich den Weg zur Therapie in den ersten Stock zu Fuß und bat meine Freundin, mir ein Ergometer für mein Krankenzimmer zu besorgen. Am Anfang war es ein Trauerspiel. Das komplette Pflegepersonal stand ungläubig um mich herum und schaute zu. 110 Watt sind für einen Sportler ein Klacks. Ich kämpfte mit 30 Watt.
SPIEGEL: Wie lange ist das her?
Albrecht: Gerade mal acht Monate.
SPIEGEL: Trotzdem wollen Sie bereits wieder im Weltcup antreten. Seit November trainieren Sie mit der Nationalmannschaft. Riskieren Sie nicht zu viel?
Albrecht: Nein. Ich sehe es als meine persönliche Therapie auf dem Weg zurück zu mir selbst.
SPIEGEL: Sie wollen Ihr altes Leben zurück?
Albrecht: Vor einigen Monaten war das Skilaufen noch weit weg. Ich wusste ja anfänglich gar nicht, wie gut ich früher eigentlich war. Ich wusste nicht mal genau, was man als Skirennläufer eigentlich macht. Man erzählte mir von meiner Karriere. Ich hörte staunend zu. Aber es bringt nichts, Schädel-Hirn-Trauma-Patienten Vorträge über ihre Vergangenheit zu halten. Man vergisst in der nächsten Sekunde wieder alles.
SPIEGEL: Wann erwachte der Rennläufer in Ihnen?
Albrecht: Ich begann nach einer Weile, von mir aus Fragen zu stellen, mein altes Leben zu erforschen. Da machte es Klick im Kopf. Ich spürte den Drang in mir, es so schnell wie möglich wieder zu versuchen. Es war erstaunlich. Ich denke, da muss noch etwas im Unterbewusstsein gespeichert gewesen sein, irgendein Instinkt. Deshalb litt ich wohl nie an dem, was die Ärzte als "belle indifférence", als wohltuende Gleichgültigkeit, bezeichnen. Ich habe auch nie gedacht: Mist, jetzt hast du alles verloren. Im Gegenteil, ich wollte ganz schnell das zurück, woran mein Herz am meisten hängt.
SPIEGEL: Am Rennsport. Obwohl Sie knapp dem Tod entronnen sind?
Albrecht: Ja. Die Ärzte haben mir attestiert, die Chance, es noch mal als Skirennfahrer zu packen, sei wegen der Folgen der Kopfverletzungen winzig klein. Aber das war mir egal.
SPIEGEL: Vielleicht sind die Ärzte vernünftig.
Albrecht: Ich bin mir doch selbst nicht sicher, ob das mit dem Comeback nur eine Illusion ist. Ich suche Halt. Was hätte ich ohne ein Ziel gemacht? Ich will nicht aufgeben.
SPIEGEL: Ihre Trainer bewundern Ihren Fleiß, Ihre Courage.
Albrecht: Ich weiß nicht, ob ich früher genauso zielorientiert war, aber anscheinend ist es genau das, was meine zwei Leben verbindet: dieser unglaubliche Ehrgeiz. Ein Leistungssportler will nicht geschont werden, und als solcher fühlte ich mich schon zu dem Zeitpunkt wieder, da der Drang nach dem Skilaufen in mir aufkam.
SPIEGEL: Am 29. April wurden Sie aus dem Krankenhaus entlassen. Wann standen Sie erstmals wieder auf Skiern?
Albrecht: Eine Woche später. Es war in Leukerbad. Ich hielt es einfach nicht mehr aus. Die Ärzte sagten, ich dürfe noch nicht in die Höhe, mein Kopf würde schmerzen. Ich dachte, wenn es nicht mehr Gefahren gibt als Kopfschmerzen, gehe ich das Risiko ein. Ich fuhr also in kompletter Montur mit meinem Trainer auf 2000 Meter hoch. Ich weiß noch, wie ich während der Fahrt in der Gondel meine Ski anguckte und mich fragte: Was ist das? Als ich oben ankam, war die Erinnerung wieder da. Okay, Dani, das sind deine Ski. Ich schnallte sie an und fuhr los, ohne zu wissen, ob ich es noch kann.
SPIEGEL: Und?
Albrecht: Der Körper wusste zum Glück noch halbwegs, wie es geht. Die Technik, die mich früher schon ausgezeichnet hatte, war noch da. Aber nach ein paar Sekunden wurde mir schwindlig, in etwa so, als ob ich zu schnell Auto fahren würde. Als mich aber nach der zweiten Abfahrt ein herrlich warmes Gefühl beschlich, wusste ich, dass ich alles richtig mache. Ich fühlte mich geborgen. Auch wenn ich mich an vieles Vergangene vielleicht nie mehr zurückerinnern werde, beim Skilaufen spüre ich, dass ich noch lebe.
SPIEGEL: Sie mussten Ihren ersten Weltcup-Start immer wieder verschieben. Haben Sie sich überfordert?
Albrecht: Es tat schon weh, erkennen zu müssen, dass selbst der stärkste Wille es mir nicht ermöglicht, nach ein paar Trainingstagen im Schnee zurückzukommen. Zwischenzeitlich dachte ich auch: Wie konnte ich nur auf die Idee kommen, es noch mal zu probieren? Das ist doch absolut sinnlos. Im nächsten Moment aber war der Mut wieder da. Ich bin zuversichtlich, bald wieder dabei sein zu können.
SPIEGEL: Was bereitet Ihnen am meisten Probleme?
Albrecht: Es fällt mir schwer, Geschwindigkeit und persönliche Grenzen richtig einzuschätzen. Es gibt Situationen, in denen könnte ich schwören, am Limit zu fahren. Im Ziel stellt sich dann heraus, dass die Zeit miserabel war.
SPIEGEL: Muss ein Rennläufer nicht immer am Limit fahren, um gewinnen zu können?
Albrecht: Zumindest muss man immer die direkte, riskante Linie fahren und darf nicht nachdenken. Fehlt die Sicherheit, verschwindet der Zug auf dem Ski, man fällt zurück oder begeht einen Fahrfehler und fliegt von der Piste. Dem Österreicher Hermann Maier konnte man nach seinem schweren Motorradunfall schon im Starthäuschen ansehen, dass er nicht an seine frühere Leistung herankommen wird. Woran lag das wohl?
SPIEGEL: Was meinen Sie?
Albrecht: Man sah in seinem Blick, dass er nicht mehr auf alles oder nichts die Piste runterrasen wird. Wenn man einmal mit dem Tod konfrontiert wurde, wird man automatisch vorsichtiger. Als Top-Abfahrer musst du aber ein bisschen verrückt sein. Das ist mir jetzt klargeworden.
SPIEGEL: Warum geben Sie sich nicht mehr Zeit?
Albrecht: Das fragt mich mein Trainer auch manchmal. Er würde mich am liebsten bei einer langsameren Disziplin, dem Riesenslalom, starten sehen. Das sei weniger gefährlich als ein Abfahrtsrennen. Ich habe ihm gesagt, immer nur gemütlich wedeln sei nicht mein Ding.
SPIEGEL: Die neue Rennsaison hat mit schlimmen Unfällen begonnen. Dem Amerikaner Thomas Lanning brach nach einem Sturz auf der vereisten Piste beim Weltcup im kanadischen Lake Louise ein Nackenwirbel. Der Franzose Pierre-Emmanuel Dalcin erlitt in Beaver Creek, Colorado, nach einer Kollision mit einem Richtungstor ein Schädel-Hirn-Trauma sowie Bänderrisse in beiden Knien. Geht die Show zunehmend auf Kosten der Läufer?
Albrecht: Klar ist, dass es für die Zuschauer spektakulär rüberkommt, wenn ein Läufer zum Beispiel nach einem Sprung wild in der Luft rumrudert und dann wieder in der Hocke landet. Das ist Entertainment. Vielleicht ist es den Veranstaltern egal, ob jemand stürzt. Vielleicht ist es für sie sogar ein kleiner Vorteil, weil jeder Sturz die Show nur noch größer macht.
SPIEGEL: Wie war es bei Ihrem Sturz in Kitzbühel? Haben Sie zu viel riskiert?
Albrecht: Mein Unfall war die Folge eines Fahrfehlers. Ich frage mich trotzdem, ob man am Ende einer so anspruchsvollen Strecke wie der Streif unbedingt noch eine Bodenwelle und einen 70-Meter-Sprung einbauen muss. Man kommt mit weit über 100 Stundenkilometern angerast, es brennt höllisch in den Beinen. Wenn die Rennjury den Absprung wenigstens markieren würde, dann wäre uns Athleten schon sehr geholfen.
SPIEGEL: Werden Sie jemals wieder die Streif hinunterfahren?
Albrecht: Natürlich. Entweder ich komme ganz oder gar nicht zurück. Wissen Sie, worüber ich oft nachdenke? Sollte ich es schaffen und in zehn Jahren als Weltmeister und Olympiasieger aufhören, wird sich jeder an den Unfall erinnern. Ein Comeback katapultiert einen Sportler auf eine Ebene, die er auf normale Art und Weise nie erreichen würde. Die Frage ist nur, ob es das wirklich wert ist.
SPIEGEL: Herr Albrecht, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte die Redakteurin Cathrin Gilbert.
Von Cathrin Gilbert

DER SPIEGEL 51/2009
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