14.12.2009

WETTSKANDAL„Sag du, wie du es willst“

Laut der Bochumer Staatsanwaltschaft gerieten die früheren Osnabrücker Profis Thomas Cichon und Marcel Schuon in fatale Abhängigkeit von Wettpaten.
Die beiden Welten, in denen sich der Fußballer Thomas Cichon bis vor ein paar Monaten bewegte, liegen zwei Kilometer voneinander entfernt. In der einen tragen Geschäfte Namen wie Dona-Club oder Erotik-Point. Es ist die Halbwelt in der Nähe des Osnabrücker Bahnhofs. Dort befindet sich auch der Spielclub Emperyal, Patron des Etablissements ist Nürettin G. Manchmal parken vor der Tür Ferraris und Porsches aus der ganzen Republik. Dann hat der Türke zum 24-Stunden-Poker geladen, Hunderttausende Euro wechseln dabei die Besitzer.
Die andere Welt, in der Cichon lebte, war die des Sports. Der gebürtige Pole spielte bis zum Sommer für den damaligen Zweitligisten VfL Osnabrück. Er war der Kapitän, der Kopf der Mannschaft.
Er konnte die beiden Welten nicht voneinander trennen.
Nürettin G., 34, der Chef des Emperyal, sitzt seit einer bundesweiten Razzia am 19. November in Untersuchungshaft. Er soll, so steht es in den Akten der Ermittlungseinheit "Flankengott" der Bochumer Kriminalpolizei, eine der zentralen Figuren mutmaßlicher Fußball-Wettbetrüger sein. Und Thomas Cichon, auch das geht aus den Akten hervor, soll einer seiner gefügigen Helfer gewesen sein.
Wöchentlich kommen neue Details über das Treiben der Wettmafia in Deutschland ans Licht. Und immer klarer wird: Die Verbindungen zwischen Fußballprofis und Zockermilieu sind offenbar enger als bislang angenommen. Branchenkenner glauben, dass viele Profis Stammkunden bei Wettanbietern sind. Sie setzen dabei auch auf Spiele der eigenen Clubs, obwohl dies laut den Statuten des Deutschen Fußball-Bundes verboten ist. Die Spieler betrachten diesen Einsatz als eine Art Versicherung gegen den Ausfall von Punkt- oder Siegprämien, die einen großen Teil ihrer Gehälter ausmachen.
Es ist ein riskantes Spiel, das die Profis treiben. Denn die Paten der Wettmafia lauern nur auf jene, für die das Zocken zur Sucht wird, die Labilen, die in die Schuldenfalle geraten und erpressbar werden.
Thomas Cichon war wohl so einer. In der ersten Märzwoche dieses Jahres gestand er dem Vereinspräsidenten Dirk Rasch sein Doppelleben. Er habe Spielschulden, brauche Geld, 21 000 Euro. Jemand habe ihn unter Druck gesetzt. Cichon bekam einen Verrechnungsscheck. Dafür musste er versprechen, sich wegen seiner möglichen Spielsucht in Therapie zu begeben, was er auch tat.
Nach Erkenntnissen der Fahnder geriet Cichon dennoch in die Fänge der Wettmafia. So soll er etwa an der 0:2-Niederlage seines Clubs in Nürnberg am 13. Mai "tatkräftig beteiligt" gewesen sein und "mindestens 5000 Euro als Wettgewinn aus einer bei G. platzierten, aber nicht bezahlten Wette" erhalten haben. "Weitere Geldzahlungen", notierten die Fahnder, seien "mehr als wahrscheinlich".
Einer der beschuldigten Paten sagte am Telefon, Cichon sei "in der Mannschaft der liebe Gott". Allein zwischen dem 6. Januar und dem 23. April dieses Jahres registrierten die Ermittler, die die Telefone Nürettin G.s überwachten, 389 SMS- und 5 Telefonkontakte mit Cichon.
Der Profi, der heute in Südafrika spielt, wird von dem Düsseldorfer Anwalt Olaf Methner vertreten. Der Jurist sagt: "Unser Mandant hat nie manipulierend Spiele beeinflusst, weder positiv noch negativ. Dementsprechend hat unser Mandant auch nie hierfür Geld erhalten oder angenommen." Die häufigen SMS-Kontakte mit Nürettin G. führt der Anwalt darauf zurück, dass Cichon bei G.s Wettbüro, "wo unser Mandant neben einer Vielzahl weiterer Mannschaftskollegen Kunde war", seine Einsätze oft telefonisch durchgab. Alles völlig legal, wie der Anwalt betont.
Ein Kollege aus Osnabrücker Tagen hat ausgepackt. Marcel Schuon, ebenfalls Verteidiger, hatte nach Erkenntnissen der Fahnder regen Austausch mit Zockerkönig Nürettin G. Zwischen dem 24. November 2008 und dem 24. April dieses Jahres schickten sich die beiden 251 Kurznachrichten, 38-mal unterhielten sie sich am Telefon. Auch Schuon sei mit mindestens 25 000 Euro in die "Schuldenfalle des Nuri G. getappt", so die Ermittler, der Spieler habe diese Schulden "in der Folgezeit durch manipulierte Spiele abbezahlt".
Der "New York Times" sagte Schuon vorige Woche, dass er von einem der Wettpaten massiv eingeschüchtert worden sei: "Er bedrohte mich, und er sagte, er würde mich überall finden, wo immer ich auch hinginge." Bei seiner Vernehmung durch die Bochumer Staatsanwaltschaft Ende November gestand der Profi, dass er im Frühjahr Verabredungen getroffen habe, Spiele des VfL Osnabrück zu verschieben. Während der Partien, so beteuerte er gegenüber den Ermittlern, habe er allerdings niemals manipuliert.
Nach den Erkenntnissen der Fahnder soll Schuon dennoch an Schiebereien beteiligt gewesen sein, etwa beim 0:2 des VfL in Nürnberg. Am Tag nach dieser Niederlage, so steht es in den Akten, sei er im Wettbüro von Nürettin G. aufgetaucht, um einen Gewinn von 5000 Euro abzuholen. Doch er bekam nichts. Einem Angestellten namens "Tanzer", der im Wettbüro an der Kasse stand, hatte Nürettin G. per SMS die Auszahlung des Wettgewinns an Schuon untersagt: "Die Schwuchtel hat 10 Tausend von mir." Gemeint waren offenbar Schulden.
Der Fußballer ließ nicht locker. Per SMS teilte er Nürettin G. mit, sein Konto sei mit 6000 Euro im Minus, dringend brauche er das gewonnene Geld. Der Wettpate schlug daraufhin ein Treffen am Osnabrücker Bahnhof vor. Schuon antwortete: "Geht nicht bin mit freundin unterwegs ... Sag du, wie du es willst."
Als Nürettin G. dem Fußballprofi mitteilte, dass er erst nach dem nächsten Spiel gegen RW Ahlen Geld bekäme, formulierte Schuon eine Replik, die mit der Anrede "Abi" begann, ein Begriff aus dem Türkischen, der für "älterer Bruder" steht: "Abi ich brauch geld auf konto ... Und mit den 10 machen wir bei nächste Spiel ok? Ich brauche diese 5 tausend auf mein konto." Als G. hart blieb, schrieb Schuon: "Nicht immer sauer auf uns sein wir machen das schon noch 5-8 mal mit dir ok abi?"
Wenn die Paten einen Spieler einmal in den Fingern haben, lassen sie ihn nicht mehr los. Schuon geriet immer stärker unter Druck. Für die restlichen 5000 Euro, die der Spieler Nürettin G. schuldete, verlangte der Zocker weitere Absprachen bei Partien des VfL Osnabrück.
Schuon schrieb: "Hallo nuri alles klar? ... Mußte dir ja damals 25 geben stimmt? Habe es ja wieder gut gemacht mit eine spiel. Dann hast du mir noch 10 gegeben letzte woche habe ich dir 5 zurück gegeben. Können wir so machen das wir kopf kopf sind und ich dir die letzte 5 nicht geben muß weil sonst hab ich ja nichts verdient bei diese eine spiel ... Machst du das abi? Bist du korrekt zu mir?"
Schuons Anwalt Siegfried Kauder äußert sich zum Inhalt der Ermittlungen nicht. Nürettin G.s Verteidiger Jens Meggers will die Anschuldigungen gegen seinen Mandanten nicht kommentieren, er habe die Fallakten bislang nicht von der Staatsanwaltschaft erhalten. Meggers stellt aber in Frage, ob es bei den überwachten Telefonaten um manipulierte Spiele ging. Schuon habe nach seiner Kenntnis legale Wettschulden bei G. gehabt.
Die Akten der Bochumer Staatsanwaltschaft vermitteln den Eindruck, als habe der VfL Osnabrück kurz davor gestanden, von der Bande unterwandert zu werden. So hatte der mittlerweile inhaftierte Kroate Marijo C. aus Nürnberg einem Kompagnon im Frühjahr verraten, dass er "zwei sehr gute Jungs" bei dem Club unterbringen wolle. Nach Erkenntnissen der Fahnder waren damit ein Profi aus Serbien und ein Brasilianer gemeint, die auf der "Lohnliste" C.s gestanden haben sollen - und auf dessen Anordnung hin wohl Spiele manipulierten.
Der vermeintliche Plan misslang. Von dem Serben hat beim VfL nie jemand etwas gehört. Den Brasilianer lehnte der damalige Trainer Claus-Dieter Wollitz ab.
SVEN RÖBEL, JÖRG SCHMITT,
MICHAEL WULZINGER
Von Sven Röbel, Jörg Schmitt und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 51/2009
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