19.12.2009

VERMÖGENDie Rache des Jüngers

Um das Milliardenerbe von Baron August von Finck wird eine hässliche Familienfehde ausgetragen. Vor Gericht will einer der Söhne nun die Enterbung seiner Halbbrüder erreichen.
In der niedersächsischen Provinz tragen Milliardärssöhne keine Armani-Anzüge, fliegen keine Hubschrauber - und haben auch sonst nicht immer alles im Griff. Helmut von Finck, 50, sitzt in der Nähe von Soltau bei Hamburg. Er trägt Hotellatschen, einen alten Pulli, noch ältere Jeans und erzählt von seinen Erfahrungen mit Psychotherapeuten.
Der Mann mit den struppig-grauen Locken wirkt, als sei er chronisch auf der Flucht. Er weiß nicht wohin mit seinen Händen, geschweige denn mit sich selbst. Der Sohn des verstorbenen Barons, Großgrundbesitzers und Bankiers August von Finck weiß nur, dass er mit der mondänen Welt der Superreichen nicht klarkommt.
So oft wie möglich verkriecht sich der Münchner hier auf seinem Pferdegestüt, 80 Hektar geschützte Welt, weit weg von den Erwartungen und Machtkämpfen des Geldadels, der ihn gern belächelt.
Finck steht am Fenster des Dachgeschosses seines Landhauses. Er schaut rüber auf die Koppel, erzählt vom Sonnenaufgang, von natürlicher Besamung seiner Zuchtstuten und von seinem Rennstall. Überall im Raum stehen Pokale, Trophäen, Champagnerkübel.
Manchmal verkauft Finck auch Pferde. Ein Scheich aus Dubai hätte ihm beinahe mal eine Million bezahlt. Doch der Tierarzt entdeckte dann irgendeine Malaise an dem Pferd. "Wir gehen auf jedes Tier ein", sagt er. "Mit Tieren kann ich es gut, mit Menschen ist es eher schwieriger."
Bald wird es noch schwieriger. Der Milliardärsspross will endlich "aus dieser Opferrolle raus". Ausgerechnet gegen seine eigene Familie zieht der Sohn aus zweiter Ehe des Barons nun vors Münchner Landgericht. In diesen Tagen reicht Helmut von Finck seine Klage ein. Es soll das Finale einer tragischen Familienfehde werden.
Finck kämpft gegen seine zwei Halbbrüder August und Wilhelm aus der ersten Ehe seines Vaters. "Ich war immer das schwarze Schaf", sagt Helmut. Seit Jahrzehnten fühlt er sich von beiden verstoßen und vor allem um ein gigantisches Vermögen betrogen. Denn der Milliardärssohn ist im Gegensatz zu seinen Stiefgeschwistern gar kein Milliardär, sondern nur ein ganz kleiner Millionär.
Mit reichen Unternehmern und mehreren Anwälten im Rücken, will er nun einen beinahe 25 Jahre alten Vertrag, mit dem er einst für 65 Millionen Mark auf sein viel größeres Erbe verzichtete, für "nichtig" erklären lassen. Im Gegenzug sollen seine Brüder enterbt werden, "weil sie mit dem Verkauf der Bank Merck Finck & Co an die britische Barclays gegen das Testament meines Vaters verstoßen haben".
Helmut sinnt auf Rache, auch für seinen Sohn Nino, 24. Dafür hoffen seine Prozessfinanzierer auf Rendite. Sie wollen am Ende ein Stück vom Milliardenkuchen.
Die Attackierten könnten kaum mächtiger sein. Das US-Magazin "Forbes" zählt August von Finck mit 4,6 Milliarden Euro zu den 100 reichsten Familien der Welt. Wilhelm von Finck junior, Sohn des 2003 verstorbenen Bruders Wilhelm, soll laut Schätzung des "manager magazins" ein Vermögen von 1,7 Milliarden Euro besitzen.
Große Teile des Geldes liegen heute in der Schweiz, wo der Clan Traditionskonzerne wie die Restaurantkette Mövenpick, die Industriegruppe Von Roll und den Warenprüfer SGS kontrolliert. Die Familien besitzen Ländereien, dicke Aktienpakete und mittlerweile sogar wieder eine Bank.
Kann die Attacke des Münchner Alt-Hippies gegen solche Gegner gelingen? Glaubt Helmut von Finck ernsthaft, dass die Richter am Ende diesen immensen Reichtum neu verteilen werden?
Eine schwere Kindheit im goldenen Käfig entfaltet jetzt ihr ganzes Zerstörungspotential. "Als ich ganz klein war, durfte ich mit dem Papa auf die Jagd", erinnert sich Finck an die wenigen positiven Erlebnisse mit seinem 61 Jahre älteren Vater. Sonst war der Baron "ganz weit weg, nie ansprechbar, sehr ernst, nie lustig".
Das Kind bekam die Härte einer "patriarchalischen Koryphäe" zu spüren. Der alte Herr rauchte billige Zigarren und saß in über 20 Aufsichtsräten. Im Hause des Patrons zählte nur Leistung. Gute Noten galten als einzig akzeptable Währung. "Die Schule machte mir Angst", erzählt sein Sohn, die Zeugnisse seien schlecht gewesen. "Als ich zwölf Jahre alt war, sprach er mit mir das letzte Wort."
Dann folgte, was in reichen Familien immer folgt, wenn die Nachkommen zu versagen drohen. Die Eltern schoben das Problemkind ins Internat ab. Der Einstieg in die wilden Jahre begann. Der Junior kiffte und brannte mit einer Frau durch. Mehrere Anläufe zum Abitur scheiterten.
1980 starb der Vater. Das Testament sah die Dreiteilung des Vermögens vor. Allerdings galt für den jüngsten Bruder eine Spezialregelung. Seine Finanzen sollten bis zu seinem 38. Geburtstag unter Aufsicht gestellt werden. Und auch dann sollte er nicht frei sein. Er war nur als Vorerbe eingesetzt. Erst nach seinem Tod durfte sein eigener Sohn richtig erben.
Das Testament des Vaters war demütigend, sein Tod trotzdem traumatisch. "Ich hatte jetzt gar keinen Halt mehr, rutschte ab in Drogen und schwere Depressionen", erzählt Helmut mit zitternder Stimme.
Anfang der Achtziger schwärmte er für Bhagwan, Therapien, Gruppensex "und wurde zum Spielball zwischen Guru und Psychologen". Helmut nannte sich Swami Anand Nityo, zu Deutsch: der, dem die Freude angeboren ist. Mit drei anderen Bhagwan-Mönchen lebte Finck ab Herbst 1983 in einer Bretterbude im US-Sektendomizil bei Oregon. "Ich habe genug vom Geld", sagte Deutschlands reichster Aussteiger im Februar 1984 einer Reporterin.
Zu Hause in München nahmen ihn seine Stiefbrüder beim Wort. Um die Bank vor dem gierigen Guru zu schützen, wollten sie ihren Halbbruder endlich loswerden - und seinen Anteil kassieren. Sie zitierten den Jünger per Fax nach Deutschland. Zwölf Monate und etliche LSD-Trips später unterschrieb der am 14. Februar 1985 einen folgenschweren Vertrag.
Für 65 Millionen Mark kauften die viel älteren Stiefbrüder ihm alle persönlichen Ansprüche aus dem Erbe und den Schenkungen des Vaters ab. Helmut schied als
persönlich haftender Gesellschafter aus der Bank aus und beschäftigte sich nur noch mit Frauen und Drogen. Er versuchte sich gar als Betreiber einer Disco namens "Confetti", was seinen Bewusstseinszustand gut umschrieb. "Es war eine wahnsinnige Hippie-Szene, ich war sehr spirituell", sagt er heute. Die Liebe zu den Pferden habe ihn schließlich gerettet. Der dreifache Vater fand "seine Berufung".
65 Millionen Mark für ein Drittel eines Milliardenimperiums? Finck fühlt sich heute von seinen Stiefbrüdern über den Tisch gezogen. Der Jünger will jetzt Gerechtigkeit.
Die ersten juristischen Scharmützel liegen drei Jahre zurück. Nachdem sein Sohn Nino von seinen Onkeln Auskunft über das Vermögen seiner Nacherbschaft verlangt hatte, verhärteten sich schnell die Fronten. Im Juni hob der Bundesgerichtshof ein Urteil des Oberlandesgerichts München gegen Ninos Auskunftsbegehren auf.
Eine Nebenbemerkung in der Urteilsbegründung befasst sich mit dem Verkauf der Familienbank Merck Finck & Co an Barclays im Jahre 1990. Sie könnte die beiden Milliardäre teuer zu stehen kommen. "Danach könnte allenfalls zweifelhaft sein, ob es dem Erblasserwillen entsprochen hätte, wenn familienfremde Dritte an der OHG beteiligt worden wären", schrieben die Richter. Für Fincks Anwälte ist die Anmerkung der Bundesrichter eine Steilvorlage, um mit der aktuellen Klage das Erbe des verstorbenen Barons neu zu sortieren.
Der Vertrag von 1985 soll für nichtig erklärt werden, weil der Bhagwan-Jünger damals nicht geschäftstüchtig gewesen sei und nicht wusste, was er unterschrieb. 65 Millionen Mark seien eh ein Witz. Schon damals hätten es mindestens mehrere hundert Millionen sein müssen.
Die Gegner werden hart bleiben. Bei der Finck'schen Hauptverwaltung in München ist für eine Stellungnahme niemand zu erreichen. Auch die Anwälte schweigen. Aber die Verteidigungslinie lässt sich anhand früherer Schriftsätze erahnen: Helmut von Finck habe "sein Erbrecht verwirkt", weil er mit dem Vertrag von 1985 "gegen die vom Erblasser angeordnete Auflage, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Merck Finck & Co zu bleiben, verstoßen" habe. Die Stiefbrüder hätten gar keine andere Wahl gehabt, als "an einem möglichst raschen und geräuschlosen Ausscheiden von Helmut von Finck mitzuwirken". Die Reputation der Bank sei "aufgrund der öffentlich zur Schau gestellten Bhagwan-Zugehörigkeit" in hohem Maße gefährdet gewesen. Dadurch hätte er seinen Brüdern den "Vertragsabschluss faktisch aufgezwungen".
Alle Beteiligten bereiten sich nun auf eine schmutzige Erbschlacht vor. Ob der Kläger das durchhält?
"Ich habe nie etwas Böses getan", sagt Helmut von Finck. Zähe Kämpfer sehen anders aus. BEAT BALZLI
* 2001 (o.), 1993 (u. l.), 2003.
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 52/2009
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