19.12.2009

TitelDie Rückkehr des Allmächtigen

Der Glaube an Gott, den aufgeklärte Agnostiker längst überwunden wähnten, ist stärker denn je. Bibel und Koran, die Betriebssysteme zweier Weltregionen, wetteifern um die Vorherrschaft. Welcher Glaube ist attraktiver in Zeiten der Globalisierung?
Nicht jeder Glaube will alle selig machen: Den Hindus reicht ihr Subkontinent. Buddhisten erheben keinen ausgeprägten Anspruch auf die Welt, schon gar nicht auf Weltherrschaft. Nichts ist ihnen wichtig außer dem Nichts. Auch dem Shintoismus ist ziemlich gleichgültig, ob außerhalb der japanischen Staatsgrenzen jemand an die Shinto-Götter glaubt. Und die Juden haben genug mit sich selbst zu tun, außerdem ist "auserwählt" zu sein keine Entscheidung, die der Mensch beeinflussen könnte.
Zwei Religionen aber erheben Anspruch auf den ganzen Erdball. Zwei, die glauben, ihnen hätte ein Gott die einzig wahre und allgemeingültige Lehre offenbart. Einen Glauben für jeden und für ewig. Diese beiden erstaunlich selbstbewussten Religionen sind Christentum und Islam.
Und weil sie an denselben Gott glauben, kommen sich die beiden auf Expansion angelegten Religionen regelmäßig in die Quere. Der ewige Zwist zwischen Christentum und Islam begann schon kurz nach dem Tod des Propheten im Jahr 634, als ein islamisch-arabisches Heer in Palästina auf christliche Truppen stieß.
Seither ist es - Phasen friedvoller Koexistenz zum Trotz - beim Wettstreit geblieben. Die beiden Weltreligionen ringen um Vorherrschaft. Sie geben Milliarden Dollar dafür aus, ihren Glauben auch in entferntesten Ländern zu stärken.
Und sie haben Erfolg. Neue, vor Gotteseifer brennende Gemeinden - in den Slums von Rio de Janeiro, in den makellos gepflegten Vorstädten amerikanischer Metropolen, in den quirligen, chaotischen asiatischen Megacitys - beweisen, dass das Geld gut angelegt ist. Missionar zu sein ist kein altmodischer Beruf mehr, er wird gelehrt an US-Hochschulen oder unterstützt durch phantastisch reiche Stiftungen aus Saudi-Arabien.
Es sind die Christen, die den klarsten Ausbreitungsauftrag haben: "Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur", fordert der Religionsstifter Jesus im Markus-Evangelium.
Der Islam ist da ein wenig zurückhaltender. Zwar soll jeder einzelne Muslim die Botschaft Gottes verkünden, aber das gilt in erster Linie der Umma, der Gemeinschaft der Gläubigen, die bei der grünen Fahne bleiben sollen. Für die Ausbreitung seiner Lehre bis an die Enden der Welt wird Er dann schon selbst sorgen - Inschallah, wenn Gott es will und reiche Araber weiterhin für neue Moscheen spenden.
Für beide Religionen aber ist die Glaubensausbreitung inzwischen zur Domäne von Fundamentalisten geworden. Die reichen Sponsoren, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Milliarden Petrodollar in Moscheen und Koranschulen investierten, sind eben nicht traditionelle Muslime, sondern Männer, die den radikalsten Ideen anhängen, die der Islam je hervorgebracht hat - denen des harschen Eiferers Mohammed Bin Abd-al-Wahhab zum Beispiel, der im 18. Jahrhundert den anderen Religionen des Buches, Christentum und Judentum, absprach, den Menschen einen Weg zur Erlösung zu bieten. Ihnen gilt das Christentum seither als ein Irrglaube, für den der Auftrag Gottes an seine Anhänger gilt, "gegen die zu kämpfen, denen die Schrift gegeben wurde und die nicht an Allah glauben". Für Wahhabiten ist der Dschihad oft nicht mehr die persönliche Anstrengung um Vervollkommnung im Glauben, er wird mit Waffen ausgetragen, gegen Ungläubige.
Ein ähnliches Phänomen auf Seiten der Christen: Es sind nicht die Mütter Teresa dieser Welt, die das Missionsgeschäft mit größter Leidenschaft betreiben, es sind die Gottesstreiter, die Soldaten Christi. Vor allem fundamentalistische Christen, vornehmlich aus den USA, sprechen über das "10/40-Fenster", jene afrikanischen und arabischen Regionen zwischen dem 10. und dem 40. Breitengrad, die es für Christus zu erobern gilt. Und deren Glaube, etwa an die wortwörtliche Gültigkeit der biblischen Schöpfungsgeschichte vor exakt 6013 Jahren, ist ähnlich rückwärtsgewandt wie die Hoffnung ihrer muslimischen Pendants auf die Wiederkehr des Kalifats.
Dass dieser globale Wettstreit vor allem von den Heißblütigen beider Religionen ausgetragen wird, macht ihn auch gefährlich. Es waren überzeugte Wahhabiten, welche ihre gekaperten Flugzeuge in die Türme des World Trade Center steuerten, es sind Pastoren fundamentalistischer US-Kirchen, die inzwischen häufig vom "Islamofaschismus" sprechen.
So wird, auch wenn moderate Religionsführer beider Seiten das nicht beabsichtigt haben, der Wettstreit zwischen Islam und Christentum zu einer der zentralen Fragen dieses Jahrhunderts, und dies nicht erst, seit die Schweizer in einer Volksentscheidung den Bau von Minaretten in ihrem christlich geprägten Bergland verboten haben. Die unablässig geschürte Rivalität schafft Konfrontationen auf allen Kontinenten.
Wenn Nordamerika den Krieg gegen den Terrorismus ausruft und de facto einen Krieg gegen den Islamismus führt, dann interpretiert eine beachtliche Anzahl von Muslimen das als eine Rückkehr der Kreuzzüge. Wenn die Anhänger Allahs in Afrika über die Sahara hinaus tief in den Süden des Kontinents vordringen und christliche Kirchen in Flammen aufgehen, dann hält der anglikanische Erzbischof Peter Akinola aus Nigeria nicht die andere Wange hin, sondern droht, dass die Muslime keineswegs "über ein Gewaltmonopol in diesem Staat verfügen". Und wenn in Dänemark der Prophet in Karikaturen geschmäht wird, attackieren erzürnte Muslime dänische Botschaften in Jakarta und Teheran.
Die Auseinandersetzung mit dem Glauben seiner Zuwanderer scheint gar einen ganzen Kontinent in eine Identitätskrise zu stürzen. Europa, historisch durch Konfrontationen mit muslimischen Eroberern immer wieder zusammengeschweißt, diskutiert derzeit wieder einmal die heikle Frage, wie viel Allah dem einst christlichen, heute eher heidnischen Erdteil zuträglich ist. Dürfen Minarette in Köln-Ehrenfeld die stolze Kirchturmhöhe von 55 Metern erreichen? Soll Frankreich seinen Einwandererfrauen verbieten, die Burka zu tragen? Verträgt sich die Magna Charta, die grundlegende englische Rechtsquelle, mit der Einrichtung von Scharia-Schiedsgerichten?
Zeit also für eine Bilanz: Wie steht es wirklich um die "islamische Gefahr", wie um die "christliche Kreuzzugsmentalität"? Wer kann sich besser durchsetzen? Wer hat die attraktivere Lehre, die frommeren Anhänger, die meisten Reserven?
Das sind keine akademischen Fragen. Im Gegenteil, Allah und Christengott - der Eine, Höchste für jede Religion - sind zurück auf der politischen Tagesordnung. Entgegen allen Prophezeiungen der Aufklärung wird weiter geglaubt. Zurück geht allenfalls die Zahl der Nichtgläubigen.
"Gott hat sich seinen Weg in die moderne Welt zurückerkämpft", resümieren die Autoren des Buchs "God is Back", John Micklethwait und Adrian Wooldridge, am Ende ihrer Weltreise durch das angeblich so säkulare Zeitalter. Und, noch erstaunlicher für die Propheten der Säkularisierung und die Neuen Atheisten: "Der religiöse Boom wird von denselben zwei Dingen angetrieben wie der Erfolg des Marktkapitalismus: Wettbewerb und Wahlmöglichkeit."
"Die Welt als Ganzes hat heute mehr Menschen mit traditionellen religiösen Überzeugungen als je zuvor", schreiben die US-Wissenschaftler Ronald Inglehart und Pippa Norris unter Bezugnahme auf den "World Values Survey". Mit anderen Worten: Die meisten Geschichtsphilosophen und Religionssoziologen seit der Aufklärung lagen daneben. Karl Marx, Max Weber, Emile Durkheim, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud - sie alle haben Gott unterschätzt. Die Säkularisierung ist steckengeblieben, Christengott und Allah haben ihre Zukunft noch vor sich.
Aber welcher Gott ist stärker? Welche Religion ist besser aufgestellt, um es mit der Globalisierung, mit der Wertekrise, mit der Beschleunigung aller Lebensbereiche aufzunehmen?
Der Islam scheint gut dazustehen, er ist in die Offensive gegangen. Keine große Weltreligion hat im 20. Jahrhundert prozentual mehr Anhänger gewonnen als der Islam. Spätestens seit dem 11. September 2001 ist Geopolitik ohne Grundkenntnisse des Koran und all der Strömungen, die sich auf ihn berufen, unmöglich. Und auch innenpolitisch ist das Verhältnis zu den Muslimen für die meisten europäischen Länder zentral geworden.
Europa dagegen verliert seinen Glauben. Heißt das schon, das Christentum hat den Wettstreit um die Seelen verloren? Ist der Islam tatsächlich besser auf die Herausforderungen der globalisierten Welt vorbereitet?
Islam und Christentum sind die Religionen des Buches, Koran und Bibel gewissermaßen ihr Betriebssystem. Welches ist weiter verbreitet?
Ein paar Meter vom Columbus Circle entfernt, an der Südwestecke des New Yorker Central Park, hat die Amerikanische Bibelgesellschaft ihr Hauptquartier aufgeschlagen, das zwölf Stockwerke hohe Gebäude beherbergt die größte Bibelsammlung Nordamerikas.
Seit 19 Jahren ist Liana Lupas für diese Sammlung zuständig. Sie ist eine kleine, von der Archivarbeit gebückte Frau, 69 Jahre alt, mit grauen Locken und hellen Augen hinter der runden Brille. Lupas hütet mehr als 45 000 Bibeln, geschrieben in 2500 Sprachen und Dialekten. Das deckt die Muttersprachen von mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung ab. "Gott spricht deine Sprache", sagt Lupas, "das ist die Botschaft." Allein auf Englisch erscheinen jedes Jahr ein bis zwei neue Übersetzungen, insgesamt sind es etwa 900. Es gibt das Neue Testament auf Inupiaq, was nur von einer Handvoll Alaska-Inuit gesprochen wird, es gibt die Bibel im Slang der Bronx, auf Plattdeutsch, und es
gibt einige Teile auch auf Klingonisch, jener außerirdischen Sprache aus "Star Trek".
Lupas kennt die Herkunft jeder einzelnen Bibel. Im Regal 29D1 zieht sie eine Bibel von der Elfenbeinküste heraus. Sie ist auf Plapo geschrieben, 2003 von Wycliffe Bible Translators veröffentlicht, und dieses Plapo, sagt Lupas, werde gerade einmal von hundert Menschen gesprochen. "Was für eine Passion muss man haben", sagt Lupas, "die Bibel für weniger als hundert Menschen zu übersetzen?"
Allein in den Vereinigten Staaten werden jedes Jahr 20 Millionen Bibeln verkauft, und das obwohl jeder amerikanische Haushalt im Durchschnitt schon drei Bibeln besitzt. Es ist ein einträgliches Geschäft mit einem Jahresumsatz von 500 Millionen Dollar, und selbst die großen, nichtchristlichen Verlagshäuser wie Penguin und HarperCollins sind ins Bibel-Business eingestiegen. Es gibt die Bibel in jeder Form, als Sammlung aus 60 CDs in einer schwarzen Tragetasche fürs Auto, als Bibel-Chips für Handys, als DVD-Spiel für Kinder ab fünf. Man kann Jesus' Speisung der Fünftausend nachspielen oder mit Josef und Maria zusammen die Ställe in Betlehem abklappern, bis man einen Wirt findet, der ihnen einen Platz gibt, an dem Jesus zur Welt kommen kann.
Mit einer derartigen Ausbreitung kann der Koran nicht mithalten. Es gibt ein deutliches Handicap, er kann nicht wirklich übersetzt werden. Jede Übersetzung ist Strenggläubigen bereits verdächtig, weil sie immer auch ein Stück Interpretation einschließt. Allah sprach Arabisch, von wirklich frommen Muslimen wird erwartet, die Sprache Gottes zu lernen.
Dennoch ist der Koran in der islamischen Welt ähnlich allgegenwärtig wie die Bibel in den Vereinigten Staaten. Es gibt Fernsehstationen und Radiosender, die nichts anderes ausstrahlen als Rezitationen der heiligen Suren. Allein das Königreich Saudi-Arabien schickt jährlich etwa 30 Millionen Koranexemplare in alle Welt. Reiche Sponsoren und islamische Wohlfahrtsverbände verteilen das Buch der Bücher weltweit über ihre Stiftungen.
Der Koran gilt Muslimen als das schönste Stück Sprachkunst überhaupt. Der Kölner Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani sieht in der Schönheit dieses Buches einen entscheidenden Grund für die Ausbreitung des Islam. In seinem Werk "Gott ist schön" schreibt er: "Der Glaube an die Wortkunst der Araber und die stilistische Unübertroffenheit des Koran, die Behauptung, niemand unter den sprachbegabten Arabern habe es vermocht, dem Koran etwas Besseres, Schöneres, Hinreißenderes entgegenzusetzen, gehört spätestens seit dem zehnten Jahrhundert zu den identitätsstiftenden Elementen der muslimischen Glaubensgemeinde." Die Wirkung des Schönen ist der Beweis für die Gültigkeit und Wahrheit der Botschaft. "Gott hat die beste Botschaft herabgesandt", heißt es in Sure 39:23.
Welches der heiligen Bücher die meisten Anhänger gewonnen hat, ist eine Frage, auf die es eine eindeutige Antwort gibt. Doch die bloße Zahl der Gläubigen ist nur ein Aspekt für die Beurteilung, ob der Koran oder die Bibel die größere Dynamik entfaltet hat.
Vor 40 Jahren nahm sich ein anglikanischer Missionar vor, möglichst jede gläubige Seele auf der Welt zu zählen. Inzwischen ist seine "World Christian Encyclopedia" ein Standardwerk für jeden, der wissen will, wohin die Gläubigen ziehen.
David Barrett hat sie alle gezählt. Die Zoroastrier in Indien, die Animisten Simbabwes und die Agnostiker aller Regionen. In 238 Staaten und Gebieten kam er auf rund 10 000 verschiedene Religionen.
Auf den ersten Blick sieht es aus, als habe der Islam ein sehr viel besseres 20. Jahrhundert gehabt als die Konkurrenz aus Nazaret. Als Friedrich Nietzsche ("Gott ist tot") im Jahr 1900 starb, gab es weltweit etwa 200 Millionen Muslime. Heute sind es 1,5 Milliarden. Das ist ein Wachstum um den Faktor sieben.
Christen aller Konfessionen gibt es derzeit etwa zwei Milliarden. Deren Zahl hat sich seit 1900 nur knapp vervierfacht.
Auch in vielen Metropolen Europas wächst der Islam. Die überwältigenden, jahrhundertealten Kathedralen sind vorwiegend von Touristen gefüllt, die islamischen Gebetshäuser dagegen von Gläubigen. Die ersten Einwanderer aus islamischen Ländern versteckten ihre Religion möglichst, um nur nicht aufzufallen. Ihre Kindeskinder aber entdecken heute den alten Glauben wieder und praktizieren ihn oft bewusster als ihre Eltern, die zweite Generation. Für junge Türken, Libanesen, Palästinenser in europäischen Großstädten ist ihr Glaube oft eine Quelle für Stolz, Eigenständigkeit und Identität.
In der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, der das althergebrachte Miteinander von Moscheen, Kirchen und Synagogen den Namen "Jerusalem des Balkans" eingetragen hat, hat sich sogar eine wahhabitische Gemeinde gebildet.
Verantwortlich dafür war der Bosnien-Krieg, in dessen Verlauf etwa 100 000 Menschen - zu 80 Prozent Muslime - ihr Leben ließen. Sarajevo war fast vier Jahre lang eingekesselt. Zehntausende Alteingesessene wurden ermordet oder sind geflohen, an die hunderttausend Neubürger haben sich hier vor allem in Außenbezirken angesiedelt. Sarajevo ist nun eine zu 80 Prozent muslimische Stadt und zeigt beispielhaft den Vormarsch des Fundamentalismus. Die Minarette zahlreicher, seit Kriegsende erbauter Moscheen zieren den Talkessel wie Zinnen die Festung.
"Moscheen zu bauen ist eine Art, das Terrain zu markieren", klagt der Stadtplaner Said Jamakovic. Die Veränderungen seien ausländischen Missionaren geschuldet, sagt Mustafa Spahic, Professor an der Gazi-Husrev-Beg-Koranschule: "Zuerst waren es Saudi-Araber, inzwischen zahlen steinreiche Geschäftsleute aus den Ölstaaten am Persischen Golf."
Spahic versteht sich als Gelehrter in der mehr als halbtausendjährigen Tradition liberaler bosnischer Sunniten. Seine Überzeugung, dass der von arabischen Sponsoren beförderte Vormarsch radikaler Eiferer in Bosnien gestoppt werden müsse, verpackt er in ein Gleichnis: "Wer unsere Pflaumenbäume hier fällen will, weil man aus den Früchten Sliwowitz machen kann, und wer stattdessen Dattelpalmen pflanzen will, weil schon der Prophet Datteln aß, dem sagen wir: Datteln wachsen bei uns nicht."
Doch womöglich täuscht sich der Gelehrte, wie ein Gang durch das Kulturzentrum zeigt, das neben der neuen König-Fahd-Moschee liegt und das der Botschaft Saudi-Arabiens untersteht. Imam Nezim Halilovic, der berüchtigtste Prediger der Stadt, ist stolz auf die Fortschritte, die sein Glaube gemacht hat. 158 Moscheen landesweit, sagt er, seien mit saudi-arabischem Geld in Bosnien neu erbaut oder restauriert worden. Von Büchereien, Lehrlingsheimen, Kindergärten nicht zu reden. Eine Milliarde Dollar hätten die Scheichs aus Riad seit Kriegsende ihren balkanischen Glaubensbrüdern zukommen lassen.
Für die Welt insgesamt und das Jahr 2050 wird geschätzt, dass ein gutes Viertel der Weltbevölkerung (27,5 Prozent) islamischen Glaubens sein wird, immer noch deutlich weniger, als es dann Christen gibt (35 Prozent). 2,5 Milliarden Muslimen werden 3,1 Milliarden Christen gegenüberstehen.
Das starke Anwachsen des Islam im vergangenen Jahrhundert hat viele Gründe, politische, soziale, demografische. Der Islam wurde stark, weil beispielsweise die weltlichen Regime in der arabischen Welt ihre Versprechungen nicht eingehalten haben. Die Enttäuschung über die Machthaber im Nahen Osten ist groß und wurzelt tief. Wissenschaftler wie der Harvard-Professor Timothy Shah datieren die Rückkehr Allahs auf den 10. Juni 1967, den Tag der Niederlage der Araber im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel. Diese Niederlage war auch das Ende der panarabischen Versprechungen.
Vor allem Ägypten wandte sich ab vom weltlichen Sozialismus des Gamal Abd al-Nasser und hin zu den Muslimbrüdern, die eine Rückbesinnung auf die alten Stärken predigten: "Gott ist unser Ziel, der Koran unsere Verfassung, der Prophet unser Führer. Kampf ist unser Weg und der Tod für Gott unser höchstes Verlangen."
Die Revolution in Iran 1978/79 brachte eine weitere Zeitenwende wie auch der Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Überall in der arabischen Welt, wo es Wahlen gab, legten danach die islamistischen Parteien zu. In Algerien, Ägypten, Palästina. Sogar in der säkularen Türkei herrscht seit 2002 eine Islampartei.
Die größten Zuwächse erfährt der Islam allerdings nicht in seiner Heimat, sondern weit entfernt in Asien. In Indonesien leben 203 Millionen Muslime, in Pakistan, Indien, Bangladesch jeweils doppelt so viele wie etwa in Ägypten.
Der Islam ist in Ländern verbreitet, die eine junge Bevölkerung und eine hohe Reproduktionsrate haben. Die vier größten islamischen Gemeinden der Welt sind die von Indonesien, Pakistan, Indien und Bangladesch. Nur jeder fünfte Muslim stammt aus dem Nahen Osten und Nordafrika, und obwohl auch hier die Geburtenraten hoch sind, nimmt der Anteil der Arabisch-Sprechenden unter den Muslimen ab.
In Europa, allen Untergangspropheten zum Trotz, ist der Islam dagegen nur eine Minderheitenveranstaltung. Über 550 der mehr als 700 Millionen Europäer sind Christen. In den Zuwanderungsländern Frankreich und den Niederlanden liegt der Muslim-Anteil der Bevölkerung über der Fünf-Prozent-Schwelle. In Deutschland sind gerade einmal 5 Prozent der Bevölkerung muslimisch, in der Schweiz 4,3 Prozent, in Österreich 4,2 Prozent. In Europa gibt es mehr als dreimal so viele Nichtgläubige und Atheisten wie Muslime.
Und weltweit gesehen hält sich der alte Christengott mehr als wacker. Das hat er Lateinamerika und Afrika zu verdanken. Um 1900 gab es dort etwa 10 Millionen Christen. Heute sind es über 400 Millionen, das ist knapp die Hälfte der Bevölkerung.
Die spektakulärsten Missionserfolge haben nicht eifrige Muslime, sondern Zeltprediger, Baptisten und wiedergeborene Evangelikale. Inzwischen gibt es mehr als 400 Millionen Freikirchler weltweit. Traditionelle Protestanten sind mit 350 Millionen heute nur noch die drittgrößte christliche Religionsgruppe. Die christlichen Fundamentalisten schreiben gegenwärtig die Erfolgsgeschichte in Glaubensdingen. Ihre Prediger findet man in den Bretterbuden lateinamerikanischer Slums und in den Stadien Afrikas. Papst und Muslime können da nur neidisch zusehen.
Selbst in China gibt es inzwischen mehr Christen als die 76 Millionen KP-Mitglieder, und die meisten von ihnen sind unabhängige Protestanten.
In der östlichen Küstenprovinz Zhejiang liegt das Dorf "Acht-Meilen-Brücke". Hier muss der Besucher einige Zeit Ausschau halten, bevor er die Kirche entdeckt: Sie steht versteckt in einem Hinterhof und ähnelt mit ihrem Wellblechdach mehr einer Werkhalle als einem Gotteshaus.
Kein Türmchen, kein Kreuz verraten das Gotteshaus, nur blitzblanke Toilettenräume und ein Speisesaal gegenüber machen offenbar, dass hier zuweilen viele Menschen zusammenkommen.
Eine evangelikale Hauskirche hat hier ihre Heimat. Jeden Sonntag beten rund 400 Menschen von morgens bis tief in den Nachmittag hinein, dann essen sie gemeinsam. In der Woche treffen sie sich zu Bibelstunden.
Wie auch die andere große Denomination, die Katholiken, sind Chinas Protestanten gespalten - in jene Gemeinden, die sich der Aufsicht der Behörden unterwerfen, und in die illegalen Hauskirchen wie die in Acht-Meilen-Brücke, die nur Gott und nicht die KP als wahren Herrscher anerkennen.
16 Millionen Protestanten leben derzeit in China, sagt die Regierung, zählt dabei aber nur die Angehörigen der offiziellen Kirchenorganisation. In Wahrheit dürften es rund 60 Millionen sein. "Unsere Kirche wächst schneller als die chinesische Wirtschaft", sagt ein führender Protestant. Die Distanz zum Staat ist ein Erfolgsrezept dieser Christen. "Wir lassen uns nicht bei den Behörden registrieren. Wenn wir das tun, dann wird der Staat jemanden schicken, der uns Vorschriften machen will, und dann können wir nicht mehr tun, was wir wollen", sagt Herr Zhao, der die Kirche in Acht-Meilen-Brücke verwaltet.
In den Dörfern der Umgebung tauchen in diesen Tagen bunte Flugblätter auf, mit denen sich die Protestanten vor allem an Wanderarbeiter richten. "Zwei Milliarden Menschen glauben an Jesus", heißt es. Und: "Der Geist des Christentums - Fleiß, Selbstdisziplin und Karrierebewusstsein - ist die Kraft, die die Entwicklung in modernen Gesellschaften vorantreibt."
Das ist ein Rezept für Stärke, die durchaus mit dem Islam mithalten kann.
Für die aktive Ausbreitung des Glaubens geben beide Religionen Unsummen aus. Beispiel Mekka: Zum 6. Tag des Hadsch-Monats 1430, am 23. November 2009 nach westlicher Zählweise, hat die Islamische Weltliga, ein Dachverband mehrerer Wohlfahrts- und Missionsorganisationen, zum Jahreskongress in ihr Hauptquartier am Rande von Mekka geladen. Im Foyer rollen Arbeiter aus Pakistan und Bangladesch Gebetsteppiche aus, im Sitzungssaal verteilen junge Saudi-Araber in Pfadfinderuniformen Wasserflaschen und Programmhefte. Sie kommen von der "World Assembly of Muslim Youth" (Wamy), und um die muslimische Jugend geht es auch bei diesem Kongress.
Zur Diskussion stehen die "Probleme junger Muslime in der Globalisierung". Die Themen sind gut, die Redner schlecht. Sitzungspräsident Osama al-Bar, der Bürgermeister von Mekka, wippt mit den Beinen und spielt mit seinem Blackberry, während die Gelehrten sprechen. Wenn sie ihre erlaubten 15 Minuten Redezeit überschreiten, lässt er den Sprechern eine Notiz reichen und gibt übergangslos dem nächsten das Wort.
Die muslimische Jugend habe den Eindruck, sagt der Referent zum Tagesordnungspunkt "Kulturelle Fremdeinwirkung", als seien "die anderen Kulturen fortschrittlicher als wir und uns wirtschaftlich überlegen". Da helfe nur eins: Die Muslime müssten die "Fitna", die Zwietracht, überwinden und dürften "dem Satan keine Gelegenheit geben".
Die Lösung des Sexualproblems, liest ein anderer vom Blatt, sei nur in der "ständigen Besinnung auf die Werte des Islam" zu finden, Drogen und Alkohol, so ein Dritter, seien das Resultat einer "Fehlentwicklung im Verstand und im Religionsverständnis". Der beste Leitfaden zur Überwindung "solcher Abartigkeiten" sei die Scharia.
Mit solchen Ratschlägen wollen Mekkas Gelehrte die Probleme der muslimischen Jugend in der Globalisierung lösen? Mit solchen Ratschlägen will sie es in Afrika, China und Südamerika mit den Missionaren der Christenheit aufnehmen?
Die zeigen, was da noch verbessert werden kann. Das Hudson Institute, ein konservativer Think-Tank, schätzt, dass die US-Kirchen jährlich knapp neun Milliarden Dollar an Auslandshilfe zahlen, das wären 37 Prozent der gesamten Entwicklungshilfe der USA. Die großen Nichtregierungsorganisationen, Heilsarmee, World Vision und Catholic Relief Services, versorgen allein 150 Millionen Menschen mit jährlich 1,6 Milliarden Dollar.
Dazu kommt eine schnell anwachsende Armee von Hobby-Missionaren. Für Evangelikale gehört es zum guten Ton, zumindest einige Monate lang Ungläubige im Ausland mit der frohen Botschaft zu beglücken. Die Southern Baptist Convention gibt an, jährlich eine halbe Million Menschen zu bekehren. Das Billy Graham Center in der Nähe von Chicago unterhält ein eigenes Studienzentrum für Kulturübergreifendes Training.
Es ist Freitagmittag, halb zwölf, eine Zeit, zu der für die meisten Studenten schon das vorgezogene Wochenende beginnt, aber Raum 138 im Billy Graham Center ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Etwa 40 Studenten sind gekommen, Frauen und Männer Anfang zwanzig, die lernen wollen, wie man Menschen zum Christentum bekehrt. Jerry Root, der Professor, ist ein stämmiger Mann, vollbärtig, glatzköpfig, aber ausgestattet mit einer festen Stimme und voller Passion für seinen Job.
Root lehrt "Intro to Evangelism", den Einführungskurs für künftige Missionare. Sein Institut ist eine der Kaderschmieden Amerikas im Kampf um die Vormacht der Religionen mit einem hochspezialisierten Ausbildungsprogramm, um den Wettbewerb mit dem Islam zu gewinnen. Es gibt dafür einen Schwerpunkt "Muslimische Mission".
Knapp 3000 Studenten sind hier eingeschrieben. Sie sollen später als Entwicklungshelfer arbeiten können und als Missionare im In- oder Ausland.
Es geht darum, das beste Marketing einzusetzen, um die Religion voranzubringen, und das bedeutet konkret, möglichst harmlos zu klingen, bloß nicht vom Krieg der Religionen reden, vom Angriff, von der Konfrontation. "Wir wollen niemandem einen Glauben aufzwingen", erinnert Root seine Studenten, "wir wollen nur allen sagen, wie gern sie der liebe Gott hat. Das funktioniert. Jeder will am Ende geliebt werden."
Mission ist flexibel, es gibt Instrumente für jeden, sagt Root, die Bibel hat unterschiedliche Techniken und Stile für alle vorgesehen, für Draufgänger und Introvertierte, für Kumpeltypen und Intellektuelle. Zwölf verschiedene Instrumente unterscheidet Root in seinem Kurs, die Konfrontation etwa, die Hilfe und das Geschenk, aber das alles war schon letzte Stunde dran, jetzt sind sie bei Stil Nummer neun, dem Martyrium. "Der Stil ist sehr unbeliebt", scherzt Root, dann bittet er einen Studenten zum Kurzreferat.
Missionieren ist heute gefährlicher denn je, seit dem 11. September 2001 bedarf es in einigen islamischen Ländern dafür Todesmut. Und doch hat sich die Zahl der Missionare nach dem Missions-Handbuch des Graham Centers innerhalb von fünf Jahren verfünffacht: von 64 000 auf 346 000. Amerikaner sind überproportional vertreten.
In Mekka ist jetzt Konferenzpause, Tee und arabischer Kaffee werden gereicht, ein Pfadfinder geht herum und hält jedem Referenten einen Kelch hin, in dem Riechholz verglüht.
Salih al-Wuhaibi, der 62-jährige Generalsekretär der Wamy, fächelt sich zwei Handvoll Rauch zu und streicht sich durch den Bart. "Die Globalisierung", sagt er, "ist eine Herausforderung, doch der Islam hat gute Karten: Wir können Massen mobilisieren."
Massen von Geld mit Sicherheit: Millionen Dollar an Spendengeldern gibt allein Wamy jedes Jahr aus, um mit der Verteilung von Lebensmitteln und dem Bau von Schulen, Waisenhäusern und Moscheen die Botschaft des Islam zu verbreiten - und ist dabei nur eine von zahlreichen Stiftungen, die Saudi-Arabiens Regierung unterstützt. Bis zu 90 Milliarden Dollar hat nach CIA-Schätzungen die Islamische Weltliga zwischen den siebziger Jahren und 2005 empfangen.
Seine Bemühungen auf diesem Feld seien "astronomisch" gewesen, berichtet die Website des 2005 verstorbenen Königs Fahd Bin Abd al-Asis, unter dessen Regentschaft die Stiftungen ihre Hochblüte erreichten. Aber offenbar war es der Wille Allahs, die globalen Erdölvorkommen dort zu konzentrieren, wo sein Prophet wirken würde.
5000 Stipendien schreibt die Wamy jährlich aus, in 55 Ländern ist die Stiftung aktiv. "Haupt-Operationsgebiet", sagt Wuhaibi, sei derzeit Afrika, wo seine Organisation mit denen der Christen konkurriert. Zum Teil stimme die Botschaft der Muslime genau mit der der Christen überein: "Auch wir sehen die Ehe als das wirksamste Mittel im Kampf gegen Aids. Da sind wir ganz einer Meinung mit dem Papst."
In anderen Dingen sei der Islam aber pragmatischer als die katholische Kirche. Abtreibung etwa sei bei gewissen Indikationen und bis zu einem bestimmten Zeitpunkt der Schwangerschaft erlaubt, und ob ein verheirateter Mann zur Verhütung ein Kondom verwende, sei seine Sache.
"Ich jedenfalls habe es getan", sagt Wuhaibi, lachend.
Internet und freier Warenverkehr haben den Markt der Glaubensrichtungen inzwischen gehörig durcheinandergebracht. Es ist ebenso möglich, sich in Salt Lake City, der Hauptstadt der Mormonen, seine täglichen Koransuren anzuhören, wie auch in Mekka die Bibel online gelesen werden kann.
Das zwingt die Prediger, ihre Phantasie anzustrengen. Ahmed al-Schughairi ist einer von ihnen, der populärste im Königreich Saudi-Arabien. Er ist Gastgeber zweier regelmäßiger Shows auf MBC, einem der größten panarabischen Satellitensender. Die eine heißt "Gedanken" und wird im Fastenmonat Ramadan ausgestrahlt; die andere trägt den Titel "Wenn er heute unter uns weilte". Gemeint ist Mohammed, der Prophet.
Schughairi, 36, ist ein attraktiver, groß- gewachsener Mann und verfügt über die entspannte Selbstironie eines wohlhabend geborenen Saudi-Arabers. "Ich bin kein Scheich", sagt er. "Ich habe in Wahrheit überhaupt keine religiöse Autorität."
Man muss kein Wort Arabisch können, um zu verstehen, warum Schughairi unter jungen, gebildeten Muslimen trotzdem so hip ist und seine Videos auf YouTube laufen. Eines davon geht zum Beispiel so:
Freitagmittag, eine dichtbefahrene Straße vor einer großen Moschee. Wo immer ihre Frauen beten mögen - die Männer kommen jedenfalls in ihren großen Familien-Limousinen und Geländewagen und parken rechts. Wenn die erste Reihe voll ist, bleiben die Nachkommenden in der zweiten Reihe stehen und die nach ihnen in der dritten. Sie steigen aus, hetzen die Treppe rauf, streifen ihre Sandalen ab und verschwinden barfuß im Gotteshaus.
Zurück bleibt eine zugeparkte, unpassierbar gewordene Durchgangsstraße und ein erhabenes Moschee-Portal, unter dem ein Haufen ausgelatschter Schuhe liegt - ein alltäglicher Anblick überall im Nahen Osten. Nun tritt Schughairi auf und führt seine frommen Landsleute in ihrer ganzen Bigotterie vor: "Hey Bruder! Du betest da drin - und hier draußen kommt vielleicht ein Mensch ums Leben, weil du mit deinem Auto der Ambulanz den Weg versperrst", sagt er zu einem und tätschelt den Betroffenen am Hinterkopf.
"Du musst kein Muslim sein, um Mensch zu sein", umreißt Schughairi sein Programm, "aber der Islam wird dir das Zusammenleben mit anderen leichter machen. Islam ist wie das Regelwerk im Fußball: einfach und flexibel. Man muss sich nur dran halten."
Schughairi tritt in seiner Sendung mal in der Dischdascha, dem weißen Gewand, mal in Jeans und T-Shirt auf; er wechselt im Tonfall souverän zwischen jugendlichwitzig und moralisch-seriös. Seine Botschaft zielt - wie die der meisten jungen Fernsehprediger von Indonesien bis Ägypten - auf einen Mix aus Sittlichkeit und Modernität, auf "common sense", wie er sagt, auf einen Mittelweg zwischen Dschidda, wo er aufgewachsen ist, und Kalifornien, wo er aufs College ging.
Die Zeit des Extremismus, sagt er, sei in Wahrheit vorbei; der breite Strom des Islam befinde sich seit dem 11. September 2001 in der Phase eines Aufbruchs. Grundsätzliches an ihrem Glauben sei jungen Muslimen erst unter dem Eindruck dieses Datums wieder zu Bewusstsein gekommen:
Dass es im Zentrum ihrer Religion um die Verankerung der Seele in einem schlüssigen Weltbild geht - nicht um sophistische Dschihad-Debatten, um Kleiderordnungen und Bartmoden. "700 Millionen Männer mit Bärten machen die Welt auch nicht muslimischer", so der Prediger.
Dass der Koran universell und ohne weiteres modern auslegbar sei: "Wir fangen endlich damit an, Mohammed nicht als mittelalterlichen Feldherrn zu sehen, sondern als Intellektuellen für das 21. Jahrhundert."
Es ist ein pragmatisches, ein User-freundliches Verständnis des Islam, das Schughairi predigt, und es ist so gut wie frei von aller Metaphysik. "Vor über 1000 Jahren, als wir die Welt regierten", sagt er, "hatten wir vielleicht den Luxus, uns um solche Dinge zu kümmern. Heute geht es wieder um die praktischen Grundlagen."
Natürlich nicht nur. Die Frage, welche Religion die bessere Botschaft für heute hat, entscheidet sich auch durch ihren theologischen Wesensgehalt. Und da führen die Unterschiede zwischen Koran und Bibel zu dramatischen, handfesten Konsequenzen.
Der Gott für Muslime, Allah, ist nicht Fleisch geworden wie der Gottessohn Jesus, sondern Buch. Der Koran ist Gottes Wort. Er handelt nicht von der Wahrheit, er ist die Wahrheit, vermittelt vom Engel Gabriel an den Propheten Mohammed.
Das macht jede Auslegung prinzipiell schwierig, ja riskant. Noch 1985 wurde ein sudanesischer Islamgelehrter, Mahmud Mohammed Taha, hingerichtet, unter anderem weil er einige Aussagen zur niederen Stellung der Frau als zeitgebunden verstehen wollte.
Die Bibel ist, anders als der Koran, Gottes Wort in Menschenwort. Sie erzählt Geschichten vom Bund Gottes mit dem Menschen. Daher muss jeder Satz der Bibel in den meisten christlichen Kirchen interpretiert werden.
Theologen leiten daraus ab, dass sich der Gott der Christen aus der Welt zurückgezogen hat. Er lässt die Menschen machen - mögen es auch Fehler sein. Der Mensch ist verantwortlich für die Schöpfung, für die Treibhausgase genauso wie für das Verschwinden der Schneeleoparden.
Für die Muslime dagegen hat Gott sich nie aus der Welt zurückgezogen. Der Gläubige trifft keine Entscheidung ohne Rückversicherung bei Allah. "Jeden Tag hat Er mit einem Anliegen zu tun", sagt Sure 55:29. Im Zentrum des Mehrheitsislam steht deswegen das religiöse Recht, nicht die Suche nach dem rechten Weg.
Das kann das Leben leichter machen. Der Islam gibt Gewissheit: Wenn ich das Glaubensbekenntnis ablege, fünfmal täglich bete, einmal im Leben nach Mekka pilgere, die Fastenzeit einhalte und den Sakat, das Almosen, spende, müsste das für Glück und eine Chance auf das Himmelreich reichen.
"Wer das Gesicht ganz zu Gott wendet und dabei recht handelt, der wird den Lohn bei seinem Herrn vorfinden", heißt es in Sure 2:112. Wird, steht da, nicht kann.
Wenn der Gläubige am Jüngsten Tag vor Allah bestehen will, muss er jede, auch jede nebensächlichste Lebensregung am Koran überprüfen. Ihm dabei Hilfe zu leisten ist die Aufgabe des Mufti.
Inzwischen hilft auch das Internet. Auf Portalen wie Fatwa-online.com, Mufti says.com oder Ask-Imam.com können rund um die Uhr Anfragen eingereicht werden. Etwa: Darf eine Mekka-Pilgerin die Pille gegen die Monatsblutungen einnehmen? (Antwort: Ja, solange es ihrer Gesundheit nicht schadet.)
Bisweilen ist es rührend, mit welcher Sorgfalt die Online-Muftis ihre Antworten ausarbeiten. Darf eine Frau an Aerobic-Klassen mit Musik teilnehmen? (Nein. Denn schon der Gesandte Gottes - Salla Allahu alaihi wa-sallam, möge Allah ihn segnen und ihm Frieden geben - prophezeite rote Winde, Erdbeben und Erdspalten, falls singende Mädchen ein gewöhnlicher Anblick würden.)
Bei Christen gibt es zwar auch den Rat des Pfarrers. Aber würde man wirklich zum Bischof rennen, um zu fragen, "Darf ich die nackte Brust meiner Frau auf dem PC anschauen, wenn ich auf Reisen bin?" (Antwort: nein.)
Allerdings: Wer mit einer Fatwa nicht einverstanden ist, kann meist den Mufti wechseln, so lange bis er einen passenden Leitsatz gefunden hat. "Fatwa-Shopping" nennen das die jungen Muslime.
Es ist auch diese eher simple Klarheit, die den Islam so populär macht unter den Verdammten dieser Erde. Und eben das Wissen, dass fünfmal am Tag die Muslime der Welt sich auf einen Punkt, die heilige Kaaba in Mekka, ausrichten und eine große Gebetsgemeinschaft bilden.
So steht denn islamische Sicherheit gegen christliches Suchen, handfeste Anleitung für den Alltag gegen Teilhabe an der Verantwortung für die Schöpfung. Ist daraus zu erschließen, welche Religion ihre Anhänger denn nun besser ausstattet für die Herausforderungen im 21. Jahrhundert?
Das ist nicht immer leicht zu beantworten. Wer als gegeben voraussetzt, dass christliche Gesellschaften etwa Frauen größere Entfaltungsmöglichkeiten einräumen, muss aber auch feststellen, dass es zwar weibliche Imame in Marokko, dafür aber keine Priesterinnen in der katholischen Kirche gibt. Doch das ist eher das Problem der Papstkirche. Frauen in den neuen christlichen Bewegungen haben wichtige Funktionen übernommen, als Predigerinnen, Bischöfinnen und als Managerinnen. In traditionellen Gesellschaften ist das ein starkes Argument, auch für die Entwicklung eines Landes. Es ist unter den Geschäftsfrauen Westafrikas selbstverständlich geworden, einer der erfolgreichen neuen protestantischen Gemeinden anzugehören.
In islamischen Gesellschaften müssen Frauen sich ihre Chancen zur freien Selbstentfaltung erst noch erkämpfen. Zwar gibt es in den Emiraten bereits erste Ministerinnen, doch das bleibt die große Ausnahme. In vielen muslimisch geprägten Ländern nimmt die Totalverschleierung der Frauen eher zu. Erst in diesem Monat stellte Iran neue Richtlinien wie ein Schminkverbot bei Fernsehauftritten von Frauen auf, Saudi-Araberinnen dürfen auch weiterhin nur davon träumen, einen Wagen selbst zu fahren.
Und zuweilen scheint es, als höre das Mittelalter nie auf: Der Imam einer Genfer Moschee, Hani Ramadan, sorgte für Irritation, als er die Steinigung für Ehebrecherinnen verteidigte. Sein eigener Bruder, der Sozialwissenschaftler Tariq Ramadan dagegen, drängt auf ein Moratorium für körperliche Strafen in der islamischen Welt. Länger, so viel lässt sich sagen, scheint der Weg der Frauen jedenfalls im Islam zu sein.
Auch bei der Anpassungsfähigkeit der beiden Religionen an kulturelle Eigenarten oder Zeitströmungen ist nicht immer eindeutig, welche Religion flexibler ist. Im ersten Jahrtausend seiner Expansion hatte der Islam kaum Anpassungsschwierigkeiten. Erst mit dem Eintritt in die Moderne gerieten die Muslime in eine Zwangslage. Der berühmte türkische Reform-Theologe Ömer Özsoy schreibt: "Während sie in den Bereichen, über die der Koran schweigt, beweglich bleiben konnten, mussten die Muslime in jenen Bereichen, die vom Koran bestimmt waren, bei dem bleiben, was der Koran zuließ."
Dennoch: Der Islam ist eine Religion fast ohne Hierarchien. Es gibt keine zentrale Autorität, und keine Klerikalbürokratie soll sich zwischen den Gläubigen und Gott stellen. Er hat außerdem ein entspanntes Verhältnis zum Handel und zum Geldverdienen sowie ein profundes Desinteresse an Herkunft, Rasse und Klasse. Er ist zudem religiös demokratisch, weil alle gleich klein sind vor dem Großen. Das spricht für seine prinzipielle Glo- balisierungstauglichkeit, führt aber auch dazu, dass Reformarbeit sich nicht zentral, sondern in vielen kleinen Facetten verwirklicht, etwa bei einigen Online-Portalen, in unzähligen Fatwas. Auf diese Weise ist leicht zu übersehen, dass jede Minute irgendwo die Anstrengung unternommen wird, den Koran in der Gegenwart lesbar zu machen. Es sind winzige Schritte von Reformation, Neuauslegung. Und es ist nicht gesagt, dass diese Arbeit am Begriff ineffizienter ist als etwa die Reformprozesse im Vatikan, die in Jahrhunderten leichter zu messen sind als in Jahren.
Leichter dagegen ist die Frage nach der Toleranz zu beantworten. Wie sehen die Religionen das Verhältnis zum Mitmenschen, und welche verhält sich großzügiger zu Andersgläubigen?
Der Islam hat einen "absoluten Wahrheitsanspruch", schreibt der deutsche Koranexperte Tilman Nagel. Wer das nicht einsehen will oder kann, aus welchen Gründen auch immer, der hat sich selbst von Allah entfernt.
Noch zu seinen Lebzeiten hat Mohammed Verträge mit arabischen Stämmen geschlossen, in denen das Christentum Fuß gefasst hatte. Es waren Modellverträge für spätere Fälle. Zwar dürfen Christen ihren Glauben praktizieren, doch schon damals sollten sie auf den Neubau von Kirchen verzichten. Es gibt im Islam keine Gleichberechtigung der Religionen, es kann sie nicht geben.
Das westliche Demokratieverständnis ruht auf der Vorstellung des autonomen Individuums. Für die islamische Welt, meist traditionelle Gesellschaften, steht dagegen die Gemeinschaft im Zentrum, nicht der Einzelne. Familie, Klan, Sippe, Stamm und letztlich die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen. Die Freiheit des Individuums verwirklicht sich allein im Islam.
Für Muslime ist es daher eigentlich gar nicht vorstellbar, aus der Glaubensgemeinschaft auszutreten, um etwa Katholik zu werden - selbst wenn man zur Belohnung vom Papst persönlich getauft wird. Die meisten Muslime halten den Wechsel der Religion, die Apostasie, für eine schwere Sünde. Viele Islamgelehrte sehen dafür die Todesstrafe als angemessen an, so in Saudi-Arabien und in Afghanistan.
Der wichtigste Indikator für das Versagen des Islam, endlich wirklichen Frieden mit der Moderne zu machen, sei "seine tiefverwurzelte Feindschaft gegenüber dem Pluralismus", schreiben Micklethwait und Wooldridge. Die Koexistenz verschiedener Weltsichten ist ein entscheidendes Kennzeichen der Moderne.
In islamischen Gesellschaften wird immer noch und von Kindheit an Gehorsam gelehrt, nicht die Suche nach Wahrheit durch eigene Erfahrung oder Nachdenken. Das ist ein Handicap.
Der freie, ungehinderte Verkehr von Ideen, Vorschlägen und Irrtümern ist das
Kennzeichen der meisten westlichen Staaten und hat zu ihrem wirtschaftlichen Wohlstand maßgeblich beigetragen. Europäische Länder wie Spanien, Griechenland, Portugal blühten auf, als die Diktatoren verschwanden. Von den Ländern Mittel- und Osteuropas ganz zu schweigen. Von der Freiheit eines Christenmenschen wissen Europäer eben schon seit der Reformation.
Der Islam dagegen erweist sich als verlässliche Identitätsstütze - gerade gegen die Vereinheitlichungstrends der Globalisierung. Nach dem Verblühen der kommunistischen Utopien ist der Islam vielleicht der einzige massenwirksame Gegenentwurf zum westlichen Modell von Gesellschaft. Allein das macht ihn schon attraktiv. Zwischen Casablanca und Jakarta sind die Moscheen voll. Offenbar ist eine Religion, die im Westen häufig als rückständig, gewalttätig und allzu oft als extremistisch gilt, für viele Menschen attraktiv - selbst für aufstrebende Schichten, deren Interesse an Religion im Westen eher zu sinken scheint. "Der Islam", schreibt der schiitische, in Washington lebende Politologe Vali Nasr, "ist nicht wegen der Extremisten, die in seinem Namen Gewalt verbreiten, zu einer Weltreligion geworden - sondern wegen seiner kulturellen Diversität und seiner intellektuellen Neugier."
Zwei politische Strömungen, so Nasr, haben in den vergangenen Jahrzehnten die Staaten der islamischen Welt dominiert, beide haben ihren Zenit überschritten: Der "verordnete Säkularismus des 20. Jahrhunderts" habe seinen Glanz verloren, der verordnete Fundamentalismus aber nicht minder.
Drei Dinge zeichnen seiner Meinung nach die Völker der islamischen Welt von heute aus: Sie sind jung, sie sind pragmatisch, und sie wollen teilhaben an einer Moderne, die sie ebenso verunsichert wie fasziniert.
Die breite Mehrheit der jungen Muslime sind ihre Stigmatisierung durch den Westen heute so leid wie den Todeskult der Qaida, die ihnen dieses Stigma eingetragen hat. Sie sind keine Parteisoldaten des politischen Islam, doch ebenso suspekt ist ihnen der säkulare Staat. Als Frauen tragen sie Kopftuch, selbst wenn sie in den Shopping-Malls von Dubai oder an der Corniche von Beirut niemand dazu zwingt. Der Islam ist das Zentrum ihrer Identität, er dominiert bis in die Twitter- und Facebook-Einträge ihre Sprache.
Worum es diesen Menschen geht, so Nasr, sei "die Versicherung, dass ein moderner Lebensstil, das Streben nach materiellem Erfolg, der Genuss von Fernsehen und Popmusik, der Besuch von Nachtclubs in keiner Weise ihrem Glauben widerspricht". Und diese Botschaft erreicht heute mehr Muslime als das immer verzweifelter anmutende Feldgeschrei Osama Bin Ladens und seines Stellvertreters Aiman al-Sawahiri.
Dennoch: Der real existierende Islam in seinen vielen Facetten hat seine grundlegende Reformation noch vor sich. Er muss eine Haltung finden zum Pluralismus und zur Rolle der Frau, um in der Moderne bestehen zu können. Er muss sich erneuern, aus sich selbst heraus neu finden. Seine eher fundamentalistischen Glaubensrichtungen müssen ihr Verhältnis zu Gewalt klären. Denn den angeblich gegen die Gottlosigkeit des Westens gerichteten Anschlägen der Dschihadisten fielen seit 2001 deutlich mehr Muslime zum Opfer als Christen. "Die Religionen", mahnt der Fernsehprediger Schughairi, "sind für die Menschen da, nicht umgekehrt."
Es gibt Anzeichen, dass die Reformation schon begonnen hat. In der Türkei wird, mit vielen Rückschlägen, versucht, Moderne, Demokratie und Islam miteinander zu vereinbaren. Eine Partei gemäßigter Islamisten ist an der Macht, und das Land bewegt sich trotzdem nicht in Richtung Gottesstaat. Muslimische Demokraten reformieren einen autoritären Staat und schaffen Wohlstand nach westlichem Muster. Die Türkei hat dem Islam so viel Weltlichkeit abverlangt wie kein anderes Land. Die Scharia wurde abgeschafft, der Koran privatisiert.
In diesem Spannungsfeld ist ein besonderer Islam entstanden, einer, in dem Professoren wie Ömer Özsoy versuchen, den Koran aus seinem historischen Kontext zu erklären - ohne gleich von wütenden Fatwas zum Häretiker erklärt zu werden. Özsoy schreibt: "Der Koran ist ein mündlicher Vertrag Gottes, und er wurde zu einer bestimmten Zeit gehalten. Aber dieser Vertrag wurde nie abgeschlossen, Gott will auch heute mit uns kommunizieren."
Darin läge dann eine Hoffnung für beide Religionen: Islam und Christentum werden die prägenden Kräfte bleiben, auch wenn kein Schulkind mehr weiß, wer Marx und Nietzsche gewesen sind.
MARC HUJER, ANDREAS LORENZ, WALTER MAYR,
ALEXANDER SMOLTCZYK, DANIEL STEINVORTH, VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
* Ölgemälde von Emile Signol 1847.
* Mit muslimischen Geistlichen am 30. November 2006 in Istanbul.
Von Marc Hujer, Andreas Lorenz, Walter Mayr, Alexander Smoltczyk, Daniel Steinvorth, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 52/2009
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