19.12.2009

ERINNERUNGENDAS LETZTE WEIHNACHTEN

Wach auf, wach doch auf, lieber Papa, wach endlich auf, Papa! Du sollst aufwachen. Ich habe einen eigenartigen Traum. Einen Traum, der alle anderen Träume übersteigt. Den Traum von der Unendlichkeit. Ich träume, dass ich ewig lebe und niemals sterben werde.
Es ist noch sehr früh, und ich bin äußerst gespannt. Der Tag, auf den ich seit Monaten warte, ist da. Es ist Heiligabend.
In diesem Jahr ist Heiligabend etwas ganz Besonderes. Ich freue mich so sehr darauf, mit meinem Vater zusammen zu sein, weil er oft weg und im Ausland auf Reisen ist. Meistens in Deutschland, in Berlin, seiner zweiten Heimatstadt. Und jetzt sollen wir mehrere Wochen zusammenbleiben - alle zusammen.
Wir werden spielen, singen und Weihnachten feiern - Tag und Nacht. Politik, Atomwaffen, Umweltschutz, Die Grünen und die Wahlen in Deutschland müssen für eine kurze Zeit warten. Ich bin elf Jahre alt, bald zwölf, und in vielerlei Hinsicht ein fröhlicher Junge. Ich weiß, dass Weihnachten diesmal viel schöner wird als in vielen Jahren zuvor.
Meine Schwester ist zehn, und wir sind echte Geschwister. Wir spielen zusammen, hauen uns, weinen und lachen zusammen. Sie möchte Friseurin werden, und ich mag es, wenn sie mir das Haar kämmt. Ich habe ziemlich lange Haare, fast so lange Haare wie meine Schwester, eine echte Topffrisur.
Meine Mutter Gretchen spart, wo sie nur kann, weil Geld bei uns immer knapp ist. Oft leben wir von Almosen und Gaben von freundlichen Mitmenschen. Einmal bekamen wir Geld vom Bundespräsidenten. Ich erfinde eine Frisur nach der anderen.
Zu meinen Lieblingsfrisuren gehört die Orang-Utan-Frisur. Es dauert Stunden, um sie zu machen, aber meine Schwester hat Geduld. Ich genieße jede Sekunde. Und ich liebe auch die Krokodilmethode, bei der sie Krokodil spielt und mit allen zehn Fingern tief in meine Kopfhaut bohrt. Das kratzt märchenhaft.
Ich schaue von unserem Etagenbett auf sie herunter, aber sie schläft tief, und ich kann gut sehen, dass sie noch nicht so weit ist, mich mit Kamm und Händen zu bearbeiten.
Ich bleibe noch im Bett und dribbele etwas mit meinem Lederball, der wie immer am Fußende liegt. Ich spiele Fußball und gehöre zur Meistermannschaft. Ich bin nicht der Beste, aber über dem Durchschnitt. Habe wohl etwas vom sportlichen Talent meines Vaters geerbt. Rudi war am Ende der fünfziger Jahre einer der besten Zehnkämpfer der DDR. Doch das bedeutet heute nicht mehr viel.
Am meisten interessiert es mich, mit ihm, meiner Mutter und Schwester zusammen zu sein. Und wenn wir mal im Skansepark in der Nähe unserer Wohnung in der Heibergsgade in Århus kicken, dann nur, weil mein Vater und meine Schwester mitspielen und natürlich ein Haufen Jungen und Mädchen, die immer mitspielen, wenn sie bei den Erwachsenen mitmachen dürfen.
Ich schlafe noch einmal ein.
Ich wache wieder auf und freue mich. Meine Schwester liegt immer noch unter mir im Etagenbett. Sie atmet tief und zufrieden. Ihr Körper liegt ruhig, und ich klettere leise aus dem Bett und berühre kurz ihre langen, braunen Haare. Sie sind weich. Sie dreht sich um.
Sie schläft immer lange, wenn wir nicht in die Schule gehen müssen. Durch das Haus weht ein kräftiger Duft nach Mandeln. Meine Mutter und mein Vater sind schon aufgestanden. Sie beschäftigen sich mit ihren Sachen. Ich höre es rascheln, ein Rascheln von Papier, Glanzpapier, Silberpapier und Goldpapier. Sie sind dabei, Geschenke einzupacken. Geschenke für mich.
Ich blinzele durch den Türspalt, kann aber nicht erkennen, was meine Mutter gerade einpackt. Mein Vater lächelt zu mir herüber. Ich sehe, dass er schon das Schachspiel aufgebaut hat und mit Weiß spielen möchte.
Und Weiß hat es gleich sehr eilig. Zwei Bauern stürmen im Sauseschritt über das Brett. Das Heer des weißen Königs ist nahezu unüberwindbar. Begleitet von den Springern, ist der Sturmangriff auf den schwarzen König beeindruckend und unwiderstehlich.
Der König sieht keinen anderen Ausweg, als seine Dame zu opfern. Ein erbärmlicher Schritt. Ein falscher Zug. Er setzt seine eigene Freiheit, sein eigenes Leben über das anderer. Mein Vater lächelt in meine Richtung, er wird gewinnen, und ich fliehe über Stock und Stein.
Die Bauern liegen wie gefallene Märtyrer aus einer anderen Zeit auf den von der Sonne gereiften Feldern. Nicht ein Bauer ist übrig. Alle sind weg. Ausgerottet. Nur die Könige und ihre wackligen Türme sind noch da. Fünf Züge bis Schachmatt oder zum ewigen Remis.
Ich greife etwas fahrig auf seiner linken Seite an. Ich mache das normalerweise nicht, ohne es ihm zu sagen. Er ist auf der linken Seite blind. Mein Turm saust zurück auf die Grundlinie. Ich gewinne mit Hilfe von Schweigen und Arglist. Mein Vater lacht und sagt: "Alter Gauner!"
Der weiße, alte König fällt. Mein Vater lächelt, doch trotzdem bemerke ich, dass etwas darin liegt. Es ist nicht wie sonst. Der König fällt anders, als er umstürzt.
Es hat einen tieferen, schwereren, hohleren Klang, als er mit seiner stolzen, aufrechten Haltung auf das Brett trifft. Der Kopf fällt ab und kullert an die Tischkante. Wir sind beide wie gelähmt. Mein Vater greift sich an den Kopf. Ich schließe meine Augen.
Das Schachspiel wird weggestellt. Bevor wir das Zimmer schmücken können, muss noch ein Weihnachtsbaum her. Während wir auf meine Schwester und meine Mutter warten, die sich noch fertigmachen, raufe ich mit meinem Vater.
Wir werfen uns aufeinander, aber gegen einen alten Ringer mit Blumenkohlohren lande ich rasch auf der Matte und schlage zum Zeichen meiner Kapitulation auf den Boden.
Meine Schwester und meine Mutter haben jetzt ihre Wintersachen an und schauen nachsichtig auf uns runter. Sie möchten los.
Wir fahren zuerst am Wasser entlang mit dem alten Mercedes, der über und über mit roten, grünen, gelben und orangefarbenen Blumen bemalt ist. Die Blumen sind das Werk meiner Mutter. Wir haben alle ziemlich verwundert geschaut, als eines Tages eine Blumenwiese in voller Pracht im Sonnenschein vor der Tür stand. Das Auto war vorher langweilig grau gewesen.
"Ist er nicht schön?", fragte sie begeistert. Meine Schwester und ich scharrten mit den Füßen auf dem Boden und wussten, dass wir mit Hänseleien zu rechnen hatten. Andererseits waren wir nach und nach so manches gewohnt. So ganz normale Eltern hatten wir eben nicht.
Das Auto war auch sonst außergewöhnlich. Es trug ein deutsches Kennzeichen. Ein solches Auto gab es in unserer Straße nicht noch einmal. Oft nahmen mein Vater und meine Mutter uns und die Kinder aus dem Viertel zu einem Ausflug mit dem Auto mit.
Sich auf der alten Lederrückbank ohne Sicherheitsgurte zu fläzen, während wir von Autorennen phantasierten, war ein besonderes Vergnügen. Die Menschen lächelten uns an, wenn wir mit dem grauen Blumenmeer vorbeigefahren kamen.
Wir fahren auf der Landstraße nach Süden aus Århus raus. Plötzlich lenkt meine Mutter auf einen Acker, und wir rumpeln so lange vorwärts, bis wir einen kleinen Waldweg erreichen. Alle Mann aussteigen - schnell. Wir brauchen einen Weihnachtsbaum, sagt mein Vater, während er die Säge schwingt.
In Nullkommanichts haben wir eine schöne Fichte von fast drei Metern gefunden. Wir stopfen sie in den Kofferraum, doch der Baum hängt zwei Meter lang heraus. Wir rasen nach Hause. Alle sind erleichtert, als wir in die Heibergsgade einbiegen.
Wir schleppen den Baum unter kräftigem Stöhnen und Lärmen durch das Treppenhaus hinauf und wuchten ihn ins Wohnzimmer. Der Geruch von frischen Nadeln breitet sich in der ganzen Wohnung aus. Danach geht Rudi ins Badezimmer.
Meine Schwester und meine Mutter beschäftigen sich mit dem hübschen Kleid, das meine Mutter speziell für diese Gelegenheit genäht hat. Zuerst die Frisur, dann das Kleid. Meine Schwester lächelt und küsst meine Mutter. Ich habe mich vor die Flimmerkiste gesetzt und sehe mir einen Zeichentrickfilm an.
Zusammen mit meiner Schwester schmücken wir den Weihnachtsbaum, so dass der Baum voller Wichtelmännchen mit Süßigkeiten und Leckereien hängt. Es ist ein großer, schöner Baum. Vorsichtig zünden wir die Kerzen an. Unter dem Baum liegen viele Geschenke. So viele haben wir noch nie bekommen. Ausgelassen laufe ich um den Baum. Ich lache und bin glücklich. Meiner Schwester sage ich, dass ich bestimmt den neuen Märklin-Zug bekomme. Sie sieht mich fragend an. Ich erkläre, dass es eine genaue Kopie der neuen Intercity-Züge ist, die jetzt in Deutschland fahren.
Meine Schwester nickt und antwortet ausgelassen: "Und ich will das neue Abba-Shirt haben. Ich habe Papa gesagt, dass das das Einzige ist, was ich haben möchte." Ich sage: "Weißt du was, Papa hat mir erzählt, dass der Intercity 200 Kilometer pro Stunde fahren kann und dass er selbst schon damit gefahren ist und wir es nächstes Jahr auch ausprobieren werden."
Ich mache eine rasche Bewegung und gebe einen flugzeugartigen Laut von mir. Meine Schwester lacht. "Weißt du was, Mama und Papa haben bestimmt keine Ahnung, wer Abba ist. Ich hoffe nur, dass sie das richtige Shirt gekauft haben."
Meine Mutter kommt zu uns rein. Wir haben den Weihnachtsbaum fertig geschmückt. Meine Schwester fragt ungeduldig: "Kriege ich das Abba-Shirt?" Meine Mutter ist etwas kurz angebunden. "Ist Papa nicht hier bei euch? Wir können bald essen." Ich spiele weiter mit meinem imaginären Intercity und sage, dass er immer noch im Badezimmer ist.
"Komisch. Er ist schon ziemlich lang im Bad", sagt meine Mutter. Sie geht raus und ruft uns noch zu, dass wir gleich zum Essen kommen sollen.
Meine Schwester ruft ihr nach: "Vielleicht solltest du mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist." Die Kerzen flackern hinter uns. Es zieht durch die Wohnung. Es ist Nachmittag, und ich erinnere mich, wie ich in die Küche gehe. Auf dem Weg vorbei am Badezimmer sehe ich, wie Rudi seine Schuhe putzt.
Ich gehe zu ihm hinein, im Badezimmer riecht es stark nach Schuhcreme. "Hier stinkt's." Wir sprechen mit ihm nur Deutsch, nicht Dänisch, weil er nach dem Attentat keine Fremdsprachen mehr lernen kann. Er antwortet nicht auf meine Bemerkung, bittet mich aber, die Tür anzulehnen. Die Badewanne ist voll mit heißem Wasser.
Ich gehe in die Küche, wo Polly und Gretchen das Essen vorbereiten. Nach einem kurzen Wortwechsel und einem raschen Blick auf die Ente gehe ich raus, um den Zeichentrickfilm weiter anzuschauen. Zusammen mit meiner Schwester gucken wir Ahörnchen und Behörnchen und knabbern ein wenig Weihnachtssüßigkeiten.
Der Wein ist rot, und die Ente brutzelt duftend im Ofen. Mein Vater trinkt nie und meine Mutter nur äußerst selten. Doch an diesem Abend wollen sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben ein Gläschen Wein teilen.
Sie haben ein Geheimnis, das Geheimnis von einem neuen Leben. Die Kerze flackert. Es zieht durch die Wohnung. Wir schauen uns an. Wir schmücken den Weihnachtsbaum weiter, bis er über und über bedeckt ist. Wir hören damit auf und verfolgen mit den Augen, wie Gretchen zum Badezimmer geht. Wir schauen einander fragend an. Gretchen schreit hysterisch: "Rudi, Rudi, Rudi." Grünes Licht dringt aus dem Badezimmer.
Ich renne, so schnell ich kann, durch das Zimmer. Komme ins Badezimmer und sehe, wie Rudi nackt auf dem Boden liegt.
Das enge, längliche Badezimmer erscheint ganz kalt, und ich sehe schiefe, verzerrte Bilder. Ich erkenne jede Furche und jede Zelle von Rudis leblosem Gesicht.
Gretchen rennt los und ruft Hilfe herbei. Ich werfe mich auf ihn. Ich schreie "Rudi, Papa, Papa, Papa", glaube ich. Aber vielleicht schreit es nur in meinem Kopf.
Laufe in die Küche, schnappe mir einen Topf, fülle ihn mit kaltem Wasser, sehr schnell. Möchte ihn wecken. Schütte es über seinen Kopf, während mir die Tränen die Backen herunterlaufen.
Ich spreche jetzt ruhiger zu meinem Vater: "Wach auf, wach doch auf, lieber Papa, wach endlich auf, Papa! Du sollst aufwachen."
Fülle den Topf wieder auf und schütte erneut Wasser über seinen Kopf. Setze mich zu ihm und schüttele ihn. Umarme ihn. Versuche, ihm eine Mund-zu-Mund-Beatmung zu geben. Aus seinem Mund kommt grüner Schleim.
Ich spüle ihn mit Wasser aus der Badewanne weg. Es kommt mehr. Ich spüle ihn wieder weg. Gebe ihm wieder eine Mund-zu-Mund-Beatmung. Berühre seine Lippen.
Ich schreie wieder: "Rudi, sag doch was, möchtest du nicht etwas sagen, sagen, wo du bist ... Rudi, sag mir, wo du bist, damit ich zu dir kann ... Lieber Rudi, sag mir, wo du bist, damit ich dich zurückholen kann."
Er liegt leblos und nackt vor mir. Ich schaue ihn an. Sein langes, schwarzes Haar ist grau geworden, vollkommen glatt, und legt sich um seinen Kopf. Einige Haare hängen in seine Augen. Ich streiche sie vorsichtig zur Seite.
Die Augen lächeln mich an. Seine Arme, die mich eben noch durch das Zimmer geschleudert haben und voller Leben waren, liegen schief auf dem hellen Terrazzoboden. Ich nehme den linken Arm und lege die Hand auf seine Brust. Der Brustkorb bewegt sich nicht.
Ich lege trotzdem mein Ohr auf das Herz und lausche mit schwacher Hoffnung. Nehme den rechten Arm und lege ihn auf sein Herz. Der Körper ist tot. Die Härchen auf den Armen, die früher in alle Richtungen kräftig nach oben standen, liegen vollständig flach über der Haut.
Die Haare sind klatschnass und kleben wie Schleim auf seiner Haut, die so kalt ist. Ich lecke sie sauber und trocken.
Ich lecke und lecke, und er wird ganz warm. Das Licht verschwindet für einen kurzen Augenblick. Ich sehe ihn lächeln, und er sieht mich sanft an. Ich höre ihn sagen:
"Du musst loslassen. Wir sehen uns wieder, wenn es so weit ist. Lebe dein Leben. Schuld belastet. Schuld erzeugt Trauer. Ich vergebe dir."
Wir küssen uns. Kalt gegen warm. Weich gegen hart. Jung gegen alt. Nass gegen kalt. Vater gegen Sohn. Sohn gegen Vater. Er gibt mir den Kuss der Liebe. Ich gebe ihm den Todeskuss, der ihn für ewig wegschickt.
Die Tür geht auf, und ich werde ihn in seiner Fleischlichkeit nie wieder sehen.
Es ist still in der Wohnung. Wir, meine Mutter, meine Schwester und ich, gehen durch den Park in der Nähe unserer Wohnung. Dort, wo mein Vater immer mit seinen Turnschuhen lief. Der Klang war so dumpf und rund. Wir halten uns an den Händen.
Wir sehen das blaue Blinken von der Straße und hören die durchdringenden Geräusche der Sirenen. Der Weihnachtsbaum steht am Fenster, und das Blaulicht trifft auf die Kerzen am Baum, die heruntergebrannt sind.
Wir stehen in einem dunklen Zimmer, vielleicht ist es unser Zimmer, vielleicht liegen wir unter dem Bett. Ein grünes Licht breitet sich unangenehm aus dem Badezimmer aus, unsere Gesichter leuchten in der Dunkelheit schwach grün. Ich höre unterdrückte Männerrufe aus dem Badezimmer. Die Notärzte kämpfen im Badezimmer. Die Wiederbelebungsgeräte sind im Einsatz. Das Geräusch von Luft, die ein- und ausgeatmet wird, ein und aus, ein und aus, immer wieder.
Meine Mutter schreit klagend: "Macht weiter, versucht es weiter. Ihr sollt weitermachen." Sie fängt an zu weinen, während sie mit schwächer werdender Stimme ruft: "Weiter, weiter." Die Notärzte sagen, dass es keinen Sinn mehr hat, er kommt nicht wieder zurück.
Das grüne Licht verschwindet. Die Sirenen und Blaulichter verschwinden, und ich werde von völliger Dunkelheit verschluckt. Ich bin in einem Zimmer, zusammen mit meiner Schwester. Ich blicke an die Decke, während wir uns an den Händen halten und einander umarmen.
Zum ersten Mal in meinem Leben bete ich.
Ich glaube an dich. Hilf uns. Meine Schwester weint lange und schluchzt leise. Bist du da? Vergiss uns nicht. Ich halte die Hand meiner Schwester ganz fest. Und bete weiter.
Lieber Gott im Himmel hinter den Wolken. Rette unseren Vater. Blase deinen lebendigen Atem in sein müdes Gesicht. Dann werden wir bis in alle Ewigkeit an dich glauben und dir zutiefst dankbar sein. Amen.
Die Notärzte räumen ihre Sachen zusammen. Die Sauerstoffgeräte sind abgestellt. Die Herzmassage ist vorbei. Die Mund-zu-Mund-Beatmung abgeschlossen. Das Licht blinkt von der Straße in Rot und Blau, wie ein Leuchtturm über dem dunklen Meer.
Wir sitzen schweigend. Meine Schwester und ich. Die Geräusche sind verschwunden, und wir sitzen einfach nur da. Ich verstecke mich. Mein Vater ist weg.
In den nächsten Tagen bin ich viel weg. Wir fahren nach Berlin, wo mein Vater beerdigt werden soll. Ich verstecke mich, damit mein Vater nicht beerdigt werden kann. Meine Mutter findet mich. Bei der Beerdigung drängen sich Tausende von Menschen.
Ich bin auch da. Ich erinnere mich nur an das leere Grab, das große, dunkle Loch und den Sand, den ich auf den Sarg werfe. Ich erinnere mich nicht daran, was mit all den Geschenken war und wann wir sie ausgepackt haben. Ich habe meinen Intercity von Märklin bekommen. Er ist gelb. Ich habe ihn immer noch, auch wenn er ein wenig ramponiert ist. Heute spielt mein Sohn damit.
Ein Jahr später sah ich meinen Vater zum letzten Mal. Es ist auf einer Skipiste in Norwegen. Ich rase wie ein Besessener die schwarzen Pisten hinab. Ich nutze meine ganze Technik, die ich gelernt habe. In die Knie gehen, die Hüften einsetzen.
Ich wedele von Seite zu Seite, ohne zu bremsen, überhole alle anderen - viele rufen. Ich hole ihn für einen kurzen Augenblick ein. Wir lächeln uns zu. Ich falle wieder etwas zurück, aber ich setze alle meine Kraft und mein ganzes Können ein und hole ihn wieder ein. Er lächelt. Ich lächle zurück.
Doch je mehr er lächelt, desto langsamer werden meine Skier. Schließlich bleibe ich stehen und schaue nur dem schwarzen Schatten hinterher, der hinter dem Hügelkamm verschwindet. Ich rase hinter ihm her, aber er ist und bleibt verschwunden.
Ich stehe lange auf der Piste. Ganz allein. Niemand kann mich sehen. Ich friere nicht, habe eine Schale um mich herum. Eine Schale, die mich vor dem Tod schützt, vor dem Leben, vor den Gefühlen. Mein Leben. Ich spüre aber noch etwas anderes. Ich schaue in den Himmel und weiß, dass er immer bei mir ist. Der Tod bringt uns wieder zusammen. Irgendwann. Ich weiß, er ist tot. Und ich weiß, dass ich geboren wurde, um zu sterben. Aber auch, dass ich mein Leben ganz leben soll.

Dutschkes Tod
Am 24. Dezember 1979 starb Rudi Dutschke nach einem epileptischen Anfall im Badezimmer seines Hauses in Århus - Spätfolge eines Attentats, das im April 1968 auf ihn verübt wurde. Der Hilfsarbeiter Josef Bachmann hatte vor dem SDS-Büro am Kurfürstendamm in Berlin dreimal auf ihn geschossen. Weil die "Bild"-Zeitung in den Wochen zuvor gegen die "Rädelsführer" der Studentenbewegung agitiert hatte, kam es nach dem Anschlag zu den bis dahin schwersten Auseinandersetzungen der Studentenrevolte. Dutschke selbst hat sich von den Folgen des Anschlags nie ganz erholen können, Sprache und Gedächtnis musste er sich in monatelanger Therapie wieder aneignen. 1970 zog er mit seiner Familie nach Århus, wo er als Universitätsdozent arbeitete. Sein Sohn Hosea Dutschke, inzwischen 41 Jahre alt und als Verwaltungsdirektor in Århus tätig, berichtet nun erstmals vom Tod Rudi Dutschkes.
Aus dem Dänischen von Johannes Wendland, Commercial Translation.
Von Hosea Dutschke

DER SPIEGEL 52/2009
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