19.12.2009

RADRENNENUnter Geiern

Die Tour du Faso führt durch eins der ärmsten Länder der Erde. Das Rennen ist eine Kollision der Welten: Erste gegen Dritte, Europäer gegen Afrikaner, Schwarz gegen Weiß.
Gleich müssen sie kommen, gleich sind sie da!", ruft der kahlgeschorene Mann ins Mikrofon, er trägt ein blaues Gewand und hüpft ausgelassen von einem Bein aufs andere. "Die Könige der Straße, bald kommen sie! Was für ein Spektakel!" Er singt die Sätze jetzt: "Lasst uns die Helden feiern, wenn sie im Ziel sind. Es lebe Burkina Faso! Vive le tour!"
Der Glatzköpfige ist Moderator bei der Tour du Faso, dem größten Radrennen in Afrika. Es führt durch ein malariaverseuchtes Land, das bis 1984 Obervolta hieß; zehn Etappen sind zu fahren, 14 Teams nehmen teil, 10 aus Afrika und 4 aus Europa, im Fernsehen ist es in 50 Ländern zu sehen.
Es ist Freitag, heute hat die Tour begonnen, der Wind bläst scharf, und die Sonne brennt über Boromo, einer Kreuzung mit Hütten aus Lehm und Wellblech. Ziegelöfen qualmen, Hunde bellen. Am Wegesrand stehen gut 500 Menschen, Mädchen und Jungen in fleckigen T-Shirts klatschen im Rhythmus, zahnlose Männer trommeln auf selbstgebauten Schlagzeugen, zwischen ihnen harren Frauen in bunten Tüchern aus, einige tragen etwas Hirse bei sich, fast jede schleppt ein Baby auf dem Rücken.
Die Gegend hier ist sauber, weil die Leute sich Müll nicht leisten können. Sie werden im Schnitt nur 53 Jahre alt, und jedes dritte Kleinkind leidet an Untergewicht.
Die Dorfbewohner blicken die Straße hinunter und warten. Auf die 83 Radfahrer, die vor zweieinhalb Stunden in Kokologo gestartet sind, 136 Kilometer nordöstlich von hier. Ein paar Minuten nur noch, dann müssen sie ankommen.
Endlich ist am Horizont das Peloton zu erkennen, es nähert sich schnell. "Sie sind da!", ruft der Mann im blauen Gewand, er wackelt mit der Hüfte, dreht eine Pirouette, wirft die Arme in die Luft und peitscht mit dem Mikrofonkabel auf den Boden, als wäre er ein Voodoo-Priester. "Sie sind da! Die Tour du Faso! Was für ein Sport, was für ein Drama!"
Dann rollen die Fahrer über den Zielstrich. Ein bleistiftdünner Bursche aus Gabun steigt vom Rad, er bricht zusammen, jemand fängt ihn auf und schreit nach Wasser. Im Schatten eines Affenbrotbaums sitzt ein Fahrer aus Benin, das Hemd geöffnet bis zum Bauchnabel, er hat Krämpfe in den Waden, japst nach Luft. Startnummer 76, ein jammerndes Bündel aus Togo, liegt im Staub, sein rechtes Knie wird vom Arzt genäht, er ist gestürzt und die letzten 60 Kilometer mit offener Wunde gestrampelt.
Am Himmel kreisen die Geier.
Die Franzosen sehen noch fit aus, die Slowaken auch - und die Belgier sowieso.
Die Tour du Faso, dotiert mit 16,9 Millionen westafrikanischen Francs, umgerechnet sind das 25 800 Euro, ist ein Rennen für europäische Abenteurer, die sich leichtverdientes Geld versprechen. Und für Afrikaner, die sich nach einem besseren Leben sehnen. Eine Kollision der Welten: Erste gegen Dritte, Schwarz gegen Weiß, Reich gegen Arm.
Eine Stunde nach der Ankunft liegt Julien Navarro in einem Partyzelt auf einer dünnen Matratze mit Tarnfleckenmuster. Es gibt kein Hotel in Boromo, darum übernachten die Fahrer im Biwak. Navarro hat die Hände hinterm Kopf verschränkt, und an seinen Oberschenkeln kleben Elektroden; die Stromstöße sollen die Muskeln entspannen.
Navarro ist 24, er lebt in Straßburg und fährt für das Team Elsass, ein gelernter Automechaniker, schwarze Haare, Goldkettchen. Er ist das erste Mal in Afrika. Er hat sich gegen Hepatitis impfen lassen, gegen Typhus, Hirnhautentzündung und Polio, er schluckt hochdosierte Malariapillen, und sein Koffer ist vollgestopft mit Reiswaffeln, Dosenfleisch, Körnerriegeln und Isostar-Pulver. Man kann ja nie wissen.
Vor acht Wochen hatte er erfahren, dass er Ende Oktober in Burkina Faso starten soll, er hatte noch nie von dem Land gehört. "Ich habe es gegoogelt. O Mann! Zuerst wollte ich nicht mitfahren, wegen der Hygiene, des Elends. Aber mein Teamchef hat mich überzeugt. Er meinte, es sei doch eine gute Möglichkeit, sich international zu präsentieren."
Vor den Zelten ölen Franzosen und Niederländer die Ketten ihrer Räder, sie ziehen Muttern fest und polieren Zahnkränze. Ein Belgier lässt sich von zwei Afrikanerinnen mit sehr langen Beinen den Rücken kneten, "wir sind die Masseurinnen und die Maskottchen des Teams", sagt eine.
Auf einem Baumstumpf sitzt ein Franzose mit sonnenverbranntem Gesicht und ruft in der Heimat an, zwei von drei Menschen in Burkina Faso müssen von weniger als einem Dollar am Tag leben, aber Handy-Empfang hat man im hintersten Busch: "Ich werde kein Gemüse essen, elf Tage nur Reis, ich will nicht krank werden."
Er hat kaum aufgelegt, da spurtet ein Slowake an ihm vorbei zur Toilette, einem frisch gegrabenen Loch hinter einem Paravent.
Drei Fahrer aus Benin und von der Elfenbeinküste reiben sich mit der flachen Hand den Bauch und grinsen. Sie stehen vorm Wassertankwagen und waschen ihr Leibchen mit Kernseife, jeder hat nur eins, sie legen es zum Trocknen über einen Dornenstrauch.
In der hintersten Ecke des Zeltlagers diskutieren zwei Fahrer aus Burkina Faso über das heutige Rennen, einer von ihnen ist Jérémie Ouedraogo, der nationale Meister und Kapitän seiner Equipe, Startnummer eins.
Er hat an beiden Schläfen jeweils drei horizontale Narben, etwa fünf Zentimeter lang, sein Vater hat ihn dort mit einem Messer geschnitten, als er sechs oder sieben war, genau weiß er das nicht, Geburtsdatum unbekannt. Die Narben sind eine Art Brandzeichen, mit diesen Schnitten markiert der Stamm der Mossi seine Kinder.
Jérémie ist verbittert. Er sagt, einige der Afrikaner hätten nicht genug zu essen, um für 140 Kilometer zu trainieren. Sein Team kann jeden Tag nur drei Reifen wechseln, der vierte Fahrer, der einen Platten hat, muss aufgeben - ein Ersatzrad besitzen sie gar nicht. Wie sollen sie da mithalten?
"Wir fahren auf Afrikas Straßen, und die wollen wir verteidigen. Doch die einzige Waffe, mit der wir uns wehren können, ist unser Herz, unsere Leidenschaft."
Wenn Jérémie kein Rennen fährt, verkauft er in der Hauptstadt, in Ouagadougou, auf dem Markt Nägel, Klemmen und Kabel. Er hat einen achtjährigen Sohn, seine Frau ist im neunten Monat schwanger, sie wohnen in einem Steinhaus, vier mal fünf Meter, zwei Zimmer, Gasherd, im Hof drei Hühner, ein Mangobaum und eine Tonne für Regenwasser.
Sein Rad hat er vor fünf Jahren gekauft. Gebraucht. Das Sattelleder ist rissig, der Lenker mit Isolierband umwickelt, und das Tretlager wackelt.
"Es fährt", sagt Jérémie.
Die Nacht im Biwak ist unruhig, Grillen zirpen, Vögel kreischen. Mit Sonnenaufgang sind alle auf den Beinen.
Am nächsten Morgen geht es über 159 Kilometer nach Gaoua. Der Himmel ist eine triefende Wolke. Um Viertel vor acht bricht die Werbekarawane hupend auf, zwei Bullis, beladen mit Suppenwürfeln von Maggi und Zahncreme von Colgate, die Hostessen an der Strecke unters Volk bringen.
Der togoische Nationaltrainer verteilt Würfelzucker an seine Männer, drei Stück kommen in jede Trinkflasche; die Kameruner stecken sich kleine Honigportionen in die Taschen, und Julien Navarro lutscht noch schnell ein Powergel, 41 Gramm, 107 Kilokalorien.
Er wird von Kindern angebettelt, sie umringen ihn und fragen pausenlos: "Nassara, cadeau?" Doch der weiße Mann hat kein Geschenk. Er hat nicht mal einen Blick.
Um acht Uhr schwenkt der "Directeur de course" die Fahne zum Start. Es dauert nicht lange, und schon reißt ein Fahrer von der Elfenbeinküste aus. Es folgt Angriff auf Angriff, immer wieder quält sich ein Afrikaner allein gegen den Wind und durch den apokalyptischen Regen. Aber ohne Aussicht auf Erfolg. Die Europäer kontrollieren das Feld.
Mittags im Ziel verteilt der Presseoffizier der Tour, ein kleiner, freundlicher Mann in Alemannia-Aachen-Trikot aus der Altkleidertonne, das neue Gesamtergebnis. Die Zeiten stimmen vorn und hinten nicht. Ein Franzose baut sich vor dem Pressesprecher auf, "Zustände wie im Mittelalter", sagt er und zeigt ihm den Vogel. Der Teamchef der Elsässer kommt dazu, er wedelt mit dem Papier, "une belle merde" sei das Ergebnis, eine schöne Scheiße, er macht mit der Hand den Scheibenwischer.
"Die Organisatoren versuchen alles, um den einheimischen Fahrern zu helfen", sagt ein Slowake. Falls das Klassement nicht korrigiert wird, will sein Team einen Boykott der Europäer organisieren.
Abends liegt im Hotel die überarbeitete Liste aus, sie ist tadellos. Angeblich hat die Zielkamera nicht ordnungsgemäß funktioniert, und der Mensch, der per Hand gestoppt hat, war mit seinen Gedanken sonstwo. Kann passieren, sagt der Pressemann, "c'est l'Afrique".
Und in Afrika laufen die Dinge nun mal anders. Es ist ein europäisches Missverständnis zu glauben, es genüge, einen Teil der eigenen Kultur in ein Land zu exportieren, um dessen Mentalität zu ändern.
Die Franzosen führten im Dezember 1959 den Radsport in ihre Kolonie ein, acht Monate vor der Unabhängigkeit veranstalteten sie ein Schaurennen auf einem Rundkurs in Ouagadougou. Der Italiener Fausto Coppi, fünfmal Sieger des Giro, fuhr auf Rang zwei. Danach ging er auf Safari, infizierte sich mit Malaria und starb.
Das Kriterium fand nun jedes Jahr statt, bis es Präsident Thomas Sankara 1987 umwandelte in die landesweite Tour du Faso. 2001 übernahm die französische Amaury Sport Organisation das Rennen, es ist dasselbe Unternehmen, das auch die Tour de France ausrichtet. Vergangenes Jahr stieg die Firma wieder aus, 100 000 Euro Verlust waren dann doch zu viel. Jetzt müssen es die Burkiner wieder selber machen.
Der Tross zieht weiter durch die Feuchtsavanne. Orodara. Koumi. Bobo-Dioulasso. Und vom Dopingkontrolleur des Radsport-Weltverbands, der im Programmheft auf Seite vier aufgeführt wird, fehlt nach wie vor jede Spur.
Erst zum Start der fünften Etappe taucht er auf. Martin Bruin, ein Niederländer, ist gestern Abend aus Amsterdam eingeflogen, er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Rudi Carrell, schlohweiße Haare über einem länglichen Gesicht mit großer Nase.
"Was ist das wieder ein herrlicher Tag", sagt er und zieht tief Luft durch die Nase, wie es Wanderer machen, wenn sie mitten in der Natur aus dem Auto steigen. Testen will er heute noch nicht, er ist zu müde, und der Tour-Moderator verkündet über Lautsprecher: "Der Dopingfahnder ist da. Alle Fahrer aufgepasst! Morgen gibt es die erste Kontrolle. Seht euch vor!"
Ein Franzose sucht hektisch Klopapier, "j'ai la chiasse", sagt er, auch bei ihm rebelliert der Magen. Jérémie kniet betend im Gras, und Karsten Keunecke, ein Deutscher aus Bergneustadt, reibt sich müde die Augen. Er war die halbe Nacht damit beschäftigt, Moskitos zu erschlagen.
Keunecke, 28 Jahre alt, hohe Stirn, blonder Fusselbart, Ruhepuls 48, ist ein Globetrotter, der schon in 28 Ländern gefahren ist, in Iran, Pakistan, Thailand und Kamerun. "Die Schwarzafrikaner kämpfen ums nackte Überleben", sagt er. "Mich würd's wundern, wenn die hier was holen." Dann fährt er los.
Es sind noch 500 Meter bis zum Ziel, eine Massenankunft, noch 400 Meter, und Jérémie spendet einem Landsmann Windschatten. Es ist Rasmané Ouedraogo, Startnummer fünf, der beste Burkiner in der Gesamtwertung, noch 350 Meter, Rasmané liegt an sechster Stelle, noch 300 Meter, es könnte klappen ... da bricht sein rechtes Pedal ab. Es jubelt am Ende ein Belgier.
Die Leiterin eines Kulturzentrums ehrt die Sieger; Rasmané, Segelohren und Augen, die traurig gucken, erhält das Trikot für den aggressivsten Fahrer des Tages. Als er ins Publikum winkt, schaut er auf seine Füße. Er weiß, es ist nur ein Trostpreis.
Zwei Busse bringen die Fahrer ins Hotel, Schwarze und Weiße sitzen getrennt voneinander. Wasser und Öl. Hinten lungern die Europäer, mit nacktem Oberkörper, die Beine hoch, Sonnenbrille auf der Nase, Musik vom iPod. Vorn dösen die Afrikaner, die Vorhänge zugezogen und die Lüftung abgedreht.
Pinkelpause. Plötzlich droht ein Burkiner einem Marokkaner mit den Fäusten, er schreit ihn an, schubst ihn durch den Bus, sie streiten sich um einen Platz am Fenster.
Radfahren ist schön, bitter nur, wenn man nie gewinnt. Der Frust wächst.
Abends um sechs trifft sich die Mannschaft aus Burkina Faso im Hotel Diyanan, Zimmer 134. Die Fahrer hocken sich auf das Bett und den Boden. Jérémie kommt als Letzter, die anderen nicken ihm zu, er ist heute Vater geworden, ein Junge. Jérémie will morgen alles geben, für seinen Sohn.
Der sportliche Leiter, ein großer Mann in Sandalen, sagt: "Die Etappe wird lang, 170 Kilometer. Die Europäer werden langsam müde, und das Wetter ist auf unserer Seite, es wird heiß. Aber greift dieses Mal nicht wieder zu früh an." In Gedanken verloren, starren die Fahrer vor sich hin.
Am nächsten Morgen sind sie auf dem Weg nach Dédougou, zur Grenze nach Mali ist es nicht weit. Die Hitze zerrt an der Haut. Das Peloton fährt in einer Reihe, lang und gerade wie eine ausgerollte Schlange. Es geht über marode Brücken und vorbei an Baumwollfeldern, Bauern laufen mit Hacken über den Schultern durch das Gestrüpp. Der "Directeur de course" liegt im Fond seines Autos, blass und kraftlos, er hat Kopfschmerzen und Fieber. Die Malaria hat ihn erwischt.
Das Ziel ist eine Tankstelle am Ortseingang, noch 1250 Meter, wieder attackiert Rasmané, wieder zu früh, wieder verliert er. Und wieder gewinnt der Belgier.
Der sportliche Leiter der Burkiner steigt aus dem Wagen, seine Mundwinkel sind tief heruntergezogen, das Gesicht ist wie versteinert. "Viele meiner Fahrer können weder lesen noch schreiben", sagt er. "Sie verstehen meine Taktik nicht, weil sie nie gelernt haben, konzeptionell zu denken."
Jérémie und Rasmané sitzen unter einer Akazie, ein Eselskarren zieht vorbei. "Im entscheidenden Moment hat mir die Kraft gefehlt", sagt Rasmané. Er fragt sich, ob dunkler Zauber im Spiel ist. "Irgendjemand will nicht, dass wir gewinnen."
Ein Mann in Sandalen drückt Jérémie 5000 Francs in die Hand, das macht 7 Euro und 60 Cent, es ist der Saftverkäufer aus der Bar nebenan. "Das soll dir Mut machen", sagt er. Jérémie steckt den Schein wortlos ein.
Es hilft nichts. Tags darauf überquert erneut der Belgier als Erster den Zielstrich, Startnummer 26, aufgepumpte Oberarme, feinrasierter Kinnbart. Der Bürgermeister gratuliert ihm zum Tagessieg, neben dem Podium warnt ein handgemaltes Plakat vor Sex ohne Kondom. Danach marschiert der Belgier zum Dopingtest, zu Martin Bruin.
Der Kontrolleur wartet im Rathaus, an der Decke wirbelt ein Ventilator, auf dem Schreibtisch stehen zwei Becher für die Urinproben. Der Belgier würde gern müssen können, kann aber nicht, er nimmt sich eine Flasche Wasser, trinkt vier, fünf Schlucke, dann sagt er: "Ich weiß nicht, ob ich das erzählen darf, aber wir haben versucht, einen Burkiner gewinnen zu lassen."
Bruin, der gerade den Meldebogen ausfüllt, schaut auf. "Erzähl's ruhig. Ich bin taub, ich bin blind, ich bin stumm."
Der Belgier sagt, kurz vor dem Ziel habe sich eine Gruppe abgesetzt, zwei Burkiner, drei Mann aus seinem Team und vier Franzosen. "Ich habe vorgeschlagen, dass wir die Burkiner ziehen lassen, wenn sie angreifen", sagt er und nimmt noch einen Schluck aus der Flasche. "Nur die Elsässer wollten nicht mitmachen, die wollten die Etappe selbst gewinnen. Petits joueurs! Den Idioten habe ich die Sache vermasselt."
"Warum wollten Sie, dass ein Burkiner siegt?"
"Weil es wichtig ist, dass Burkina Faso eine Etappe holt. Die Tour muss auch für sie ein Erfolg werden, die müssen ihr Gesicht wahren vor den Bonzen." Er greift sich die Plastikbecher, steht auf und verschwindet um die Ecke.
Tenkodogo. Fada N'Gourma. Ouagadougou. Die Tour endet in der Hauptstadt, und am letzten Tag leidet Julien Navarro. Er muss sich übergeben und hat Durchfall, er kann sich kaum auf dem Rad halten, will aber auf keinen Fall aufgeben. Ein Teamkollege fährt die letzten Kilometer neben ihm und schiebt ihn vorwärts. In der Gesamtwertung fällt er auf Platz 45.
Karsten Keunecke beendet die Tour du Faso auf Rang 40, Jérémie auf 32 und Rasmané auf 7, er ist der beste Schwarzafrikaner im Feld. 13 Fahrer haben aufgegeben, darunter 11 Afrikaner. Die Europäer gewinnen neun Etappen, eine geht an einen Marokkaner, und ein Marokkaner sichert sich auch das gelbe Trikot des Gesamtsiegers.
Aber die beiden zählen nicht richtig: Sie trainieren in der Schweiz.
Handwerker bauen vorm alten Präsidentenpalast schon die Tribüne ab, als Jérémie mit dem Rad nach Hause zu Frau und Kindern fährt. Sie brauchen noch einen Namen fürs Baby, und morgen muss er wieder auf dem Markt stehen.
Rasmané hat keinen Job, er träumt von Europa, wo es alles im Überfluss geben soll, Arbeit, Geld, Zukunft. Sein Wunsch ist es, einmal die Tour de France zu fahren; noch nie war ein Schwarzafrikaner dabei.
Julien Navarro liegt im Hotelzimmer auf dem Bett, mager, erschöpft, aber glücklich. Morgen fliegt er zurück nach Hause.
In zwölf Tagen Burkina Faso hat er sich zweimal in die Stadt gewagt.
"Anfangs hatte ich Angst vor den Menschen hier", sagt er. "Ich habe Komfort und Sauberkeit schätzen gelernt. Die Armut ist furchtbar. Es ist schlimm zu sehen, wie sich Kinder um eine leere Plastikflasche prügeln." Seine Taschen hat er schon gepackt.
"Haben Sie sich mal mit einem afrikanischen Fahrer unterhalten?"
Er senkt die Stimme. "Nein. Vor der Etappe hatte ich den Kopf nicht frei, und nachher war ich zu schlapp."
"Kommen Sie nächstes Jahr wieder?"
Er schweigt. Und lacht dann.
MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 52/2009
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