28.12.2009

GRIECHENLANDDie Macht der Fakelaki

Die Griechen haben sich an den Rand der Staatspleite manövriert. Der Schock wirbelt das Land durcheinander, aber die Elite glaubt, dass Euro-Partner wie die Deutschen zahlen werden - für Schlendrian und Korruption.
Er und die anderen Matrosen der großen griechischen Handelsflotte haben ihr Land über Wasser gehalten, viele Jahre lang. Aber jetzt kann Ali Sakiroglou sich nicht einmal mehr selbst helfen, dort unter Deck des 2000-Tonnen-Frachters "Captain Vasilis", wo seine Kajüte ist: vier Quadratmeter, eine Koje, ein Tisch, darauf ein DVD-Spieler.
Ali drückt den Startknopf: ein deutscher Porno, "Meerjungfrauen auf hoher See". Ali kann die Sprache nicht verstehen, aber das macht nichts. Regen pladdert gegen das Bullauge, das Schiff liegt fest an der Pier in Elefsina bei Athen, sehr lange schon. Ali bietet Anisschnaps an, aus einer Plastikflasche mit handgemaltem Preisschild, unversteuert offenkundig. Wer zahlt schon noch Steuern an diesen Staat?
Ali Sakiroglou ist 53 Jahre alt, er hat eine Frau und sechs Kinder, oben im Norden, wo viele muslimische Griechen leben. Vor der Krise fuhr die "Captain Vasilis" im Pendelverkehr Zement etwa auf die Kykladen-Inseln, es gab reichlich zu tun und genug Geld für Ali, um seine Frau zu besuchen: 2200 Euro im Monat. Der Staat baute, Hoteliers bauten, viele wie besessen, und alles auf Pump.
Jetzt kann keiner mehr den Zement bezahlen, das Schiff liegt meistens fest, bewacht von Ali, für nur noch 900 Euro im Monat. Wenn nicht in den nächsten Tagen wieder mal Fracht kommt, wird sein Chef ihn wohl feuern. Dabei muss er noch die zwei Jahre bis zur Rente schaffen. "Griechenland ist erledigt", sagt er, "wer weiß, was aus meiner Rente wird."
Erst lösten Banker in New York und London die Wirtschaftskrise aus - deshalb blieb der Zement weg. Dadurch aber fiel so richtig auf, dass Griechenland außer der Flotte und seinem Tourismus wenig hat, womit sich international Geld verdienen lässt. Die Steuereinnahmen brachen ein, die Regierung verkündete, ihr Defizit werde doppelt so hoch sein wie angenommen. Aber schon diese Annahme war doppelt so hoch wie laut Maastricht-Vertrag erlaubt. 12,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts müssen sich die Griechen borgen - zusätzlich zu den 270 Milliarden Euro Schulden, die sie ohnehin schon haben.
Die Finanzexperten in New York und London reagierten sofort: Die drei großen Rating-Agenturen, die international die Bonität von Firmen und Staaten bewerten, stuften zum ersten Mal ein Euro-Land als unsicher ein, als Letztes senkten vergangene Woche die Leute von Moody's den Daumen. Und dann empfahl der Chef-Währungsexperte der Schweizer Großbank UBS den Kunden auch noch, Euro zu verkaufen - die Währung könne verlieren, unter anderem wegen Griechenland. Das drücke den Euro hinunter, weil "ausländische Zentralbanken das Risiko eines möglichen Auseinanderbrechens der Euro-Zone kalkulieren müssen".
Jahrelang haben griechische Konservative und Sozialisten, sich an der Macht abwechselnd, Geld geborgt, als gäbe es kein Morgen. Mit Misswirtschaft und Nepotismus trieben sie ihr Land an den Rand des Bankrotts. Und die Bürger reagierten auf ihre Weise, mit Korruption und Betrug.
Seit es den Euro gibt, ist das nicht mehr nur das Problem eines Kleinstaats mit elf Millionen Einwohnern, es betrifft ganz Europa. Die Pleite eines Euro-Landes könnte der Währung enorm schaden. Und wird Griechenland mit Staatshilfen gerettet, droht der Dominoeffekt: Andere unsichere Kantonisten könnten sich weich fallen lassen, Italien, Spanien, Portugal.
Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble beruhigte zwar vergangene Woche via "Bild"-Zeitung: Griechenland habe "weit über seine Verhältnisse" gelebt. "Wir können nicht für die Fehler der Griechen zahlen." Aber so etwas sagt jemand, der fürchtet, dass es genau so kommen könnte.
Vor seiner Wahl am 4. Oktober hat der neue Premier Georgios Papandreou Barack Obamas "Change - Yes, we can" ins Griechische übersetzt. Es klang so: "Wir müssen uns ändern, oder wir werden untergehen." In der Nacht zu Heiligabend brachte er dann den härtesten Sparhaushalt der jüngeren Geschichte durchs Parlament. Die Frage ist nur: Wird das reichen?
"Das Problem ist, dass unser schwaches Land die Krise mit einem starken Euro meistern soll - das überfordert die Regierung", sagt einer, der Papandreou und dessen Mannschaft sehr gut kennt. Seine Villa steht auf einem Hügel über Athen, innen antike Möbel, neue Kunst, guter Wein.
Georgios Kyrtzos hat mit dem jetzigen Premier Papandreou auf der Schulbank gesessen, Privatschule natürlich, Abschlussjahrgang 1971. Er hat am edlen Massachusetts Institute of Technology studiert sowie an der London School of Economics. Griechenland ist eine Feudalgesellschaft, beherrscht von feinen Familien; auch Papandreous Vater war schon Ministerpräsident, der Großvater ebenso.
Kyrtzos war Wirtschaftsberater einer konservativen Regierung, ihm gehören zwei Zeitungen. Als Jugendlicher agitierte er für die Kommunistische Partei. "Ich teile die Kritik am Kapitalismus. Aber ich mag ihn."
Er sagt, Papandreou mache "Politik für das Volk, nicht für die Finanzmärkte. Als würden die warten. Ich wünschte, die Welt wäre so". Den Staatsbediensteten hatte der neue Regierungschef vor der Wahl sogar eine reale Gehaltserhöhung im kommenden Jahr versprochen. Spread hin, Spread her.
Dieser sogenannte Spread schoss auf 2,7 Prozentpunkte hoch, nachdem die Rating-Agenturen Griechenland abgewertet hatten. Der Spread ist die Maßeinheit im Teufelskreis. Er kann so tödlich wirken wie das Meerwasser, das ein Schiffbrüchiger in seiner Not trinkt: Je mehr Schulden ein Staat hat, desto höhere Zinsen muss er für seine Anleihen zahlen. Deutschland als solidester Schuldner ist in Europa das Maß der Dinge: Ein Spread von 2,7 heißt, dass Papandreou nun 2,7 Prozentpunkte höhere Zinsen zahlen muss als Schäuble, 6 Prozent ungefähr. Und dadurch wird der Grieche immer mehr Schulden aufhäufen.
Längst sei die Wirtschaft nicht mehr in der Lage, den Staatsapparat zu finanzieren, der sei "völlig außer Kontrolle", sagt Kyrtzos. Papandreou habe nicht die Kraft, ihn zu stutzen, ebenso wie sein konservativer Vorgänger. Am Ende würden die reichen Länder bezahlen müssen.
Beispiel Piräus: In den letzten Monaten übernahm der chinesische Konzern Cosco einen Großteil des zentralen Hafens bei Athen. Die Arbeiter dort sind den Chinesen aber zu teuer, deshalb sollten sie anderweitig beschäftigt werden, wo sie niemand braucht - oder mit Abfindung und Frührente ganz nach Hause gehen. Ein gutes Angebot: Griechische Ruheständler bekommen laut aktuellen OECD-Zahlen von 2007 im Schnitt 95,7 Prozent ihres alten Gehalts, deutsche Rentner nur 43 Prozent.
Trotzdem versprach die alte konservative Regierung, der Chinesen-Deal werde den Haushalt nicht belasten - ein griechischer Zaubertrick. Die Kosten für die arbeitslosen Hafenarbeiter, manche schätzen sie auf 60 Millionen Euro, werden wohl bei der Hafenbehörde hängenbleiben.
Beispiel Schule: Ungefähr 140 000 Lehrer beschäftigen die Griechen. Die Zahl der Kinder wurde in den letzten Jahren geringer, die der Lehrer stieg. Und von den 140 000 sind 18 000 irgendwo im Apparat verschwunden, niemand weiß, wo sie sind.
Konservative und Sozialisten blähten die Verwaltung immer weiter auf, um ihrer Klientel Jobs zu verschaffen. Auf griechische Art nutzte Athen besonders das "Stage"-Programm der EU aus. Es soll eigentlich über Zeitverträge Schnupper-Jobs für Arbeitslose finanzieren, damit die ein paar Monate Berufspraxis bekommen. Inzwischen erledigen 30 000 der sogenannten Stagiers im Öffentlichen Dienst die Arbeit der ohnehin schon viel zu vielen Beamten. Manche schnuppern seit fünf oder sechs Jahren Berufspraxis - und sie sind eine Macht. Als Papandreous Regierung jüngst verkündete, sie wolle wenigstens die Stagiers-Verträge auslaufen lassen, forderten die Betroffenen ihre Verbeamtung.
Gegenüber der öffentlichen Bauern-Pensionskasse OGA in Athen wartet eine zierliche Frau neben ihrem Rollkoffer, der fast so schwer ist wie sie selbst. Dina Rovithaki, 40, kämpferisch und schön, Mutter von zwei Kindern, war übers Wochenende auf Kreta, um den Widerstand zu organisieren. Deshalb der Koffer. Sie ist die Vorsitzende der Stagiers bei der OGA.
Seit knapp fünf Jahren fertigt sie dort Papiere aus, für 500 Euro im Monat, ohne Krankenversicherung. Sie hat es toleriert, weil sie auf eine Beamtenstelle hoffte. Mit ein paar tausend anderen klagt sie jetzt, ihre Stagiers haben sogar schon das Arbeitsministerium besetzt. Die jetzigen Beamten seien von den Sozialisten eingestellte Stagiers "ohne Qualifikation". Sie und ihre Kollegen sollten als "konservative Günstlinge" erledigt werden, wo nun doch wieder die Sozialisten am Ruder sind. Man kann Rovithakis private Wut verstehen. Aber so wächst der Apparat, mal auf der linken, mal auf der rechten Seite.
"Dieser Staat ist zu teuer und ineffizient organisiert. Wir leisten uns immer neue Apparate", sagt Babis Papadimitriou, ein Mann mit dem asketischen Habitus eines Mathematikers. Der Wirtschaftsanalyst ist der Krisenguru der Griechen, ein trockener Star für harte Zeiten; er hat eine tägliche Radiosendung, tritt abends in den Fernsehnachrichten auf und schreibt Zeitungskolumnen.
Papadimitriou sitzt in der Kantine eines Verlags direkt neben einem zehn Meter langen düsteren Ölgemälde: Es zeigt ein heftiges Gewitter über der Küste von Griechenland, ein Stück eines Regenbogens ist aber auch zu sehen. Am Ölschinken vorbei geht der Blick auf einen der Yachthäfen Athens. Boote liegen dort, von denen kaum eines weniger als eine Million Euro kostet. Allein in der Hauptstadt gibt es einige solcher Marinas. Aber nicht einmal 5000 Menschen in ganz Griechenland geben auf ihrer Steuererklärung ein Einkommen von mehr als 100 000 Euro brutto pro Jahr an, sagt Papadimitriou.
Denn der Grieche, sagt der Grieche Papadimitriou, liebe vielleicht seine Nation, betrachte den Staatsapparat aber als Macht, die man ausplündern müsse. Europaweit werden 10 Prozent der Mehrwertsteuer hinterzogen, in Griechenland etwa 30 Prozent. Ein Drittel der gesamten Wirtschaft verlaufe am Finanzamt vorbei. Hunderte von Millionen hinterzogener Steuern ließen sich theoretisch zurückholen, das sieht auch die neue Regierung so. Nur wie? In anderen Ländern würden Finanzbeamte kommen, in Griechenland kommen sie auch. Aber hier arrangiert man sich. Der Beamte bekommt dafür "Fakelaki" - Umschläge mit Schmiergeld. Es gibt sogar Tarife. Für die Abgasprüfung eines Autos sollten 300 Euro in den Fakelaki stecken.
"Wir waren schon immer eine Gefälligkeitsgesellschaft", sagt Kostas Bakouris, Präsident der griechischen Abteilung von Transparency International, der Anti-Korruptions-Organisation. Sie hat Griechenland in diesem Jahr auf Platz 71 der 180 korruptesten Länder der Welt gesetzt, schlimmer als Ghana. Die griechische Durchschnittsfamilie zahle 1700 Euro Schmiergelder pro Jahr.
Kurz nachdem die Sozialisten im vergangenen Herbst die Macht übernommen hatten, holten sie deshalb Georgios Sorbas. Natürlich Sorbas. Ihn schiebt man vor, wenn alle Welt denken soll, nun werde das Übel wirklich ausgerottet. Obwohl der Mann mit dem scharfen Blick unter buschigen Brauen schon 70 Jahre alt ist.
Sorbas ist parteilos, gilt als integer, als harter Hund. Lange war er Ankläger vor Gericht, Vize-Generalstaatsanwalt, dann Staatssekretär im Verteidigungsministerium. Er kümmerte sich vor allem um Korruptionsfälle, zum Beispiel um die Mönche des Klosters Vatopedi in Athos, die die Regierung mit Immobiliengeschäften betrogen haben sollen. Der Jurist kennt die griechische Dunkelwelt derart gut, dass er es nicht einmal mehr komisch findet, wenn selbst Mönche den Staat abzocken wollen.
Die konservative Vorgängerregierung holte ihn deshalb, um eine Finanzaufsichtsbehörde aufzubauen. Doch bald gaben sie ihm keine Stellen mehr, keine Computer. Trotzdem fing Sorbas an, sich dubiose Geschäfte von Pensionskassen anzusehen. Als er in die Kontoauszüge einflussreicher Männer schauen wollte, wurde er kaltgestellt, seine Behörde ins Finanzministerium eingegliedert.
Nun also die Regierung Papandreou. Für sie soll er als Chef einer Expertenkommission ein Gesetz entwerfen für eine große Anti-Korruptions-Behörde. "Noch hat Griechenland genug gesundes Personal, das mit dem Problem umgehen kann", glaubt er.
Transparency-Präsident Bakouris, auch schon 72, sagt: "Ich würde mich freuen, wenn endlich mal jemand ins Gefängnis wandert." Denn sollte sich die Gesellschaft nicht ändern, "sind wir wirklich verloren".
FERRY BATZOGLOU, CLEMENS HÖGES
Von Ferry Batzoglou und Clemens Höges

DER SPIEGEL 53/2009
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