04.01.2010

USABekehrung in Londonistan

Der Fall des Flugzeugattentäters von Detroit blamiert die Vereinigten Staaten: Immer neue Details offenbaren, wie grotesk das mächtige Sicherheitssystem der Amerikaner versagt hat - und wie leicht Terroristen der Qaida weltweit zuschlagen können.
Eine der wichtigsten Schaltstellen im weltweiten Kampf gegen den Terror sieht aus wie eine etwas heruntergekommene alte Kaserne - sehr groß, aber schäbig. Weit weg vom Zentrum der US-Hauptstadt Washington stehen auf 15 Hektar Wiese 32 triste Backsteinklötze. Dazwischen liegen riesige Parkplätze, stehen hohe Zäune, nur Hinweisschilder gibt es keine. Denn wer sich hier nicht auskennt, ist ein Fremder. Und Fremde werden sowieso bei jedem Schritt von Wachen eskortiert.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ließ Präsident George W. Bush in dem alten Gebäudekomplex der Marine ein ganz neues Ministerium gründen, das Ministerium für Heimatschutz. Es sollte da-
für sorgen, dass nie wieder Terroristen die Supermacht daheim so verheerend treffen können.
Inzwischen befehligt die Demokratin Janet Napolitano eines der größten US-Ministerien, sie hat mehr als 200 000 Untergebene und Geld, so viel sie braucht. Rund 40 Milliarden Dollar haben die USA seit dem 11. September allein in die Flugsicherheit investiert. 45 000 neue Wachen für die Flughäfen hat das Ministerium angeheuert, es hat sich Geheimdienstler und Fahnder geholt, Computerexperten, Psychologen und Techniker. Es hat Behörden vernetzt, Datenbanken geschaffen und koordiniert.
Doch all das hat wenig geholfen. Das Jahrzehnt endete - allerdings ungleich glimpflicher, als es begann - mit einem Terroranschlag der Qaida, der die Vereinigten Staaten dennoch ins Mark trifft. Nur Glück verhinderte, dass es diesmal Tote gab. Auf einem Flug von Amsterdam nach Detroit hätte der nigerianische Islamist Umar Farouk Abdulmutallab, 23, kurz vor der Landung am ersten Weihnachtsfeiertag beinahe eine Bombe gezündet. Das Attentat scheiterte, aber es wirkte trotzdem verheerend - bei den Terrorbekämpfern. Denn mehrere US-Dienste, das stellt sich jetzt immer deutlicher heraus, waren vor Abdulmutallab gewarnt. Das FBI wusste etwas, die CIA wusste etwas, das Anti-Terror-Zentrum wusste etwas. Und niemand handelte. "Ein Fehler im System hat sich ereignet, den ich als völlig inakzeptabel betrachte", tobte Präsident Barack Obama, "dafür müssen alle Regierungsebenen Verantwortung übernehmen." Für Dienstag hat er die Geheimdienstchefs zum Krisengipfel einbestellt.
Die Ermittlungen laufen, die Lücken im System werden gesucht. Und es ist zum Entsetzen vieler Amerikaner nicht schwer, sie zu sehen. Immer neue Details kommen ans Licht, eines grotesker als das andere. Die Frage ist nun, ob Sicherheitsbehörden wirklich effiziente Qaida-Terroristen überhaupt stoppen können, wenn die Amerikaner schon jemanden wie Abdulmutallab durchlassen? Zudem sei es "alarmierend, dass die Terroristen jetzt eine Bombe haben, die mit den gängigen Methoden nicht gefunden wird", sagt der ehemalige Obama-Berater und Terrorexperte Bruce Riedel: "Wenn sie wirklich Flugzeuge abstürzen lassen können, dann werden die Auswirkungen auf die Weltwirtschaft enorm sein."
Deshalb diskutieren Sicherheitsexperten in aller Welt nun, wie sich Flughäfen und Maschinen gründlicher schützen lassen, etwa durch den Einsatz von Flüssigkeits- oder Nacktscannern (siehe Seite 16). Und deshalb konzentrieren sich Geheimdienstler und Militärs auf eine Front im Krieg gegen den Terror, die nun mindestens so gefährlich erscheint wie andere Fronten in Afghanistan oder Pakistan: Denn diesmal kam der Angriff aus dem Jemen, wo die Regierung längst nicht mehr mit der Qaida fertig wird (siehe Seite 76).
Und deshalb versuchen Ermittler, Abdulmutallab zu verstehen, den Attentäter, der den Westen nicht nur gut kennt, sondern der dem westlichen System vieles verdankt. Was trieb ihn, und was treibt die anderen, die im Jemen bereitstehen sollen, und die so sind wie er? Woran also kann man sie erkennen? Vor dem Check-in.
Ein Foto von Umar Farouk Abdulmutallab aus dem Jahr 2008 zeigt einen unreifen 21-Jährigen mit graugemusterter Krawatte, das Gesicht zu jung, der Hemdkragen zu weit, der Anzug zu groß. Es stammt aus einer Zeit, als Umars Eltern noch glaubten, ihren Jungen zu kennen. Er ist das jüngste von 16 Kindern, die sein Vater mit zwei Frauen zeugte: Umaru Mutallab, 70, ist einer der reichsten und mächtigsten Bankiers in Nigeria, anerkannt und ziemlich skandalfrei, was selten ist in Nigeria.
Er kennt sie alle, die einflussreichen Muslime im Land, die gut vernetzt sind: den amtierenden Staatspräsidenten, einen früheren Präsidenten, den mächtigen Sultan von Sokoto - sie alle sind Mitglieder der "Old Boys Association" des angesehenen Barewa-College. Und ihr amtierender Vorsitzender ist Mutallab. Bis heute sitzt er im Aufsichtsrat einiger Firmen.
Das feudale Heim der Familie steht hinter Mauer und Zaun im Städtchen Funtua, im islamischen Norden Nigerias. Wie viele Geschäftsleute schickte Mutallab seinen Sohn Umar schon in jungen Jahren aus dieser Elendsregion ins Ausland, nach Togo, auf ein britisches Elite-Internat. Die Schüler können dort segeln, reiten, Golf spielen - und die Lehrer versuchen alles, sie zu religiöser Toleranz zu erziehen. Muslimische Schüler singen dort Weihnachtslieder, christliche feiern islamische Feste. Das war die Zeit, in der Umar sich noch für Basketball begeisterte - aber auch schon auffällig für den Islam.
"Alfa" nannten ihn Mitschüler, "Gelehrter". Manchmal nannten sie ihn aber auch "den Papst" - "auf eine Art total unpassend, weil er ja Muslim ist. Aber er hatte diese heilige Aura", sagt sein ehemaliger Geschichtslehrer Michael Rimmer.
Und Umar diskutierte bei manchen Themen leidenschaftlich. So war der damals 15-Jährige der Einzige in seiner Klasse, der das Taliban-Regime in Afghanistan verteidigte, kurz nachdem er im Fernsehen den Einsturz der Zwillingstürme in New York verfolgt hatte. Bei einem Klassenausflug nach London protestierte er heftig, als alle in eine Kneipe gingen, in der Alkohol getrunken wurde. Und er spendete 50 Pfund von seinem Taschengeld für ein Waisenhaus, statt Souvenirs zu kaufen wie die anderen.
Umar war "der Traum eines jeden Lehrers - aufmerksam, enthusiastisch, klug, höflich", sagt Lehrer Brimmer. "Ich erwartete große Dinge von ihm." Aber "irgendwo muss er Fanatiker getroffen haben, die ihn umgedreht haben".
Im September 2005, nach dem Schulabschluss, schickt seine Familie ihn an das renommierte University College in London, wo er Maschinenbau studiert. Der Vater spendiert ein Luxusapartment im feinen Westend. In Nöten war sein Sohn da aber offenbar schon länger, dafür sprechen insgesamt rund 300 Beiträge in einem islamischen Chat-Forum im Internet (www. gawaher.com), die von einem "farouk1986" stammen. Umar Farouk Abdulmutallab wurde 1986 geboren, und die Fakten in den Posts passen zu seiner Vergangenheit.
Im Januar 2005 klagt "farouk1986" über seine Einsamkeit. Wenn er Frauen sehe, spüre er Verlangen, er müsse aber immer den Blick senken, wie der Islam es verlange. "Der Prophet empfiehlt jungen Männern zu fasten, wenn sie nicht heiraten können. Aber das hilft bei mir nicht viel." Er schreibt weiter: "Wenn ich mich entspanne, weiche ich ab. Wenn ich mich anstrenge, werde ich müde davon, den Koran zu rezitieren. Wie soll ich die Balance richtig hinbekommen?" Ein Kommilitone sagt: "Er machte nur das Minimum. Wenn wir lernten, ging er immer zum Beten."
Geheimdienstler nennen London gern "Londonistan". Denn kaum irgendwo ist die muslimische Gemeinde derart stark wie in der britischen Hauptstadt. Und manche wurden hier schon für den Dschihad gewonnen. Der Mörder des "Wall Street Journal"-Reporters Daniel Pearl hatte an der London School of Economics studiert. Ein Selbstmordattentäter, der in Tel Aviv zuschlug, wurde am King's College radikalisiert. Und Abdullah Ahmed Ali, der 2006 mit Kumpanen sieben Jets vom Himmel holen wollte, hatte gerade sein Studium an der City University abgeschlossen.
Der britische MI5 vermutet, dass Umar ebenfalls in London Kontakte zu Extremisten knüpfte - beispielsweise soll er in die Moschee von Whitechapel gegangen sein.
Regelmäßig verdammen die Moschee-Ältesten in Presseerklärungen jedweden Extremismus, so auch vergangene Woche nach Umars Attentatsversuch. Das hindert sie aber nicht daran, dubiosen Organisationen zu helfen. So vermieteten sie für Neujahr 2009 einen angrenzenden Konferenzraum an einen Verein, der dort eine Video-Predigt des notorischen Terrorpredigers Anwar al-Awlaki abspielte.
Zu der Zeit saß Awlaki noch im Jemen, angeblich wurde er jüngst bei Militärschlägen getötet. Awlaki stand zuvor etwa in regelmäßigem E-Mail-Kontakt zu jenem muslimischen US-Major, der im vergangenen November auf der texanischen Militärbasis Fort Hood 13 Menschen erschoss. Und US-Geheimdienstler haben mindestens ein Telefonat zwischen Awlaki und Abdulmutallab mitgehört. Einmal haben die beiden sich vielleicht sogar gesehen.
Im Sommer 2008 schloss Umar Abdulmutallab sein Studium ab, er verließ London - nachdem er am 12. Juni noch ein Touristenvisum für die USA beantragt hatte. Ausgestellt wurde es in London am 16. Juni, gültig für mehrfache Ein- und Ausreise bis Juni 2010. Zu der Zeit lag wohl noch nichts gegen ihn vor. Aber hatte er da schon eine vage Idee? Wahrscheinlich flog er in dieser Zeit für einen Arabischkurs zum ersten Mal in den Jemen.
Im Januar 2009 tauchte er dann in Dubai auf, eingeschrieben als Wirtschaftsstudent an der dortigen Filiale der australischen Wollongong University. Im Mai versuchte er noch einmal, nach Großbritannien einzureisen. Doch die Behörden lehnten seinen Visumantrag ab. Denn er konnte nur ein geplantes Studium an einer Universität vorweisen, die als unseriös gilt - wie mehr als 400 andere windige Institute auch, die seit März 2009 keine Ausländer mehr annehmen dürfen. Der ungebremste Zustrom junger Muslime war der Regierung von Gordon Brown unheimlich geworden. Sicherheitsexperten hatten gewarnt, die Mauschel-Institute könnten radikale Islamisten ins Land holen.
Im Sommer, nach sieben Monaten als Student, hielt es ihn nicht mehr in Dubai. Er wollte unbedingt in den Jemen - obwohl seine Familie ihn bat, in Dubai zu bleiben und weiter zu studieren. Es gab Streit, ein Hin und Her, meist bei langen Telefonaten. Angeblich, so erzählt es ein Freund der Familie, hätten seine Eltern ihm gedroht, sie würden ihn abholen und heim nach Nigeria schaffen lassen. Da brach der Sohn den Kontakt zu Vater und Mutter ab. Er ließ sie noch wissen, dass er nichts mehr mit ihnen zu tun haben wolle.
Als Vater Mutallab dann tatsächlich länger nichts von seinem Jüngsten hörte und dessen Telefon tot war, begann er, sich zu fürchten. Und er trat einen Gang an, der wohl keinem Vater leichtgefallen wäre: Erst wandte der alte Banker sich an die nigerianischen Sicherheitsbehörden. Die empfahlen, er möge unbedingt auch die amerikanische Botschaft in der Hauptstadt Abuja informieren. Am 19. November warnte Mutallab die Amerikaner vor den "extremen religiösen Ansichten" des Sohnes, und er erzählte, dass Abdulmutallab im Jemen abgetaucht sei.
Ein US-Beamter sagte dem Fernsehsender CNN, der Vater habe nicht direkt ein Attentat angekündigt: "Er sorgte sich um die Sicherheit seines Sohnes. Er sagte, der sei im Jemen." Doch bei den Amerikanern hätten alle Warnlampen angehen müssen.
Immerhin schickten sie am nächsten Tag eine sogenannte Visa-Viper-Meldung nach Washington ans Außenministerium und zum Anti-Terror-Zentrum der Bundespolizei FBI.
Diese Information hätte wahrscheinlich verhindert, dass Abdulmutallab ein neues Visum bekommen hätte. Dass er aber bereits eines hatte, das ahnten die Beamten nicht - getrennte Datensätze in den Computern. "Man muss das Visa-System so ändern, dass ein Visum sofort ungültig wird, wenn jemand auf eine Watch-Liste kommt", sagt Clark Kent Ervin, Ex-Inspekteur des Heimatschutzministeriums. Das war der erste Fehler.
Dann folgte der zweite: Als die Meldung aus Nigeria kam, nahmen Beamte im Nationalen Anti-Terror-Zentrum den Namen Abdulmutallab sofort in eine Datei auf, in die "Terror Identities Datamart Environment", kurz Tide. Sie enthält Namen und Aliasnamen von 550 000 Verdächtigen. Jeden Tag kommen Tausende von Informationen hinzu, aus abgefangenen Dokumenten, Ermittlungen, Berichten verbündeter Dienste. Geheimdienstler nennen dies das "Grundrauschen" in der Welt des Terrors. Es geht darum, das entscheidende "Pling" im Rauschen zu hören. Wenn ein solcher Vater einen solchen Sohn bezichtigt, sollte es eigentlich laut genug "pling" machen.
Jeden Abend um 23 Uhr sieben die Anti-Terror-Experten jene Meldungen heraus, die sie in eine weitere Datenbank überspielen wollen. Sie heißt TSDB und wird vom FBI verwaltet.
Die Fahnder dort entscheiden dann, wie massiv jeder Verdacht ist. Und je nach Gewicht der Informationen landet der Name in unterschiedlichen Dateien. Auf der zentralen Liste des FBI stehen 400 000 Namen - aber wer auf dieser Liste steht, kann trotzdem in die USA fliegen.
Die gefährlicheren Kandidaten kommen in die sogenannte Selectee-Datei, um die 14 000 sind es zurzeit. Sie dürfen fliegen, doch das FBI sorgt dafür, dass sie penibel gefilzt werden, wo auch immer auf der Welt sie ein Flugzeug Richtung Amerika besteigen wollen. Und 4000 Namen stehen in der sogenannten No-fly-Datei: Diese Personen gelten als derart gefährlich, dass sie kein Flugzeug in oder nach Amerika besteigen dürfen.
Umar Abdulmutallab aber kam in keine dieser Dateien. Hätte es eine Rückkopplung zur Visa-Datei gegeben, hätten die FBI-Leute vielleicht anders entschieden. So aber wussten auch sie nicht, dass dieser Islamist aus dem Terrornest Jemen ein gültiges US-Visum hatte.
Und den dritten Fehler machten dann offenbar die Kollegen von der CIA. Vater Mutallab sprach auch mit US-Geheimdienstlern und warnte sie vor seinem Sohn. Geheime sind Beamte, sie schrieben also einen Bericht. Und der blieb dann im CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, liegen.
Fünf Wochen lang.
Niemand leitete seinen kompletten Inhalt an andere Behörden weiter, an das FBI zum Beispiel oder das Anti-Terror-Zentrum. Dabei wusste die CIA aus anderen Quellen, dass führende Qaida-Leute sich über "einen Nigerianer" unterhalten hatten, der ein Attentat plane. Es gab keinen Namen. Aber durch einen Abgleich mit den Informationen über Abdulmutallab hätten sie wohl schnell herausgefunden, um wen es sich handelte. Sie hätten den Nigerianer dann wie ein Weihnachtspaket am Flughafen von Amsterdam abholen können.
"Wäre diese entscheidende Information zirkuliert worden", zürnt Barack Obama, "hätte man sie mit anderen Informationen zusammenbringen können, und ein klareres Bild des Verdächtigen wäre entstanden. Er hätte niemals ein Flugzeug in die USA besteigen dürfen."
Während sich die Amerikaner verhedderten, bereiteten die Qaida-Leute Abdulmutallab im Jemen auf seinen Selbstmordanschlag vor. Und irgendwann kam dann auch der Sprengstoffexperte, ein Mann aus Saudi-Arabien, der offenbar die Bombe präparierte.
Die enthielt angeblich 80 Gramm des metallfreien Sprengstoffs Pentaerythritol oder Nitropenta (PETN), was wohl gereicht hätte, ein Loch in ein Flugzeug zu sprengen. In großer Höhe können eine Explosion und der rasche Druckverlust danach eine Maschine in Stücke reißen. Sprengstoffexperten glauben, dass die Spritze, die der Nigerianer ebenfalls dabeihatte, als Zünder fungieren sollte. Gefüllt war sie womöglich mit einem einfach zu entzündenden Stoff.
Am 22. Dezember, drei Tage vor seinem vielleicht letzten Tag, wird Abdulmutallab 23. Da ist er schon auf dem Weg. Er benimmt sich sehr verdächtig, aber es fällt niemandem auf. Das Ticket für ihn wird ausgestellt in Ghana und bezahlt mit 2831 Dollar in bar. Gebucht ist aber ein Flug von Lagos in Nigeria über Amsterdam nach Detroit an Heiligabend. Zurückgehen soll es erst nach Ghana, dann aber wird das Ticket noch einmal auf Lagos umgeschrieben.
Um 20.35 Uhr checkt Abdulmutallab ein, nur mit einer Tasche über der Schulter, ungewöhnlich für jemanden, der angeblich rund zwei Wochen verreisen will. Die Tasche wird geröntgt, er läuft durch den Metallscanner. Es piept zweimal, er zieht Gürtel und Schuhe aus, dann scheint alles in Ordnung zu sein, und er setzt sich auf seinen Platz. Es ist nicht wichtig, wo er sitzt. Auf diesem Flug noch nicht.
In Amsterdam steigt er um in den Flug 253 von Northwest Airlines, die Maschine trägt die Farben von Delta Airlines, denn Delta hat Northwest gekauft. Auch hier kommt er problemlos durch alle Kontrollen, die Kunststoffbombe vielleicht am Bein, aber wahrscheinlicher in der Unterhose. US-Beamte, die die Passagierliste vor dem Start prüfen, haben keine Bedenken - ihre Computer machen nicht "pling".
Zwar stehen im Flughafen sogenannte Nacktscanner, die durch die Kleidung des Nigerianers hätten schauen können. Aber nur, wer will, wird durchleuchtet - so hatte es das Europaparlament gewollt. Damit verstreicht die womöglich letzte Chance, den Bomber aufzuhalten.
278 Passagiere sitzen in dem Airbus A 330, dazu 11 Besatzungsmitglieder. Abdulmutallab sitzt auf Platz 19 A, einem Fensterplatz, das ist jetzt wichtig. Denn so kann er mit seinem Körper die Bombe bei der Detonation gegen den Rumpf drücken, um ein möglichst großes Loch in die Aluminiumhülle zu sprengen.
Kurz vor dem Landeanflug auf Detroit verschwindet er für 20 Minuten auf der Toilette. Als er zurückkommt, erzählt er seinen Sitznachbarn, er habe Bauchschmerzen. Er zieht eine Decke über seinen Körper.
Wenige Minuten später hören die anderen Passagiere ein Geräusch wie von Silvesterkrachern - und plötzlich brennt Abdulmutallabs Kleidung. Irgendetwas ist schiefgelaufen mit der Spritze und dem PETN. Ein niederländischer Werbefilmer ein paar Reihen hinter Sitz 19 A hechtet nach vorn und wirft sich auf den Nigerianer. Dann kommen Stewards mit Feuerlöschern und Wasser. Auf der Landebahn wird der Nigerianer schließlich abgeführt, er sitzt inzwischen im Gefängnis von Milan, Michigan, und redet.
Und so wird Abdulmutallab jetzt zu einem Glücksfall für die Terrorabwehr des Westens. Präsident Obama etwa hat angeordnet, sofort das gesamte System des Heimatschutzes zu überprüfen und zu sanieren. Und die Niederländer wollen ihre Nacktscanner bei Flügen in die USA vielleicht schon im Januar einsetzen, EU hin oder her. Brüssel möge die Maschinen doch europaweit zulassen, fordert Justizminister Ernst Hirsch Ballin. Er rief auch sogleich Heimatschutzministerin Napolitano an, die Herrin der alten Marine-Bauten bei Washington, um ihr das mitzuteilen.
Denn es könnte sein, dass all das sehr eilt. In seinen Verhören sagte Abdulmutallab, er sei nur einer von mehreren Selbstmordbombern. Qaida-Leute im Jemen würden zurzeit noch weitere vorbereiten. Und einige davon könnten sich im Westen genauso gut auskennen wie er. Denn die Agenten vom Londoner MI5 verfolgen derzeit die Spuren gleich mehrerer Islamisten mit britischen Pässen, die in den Jemen entschwunden sind.
MARCO EVERS, CLEMENS HÖGES, HORAND KNAUP,
CORDULA MEYER, YASSIN MUSHARBASH, HANS-JÜRGEN SCHLAMP, GREGOR PETER SCHMITZ
* Vize Stephen Kappes und Direktor Leon Panetta in Langley.
Von Marco Evers, Clemens Höges, Horand Knaup, Cordula Meyer, Yassin Musharbash, Hans-Jürgen Schlamp und Gregor Peter Schmitz

DER SPIEGEL 1/2010
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