04.01.2010

FOTOGRAFIESchwarze Magie

Die Kamerahersteller überbieten einander mit immer lichtempfindlicheren Sensoren. Die neue Hellsichtigkeit dürfte auch die professionelle Reportage-Fotografie revolutionieren.
Ein Trupp Soldaten schleicht durch die mondlose Nacht. Die Männer sehen aus wie verwaschene Schemen. Dennoch erkennt man auf dem Bild erstaunliche Details: Am schwarzen Firmament sind Sterne sichtbar.
"Bis vor kurzem wäre ein solches Foto unmöglich gewesen", sagt Ziv Koren. Seit einem Jahr testet der Fotoreporter, der häufig in Krisen- und Kriegsgebieten im Einsatz ist, eine neue Generation von Digitalkameras: Die Apparate sind empfindlicher als jeder Film - Rivalen für die Sehkraft des menschlichen Auges. Fast fühle sich seine Kamera an wie ein Nachtsichtgerät, schwärmt Koren: "Am liebsten würde ich einige brenzlige Situationen damit noch einmal fotografieren."
In diesem Winter läuft ein Wettrennen um die Eroberung der Dunkelheit. Die Kamerahersteller überbieten einander mit immer neuen Empfindlichkeitsrekorden: Wer bietet die sensibelsten Fotochips - und wer die beste Software, um das sogenannte Bildrauschen bei extremer Dunkelheit zu verringern?
Wieder einmal duellieren sich dabei die beiden großen japanischen Firmen: Nikon mit der D3s, Canon mit der Eos-1D Mark IV. Beides sind Profikameras, gut ein Kilogramm schwer, über 4000 Euro teuer. Beide durchbrechen die Schallmauer von Iso 100 000 - ein schier unglaublicher Wert.
Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Pioniertechnik auch in erschwingliche Massengeräte eingebaut wird. Schon frotzeln Fotofreunde in Internetforen über den neuen Hype. Jahrelang tobte ein Überbietungswettlauf um die meisten Megapixel, völlig losgelöst von der tatsächlich dadurch erreichten Bildqualität. Dann trumpften die Hersteller mit Spezialeffekten auf, etwa der automatischen Lächel-Erkennung. Kommt nun also die Iso-Manie?
Früher, in Zeiten der Fotochemie, gelang es Laboranten, die Empfindlichkeit eines Films mit Tricks zu "pushen"; ein Wert von Iso 6400 und mehr war gewagt. Den neuen Digitalkameras reicht eine Lichtmenge, die 16-mal geringer ist.
Wer ein solches Wundergerät in die Hand nimmt, erlebt so etwas wie schwarze Magie. Selbst bei Kerzenlicht im Zimmer gelingen Porträts - etwas verrauscht zwar, aber freihändig, ohne Blitz und Stativ.
Ein Kaffeehaus in Wien, Plüschsofas, schummriges Licht: Auf dem Foto sind sogar die Zuckerstreuer im Hintergrund zu erkennen. Noch bei Iso 25 000 sind sie passabel durchgezeichnet, erst bei Iso 50 000 verblassen die Farben langsam. "Nur bei Iso 102 400 ist das Rauschen so stark, dass die Aufnahme nicht mehr gut verwendbar ist", schreibt das Fachmagazin "photoscala" in einem Testbericht.
Schon einmal gab es einen solchen Quantensprung. In der Frühzeit der Fotografie mussten Porträtfotografen ihre Modelle noch mit einer Kopfstütze minutenlang zur Bewegungslosigkeit zwingen, selbst bei gleißendem Tageslicht. Entsprechend steif wirkten die Menschen auf den Fotos. Dann kamen kleine, lichtstarke Kameras auf, mit Namen wie Ermanox oder Leica.
Paris 1931: Eine Gruppe Politiker bei einem abendlichen Empfang. Sie lachen, der französische Außenminister Aristide Briand zeigt auf den Fotografen, der ihn überraschend knipst. Dieser Schnappschuss von Erich Salomon gilt als Ikone einer ungestellten, spontanen Reportage-Fotografie.
Ähnliches bahne sich derzeit wieder an, prophezeit Ellis Vener, ein Profi-Fotograf aus Atlanta, nach dem Test einer der neuartigen Kameras: "Statt ein Motiv totzublitzen, wird das vorhandene Restlicht zu einem Teil der Bildsprache."
Ein Braunbär streicht um eine Hütte in Finnland. Tiefste Nacht. Der Fotograf kann erst scharfstellen, als die feuchte Schnauze im Mondlicht glänzt. Dieses gespenstische Bild gelang dem französischen Wildlife-Fotografen Vincent Munier: "Viele meiner Hauptfiguren sind nur nach Sonnenuntergang aktiv; aber nun kann ich ohne Blitz Fotos machen von Motiven, die ich mit den Augen fast nicht mehr erkenne."
Möglich wurde diese Hellsichtigkeit durch zwei technische Neuerungen: Zum einen vergrößerten die Ingenieure die Fläche der lichtempfindlichen Pixel. Zum anderen verbesserten sie die kamerainterne Software zur Rauschunterdrückung.
Der Wettlauf ums Restlicht verändert auch die Sportfotografie: Ein Snowboarder wirbelt meterhoch durch die Luft über eine Schanze - ein nächtlicher Sportwettkampf im Schnee. Die Bewegung ist perfekt eingefroren, auch das Publikum im Hintergrund klar erkennbar im gelben Schein der Laternen. "Früher hätte ich diese Bilder mit einer großen Blitzanlage gemacht", sagt Richard Walch, Spezialist für Bilder von Extremsportarten. "Jetzt kann ich ständig meinen Standort wechseln, ohne die Blitze umbauen zu müssen."
Begeistert von den neuen Möglichkeiten ist auch Jonas Bendiksen, norwegisches Mitglied der legendären Fotoagentur Magnum: "Als meine Mittelformatkamera kaputtging, musste ich notgedrungen mit einer dieser neuen Digitalkameras fotografieren - und stellte fest, dass sie bei schwachem Licht viel bessere Bilder macht."
Als Beleg zeigt Bendiksen auf ein Bild seiner Ausstellung "The Places We Live", die gerade in Berlin zu sehen ist: Eine Familie in einer Hütte in den Slums von Nairobi, eine schwache Funzel hängt nackt von der Decke als einzige Lichtquelle. Das Bild wirkt knackig und scharf.
Doch es gibt auch Kritiker. Stephen Dalton ist ein vielfach ausgezeichneter Tierfotograf aus England, ein Perfektionist. Meist verwendet er aufwendige Blitzanlagen. Seine Fotos sind so hervorragend, dass sie in den "Voyager"-Raumsonden mitreisen, als Gruß an mögliche Außerirdische. Dalton findet, dass die Kamerahersteller es mit ihrem Iso-Hype übertreiben: "Wir haben bisher auch gute Bilder hinbekommen, dafür brauchen wir kein Iso 100 000; die hohe Lichtempfindlichkeit führt doch nur zu einem Verrauschen, als ob man im Schneegestöber fotografiert hätte."
Andererseits: Auch Salomons berühmte Leica-Fotos wirken heute bescheiden - rein technisch gesehen. HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 1/2010
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