11.01.2010

AFFÄRENGeheimer Zugriff

Die CIA wollte den Deutsch-Syrer Mamoun Darkazanli aus Hamburg entführen - und hätte so eine diplomatische Krise provoziert. Interner Streit verhinderte die Aktion.
Mamoun Darkazanli ist ein weitgereister Kaufmann, er hat Druckertinte nach Syrien vermittelt, Lampen nach Jordanien und Autos nach Albanien. In Spanien wollte er einst eine Pension eröffnen und in New Jersey in eine Stickerei investieren, er war gern unterwegs - bis zu jenem 11. September 2001, der die Welt veränderte. Seitdem hat Darkazanli, 51, Deutschland nicht mehr verlassen. Er verbringt viel Zeit in seiner Wohnung im bürgerlichen Hamburger Stadtteil Uhlenhorst.
Seine Vorsicht hat Darkazanli wohl gerettet. Wäre er nach den Anschlägen auf die New Yorker Zwillingstürme ausgereist, wäre ihm eine Zelle in Guantanamo sicher gewesen. Denn der gebürtige Syrer, der seit 1990 auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, gehört seit Jahren zu den Top-Zielpersonen der CIA. Die Beamten in Langley sehen in ihm einen der Qaida-Männer der ersten Generation. Sie würden ihn gern dingfest machen - und vielleicht auch ein bisschen mehr.
Das amerikanische Magazin "Vanity Fair" behauptet, dass die CIA nach dem 11. September sogar ein "Hit-Team" von Agenten nach Hamburg entsandt habe, um Darkazanli umzubringen. Die Männer hätten den Deutsch-Syrer dort wochenlang observiert und einen Attentatsplan geschmiedet. "Find, fix and finish", das sei das Motto der klandestinen Truppe gewesen, die in der Ära von US-Präsident George W. Bush und dem damaligen CIA-Chef George Tenet ins Leben gerufen wurde: jemanden finden, abklären und, wenn nötig, eliminieren. Schließlich sei die Aktion auf Weisung der US-Regierung abgebrochen worden.
Kaum war das angebliche Mordkomplott publik, forderte Hamburgs Innensenator Christoph Ahlhaus (CDU) die Bundesregierung auf, die Vorwürfe in Washington aufzuklären. Im Bundestag werden sich der Innenausschuss und das Parlamentarische Kontrollgremium damit beschäftigen, in der Hansestadt prüft die Staatsanwaltschaft die Vorwürfe. Es ist die Wiederkehr einer Vergangenheit, in der fast alles möglich schien, bis hin zum Mord im Staatsauftrag.
Die Parlamentarier und Ermittler werden sich mit einem Dementi begnügen müssen, das US-Diplomaten den deutschen Sicherheitsbehörden bei einem Treffen in der amerikanischen Botschaft im Dezember übermittelten. Die Vorwürfe seien falsch, heißt es in der Stellungnahme, ein CIA-Kommando, das Darkazanli töten sollte, habe es nicht gegeben. Auch ein damals verantwortlicher CIA-Mann, der den Fall kennt, sagt gegenüber dem SPIEGEL: "Das wäre in einem Staat wie Deutschland absolut unmöglich gewesen."
Dass ein anderes Vorgehen gegen Darkazanli aber sehr wohl in der CIA diskutiert wurde, darüber schweigt die US-Regierung aus gutem Grund. Denn schon dessen Durchführung hätte zu einem diplomatischen Eklat geführt. "Es gab die Idee, heimliche Aktionen in Deutschland durchzuführen", sagt ein damals beteiligter CIA-Mann. "Es ging um Zugriffe ohne Mitwissen der Deutschen, und Darkazanli war einer derjenigen, die auf dieser Liste standen." Der bärtige Deutsch-Syrer sollte in jenes "Rendition"-Programm aufgenommen werden, bei dem Islamisten rund um den Globus gekidnappt und in Geheimgefängnisse verschleppt wurden. Der Neu-Ulmer Khaled el-Masri ist ebenso Opfer dieser Strategie geworden wie der Hamburger Mohammed Haydar Zammar, ein Freund Darkazanlis.
Der Geschäftsmann Darkazanli galt deutschen wie amerikanischen Ermittlungsbehörden schon als Inkarnation des Bösen, als der Name Osama Bin Laden nur Insidern ein Begriff war. Er tauchte im Zusammenhang mit der Vermittlung eines Schiffs auf, das für al-Qaida gedacht war, und er besaß eine Vollmacht über ein Konto, dessen Inhaber Ermittler mit al-Qaida in Verbindung brachten.
Bis heute sagt der Deutsch-Syrer, er habe "zu keiner Zeit Kontakte zu al-Qaida gehabt". Er habe zwar den Kauf des Schiffs vermittelt. "Mir war jedoch nicht bekannt, dass der Erwerber der Chef der Qaida gewesen sein soll." Ähnlich argumentierte er beim Bankkonto: "Mir ist bis heute nicht bekannt, dass der Inhaber des Kontos der Finanzchef der Qaida war."
Der CIA dagegen schien Darkazanli eine bedeutende Figur im Netzwerk der Islamisten, und im Herbst 1999 gingen die Agenten in die Offensive. Gerüchte über einen geplanten "Millenniumsanschlag" machten die Runde, und der CIA-Resident am Hamburger Generalkonsulat drängte die Kollegen des Hamburger Verfassungsschutzes, Darkazanli als Quelle zu werben. So kam es Ende 1999 zu einem Gespräch zwischen den Verfassungsschützern und dem mutmaßlichen Islamisten. Die Unterredung war jedoch aus Sicht der Beamten nicht ergiebig, eine Kooperation folgte nicht daraus.
Ab 2001 ermittelte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gegen Darkazanli. Doch die Vorwürfe glitten allesamt ab, 2006 stellte die Bundesanwaltschaft ihre Ermittlungen mangels Tatverdacht ein. Ein Haftbefehl, den die spanische Justiz im Herbst 2003 wegen angeblicher Verbindungen zu al-Qaida erlassen hatte, konnte nicht vollstreckt werden. Darkazanli, so schien es, war einfach nicht zu fassen.
In Langley, der Zentrale der Agency, wuchs der Groll nach dem 11. September, die US-Agenten fühlten sich in ihrem Weltbild bestätigt: Formal kooperierte die Bundesregierung zwar, aber in Wahrheit seien die Deutschen ein Haufen Weicheier, die sich in den entscheidenden Fragen hinter den Paragrafen des Rechtsstaats verschanzten. Als eine hochrangige Delegation des Kongresses um die Demokratin Nancy Pelosi die US-Botschaft in Berlin besuchte, kam die Sprache auf die deutschamerikanische Kooperation im Kampf gegen den Terrorismus. "Selbst die Syrer" seien "kooperativer als die Deutschen", klagte einer der anwesenden CIA-Leute voller Sarkasmus.
In der Europaabteilung in Langley wurde deshalb ein radikaler Schritt vorgeschlagen: Darkazanli und andere Islamisten sollten verschleppt und verhört werden, ohne Anwälte, ohne Anklagen, ohne Chance. "Wir hatten Aktionen vor, die absolut illegal gewesen wären", erinnert sich ein CIA-Mitarbeiter. 25 Agenten seien damals nach dem 11. September in Deutschland konspirativ im Einsatz gewesen und hätten sich mit der islamistischen Szene in Hamburg und anderswo beschäftigt.
Der Plan gedieh so weit, dass andere Abteilungen eingeweiht wurden. Doch die in Deutschland stationierten Agenten waren skeptisch. Das seien Methoden, die vielleicht in Südamerika funktionierten, retournierte die Übersee-Dependance. Am Ende scheiterte die Aktion auch am Veto der deutschen CIA-Sektion: "Wir haben damals nein gesagt, weil wir der Meinung waren, dass man in einem befreundeten Land, in dem viele amerikanische Soldaten stationiert sind, so etwas nicht tun kann."
Darkazanli seinerseits war klug genug, kein anderes Land mehr zu betreten. Er hatte gehört, was seinem Freund Zammar widerfahren war, der sechs Wochen nach den Anschlägen in Amerika für eine Scheidung nach Marokko geflogen war. Der marokkanische Geheimdienst hatte den Islamisten auf Bitten der CIA festgenommen und in ein Flugzeug nach Syrien gesetzt. Dort wurde er in einem Keller gefoltert und verhört, er sitzt noch immer in Damaskus in Haft (SPIEGEL 47/2005).
Bis heute ist Darkazanli bei der Polizei als "Gefährder" eingestuft, er sei "heißbegehrt und geheimnisumwittert", sagt ein Ermittler. Und so erleben die Behörden derzeit ein Déjà-vu: Darkazanli besucht wieder die Moschee am Hamburger Steindamm, er half dort im vergangenen Jahr gelegentlich sogar als Vorbeter aus - in jenem Gebetshaus, in dem sich auch die Todespiloten des 11. Septembers trafen, bevor sie nach Amerika aufbrachen. JOHN GOETZ, HOLGER STARK
Von John Goetz und Holger Stark

DER SPIEGEL 2/2010
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