11.01.2010

JEMENDer Übersetzer des Dschihad

Im Süden der Arabischen Halbinsel hat sich in den vergangenen Jahren nicht nur eine schlagkräftige Qaida-Gruppierung niedergelassen. Dort lebt auch einer der einflussreichsten Vordenker des militanten Dschihad: ein in den USA geborener Prediger mit besten Beziehungen in den Westen.
Der Ort, an dem alles begann und an dem nach dem Willen der jemenitischen Regierung auch alles wieder enden soll, liegt in der Straße Nummer 60 im Stadtteil Hadda, nahe der neuen Moschee von Sanaa. Das zentrale Hochsicherheitsgefängnis von Sanaa hat eine lehmbraune Fassade mit weißen Verzierungen und sieht aus wie ein modernes, schwer bewachtes Pfefferkuchenhaus.
Wer sich dem Gefängnis nähert, wird von den Soldaten davor misstrauisch beobachtet, schon beim zweiten Mal notieren sie die Autokennzeichen. Seit dem ersten Weihnachtstag, als der im Jemen ausgebildete Nigerianer Umar Farouk Abdulmutallab ein US-Passagierflugzeug beim Landeanflug auf Detroit in die Luft sprengen wollte, sind die Sicherheitskräfte des Landes nervös.
Aus diesem Gebäude waren am 3. Februar 2006, wahrscheinlich mit der Hilfe von Wärtern, 23 Qaida-Mitglieder geflohen. Es war die Geburtsstunde der zweiten Generation der Qaida im Jemen. Der Ausbruch hatte zur Folge, dass die Arabische Halbinsel als Rückzugsgebiet für militante Islamisten erneut an Bedeutung gewann. Bis dahin schien der jemenitische Qaida-Zweig besiegt: Ihr letzter Führer wurde 2002 von einer US-Drohne getötet, sein Nachfolger 2003 verhaftet.
Seither haben Osama Bin Ladens Kämpfer im Jemen wieder westliche Botschaften angegriffen, Ölförderanlagen bombardiert, Touristen ermordet. Und ebenjenen 23-jährigen Nigerianer mit Sprengstoff in der Unterhose losgeschickt, um durch einen spektakulären Anschlag zu beweisen, dass niemand im Westen vor ihnen sicher sein könnte.
Nun ist im Jemen ein Machtkampf entbrannt. Auf der einen Seite: die Terroristen, die vollmundig bereits weitere Anschläge angekündigt haben. Auf der anderen: der jemenitische Staat, der ihnen - jedenfalls nach offizieller Darstellung - den Garaus machen will und zusammen mit amerikanischen Sicherheitskräften im vergangenen Monat bereits zweimal Luftangriffe auf vermutete Qaida-Stützpunkte geflogen hat.
In Sanaa brodeln die Gerüchte: Da soll ein 16-jähriger Qaida-Rekrut mit einem Sprengstoffgürtel in der Hafenstadt Aden unterwegs sein. Den Sicherheitskräften seien gleich mehrere Lastwagen mit Sprengstoff und Waffen abhandengekommen. Und ein angeblich gerade von den Sicherheitsbehörden getöteter Qaida-Führer ist womöglich gar nicht tot.
Aufgeschreckt blickt plötzlich die Welt auf diesen vor aller Augen zerfallenden Staat am Golf von Aden: rohstoff- und wasserarm, miserabel regiert, übervölkert und von Aufständischen im Norden wie im Süden drangsaliert.
Dazu kommen die Probleme der Nachbarn: In Somalia kontrollieren die islamistischen Schabab-Milizen weite Teile des Landes, fordern die Anwendung der Scharia und streben eine Allianz mit der Qaida auf der Arabischen Halbinsel an. Im Norden liegt das Königreich Saudi-Arabien, der wichtigste Ölstaat der Welt, Heimat der großzügigsten Finanziers der Terrorgruppe und gleichzeitig aber auch selbst ein Angriffsziel der Qaida.
"Die Krise im Jemen ist eine Bedrohung der regionalen und sogar der globalen Stabilität", befand US-Außenministerin Hillary Clinton vergangene Woche. Präsident Barack Obama sah das ähnlich und untersagte die geplante Freilassung von 40 in Guantanamo einsitzenden Jemeniten. Die Gefangenen waren von der US-Regierung als ungefährlich eingestuft worden und hätten demnächst in ihr Heimatland zurückkehren dürfen.
Der britische Premier Gordon Brown berief gleich eine internationale Jemen-Konferenz ein, Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon unterstützte den Vorschlag. Jahrelang war der Jemen von der Welt vergessen worden. Jetzt ist alles anders.
Gleichwohl behaupten die Jemeniten, auch ohne internationale Hilfe auszukommen. "Wir versichern, dass wir in der Lage sind, alle Terroristen auszuschalten und der Gerechtigkeit zuzuführen", erklärte Ende vergangener Woche trotzig Vize-Premier Raschid al-Alimi. Doch dass die Gesuchten demnächst wieder im Hauptgefängnis von Sanaa einsitzen könnten, glaubt ihm kaum jemand.
Denn die Dschihadisten haben ihre Fähigkeit loszuschlagen längst bewiesen. Und an ihrer Seite haben sie einen Mitstreiter, der aus der lokalen Qaida-Filiale einen gefährlichen Feind des Westens machen könnte: Anwar al-Awlaki, Sohn jemenitischer Eltern, am 21. April 1971 im US-Bundesstaat New Mexico geboren und ausgestattet mit einem amerikanischen Pass. Der konservative US-Sender Fox News ernannte ihn bereits zum "Ziel Nr. 1". Awlaki, so sagt der New Yorker Terrorermittler Evan Kohlmann, sei "die smarte, eher intellektuelle Ausgabe von al-Qaida und mittlerweile eine zentrale Figur der Bewegung".
Die ersten sechs Jahre seines Lebens verbrachte Awlaki in den USA und wuchs dort sehr amerikanisch auf, "mit Hamburgern und Weihnachtsbaum", wie ein Verwandter sagt. Dann kehrten die Eltern 1977 in den Jemen zurück. Doch den jungen Muslim zog es wieder in die USA, wo er unter anderem an der George-Washington-Universität in der Bundeshauptstadt studierte. Mit 23 Jahren wurde er Studenten-Imam, wofür ihm die Universität die Studiengebühren erließ.
Im kalifornischen San Diego predigte er wenig später an der Ribat-Moschee. In dieser Zeit, irgendwann im Jahr 2000, lernte er Chalid al-Midhar und Nawaf al-Hamsi kennen, die im Jahr darauf, beim Anschlag vom 11. September, zu den 19 Flugzeugentführern gehörten. Der offizielle 9/11-Untersuchungsbericht wird später vermerken, die beiden hätten Awlaki als religiöse Leitfigur akzeptiert und eine enge Beziehung zu ihm unterhalten.
Theologisch ist Awlaki nicht besonders beschlagen, aber er ist intelligent, spricht fließend Englisch und kennt die Kultur der "Ungläubigen". Er weiß, wie seine Schüler den militanten Dschihad in der westlichen Welt ausüben können, er ist der perfekte Übersetzer.
So sieht er auch sich selbst: "Die Einzigen, die sich die Mühe machen und Geld dafür ausgeben, Dschihad-Literatur ins Englische zu übertragen, sind die westlichen Geheimdienste", schreibt er auf seiner Website im Januar 2009. "Schade nur, dass sie diese Übersetzungen nicht mit uns teilen wollen."
Da kann Awlaki aushelfen. Im Internet veröffentlichte er eine Anleitung mit "44 Methoden, den Dschihad zu unterstützen". Seit Jahren hat der Imam eine Facebook-Fangemeinde, seine Predigten sind auf DVD und im Internet erhältlich.
In London sprach er 2003 vor muslimischen Studenten über die "Wiedergeburt einer großen Nation" und die Rückkehr zu einem reinen Islam, wie ihn der Prophet vorgelebt habe. Zu seinen Zuhörern sollen damals auch die Londoner Rucksackbomber gehört haben, die am Morgen des 7. Juli 2005 in der U-Bahn und in einem Doppeldeckerbus 52 Menschen töteten und 700 verletzten. Bücher und Aufnahmen seiner Predigten wurden bei Durchsuchungen im Umfeld der Attentäter gefunden.
Auch der britische Muslim und Terrorist Mohammed Hamid, der gemeinsam mit Gleichgesinnten ein weiteres Attentat auf die U-Bahn organisiert hat, habe zu Awlakis Gefolgsleuten gehört, berichtete am Freitag der "Daily Telegraph". Dieser Anschlag allerdings scheiterte.
Mit dem US-Militärpsychiater Nidal Hasan, der im November auf der Militärbasis Fort Hood in Texas 13 Menschen erschoss, tauschte Awlaki E-Mails aus. Den Detroit-Attentäter Abdulmutallab traf er vor wenigen Wochen in der jemenitischen Provinz Schabwa. Es bestehe "kein Zweifel", so Vize-Premier Alimi am vergangenen Donnerstag, dass der Nigerianer "Kontakt mit Qaida-Elementen hatte, unter ihnen Anwar al-Awlaki".
Wer aber ist dieser rätselhafte Mann, von dem es nur einige wenige Bilder gibt? Ein neuer Osama Bin Laden? Oder nur ein Verführer mit guten Englischkenntnissen?
Wer sich mit Awlaki beschäftigt, erhält schnell Einblick in die gravierendsten Probleme des Jemen, seinen korrupten Regierungsapparat, die knappen Staatsressourcen und die ewige Rivalität der Stämme untereinander. Awlakis Vater Nassir war Agrarminister unter dem amtierenden Präsidenten Ali Abdullah Salih, der den Jemen seit 31 Jahren wie ein Patriarch regiert.
Der Stamm der Awlakis ist einer der wichtigsten im ganzen Land. Anwar, der Sohn, studierte nicht nur in Amerika, sondern auch an der - im Westen berüchtigten - Iman-Universität des Islamisten Abd al-Madschid al-Sindani in Sanaa, genannt "der rote Scheich". Der hatte in den achtziger Jahren mit Bin Laden in Afghanistan gekämpft und ist ein Vertrauter des Präsidenten. Die Absolventen seiner Schule halten radikale Predigten in Nigeria, in Somalia, aber auch in Malaysia. Bei keiner offiziellen Veranstaltung im Jemen fehlt der einflussreiche rote Scheich.
Bisher hat der Afghanistan-Veteran noch kein Wort zu seinem ehemaligen Schüler verlauten lassen. Das ist kein Zufall, denn Awlaki lernte nicht nur an Sindanis Hochschule, er unterrichtete auch dort und führte gemeinsam mit seinem Mentor jahrelang eine dubiose Wohlfahrtsstiftung. Die USA hatten den Scheich schon 2004 in ihre Liste der "globalen Terroristen" aufgenommen.
Es heißt, Präsident Salih habe seinem alten Bekannten jetzt Redeverbot erteilt. Salih möchte das Land im Anti-TerrorKampf vereint präsentieren, da soll der radikale Gelehrte nicht stören.
Doch hinter den Kulissen wird bereits verhandelt. Der Präsident selbst soll dem Terroristen-Werber Awlaki vor wenigen Tagen über Mittelsmänner ein Angebot gemacht und ihm eine "sehr jemenitische Lösung" vorgeschlagen haben. Wenn sich der Imam öffentlich von al-Qaida distanziere, könne er mit Milde rechnen.
Awlaki hält sich zurzeit in der Provinz Schabwa auf, an einem Ort, den nur engste Vertraute kennen, und in einer Region, in der sein Stamm entscheidenden Einfluss ausübt.
Angehörige Awlakis halten die Anschuldigungen gegen ihn für eine Verschwörung der Medien und der Feinde des Islam. Einer seiner engsten Verwandten sagte dem SPIEGEL, Awlakis Lehren hätten viele Nichtmuslime erreicht und als "Missionar" habe er großen Einfluss gehabt, gerade weil er sich auf Englisch zu Wort melden konnte. Er sei ein gewissenhafter Schüler gewesen und heute ein eifriger Werber für den Islam, ein Extremist sei er aber nicht, und er halte auch keinen Kontakt zu Terroristen.
Gegen so viel fromme Beschönigung sprechen Awlakis eigene Aussagen. Im Dezember 2008 forderte er Soldarität mit den islamistischen Schabab-Milizen in Somalia: "Ihr Erfolg hängt von eurer Unterstützung ab. Es ist die Verantwortung aller Gläubigen, ihnen mit Geld und Personal zu helfen."
Im Januar 2009 rief er alle Muslime auf, physisch fit zu bleiben und sich durch Waffentraining auf den Kampf vorzubereiten. Noch im November hatte er Nidal Hasan, den heute querschnittsgelähmten Attentäter von Fort Hood, zu einem muslimischen Helden erklärt. Der jemenitische Journalist Abd al-Ilah Schai traf Awlaki Anfang Dezember in einem entlegenen Dorf, das er nicht nennen darf. Er sei freundlich empfangen worden, berichtet der Journalist. Sein Gesprächspartner habe gesundheitlich angeschlagen gewirkt: "Immer wieder holte er tief Luft. Es war kein Röcheln, aber es war auffällig."
Awlaki habe ihm erzählt, er kenne den Attentäter Hasan aus seiner Zeit als Imam an der Dar-al-Hijrah-Moschee in Virginia. Er glaube sogar, er habe Anteil daran, dass Hasan vor acht Jahren zu einem strenggläubigen Muslim wurde. Der Mann habe ihm einfach "vertraut".
Noch in diesem Monat will die Staatengemeinschaft auf der von Premier Brown initiierten Konferenz in London überlegen, wie ein Abstieg des Jemen zu einem "failed state", zu einem gescheiterten Staat, verhindert werden kann. Dabei werden die Regierungen des Westens auch die Frage beantworten müssen, ob sie Präsident Salih, ihren Verbündeten im Anti-Terror-Kampf, als Teil oder als Lösung des Problems ansehen. Und vielleicht wird sich bis dahin auch Awlaki entschieden haben, ob er auf das Angebot des Präsidenten eingeht oder ob er weitermacht - als Übersetzer des Dschihad.
YASSIN MUSHARBASH, VOLKHARD WINDFUHR,
BERNHARD ZAND
Von Yassin Musharbash, Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 2/2010
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