11.01.2010

MUSIKUnten Autos, oben Brahms

Ein türkischer Unternehmer hält sich in Istanbul ein eigenes Symphonieorchester. Jetzt will er damit auf den europäischen Markt.
Ahmet Kocabiyik ist ein fein- und eigensinniger Mann. Der Industrielle, der zum Geschäftsanzug einen Brillanten im linken Ohr trägt, sammelt zeitgenössische Kunst, hört am liebsten Beethoven und Mozart und leitet eine der größten Holdings der Türkei. Das Familienunternehmen produziert Stahl und Röhren, importiert exklusiv Autos von BMW und ist dick im Energie-, Telekommuni-kations- und Logistikgeschäft der Türkei. Kocabiyiks Borusan Holding setzt jährlich über drei Milliarden Dollar um.
Da fällt das Zusatzgeschäft mit der Kultur finanziell kaum ins Gewicht: Ahmet Kocabiyik und seine Firma halten sich in Istanbul ein eigenes Symphonieorchester. Seit gut zehn Jahren versorgt das Borusan Istanbul Filarmoni Orkestrasi (Bifo) die Stadt regelmäßig mit klassischer Musik. Inzwischen hat es sich zu einem der führenden Orchester der Landes entwickelt.
Acht bis zehn Millionen Dollar pumpt Kocabiyik im Jahr in alle kulturellen Ak-tivitäten seiner Holding. Vier Musiker, sie bilden ein Streichquartett, sind bislang fest angestellt, die anderen Instrumentalisten werden für jede Proben- und Aufführungsphase eigens aus einem Pool von mehr als hundert Musikern engagiert. Mittlerweile sind die Borusan-Philharmoniker schon so renommiert, dass sich der Dirigent bei regelmäßigen Vorspielsitzungen die besten Instrumentalisten aussuchen kann. Ein System, wie es etwa in der Klassikmetropole London schon lange funktioniert, wo sogar bedeutende Orchester ihre Musiker temporär rekrutieren.
Das Bifo ist Ahmet Kocabiyiks Lieblingsspielzeug. Mit ihm beeindruckt er seine Geschäftspartner. Keiner seiner Kollegen kann mit einem eigenen Orchester dieser Größe glänzen und nach einem erhebenden Konzert beim Dinner elegant noch ein paar Deals einfädeln. Sein Bifo, sagt der Boss, "ist gut für die Gesellschaft und gut fürs Geschäft".
Einmal im Jahr lädt er einen befreundeten Manager ein, in einem Konzert ein Stück zu dirigieren. Der Mäzen lässt sich den Auftritt von seinem Gast gut bezahlen, das Geld verwendet er für ein Künstlerstipendium. Der erste Industrielle, der zum Taktstock griff, war Rahmi M. Koç, der als reichster Mann der Türkei gilt. So etwas setzt Maßstäbe.
Und da auch in der Kunst für Kocabiyik Fortschritt nur durch Wachstum gedeiht, hat der türkische Tycoon seinem Bifo ebenfalls zügige Expansion verordnet. Aus dem ursprünglich überschaubaren Kammerensemble machte er ein Symphonieorchester, setzte den langjährigen türkischen Chefdirigenten in aller Freundschaft ab, ernannte ihn zum Ehrenspielführer und ersetzte ihn im vergangenen Jahr durch den jungen, dynamischen Österreicher Sascha Goetzel.
Der neue Dirigent hat einen ausgeprägten Sinn für Effekte, sowohl musikalisch als auch beim Dirigieren. Er hüpft wie weiland Leonard Bernstein auf dem Podium herum und präsentiert bei der Berufsausübung dem Publikum gern sein markantes Profil.
Monatlich fliegt Goetzel, gelernter Geiger, nun für ein paar Tage ein und trimmt die Istanbuler Tonkünstler auf symphonisches Weltniveau. Ein wenig wird das noch dauern.
Übungsraum ist eine Halle über der Istanbuler BMW-Vertretung von Borusan. Unten reparieren Mechaniker Nockenwellen und tauschen Lichtmaschinen aus, oben paukt Goetzel, 39, Brahms, Strauss und Mozart. Der Dirigent schwärmt von der "Intensität, der Energie und dem Elan" seiner Musiker und stellt "große Fortschritte" fest.
Sie sind inzwischen so groß, dass das Ensemble sich nun mit einer respektablen Debüt-CD auch auf den europäischen Markt wagt. Ende Januar kommt sie, aufgenommen im Probensaal über der Autowerkstatt, bei der Fir- ma Onyx heraus und bringt Bravourstücke von Ottorino Resphigi, Paul Hindemith und dem fast vergessenen französischen Modernisten Florent Schmitt. Und auch Auslandstourneen sind schon in Planung.
In jedem Monat spielt das Bifo in Istanbul, meist einmal auf der asiatischen Seite und einmal auf der europäischen. Der Enthusiasmus des Publikums steht jedoch im Moment noch in einem gewissen Missverhältnis zu seinem Respekt vor den Gepflogenheiten in einem Konzertsaal.
Als Mitte Dezember der kurzfristig eingesprungene russische Pianist Alexej Wolodin beim dritten Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow die spätromantischen Klangkaskaden rauschen ließ, reagierten etliche Zuhörer schon mitten im ersten Satz mit Beifallstürmen. Sie wurden von erfahrenen Konzertgängern unverzüglich niedergezischt.
Für Ahmet Kocabiyik und seine Holding ist das Orchester allerdings nur die spektakulärste Möglichkeit, sich mit Kultur in der Öffentlichkeit zu profilieren. Die Firma unterhält in Istanbul ein Kulturzentrum, eine Musikbibliothek und seit neuestem ein Kunstzentrum in einem umgebauten Stadthaus, in dem auch Ausstellungen moderner Kunst gezeigt werden. Es ist rechtzeitig zum Jahreswechsel fertig geworden. Am 1. Januar übernahm Istanbul, gleichzeitig mit dem Ruhrgebiet und der südungarischen Universitätsstadt Pécs, die Rolle der Kulturhauptstadt Europas 2010.
Der Start fiel äußerst verhalten aus. Da könnte wenigstens das nächste Konzert des Bifo für transkontinentale Aufbruchstimmung sorgen. Maestro Goetzel dirigiert Beethovens monumentale 9. Symphonie. Ihr letzter Satz ("Freude, schöner Götterfunken") ist Europas offizielle Hymne.
JOACHIM KRONSBEIN
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 2/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 2/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MUSIK:
Unten Autos, oben Brahms

  • Hilfe für bedrohte Korallenriffe: Das Geräusch der Fische
  • Nach viralem Witze-Video: Zank unter Staatschefs beim Nato-Gipfel
  • Russische Militäreinheit: Ski-Soldaten mit Schlittenhunden
  • Erster Filmtrailer: "James Bond 007 - Keine Zeit zu sterben"