18.01.2010

FAMILIENPOLITIKEine Frage des Mumms

Kristina Köhler tritt als Familienministerin das Erbe Ursula von der Leyens an. In der Berliner Politik gibt es derzeit keine undankbarere Aufgabe.
Es könnte so ein schöner Tag sein. Eben hat Kristina Köhler im Reichstag den Eid auf ihr neues Amt geschworen. "So wahr mir Gott helfe!" Die Regierungsbank hat applaudiert, ihr Verlobter, der Innenstaatssekretär Ole Schröder, hat ihr ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Aber keine zehn Minuten später wollen die Journalisten wieder nur das eine wissen.
Ole Schröder verlässt gerade das Gebäude durchs Treppenhaus. Da läuft ihm ein junger Mann mit Stift und Block hinterher. "Herr Schröder! Herr Schröder!"
"Ja?"
"Wie nervig ist das für Sie, wenn die Freundin plötzlich Ministerin ist?"
Schröder schüttelt den Kopf, er geht weiter. "Noch kurz! Bitte! Herr Schröder!"
Schröder dreht sich nicht mehr um, er nimmt die letzten Stufen zur Tür.
Der Journalist schreit ihm die Frage hinterher, sie schallt durchs ganze Treppenhaus. "Jetzt sagen Sie doch! Ist die Frau Köhler schwanger?"
Es ist, wie es aussieht, die Schlüsselfrage an die neue Familienministerin. Köhler ist die Nachfolgerin von Ursula von der Leyen, jener Frau, die wie noch keine Politikerin zuvor ihr Privatleben mit ihrer Politik verknüpft hat. Von der Leyen hat ihr Amt komplett mit sich selbst ausgefüllt. Sie hat sich und ihre sieben Kinder so oft auf die Bühne gestellt, dass es jetzt wie ein Handicap wirkt, dass Köhler selbst nicht ein einziges Kind vorweisen kann. "Jung, ledig, kinderlos", lautete die erste Überschrift, die sie über sich als Ministerin lesen durfte.
Köhlers größtes Problem heißt Ursula von der Leyen, wie ein Schatten verfolgt die Vorgängerin sie. Von der Leyen prägte nicht nur die Vorstellung der Deutschen darüber, wie das Leben einer Familienministerin auszusehen hat. Sie hat in ihrer Amtszeit auch alle großen Themen der Familienpolitik besetzt: Elterngeld, Kita-Ausbau, Vätermonate. Für Köhler bleibt jetzt nicht mehr viel übrig. Kleinzeug. Umsetzung. Weiterentwicklung. Für Minister sind das grässliche Worte.
Schon hört man in der Hauptstadt den Vergleich mit Claudia Nolte, jener Ministerin, die Helmut Kohl als 28-Jährige ins Kabinett holte und die kläglich scheiterte. Sollte es Köhler ähnlich ergehen, von der Leyen hätte entscheidenden Anteil daran.
Schnell, sagt Köhler, habe die Amtsübergabe zwischen ihr und von der Leyen geklappt. Sie wirkt, als sei sie noch ein wenig entsetzt darüber, wie hurtig die Vorgängerin ihre Sachen packte. Köhler steht in ihrem Ministerbüro am Alexanderplatz, dunkler Hosenanzug, lila Rollkragenpullover, hinter ihr betet noch die blaue Madonna in Acryl, die von der Leyen über ihrem Schreibtisch hängen hatte. Sie hängt dort wie ein Mahnmal.
Ganz zu Anfang sei sie vollkommen allein gewesen mit ihrem neuen Amt. "Nur mein Handy und ich." Sie fühlte sich wie vom ICE überfahren.
Nach ihrer Ernennung hat sich Köhler sechs Wochen lang im Ministerium verschanzt. Sie musste ihre neuen Themen kennen lernen, sprechfähig werden. Köhler weiß, dass von der Leyen so erfolgreich war, weil sie sich nicht mit den engen Grenzen ihres Ressorts zufriedengegeben hat. Doch jetzt bekommt sie am eigenen Leib zu spüren, was es heißt, wenn man jemandem nachfolgt, der nicht nach den Regeln spielt.
Denn es ist ja nicht so, dass ihr allein der Schatten ihrer Vorgängerin zu schaffen macht. Von der Leyen ist nach wie vor da. In der Sendung "Anne Will" konnte Köhler jüngst beobachten, wie von der Leyen ihre neue Aufgabe als Arbeitsministerin begreift. Es ging um die Hartz-Gesetze, aber von der Leyen sprach fast die Hälfte der Zeit über Familienpolitik. Über Kinderarmut, Alleinerziehende, den Wiedereinstieg von Müttern in den Beruf.
Ins neue Amt hat sich von der Leyen ihre beiden wichtigsten Mitarbeiter aus dem alten Ministerium mitgenommen, die Fachleute für Familienpolitik und Jugend. Köhler fand das nicht ganz fair. Es sieht so aus, als würde sich von der Leyen auch in Zukunft nicht an die Grenzen ihres Ressorts halten.
Köhler dagegen hat sich immer an die Regeln gehalten. Sie stammt aus Wiesbaden, ist ein klassisches Parteigewächs der hessischen CDU, die als besonders konservativ gilt. Schon mit zwölf wollte sie in die Junge Union eintreten, aber sie durfte nicht. Sie musste warten, bis sie 14 war. Sie trug einen Aufkleber mit dem Spruch "I like Birne" auf ihrem Schulmäppchen, eine 14-Jährige, die Helmut Kohl anbetet statt Robbie Williams. Sie kann sich heute wunderbar über diese Zeit lustig machen. Dann verzieht sie den Mund und gibt zu, dass es sie im Nachhinein ein bisschen erschrecke, was für ein komisches kleines Mädchen sie damals gewesen sei.
2002 zog sie in den Bundestag ein. 2008 wurde sie Obfrau der Union im BND-Untersuchungsausschuss. Für ihre Arbeit dort hat sie viel Lob geerntet. Ihr Erfolg fußte auf Fleiß und Ehrgeiz.
Um aber in Deutschland das traditionelle Bild von Familie umzukrempeln, braucht es nicht nur Fleiß und Ehrgeiz, sondern vor allem Mumm. Von der Leyen hatte den, als sie 2005 erklärte, die Familienpolitik jetzt über alle Ressorts und über Bund, Länder und Kommunen hinweg zur Chefsache zu machen. Ihr Projekt enthielt eine große Portion politischen Wahnsinn.
Hat Köhler das auch, diesen Mumm? "Die ist der analytische Typ", sagt Jürgen Falter über seine Studentin. Falter ist Professor für Politikwissenschaften an der Universität Mainz. Bei ihm hat Köhler promoviert. Wenn Falter über die unterschiedlichen Politiktypen redet, dann stellt er die "Weinköniginnen"-Frage. "Ist das eine, die sich auf Volksfesten wohl fühlt? Die rausgeht, Hände schüttelt, ihren Instinkten vertraut?" Ursula von der Leyen ist so eine. Eine Instinktpolitikerin. Köhler sei dagegen eher wie Angela Merkel. Eine, die sich informiert, abwägt, in strategischen Konsequenzen denkt. "Gar keine Weinkönigin."
Köhlers Pech ist es, dass man von einer, die in die Fußstapfen der Ursula von der Leyen tritt, jetzt beides erwartet. Wahnsinn. Und Weinkönigin.
In ihrem Berliner Büro bricht die Dämmerung ein. Köhler trinkt Latte macchiato und erklärt, wie sie mit dem Interesse an ihrer Person umgehen möchte. "Wir sagen gar nichts." Ihr Verlobter und sie hätten seit je diese Abmachung. Kein Wort geht zur Presse. Sie reden nicht über ihre Beziehung, nicht über die Hochzeit im Februar. Und schon gar nicht über Pläne, Kinder zu bekommen. "Wenn ich eine
Homestory machen würde, täte ich so, als gäbe es ein legitimes Interesse daran, abzubilden, wie mein Partner und ich leben", sagt Köhler. "Aber das gibt es nicht."
2002, im Wahlkampf um ihr erstes Bundestagsmandat, hat es solche Geschichten gegeben. Da hat sie in ihrer Küche gezeigt, wie man Fanta-Torte backt. "Das würde ich heute nicht mehr machen."
Auch von der Leyen hat irgendwann bereut, sich mit ihren sieben Kindern für die Fotografen in den Garten gestellt zu haben. Nach ihrem Wechsel von Hannover nach Berlin hat sie darum gebeten, dass keine Bilder mehr von ihrer Familie gemacht werden. Doch mit dem Image der siebenfachen Mutter hat von der Leyen trotzdem weitergespielt. Sie wusste genau, wie sie mit Anekdoten aus ihrem Leben als Mutter punkten konnte.
Wie will Köhler an diesem Stil ihrer Vorgängerin vorbeikommen? "Der Drang, Rechenschaft über den eigenen Lebensentwurf abzugeben, liegt wohl tief in diesem Amt begründet", sagt sie. Seit sie Ministerin sei, habe sie bemerkt, dass die meisten ihrer Gespräche mit einem Bekenntnis begännen. "Einem Bekenntnis darüber, wie man sein Familienleben regelt." Geht das Kind in die Kita? Wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
Sie selbst kann solche Bekenntnisse nicht abgeben. Sie hat ja keine Kinder. Nachdem sie aber in den vergangenen Wochen die endlosen Diskussionen darüber mitbekommen hat, ob sie nicht welche haben müsste, ist ihr aufgefallen, worin der Vorteil ihrer Kinderlosigkeit liegen könnte. "Ich muss mich für nichts rechtfertigen", sagt sie. Niemand könne ihr vorwerfen, mit ihrer Politik nur den eigenen Lebensentwurf zu verteidigen.
Trotzdem braucht sie jetzt schnell eine eigene Agenda. Eine Familienpolitik, die sich von der Ursula von der Leyens abhebt. Sie muss sich an etwas Großes, Grundsätzliches wagen. Wie schwer das wird, hat sie vorigen Donnerstag erlebt, bei ihrer ersten Pressekonferenz.
Raum I der Bundespressekonferenz ist bis zum letzten Platz gefüllt. Köhler stellt eine Studie von Unicef vor, aber sie will die Gelegenheit nutzen, zu erläutern, welche eigenen Schwerpunkte sie setzen will. Sie sagt: "Wir müssen dafür sorgen, dass Pflege und Beruf in Zukunft besser vereinbart werden können." Und dass sie sich darum kümmern möchte, dass Frauen und Männer ihre Arbeit und ihr Familienleben wirklich partnerschaftlich organisieren. Sie will ein Teilelterngeld einführen, das 28 Monate lang ausgezahlt wird.
Als sie fertig ist, dürfen die Journalisten Fragen stellen. Hinten rechts meldet sich jemand. "Frau Köhler, viele der Ideen stammen ja von Frau von der Leyen. Wo liegen denn Ihre eigenen Schwerpunkte?" Es wird wohl noch dauern, bis der Schatten verschwunden ist. KERSTIN KULLMANN
* In ihrem Büro in Berlin.
* Unten: mit ihrem Lebensgefährten Ole Schröder.
Von Kerstin Kullmann

DER SPIEGEL 3/2010
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