18.01.2010

PROTESTEGut gegen Gut

Die Politiker sind bei der Klimakonferenz in Kopenhagen gescheitert. Nun kommt es auf die Bürger an. Doch die wehren sich vielerorts gegen erneuerbare Energien aus Sonne, Wind oder Mais. Auch modernere Kohlekraftwerke wurden verhindert.
Hans Fliege geht gern spazieren, er liebt den weiten Blick über den Main, deswegen ist er vor 30 Jahren nach Obertheres gezogen. Aber er weiß, dass das nicht reicht als Argument. Nicht gegen Solarparks. Der Gegner kann mit der Klimakatastrophe kontern.
Anschwellende Ozeane, vertrocknende Äcker, Wirbelstürme. Fliege wäre der Mann, der das alles in Kauf nähme, um jederzeit den Main sehen zu können.
Ein Investor will in Flieges Dorf Solarmodule auf zwei Flächen stellen, auf rund 40 Hektar Land. Fliege will das verhindern. Einen ersten Erfolg hat er errungen, als er kürzlich genug Unterschriften gesammelt und einen Bürgerentscheid durchgesetzt hat. Den ersten Bürgerentscheid in der Gemeinde Theres in Unterfranken, zu der Obertheres gehört.
Nun will er seine Nachbarn dazu bringen, am letzten Sonntag im Februar gegen die Solarparks zu stimmen. Er steht in der Mitte des Versammlungsraums im Turnverein Obertheres, neben seinem Laptop, an den er den neuen Beamer angeschlossen hat, in einer roten Strickjacke, und sagt: "Also, aus energietechnischer Sicht ist die Sache für die Bundesrepublik Deutschland völliger Quatsch."
Die Bürger in Theres werden nicht nur über die geplanten Anlagen abstimmen. Sie sollen entscheiden, ob auf den Feldern der Gemeinde überhaupt Sonnenstrom gewonnen werden soll.
Es ist eine kleine, lokale Frage, die zu den großen Weltproblemen führt. Zum Klimagipfel von Kopenhagen, der im Dezember gescheitert ist. Die Politiker aus 192 Staaten konnten sich nicht einigen. Das ist schlimm, aber was ist mit den Bürgern? Sind sie bereit für ein klimafreundliches Leben? Wollen sie erneuerbare Energien?
Im Prinzip hat kaum einer was dagegen. In Umfragen wollen mehr als drei Viertel der Deutschen mehr Ökostrom, sie wollen Energie verbrauchen mit gutem Gewissen, ihren Lebensstil bewahren und trotzdem das Klima retten - bloß möglichst nicht vor der eigenen Tür.
Nur wenige Deutsche haben ein konventionelles Großkraftwerk in der direkten Nachbarschaft. Erneuerbare Energien aber können überall entstehen, in Solarmodulen, Windrädern und Biogasanlagen, in jeder Kleinstadt und jedem Dorf. Doch dort, vor dem eigenen Wohngebiet, fallen schnell die Nachteile einer solchen Anlage auf: Lärm, Gestank, die Veränderung der Landschaft.
Das führe in der Tat zu "vielen Kommunikationsanlässen", sagt Björn Klusmann, Geschäftsführer vom Bundesverband Erneuerbare Energien. Seine Wortwahl ist so sanft wie das Image seiner Branche. "Wo sich Dinge ändern, stellen sich Akzeptanzfragen", sagt er. Er sei aber sicher, dass jeder Streit eine Chance für die erneuerbaren Energien sei.
Hans Fliege beginnt in Obertheres seine Powerpoint-Präsentation mit einer Karte der Gemeinde, in der er viele Flächen schraffiert hat. Dort könnten bald überall Solarparks gebaut werden, sagt er.
Fliege ist 62, ein Elektroingenieur im Ruhestand. Bisher hat er eher zurückgezogen gelebt, war in keinem Verein, mied Dorffeste. Mit vielen Nachbarn sprach er zum ersten Mal länger, als er Unterschriften gegen die Solarparks sammelte. Diejenigen, die ihn am freundlichsten empfingen, hat er in das Vereinslokal eingeladen. Zwei Dutzend sind da, vor allem Paare in Flieges Alter, alle sind gegen die Solarparks und kampfbereit.
"Die Leute können denken, dass wir einen an der Waffel haben", das sagt Fliege ihnen lieber gleich. Es sei nicht leicht, klarzumachen, warum Solarparks in Unterfranken nicht nur hässlich, sondern auch nutzlos seien.
Bratfett aus dem griechischen Restaurant nebenan hängt in der Luft, es ist warm, Flieges Vortrag wird kompliziert. Er zeigt Tabellen und Diagramme, Energieverbrauchskurven und Wirkungsgrade. Er hat alles Mögliche berechnet und sich mit allen möglichen Fragen beschäftigt.
Gibt es den Klimawandel wirklich? Könnten die Atomkraftwerke, die auch Fliege, der früher die Grünen gewählt hat, wegen der Endlagerfrage kritisch sieht, nicht doch länger laufen? Gibt es überhaupt eine Energiekrise in Deutschland?
Die Zuhörer werden unruhig, Frau Fliege ermahnt ihren Mann, das Bauchgefühl der Leute nicht zu vergessen. Die Leute machen sich eher Sorgen um die Immobilienpreise im Dorf. Müssen sie auch noch die Atommüllendlagerfrage lösen, um gegen die Solarparks sein zu dürfen?
"Wir wollen die Dinger hier nicht, reicht das nicht?", fragt ein Mann.
Dieter Rucht, Sozialforscher am Wissenschaftszentrum Berlin, erforscht seit Jahren Protestbewegungen. Eine Bürgerinitiative zu gründen oder eine Unterschriftenliste gegen ein Bauvorhaben auszulegen gelte nicht mehr als Querulantentum, sondern als eine rationale Form der Interessenvertretung, sagt er. Jeder fühle sich aufgerufen, seine eigene Lobby zu gründen. Die Leute seien selbstbewusst gegenüber Autoritäten, kritikfähiger, könnten sich besser artikulieren. Das habe die Lage aber auch unübersichtlich gemacht. Es entstehen wieder viele Gruppen, die sich Bürgerinitiativen nennen. Manche beanspruchten, sich für die Umwelt einzusetzen, seien aber von der Industrie gesponsert. "Die Fronten laufen quer, es ist nicht immer klar, was dahintersteckt", sagt Rucht.
In Greifswald hat Oskar Gulla drei Jahre gegen den Bau eines Steinkohlekraftwerks gekämpft, nun plant er eine Siegesfeier. Der dänische Energiekonzern Dong, der den Kraftwerksbau als Hauptgesellschafter finanzieren wollte, hat sich im Dezember aus dem Projekt zurückgezogen.
Das Kohlekraftwerk sollte in Lubmin, einem Seebad in der Nähe, gebaut werden, vier Bürgerinitiativen hielten dagegen. Gulla führt die in Greifswald. Er will sie nicht auflösen, sondern jetzt erreichen, dass in Lubmin gar keine Kohle verbrannt werden darf, der nächste Flächennutzungsplan solle das ausschließen.
Gulla ist 61, ein rundlicher Mann mit einem weißen Bart und langer Protesterfahrung. Die 68er-Bewegung, der Schnelle Brüter Kalkar, Anti-Atomkraft-Initiativen, überall war er dabei, seit 40 Jahren ist er außerdem in der SPD. Vor acht Jahren zog er aus dem Ruhrgebiet nach Greifswald, unter anderem wegen der guten Luft, auch das Meer liegt ihm als Yachtbauer und Segler am Herzen. In den letzten Jahren hat er sich viel mit Klimaschutz beschäftigt.
Fast zehn Millionen Tonnen CO2 sollte das neue Kraftwerk im Jahr ausstoßen, sagt Gulla. Und das in einer Zeit, in der die Welt über jede Tonne weniger CO2 verhandelt. Der Klimaschutz war sein bestes Argument. Allerdings hat auch die Gegenseite mit dem Klimawandel argumentiert. Neue Kohlekraftwerke seien Teil der Energiewende, sauberer und effizienter als alte Kohlekraftwerke, außerdem brauche man sie, weil Wind- und Sonnenenergie nicht beständig fließen.
Nun wird in Lubmin kein modernes Kraftwerk den Strom aus alten Dreckschleudern ersetzen. Ein Erfolg für den Klimaschutz? Gulla will, dass bald Windstrom aus Lubmin kommt, er bereitet schon eine Konferenz dazu vor.
Vielleicht sollte er mal mit Thomas Jacob aus Brandenburg über die Sache reden. Jacob will auch keine neuen Kohlekraftwerke. Er lehnt neue Braunkohlehalden und unterirdische CO2-Speicher in Brandenburg ab, zweifelt an der Effizienz von Solaranlagen und daran, dass Mais-Monokulturen, wie sie für die Biogasgewinnung entstehen, gut für die Umwelt sind.
Jacob sitzt in seinem Haus in der Märkischen Heide auf einer Couch und führt die Energiedebatte mit sich selbst. Besonders viele Argumente fallen ihm gegen die Windkraft ein. Schlagschatten, Infraschall, nervende Geräusche, tote Vögel. Möglicherweise kranke Menschen, aber dazu möchte er erst noch eine Studie machen.
Was ihn an Windrädern am meisten stört, nennt er "die verbrecherische Zerstörung eines ganzen Landes". Jacob sorgt sich darum, dass Brandenburg vor lauter Riesenwindrädern bald nicht mehr zu erkennen sein wird. Vor anderthalb Jahren hat er die Volksinitiative "Gegen die Massenbebauung Brandenburgs mit Windenergieanlagen" mitgegründet.
Windkraftgegner möchte Jacob trotzdem nicht genannt werden. Anlagen auf Tagebaubrachen oder verlassenen Militärgeländen kann er sich vorstellen. Seine Initiative fordert, dass zwischen einem Windrad und einem Wohnhaus mindestens 1500 Meter liegen sollen. "Wir haben nichts gegen Windenergie, wo sie keinen Schaden anrichtet", sagt er. Auf dem Meer zum Beispiel, in großen Offshore-Anlagen, sei Windenergieerzeugung effizienter und störe nicht. Das sehen die Leute, die sich zum Beispiel auf Sylt gegen die geplanten Offshore-Anlagen organisiert haben, allerdings anders.
Als Jacobs Initiative ihre Forderungen aufstellte, bekam sie in Brandenburg fast 27 000 Unterschriften; als sie damit zur Landtagswahl antrat, nicht mal 5000 Stimmen.
Jacob ist Fernsehfilmregisseur, er hat für den Wahlwerbespot Windräder gefilmt, die nah an Wohnhäusern stehen und nach seiner Meinung bedrohliche Schatten auf Felder werfen. Seit der Wahl überlegt er, wie es mit der Initiative weitergehen soll.
Es hat sich allerdings eine neue Aufgabe ergeben. Er ist jetzt selbst von einem Bauprojekt betroffen. Er führt im Moment keinen großen Kampf, sondern einen kleinen.
Der Schauplatz liegt an der B87, Höhe Biebersdorf, nur ein paar Autominuten von seinem Haus entfernt. Jacob deutet im Vorbeifahren auf eine Wiese. Da sollen sie hin. Elf Stück. Elf neue Windräder, Jacob sagt: "eine weitere Windindustrieanlage". Er deutet auf die andere Seite der Bundesstraße. Dort lebe ein Schwarzstorchenpaar. Schwarzstörche standen lange auf der Roten Liste. Er hat sich vor allem auf die Vögel berufen, als er dem Landrat seine Einwände gegen die Windräder mitgeteilt hat. Er hat auch geschrieben: "Nach unseren Erkenntnissen geht es den zukünftigen Betreibern dieses Windindustriegebiets mitnichten um die Klimafrage, sondern um Profite."
Auf seiner Couch sagt Jacob, dass ihn Hysterie und Hektik in der Energiedebatte nervten. Im Kamin brennen Holzscheite, im Garten stehen Apfelbäume, von hier ist noch kein Windrad zu sehen, es ist eine stille Idylle. "Warum brauchen wir in Brandenburg eine Skihalle?", fragt Jacob. Wie wäre es, wenn alle erst mal Strom sparen und nachdenken?
Vorerst ist sie noch nicht entdeckt, die Energiequelle der Zukunft, die niemanden stört. Die man nicht sieht, nicht hört, nicht riecht. Die keinen Müll hinterlässt und keine giftigen Abgase.
In Timmaspe, einem Dorf zwischen Neumünster und Kiel, begann das Nachdenken im Herbst. Es wurde plötzlich laut in Timmaspe, die Energiewende brach in das Dorfleben ein.
Tag und Nacht seien auf einmal Trucks durchs Dorf gerast, sagt Jörn Bobsien, an Schlaf sei manchmal nicht zu denken gewesen. Er sitzt in seinem Wohnzimmer, von dem man auf die Dorfstraße blickt, es ist jetzt wieder still, die Straße kaum befahren.
Die Schlepper brachten Maishäcksel auf ein Feld am Ortsrand. Als sie wieder weg waren, habe der Bauer, dem das Feld gehört, verkündet, dass dort eine Biogasanlage hinkomme.
Als sich wenig später in Timmaspe eine Bürgerinitiative gründete, wurde Bobsien ihr Sprecher. Sie saßen zusammen, tranken Wein, schrieben ein Flugblatt. Sie hörten sich um in der Gegend, "jede Gemeinde plagt sich zurzeit damit", überall werden Biogasanlagen geplant, oft gibt es Protest.
Die Leute von der Bürgerinitiative haben dann ihr Flugblatt verteilt und Unterschriften im Dorf gesammelt. Ihr Protest, so sieht es im Moment aus, hatte schnell Erfolg. Offenbar wolle der Betreiber nun doch lieber in einem Nachbarort eine neue Biogasanlage bauen, sagt Bobsien.
"Natürlich hat keiner Lust auf so ein Ding", sagt er. Er ist für einen Sprecher eher wortkarg. Der Verkehr, der Geruch, der Strukturwandel. Es gibt bereits eine kleine Biogasanlage in Timmaspe, am anderen Dorfende, mit der könne er leben. Aber noch eine, mindestens doppelt so groß, sei zu viel für den Ort mit 1100 Einwohnern.
Bobsien ist 46, hat in Hamburg einen Laden für Parkett und Wohnungsdekoration. In Timmaspe wohnt er in einem ausgebauten Bauernhof, in der Garage hängen seine Surfbretter. Auch Bobsien macht sich Gedanken um die Umgebung, in der er lebt, er kauft Milch und Fleisch beim Bauern. Wenn überall Mais angebaut wird, für die Biogasanlagen, können sich die Milchbauern die Pacht nicht mehr leisten, fürchtet er.
"Und was ist das überhaupt für ein Mais?", fragt seine Frau, die mit den Töchtern nach Hause gekommen ist und sich mit an den langen Holztisch gesetzt hat. "Und wo geht der Strom überhaupt hin?"
Jörn Bobsien nickt. Verkehr, Geruch, Strukturwandel, es wäre auszuhalten, wenn es einen Plan gäbe, sagt er. Er sei auch gegen Atomkraft und gegen Kohledreck, aber er habe das Gefühl, "dass niemand sich einen Kopf um eine ordentliche Energiepolitik macht".
Er klingt wie Fliege, der in Unterfranken am Sinn von Solarparks zweifelt, wie Jacob, der in Brandenburg klagt, dass hinter all den Windrädern kein Plan stecke.
Wenn die Menschen das Gefühl hätten, "dass ihre Region das Gesamtproblem schultern muss", dass auf sie Lasten zukämen, aber der Nutzen nicht zu erkennen sei, sei verständlich, dass sie sich wehrten, sagt Rucht, der Protestforscher. Wie wäre es, wenn die Menschen in jeder Region selbst entscheiden müssten, wie sie sich mit Strom versorgen wollen?
Vielleicht ist es ganz gut, dass wir uns jetzt einen Kopf machen müssen, sagt Jörn Bobsien in Timmaspe.
Am Abend sitzen sie wieder zusammen und beschließen, dass ihr Dorf sich in Zukunft selbst mit Energie versorgen soll. Wenn es sein muss, würden sie dafür auch eine Biogasanlage akzeptieren.
WIEBKE HOLLERSEN
Von Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 3/2010
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