18.01.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEWhisky auf Eis

Wie ein Schnapsbrenner Geld mit der Antarktis verdienen will
Al Fastier hat oft an die Kiste denken müssen in den vergangenen Monaten, daran, wie sie tiefverankert im Eis liegt, 2700 Meilen von seinem Haus entfernt, 100 Jahre alt, ein Relikt aus einer anderen Zeit, in der es noch echte Abenteuer zu bestehen gab im Namen der Forschung.
Fastier lebt in Glenorchy, Neuseeland, er ist 50 Jahre alt, ein untersetzter Mann mit Halbglatze, der sich verbunden fühlt mit den großen Polarforschern des vergangenen Jahrhunderts, mit Amundsen, Scott, mit Shackleton. Fastier bewundert sie - ihren Mut, ihren Wissensdrang - und hat es zu seiner Lebensaufgabe gemacht, ihren Nachlass zu bewahren. Er arbeitet für den Antarctic Heritage Trust, eine Organisation, deren Mitarbeiter dafür sorgen, dass die alten Lager der Forscher im Eis erhalten bleiben, sie werden repariert und restauriert.
Am Anfang des Jahres, wenn der Sommer in die Antarktis zurückkehrt, macht sich Fastier auf den Weg. So wird es auch in diesem Jahr sein, sein Ziel ist das Lager von Ernest Shackleton auf der Rossinsel am Rande der Antarktis, und Fastier wird dort eine schwierige Entscheidung zu treffen haben. Er muss ein Problem lösen, das er selbst verursacht hat.
Ernest Shackleton, 1874 geboren, Sohn eines irischen Grundbesitzers, hatte sich im Jahr 1907 auf den Weg zum Südpol gemacht, im Februar 1908 erreichte sein Schiff, die "Nimrod", Kap Royds. Er schlug sein Lager 500 Meter entfernt vom Meer auf. Es bestand aus einer Holzhütte, sie war knapp zehn mal sechs Meter groß, in ihrem Innern ein Ofen, einige Betten, Decken aus Rentierfell, Büchsen und anderer Proviant.
Am 29. Oktober 1908 brach Shackleton mit dreien seiner Männer zum Südpol auf, am 9. Januar 1909 standen sie 180 Kilometer entfernt von ihrem Ziel. Sie waren dem Südpol näher gekommen als je ein Mensch zuvor, aber nicht nahe genug. Die Vorräte gingen aus, und Shackleton gab den Befehl umzukehren. Die kraftlosen Männer erreichten gerade noch rechtzeitig vor dem Einbruch des Winters die "Nimrod". Zurück am Kap blieben die Hütte mit Inventar und, verborgen unter dem Hüttenboden, eine Kiste mit zwölf Flaschen schottischem Rare Old Whisky der Marke "Mackinlay's", originalverpackt. Shackleton hatte sie damals wahrscheinlich mitgebracht, um das Erreichen des Südpols mit seinen Männern zu begießen.
Fastier hat die Kiste während einer seiner Reisen entdeckt, im Jahr 2006. Er hatte schon einen Teil des Eises unter der Hütte abgeschlagen, als er sie sah, eine einfache Box, 60 mal 30 mal 30 Zentimeter, mit dem Bild eines Hirschs auf der Oberfläche.
Fastier hob den Deckel einen winzigen Spalt an, was ihn viel Kraft kostete, dann sah er die Flaschen. Sie zu bergen, noch tiefer zu graben in einen Boden, der hart war wie Stein, hätte Fastier drei weitere Tage Arbeit gekostet. Er entschied sich, sie in einem späteren Jahr freizulegen. Zurückgekehrt in die Zivilisation, berichtete er von seinem Fund.
Heute ist er sich nicht mehr sicher, ob das eine kluge Entscheidung gewesen ist. Denn kurze Zeit nachdem er die Welt über seine Entdeckung informiert hatte, meldete sich ein Mitarbeiter der schottischen Destillerie Whyte & Mackay, zu deren Unternehmen die Whiskymarke "Mackinlay's" mittlerweile gehört.
Die Firma hat großes Interesse daran, die Kiste und ihren Inhalt zu untersuchen, sie erwägt eine Neuauflage der historischen Marke. "Wenn die Flaschen unbeschädigt sind, ist der alte Whisky noch trinkbar, und es würde eine phantastische Nachfrage für den nachproduzierten Whisky geben, wegen der Geschichte dahinter", so sagt es ein Sprecher der Firma.
Fastier ist über diesen Plan nicht besonders glücklich. Für ihn ist die Kiste kein Mittel, mit dem man Profit machen sollte. Er nennt sie "ein Artefakt". Das ist ein großes Wort, und Fastier wählt es wohl, weil die Kiste für ihn ein Stück Geschichte ist. Nach seiner Meinung sollten die Flaschen zwar geborgen werden, aber sonst unangetastet bleiben. Er will nicht wissen, wie der Whisky schmeckt, er will die Kiste untersuchen, wie ein Spurenfossil, vielleicht restaurieren, ansonsten würde er sie gern da belassen, wo sie ist. Doch der Trust hat ihm den Auftrag erteilt, sie zu bergen und mitzubringen.
Fastier sagt, dass er natürlich sein Bestes geben werde. Aber das Bergen der Kiste ist eine schwierige Angelegenheit.
Fastier hat sich schon alles genau überlegt. Er wird keinen Bohrer benutzen, sondern einen Meißel, will sich bis auf ein paar Zentimeter an die Kiste heranarbeiten, sie ausschneiden und, eingebettet in ein Stück Boden, über eine Hebebühne an die Luft schieben, in die antarktische Sonne, die sie ganz langsam vom letzten Eis befreien soll.
Fastier sagt, er werde mit äußerster Sorgfalt vorgehen, aber er könne nicht für den Erfolg garantieren. Das Eis ist hart, die Flaschen sind zerbrechlich. Vieles kann passieren. Vielleicht zerbricht die Kiste. Vielleicht zerbrechen die Flaschen. Vielleicht kommt es auch ganz anders, und die Kiste ist gar nicht zu bergen. Es liegt alles in den Händen von Fastier. Im Februar wird er in Shackletons Hütte stehen.
BARBARA HARDINGHAUS
Von Barbara Hardinghaus

DER SPIEGEL 3/2010
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