18.01.2010

KRIMINALITÄTDie Kinder von Haus 5

Die Zahl junger Straftäter sinkt, aber die Delikte werden brutaler. Fast alle Täter stammen aus zerrütteten Familien. An den Jugendlichen sind Eltern gescheitert, Lehrer, Sozialarbeiter. Ausgerechnet im Gefängnis sollen sie zu besseren Menschen werden. Geht das? Von Uwe Buse
Es gibt Dinge, die fallen selbst Klaus Gündel schwer, auch nach acht Jahren als Sozialpädagoge, nach acht Jahren voller Geschichten über Gewalt, Totschlag, Mord. Es gibt Dinge, an die kann er sich einfach nicht gewöhnen, und wahrscheinlich ist das gut so.
Manchmal ist es die Beiläufigkeit, mit der einem Menschen das Leben genommen wurde. Manchmal ist es die Wut, die Gündel verschreckt, eingefroren auf Fotos vom Tatort, die nicht einen Ermordeten zeigen, sondern einen Geschändeten, einen Menschen, dessen Körper zum Blitzableiter wurde für Aggressionen, angestaut über Jahre. Und manchmal, da ist es einfach die Tat an sich, die so verdammenswürdig und erschreckend ist, dass sie Gündel zweifeln lässt am Wesen des Menschen.
Das Opfer von Frank Warncke (Name geändert, wie der jedes Häftlings -Red.) saß in einem Rollstuhl. Das Opfer von Thomas Brauner war bewusstlos. Beide Opfer waren Männer, beide wurden umgebracht. Der eine mit einem Messer, der andere mit einem Brett.
Ihre Mörder waren 15 Jahre alt.
15 Jahre.
Was soll man da sagen? Was kann man da tun? Wie kann man Menschen vor diesen Jugendlichen schützen? Und wie kann man diese Jugendlichen vor sich selbst schützen? Dies sind die Fragen, die jedes Mal gestellt werden, wenn kaum Fassbares geschieht, wenn Jugendliche, Kinder zu Mördern werden.
Antworten werden an Stammtischen gegeben und in der "Bild"-Zeitung. Dort forderte ein Arzt lebenslange Freiheitsstrafe für minderjährige Mörder, nachdem zwei Jungen den Münchner Geschäftsmann Dominik Brunner auf einem S-Bahnsteig erschlagen hatten.
Antworten werden auch von Politikern gegeben. So kündigen die Regierungsparteien in ihrem Koalitionsvertrag an, die Höchststrafe für jugendliche Mörder von 10 auf 15 Jahre erhöhen zu wollen.
Mehr Repression soll das Problem also lösen. Wegsperren, die ganze Bande. Aber ist es so einfach? Oder gibt es Alternativen?
Deutschlands größtes Gefängnis für Jugendliche liegt in Niedersachsen, in Hameln, ein grober Bau aus Beton, zu finden zwischen der Weser und einem Kieswerk. Über 500 Jugendliche sitzen hier, hinter Mauern, hinter Stacheldraht.
Hier leben junge Männer, die ihre kriminelle Karriere begannen, als sie elf, zwölf Jahre alt waren, und bei denen alle Erziehungsversuche scheiterten. "Early Starter" nennt Gündel sie. Nichts beeindruckte diese Kinder, nicht die Ermahnungen von Polizisten, nicht die Hausbesuche von Mitarbeitern des Jugendamts, nicht die Predigten ihrer Richter, die sie erst verwarnten, dann zu Sozialstunden verurteilten, zu Jugendarresten, zu Bewährungsstrafen und schließlich, als die Geduld der Richter erschöpft war, zur Jugendstrafe.
In den Zellen hocken Menschen, die fast zwei Jahrzehnte alles wegsteckten - die Schläge vom Stiefvater, das Saufen der Mutter, die Demütigungen in der Schule. Es sind Jungen, die das staatliche Frühwarnsystem unterliefen, bis schließlich nichts mehr ging, bis der Druck im Kessel zu groß wurde und sie explodierten.
Es gibt hier Spätaussiedler, wenn auch nicht mehr so viele wie früher, es gibt Türken, Kosovo-Albaner, Russen und natürlich jede Menge Deutsche. 80 Prozent der Häftlinge haben keinen Schulabschluss, ein Gesellenbrief wird bei Haftantritt mit Staunen entgegengenommen, und intakte Familien kennen die meisten Gefangenen nur aus der Rama-Werbung.
Hervorgebracht werden diese Gefangenen von einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet, im guten wie im schlechten Sinne. Kriminalisten und Wissenschaftler sehen schon seit einiger Zeit, dass sich etwas ändert. Weniger Jugendliche werden straffällig in Deutschland, die Zahlen in den offiziellen Statistiken sinken, und dies geschieht, obwohl sich nach Meinung von Forschern die Bereitschaft von Opfern, Anzeige zu erstatten, erhöht hat.
Unberührt von dieser Entwicklung blieben aber viele Gewalttaten, gefährliche Körperverletzungen etwa, sie treten häufiger auf und weisen hin auf eine Gesellschaft, die auseinanderdriftet. Der Zivilisierung der Mehrheit steht offenbar die soziale Verwahrlosung einer Minderheit gegenüber, deren Mitglieder kaum in der Lage sind, sich selbst zu helfen.
Gündel hört in seinem Büro Geschichten, die nicht zu Deutschland passen, zum Selbstbild dieses Staates als immer noch soziales Vorzeigeland. Ein Häftling wurde als kleines Kind von seiner Mutter an die Heizung gekettet, tagelang, damit sie auf Sauftour gehen konnte. Ein anderer wurde von seinem Vater in einen Autoreifen gesteckt, damit er sich nicht wehren konnte gegen die Schläge. Ein weiterer Häftling lebte mit einem Vater zusammen, der ihn in einen Killer verwandeln wollte. Der Sohn war folgsam, er hat den Wunsch des Vaters erfüllt, er sitzt jetzt in Hameln in Haus 3, Wohngruppe 2, Zelle 5. Wegen Mordes.
Die Zelle ist acht Quadratmeter groß, ein Bett steht in ihr, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank, ein Fernseher, er ist verplombt. Rechts neben der Tür, hinter einer Wand, ist das Klo, das Waschbecken. Ein Fenster gibt es auch, es ist vergittert.
Thomas Brauner hat seine Zelle für sich allein, wie alle Häftlinge, er sitzt auf seinem Bett, im Fernseher läuft RTL II, eine dicke Frau in rotglitzernden Hot Pants lässt ihren Hintern vor der Kame- ra vibrieren. Es ist früher Nachmittag. Brauner, stämmig, das Basecap verkehrt herum auf dem Kopf, hat viel Zeit im Moment.
Er hatte Ärger in der gefängniseigenen Schlosserei, es ging um Unterdrückung eines Mitgefangenen, um Erpressung. Brauner wurde rausgeschmissen aus dem Betrieb, er hat seine Lehrstelle erst einmal verloren und sitzt jetzt die meiste Zeit in seiner Zelle. Es läuft gerade nicht besonders gut für ihn, aber er nimmt es hin, er ist es gewöhnt, er erwartet nichts anderes. Sein Leben glich an den meisten Tagen einem Katastrophengebiet.
Brauners Mutter ist Hausfrau, sein Vater ist gewalttätig und kriminell. Er war ein Abrissunternehmer, der Häuser niederbrennen ließ, um dann die Ruinen abreißen zu können, er war ein Mann, der seine Zeit im Gefängnis verherrlichte, ein Mann, der keinen Sohn hätte haben sollen.
Brauner prügelte sich in der Orientierungsstufe, er flog von der Hauptschule, er schmiss das Berufsvorbereitungsjahr nach drei Monaten. Mit 12 Jahren rauchte er, mit 13 trank er, mit 14 zog er sich Kokain ins Hirn. War kein Kokain da, tat es auch Ecstasy. Das Geld für die Drogen bekam er von seinem Vater, 1500 Euro sollen es in guten Monaten gewesen sein. Brauner blickte zu seinem Vater auf, wollte sein wie er.
Die Chance dazu bekam er vor drei Jahren, in der Wohnung eines Fremden. Der Mann lag besoffen im Wohnzimmer. Brauners Vater wollte ihn ausrauben, es ging um eine EC-Karte mit Pin. Vater und Sohn teilten sich die Arbeit. Der Vater suchte die Karte, der Sohn hatte die Aufgabe, das Opfer in Schach zu halten. "Hau ihn um, wenn er wach wird", soll Brauners Vater gesagt haben.
Brauner setzte sich neben den Mann, der Mann wurde wach, Brauner haute ihn um, mit bloßen Fäusten.
Nach einer Weile wurde der Mann wieder wach, und Brauner schlug wieder auf ihn ein, diesmal nicht mit den Fäusten, sondern mit einer Bierflasche. Er zerschmetterte sie am Schädel des Mannes.
Brauners Vater kam ins Zimmer, er hatte etwas gehört, er sah, was geschehen war, und er schien besorgt. Er fragte seinen Sohn, ob er sich geschnitten habe an den Scherben.
Ist nicht schlimm, antwortete Brauner, und der Vater setzte seine Suche fort. Brauner zog ein Tuch über den Kopf seines Opfers.
Der Mann wachte wieder auf, Brauner nahm erneut eine Bierflasche, aber sein Opfer war zäh, das Ganze ähnelte einem schlechten Horrorfilm. Irgendwann nahm Brauner ein Brett. Dann war Ruhe, endlich.
Es dauerte nur Tage, bis die Polizei Vater und Sohn gefasst hatte. Der Fremde war ein Freund eines Freundes von Brauners Vater.
Brauners Vater wurde zu 15 Jahren verurteilt. Brauner selbst erhielt acht Jahre und sechs Monate. Außerdem schrieb ihm der Richter die Verpflichtung zur Teilnahme an einer Sozialtherapie ins Urteil, bei der Brauner die Grundlagen menschlichen Miteinanders erlernen sollte. So traf Brauner, der Mörder, Gündel, den Therapeuten.
Gündel ist ein Mann mit widerspenstigen Haaren und feinen Händen. Er kommt früh zur Arbeit in die Haftanstalt, bleibt oft länger, als sein Vertrag es vorschreibt, und er ist, nach Eltern, Sozialarbeitern, Polizisten, Richtern, das letzte Aufgebot der bürgerlichen Gesellschaft. Gündel, seine Kollegen, Kolleginnen haben die Aufgabe, brutalisierte Jugendliche zu resozialisieren.
Das ist kein leichter Job, und ob die Sozialtherapie ein Erfolg ist, hängt von der Betrachtungsweise ab. Von den Häftlingen, die eine solche Behandlung bis zum Ende durchgehalten haben, landen rund 30 Prozent wieder im Knast. Das sind nicht wenige. Aber ohne Therapie sind es deutlich mehr, 50 Prozent. Und wird eine Sozialtherapie abgebrochen, ist die Quote noch schlechter.
Die Sozialtherapie ist gedacht als Chance, aber nicht alle Häftlinge sehen das so. Viele halten sie für eine Zumutung. Thomas Brauner gehört zu ihnen, er brach sie ab. Nach acht Monaten kapitulierte er und beantragte seine Verlegung in einen anderen Teil des Gefängnisses. Dem Antrag wurde entsprochen, zur Begründung sagt Brauner, er habe die Therapiesitzungen nicht mehr ertragen. "Dauernd in sich reinschauen, wer will das schon?"
31 Plätze gibt es in der Sozialtherapie im Haus 5 der Jugendstrafanstalt Hameln, sie sind den Häftlingen vorbehalten, die einen Menschen ermordet, erschlagen oder schwer verletzt haben. Nicht aufgenommen werden Sexualstraftäter und drogensüchtige Häftlinge, sie werden in anderen Abteilungen des Gefängnisses behandelt. Ebenfalls abgewiesen werden Häftlinge, die kaum Deutsch sprechen oder deren Intelligenzquotient deutlich unter 85 liegt.
Jeder Häftling muss pro Woche mindestens an einem Einzelgespräch und einer Gruppensitzung teilnehmen. Es gibt eine Einsteigergruppe, einen Suchtgesprächskreis, die Selbstbeherrschungs-, die Kompetenz-, die Deliktgruppe. Außerdem muss jeder Häftling bei Therapiebeginn noch mindestens eineinhalb Jahre Haft vor sich haben. "Sonst macht es gar keinen Sinn anzufangen", sagt Gündel.
Seit einem halben Jahr spricht Gündel mit Frank Warncke über dessen Tat. Warncke ist ein hagerer, introvertierter Junge, er blödelt viel rum, schweigt viel, und ablesen lässt sich sein Gemütszustand am ehesten am Zahnstocher, den er oft im Mund hat. Je schneller der Zahnstocher, desto gestresster ist Warncke.
Wie Brauner war auch Warncke emotional unterversorgt, auch er war ein Opfer, bevor er zum Täter wurde. Seine Mutter war alleinerziehend, sie versuchte sich um ihn zu kümmern und um seine drei älteren Brüder. Es blieb bei dem Versuch.
Warncke hat einen Behinderten erstochen, der Mann saß im Rollstuhl. Warncke kannte ihn flüchtig, er besuchte ihn mit Freunden, sie hofften, Geld oder Schmuck im Haus zu finden. Es war eine unnötige Tat, der Mann war keine Bedrohung. Eifersucht spielte wahrscheinlich eine Rolle. Warncke ist kein Frauenheld, und damals hatte er endlich eine Freundin, sie hatte etwas mit dem Opfer.
Warncke stach lange auf den Mann ein, sehr lange, so lange, bis er schrie: "Der geht nicht tot."
Warum haben Sie es getan?
Was haben Sie dabei gefühlt?
Warum haben Sie nicht aufgehört?
Diese Fragen stellt Gündel, er stellt sie leise, aber unerbittlich, er stellt sie so lange, bis er Antworten hört, die er für wahrhaftig hält. Oder bis der Häftling kapituliert und seine Verlegung in einen anderen Trakt beantragt. Verantwortung zu übernehmen für die Tat, sie nicht zu bagatellisieren, das ist einer der ersten Schritte, und er ist schwer. Es ist nicht einfach, die Fotos vom Tatort zu sehen und zu sagen, das war ich.
Gündel sagt, Warncke mache langsam Fortschritte. Er schweige nicht mehr so lange, er spreche nicht mehr so oft in Floskeln, er sei auf der Suche nach anderen Gefühlen, jenseits der Wut, das ist ein gutes Zeichen, mehr aber auch nicht. Vor einer Weile hat Warncke die Musik entdeckt. Nicht Rap, nicht Heavy Metal, sondern Klassik. Warncke schwärmt im Moment für Maria Callas.
Versucht ein Häftling, sich neue Welten zu erschließen, wird das begrüßt von Gündel, seinen Kollegen, Kolleginnen.
Doch große Hoffnungen knüpfen sich in der Regel nicht daran. Die Sozialtherapie im Haus 5 des Gefängnisses Hameln ist ein Ort der kleinen Schritte, und häufig bewegt sich ein Häftling zurück, nicht voran. Er geht während seiner Eingewöhnungsphase in andere Wohngruppen, was verboten ist. Er stiehlt, er schlägt, er schmuggelt, handelt mit verbotenen Substanzen wie Cannabis. Er widersetzt sich Weisungen, erpresst andere Häftlinge. Es gibt viele Regeln im Hamelner Strafvollzug und viele Möglichkeiten, sie zu brechen.
Wer sie zu ausdauernd bricht, wird verlegt, in ein anderes Haus, wo die Einschlusszeiten in der Zelle länger sind und der Umgangston der Häftlinge rauer, wo es keine Therapie mehr gibt. Dort bleibt der Häftling, für ein paar Monate, ein halbes Jahr, vielleicht auch länger, und wird beobachtet. Zeigt sich so etwas wie Einsicht, kann er zurückkehren.
Die wiederkehrende Chance, sie ist eine Grundkonstante im deutschen Jugendstrafrecht. Der minderjährige Täter soll nicht nur bestraft, er soll vor allem erzogen werden, gebildet, im Rahmen der Möglichkeiten. Es ist ein verwegener Gedanke, er stammt aus den Anfängen des vergangenen Jahrhunderts, der Straftäter soll im Gefängnis zum besseren Menschen reifen, zum mündigen Bürger in Gefangenenkluft. Gelingen soll das vor allem durch Disziplinierung und Partizipation.
Beides lässt sich im Besprechungsraum der Sozialtherapie besichtigen. Dort sitzt Gündel, zusammen mit anderen Therapeuten, Mitgliedern des Wachpersonals und einem Häftling. Sie haben sich versammelt zur turnusmäßigen Viermonatskonferenz. Jeder Häftling erlebt sie dreimal im Jahr, es wird gesprochen über sein Verhalten, über Erfolge, Verfehlungen.
An diesem Tag heißt der Häftling Olaf Bertram. Er wurde zu viereinhalb Jahren verurteilt, weil er seine Adoptiveltern als Geiseln genommen, seine Adoptivmutter geschlagen hat. Es ging um Geld. Bertram musste Schulden bezahlen. Er ist seit eineinhalb Jahren in der Sozialtherapie.
Gündel leitet das Treffen, und er bemüht sich, aus den Konferenzen kein Tribunal zu machen. Alle sollen sich beteiligen, auch der Gefangene, denn jede Diskussion taugt als Trainingseinheit, jeder Streit, der zivilisiert abläuft, ist ein Gewinn. Entscheidungen sollen transparent sein für die Häftlinge, sogar erwartbar, das Gegenteil der Willkür, die viele früher erlebten.
Bertrams Anfang in der Therapie war schwierig, seine Probezeit ungewöhnlich lang. Er erhielt zwei Abmahnungen, einmal soll er Spice geraucht haben, einmal in eine Schlägerei verwickelt gewesen sein. Eine Woche verbrachte er in der "Absonderung", in einer Zelle, in der die Möbel festgeschraubt sind, das Klo aus Metall und kein Fernseher, kein Radio erlaubt ist.
Mittlerweile sehe es etwas besser aus für Bertram, sagt Gündel, er habe sich getrennt von "falschen Freunden" in der Anstalt. Er hält jetzt Distanz zu ihnen, auch beim Hofgang, und hat dafür bezahlt. Zu dritt haben sie ihn vor kurzem in seiner Zelle besucht und verprügelt. Bertram behauptete zunächst, er sei bei der Arbeit mit dem Kopf gegen eine Palette gelaufen.
"Sie haben es uns nicht leichtgemacht", sagt Gündel, er sitzt neben Bertram, die Hände gefaltet, "und sich auch nicht."
Bertram nickt, er stammt aus Rumänien, kennt seine Eltern nicht, wuchs in Heimen auf, bis er bei seinen Adoptiveltern landete. Sie hatten es nicht einfach mit ihm, Bertram sagt, er habe so seine Probleme mit Autoritäten, ansonsten schweigt er viel. Er hatte einen Antrag auf mehr Taschengeld gestellt, der Antrag wurde abgelehnt. Bertram ist verstockt und wütend.
Gündel missfällt, dass er wütend wird "wegen so einer Lappalie". Das sei genau das Muster, das er zu durchbrechen habe. Bertram schaut auf den Tisch, zuckt mit den Schultern, sagt: "Ja, ja." Er soll bald entlassen werden, aber er hat draußen niemanden, zu dem er gehen könnte. Seine Adoptiveltern wollen mit ihm nichts mehr zu tun haben. Ein Pastor wurde als Vermittler eingeschaltet, aber auch das half nicht. Wenn Bertram Pech hat, steht er am Ende seiner Haftzeit allein vor dem Tor.
Am Abend geht Gündel über den Innenhof zu seinem Wagen, es war ein langer Tag, er sagt, dass er sich immer noch wundere darüber, wie grundlegend die Unterschiede sein können zwischen den Menschen hier drin und denen da draußen. Gündel erzählt von einem Experiment, Wissenschaftler haben Schwerkriminelle in einen Kernspintomografen gelegt und ihnen Horrorfotos gezeigt. Normalerweise hätte der Tomograf Aktivitäten in der Hirnregion anzeigen müssen, in der die Angst sitzt. "Aber da war nichts", sagt Gündel, "da ging kein Licht an."
Die große Frage, um deren Beantwortung gerungen wird, von Politikern, Kriminologen, Praktikern des Strafvollzugs, sie lautet: Wie lässt sich die kriminelle Konditionierung der Häftlinge durchbrechen? Wie bringt man sie wenigstens in Sichtweite bürgerlicher Tugenden? Die Bundesregierung setzt in ihrem Koalitionsvertrag auf Abschreckung, obwohl Forscher sagen, dass diese Art der Abschreckung nicht funktioniert. Bestenfalls bleibe sie wirkungslos, schlimmstenfalls befördere sie die Verrohung einer Gesellschaft. Deshalb versuchen Gündel und seine Kollegen es auf andere Weise, sie setzen auf eine Art Zermürbungstaktik.
Sie siezen die Häftlinge, ganz gleich, wie jung die sind, wie unbeherrscht, wie ausfallend. Sie bemühen sich, nicht laut zu werden, halten die gebotene emotionale Distanz, ohne abweisend zu sein. Sie versuchen Vorbilder zu sein, strenge Vorbilder. Das klingt womöglich trivial, aber das spricht nicht gegen die Methode. Nimmt man die Rückfallquote von 30 Prozent als Maßstab, dann übertrifft die Zahl der Siege die der Niederlagen deutlich.
Zu den Siegen zählt Gündel einen Häftling, der am nächsten Tag im Gruppenraum sitzt, zusammen mit einem Mörder, zwei Serieneinbrechern, einem Schläger und einem Häftling, der in einem anderen Gefängnis einem Gefangenen erst einen Besenstiel in den Hintern geschoben und ihn dann einer Scheinhinrichtung inklusive Probehängen unterzogen hat.
Die Häftlinge kommen gerade von der Freistunde aus dem Innenhof, dem Catwalk des Gefängnisses, wo man möglichst breitbeinig geht, sich zur Begrüßung abklatscht, anrempelt und fragt: "Eh, Alter, was läuft?" Und nun sind sie hier und sollen über ihre Gefühle reden, vor den anderen. Sie sollen erzählen, wie und warum sie im Gefängnis gelandet sind. Es ist die Hausaufgabe aus der letzten Gruppensitzung. Gündel sagt, das Referat sollte eine halbe Stunde dauern, aber gern auch länger. Einer fängt an, nach fünf Minuten ist er fertig.
Er erzählt vom Tingeln durch Jugendheime, von sehr, sehr vielen Joints, von Raubüberfällen, mit denen die Joints finanziert wurden, und von der Überzeugung, dass bewaffnete Überfälle das waren, wozu er vom Schicksal auserkoren sei. Ein Häftling sagt dazu: "Was für ein Schwachsinn."
Jörg Birkner sitzt drei Jahre und sechs Monate ab, weil er Raubüberfälle in Serie begangen hat. Birkner war nicht wählerisch, er nahm Handys, EC- und Kreditkarten, Schmuck und Bargeld. Er schlug Kinder, Jugendliche, Erwachsene zusammen. Birkner war immer kräftig, schon als Elfjähriger.
Seinen ersten Raub verübte er nach der Schule. Er saß mit Freunden zusammen, sie tranken Bier und Apfelkorn, ein Junge kam vorbei, er hatte ein Handy, ein Nokia, eines der ersten mit Kamera. Birkner gefiel das Handy. Er sagte dem Jungen, er solle es ihm geben. Der Junge sagte nein. Birkner verpasste ihm ein paar Ohrfeigen. Zu Hause sagte der Junge, er sei unglücklich gefallen. Birkner sagte: "Das war aber einfach."
Wie es dann weiterging, kann Birkner nur noch ungenau rekonstruieren, es waren so viele Überfälle, und er war meistens besoffen oder zugekifft oder beides. An einen Überfall erinnert er sich trotzdem. Zusammen mit einem Bekannten schlug er einen Restaurantbesitzer zusammen, er war nachts mit den Tageseinnahmen unterwegs zur Bank. "Wir hatten auf 5000 Euro gehofft", sagt Birkner, es waren aber nur 1000. "Das war schon enttäuschend."
Birkners Richter erfuhren, dass seine Eltern nicht geschieden waren, dass er aus bürgerlichen Verhältnissen stammt, dass seine kriminelle Karriere anfing, als die Mutter wieder zu arbeiten begann. Ein Haus war gebaut worden, die Raten mussten bezahlt werden. Birkner war 14 Jahre alt und bis abends ohne Aufsicht. Er hing mit anderen, älteren Jungen rum, er wollte ihnen beweisen, dass er nicht der Kleine war.
Richter verurteilten Birkner anfangs zu Sozialarbeit, erst 20 Stunden, dann 40, schließlich 100 Stunden. Birkner beeindruckte das nicht. Er schlug weiter um sich, landete drei Wochen im Jugendarrest, flog zu Hause raus, brach die Hauptschule ab, schwänzte die Sonderschule, arbeitete zuletzt als Aushilfe im Sägewerk, sporadisch. Schließlich sammelte ein Staatsanwalt die übelsten Delikte der vergangenen Monate, klagte Birkner an, und ein Richter verurteilte ihn.
"War schon okay so", Birkner sitzt in Gündels Büro und wirkt entspannt, "das hatte ich mir verdient."
Gündel glaubt, dass Birkner es draußen schaffen kann. Er arbeite in den Gruppensitzungen gut mit, auch in den Einzelgesprächen, sagt Gündel, und das nicht nur aus taktischen Gründen. Er habe wieder Kontakt zu seinen Eltern, auch das sei wichtig.
Im Gefängnis macht Birkner jetzt eine Lehre, zum Maurer. Wenn er sich weiter vernünftig verhält, kann er im August 2010 vorzeitig entlassen werden. Gehen will er zu diesem Zeitpunkt aber nur, wenn er draußen einen Job hat. Wenn der nicht da sei, würde er wieder abrutschen. Dann bleibe er lieber bis zum regulären Haftende, im September 2011, und würde versuchen, bis zu diesem Zeitpunkt eine Stelle zu finden. So viel Vernunft kann Gündel kaum ertragen.
Ein paar Tage später steht Birkner vor einem Kino. Es ist Abend, er hat Ausgang, wieder mal, zusammen mit drei anderen Häftlingen, begleitet von einer Psychologin. Die Möglichkeit, sich jenseits der Gefängnismauern zu bewegen, wird nicht vielen Häftlingen gewährt. Es ist ein Privileg, ein Vertrauensbeweis und zugleich ein Test.
Im Kino läuft "Gesetz der Rache", ein hundertminütiger Aufruf zur Selbstjustiz, made in USA. Die vier Ausgänger pulen Popcorn-Reste aus den Zähnen, zwei rauchen. "Guter Film", sagt einer. "Bisschen wenig Blut", sagt ein anderer. Birkner steht daneben, die Psychologin ist mal kurz verschwunden. Er könnte jetzt einfach weggehen. Er könnte sich sein Leben endgültig versauen. Er zieht an seiner Zigarette.
Dann geht er mit den anderen zum Wagen der Psychologin. Klappt alles so, wie er sich das vorstellt, sind es noch 195 Tage und der Rest von heute.
Dann wird sich zeigen, was die Zeit hier wert war.
Von Uwe Buse

DER SPIEGEL 3/2010
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