18.01.2010

CHINAFragen verboten

Im deutschen Außenministerium hatte man bis zur letzten Minute auf eine andere Lösung gedrängt, vergebens. Gerade mal zwei Fragen waren erlaubt, als sich Außenminister Guido Westerwelle und sein chinesischer Amtskollege Yang Jiechi am vergangenen Freitag in Peking den Journalisten stellten. Eine davon klang wie vorab bestellt, ursprünglich sollten gar keine zugelassen werden. China setzt damit eine Praxis fort, die schon beim Besuch von US-Präsident Barack Obama im November zu beobachten war. Auf Wunsch von Staats- und Parteichef Hu Jintao gab es auch da nur eine "Pressebegegnung", keine Pressekonferenz. "Keine Fragen", hatte zuvor Regierungssprecher Ma Zhaoxu die Reporter angewiesen. Obama beugte sich den Wünschen der chinesischen Führung, genauso wie wenig später, beim EU-China-Gipfel, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Auch er durfte neben Premierminister Wen Jiabao nur eine Erklärung verlesen.
Ausländischen Journalisten wird die Berichterstattung in China seit Monaten erschwert. Visa und Arbeitserlaubnisse werden oft erst in letzter Minute erteilt, Reisen im Land gezielt behindert. Zu einseitig würden die Korrespondenten aus dem Reich der Mitte berichten, klagen Funktionäre und Parteizeitungen. Vor allem die deutschen Journalisten bewegten sich gern "in den Schattenseiten Chinas". Die Krisenregion Tibet ist für Reporter schon lange geschlossen, nun sind es aber auch Teile der angrenzenden Provinzen Qinghai und Sichuan. Aus der westchinesischen Oasenstadt Kashgar, Heimat muslimischer Uiguren, wurden Berichterstatter in jüngster Zeit ebenso vertrieben wie aus Gebieten an der nordkoreanischen Grenze.
Ein Schweizer Fernsehteam musste kürzlich Dreharbeiten in der südlichen Provinz Yunnan immer wieder abbrechen. "Wir konnten nur einen Bruchteil von dem filmen, was wir brauchten", sagt Korrespondentin Barbara Lüthi, "in den Hotels überwachte uns die Polizei."
Der "Club der Ausländischen Korrespondenten in China" (FCCC), ein geduldeter Zusammenschluss von rund 400 in Peking akkreditierten Journalisten, beschwert sich normalerweise offiziell über solche Arbeitsbedingungen. Ende vorigen Jahres wurde er offenbar zum Sicherheitsrisiko deklariert. Die Behörden erneuerten die Arbeitserlaubnis einiger Mitglieder erst in letzter Minute. Manche Journalisten mussten sogar eine zuvor aufgesetzte Erklärung unterzeichnen, "die Sicherheit und die Souveränität Chinas" nicht mehr zu gefährden.
Jetzt wurde das Shanghaier Büro des "Stern" sogar Opfer eines direkten Spähversuchs: Auf dem E-Mail-Account einer Mitarbeiterin landete eine Mail, Absender eine gewisse Pam Bourdon, angeblich Wirtschaftsredakteurin des "Stern". Sie plane eine Reise nach Peking, schreibt sie, wohne im China World Hotel, recherchiere rund um den wachsenden Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft und benötige Hilfe bei der Organisation einiger Interviews. Die E-Mail erwies sich rasch als Fake. Die IT-Abteilung des Hamburger Verlags ermittelte, dass ein mit herkömmlichen Virenscannern nicht identifizierbarer Schädling, mit dessen Hilfe der Rechner offenbar fernsteuerbar wird, im Anhang der Mail versteckt war. Es war wohl ein gezielter Angriff auf das Magazin, zumal eine "Pam Bourdon" bereits früher einschlägig bei anderen Auslandskorrespondenten in China auffällig geworden war. Die Mail-Attacke war so gut gemacht, dass "die Annahme naheliegt, dass eine professionelle oder staatliche Stelle dahintersteckt", wie "Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn erklärt. In diesem Fall handle es sich, so Osterkorn, um "einen sehr ernstzunehmenden Angriff auf die Pressefreiheit".

DER SPIEGEL 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

CHINA:
Fragen verboten

  • Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • Greta Thunberg beim Klimagipfel: "Man rennt sofort los und rettet das Kind"
  • "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug