18.01.2010

TitelIm Totenhaus der Karibik

Wie viele Menschen dem Erdbeben von Port-au-Prince wirklich zum Opfer fielen, wird vermutlich nie geklärt werden können. Nun kann nur noch die internationale Hilfe die Überlebenden retten. Haitis Diktatoren haben das Land so ruiniert, dass es der Naturkatastrophe wehrlos ausgeliefert war.
Nach dem Unglück, am vorigen Dienstag, stieß die Sprache an ihre Grenze: Es sei die Hölle, das hatten Flüchtlinge in Santo Domingo gesagt, wo sie Fotos ihrer vermissten Angehörigen hochgehalten hatten. Teufels Werk, Gottes Beitrag, von beidem hatten sie berichtet. Und der Pilot, der seit Tagen hin- und herfliegt, zwischen Santo Domingo und dem untergegangenen Port-au-Prince, heult, als er erzählt, was er sehen muss, jedes Mal wieder, und beim Landeanflug sieht es tatsächlich aus wie die Ankunft in einer zerstörten Welt.
Die Dächer, graues Wellblech: zerrissen, zerfetzt, zerstreut. Darüber Rauch. Die Straßen: gebrochen, es fehlen Stücke. Autos liegen auf dem Dach, auf den Autos liegen Fahrräder, darauf Bäume und unter den Bäumen die Körper.
Es sind schwere erste Schritte in Port-au-Prince, es ist Freitag, noch immer liegen die Leichen herum. Am Straßenrand liegen sie, manchmal zugedeckt, dann sieht man nur einen Arm, ein Bein, manchmal sind die Leichen nackt. Da liegen Väter, grau und tot, und vor den Vätern hocken die Töchter und haben keine Tränen mehr. Da liegen Töchter, und die Väter sitzen vor ihnen und schreien.
Soll man das "postbiblisch" nennen? Oder doch bloß "apokalyptisch"?
Wer sich vom Flugplatz fortbewegt, in die Stadt geht, sieht Plünderern zu, die keiner stoppt. Zwei Söhne zerren die Leiche ihrer Mutter durch den Staub, sie wollen sie beerdigen, doch wo? Kein Friedhof mehr, nirgends. Und kein Krankenhaus, keine Uno, kein Präsidentenpalast. Es gibt keine Regierung, das ist nicht so neu für die Haitianer, aber nun sind auch die Geschäfte fort, die Schulen und natürlich die Polizei oder was damals, bis Dienstag, "Polizei" hieß.
Es dauert ein bisschen, bis der Geruch durchdringt, und für diesen Geruch gibt es dann tatsächlich keine Sprache mehr.
Was geschehen ist, lässt sich an den gewaltigen Hilfsversprechen aus aller Welt ermessen: 100 Millionen Dollar haben die USA per sofort versprochen. 550 Millionen die Weltbank. Millionen Euro spendeten die Deutschen in den ersten 48 Stunden. Tausende Helfer sind auf dem Weg nach Haiti. Die Katastrophe lässt sich in Zahlen erzählen.
Oder in Geschichten.
Die von Alex Alexis zum Beispiel, der in Brooklyn, New York, lebt und arbeitete, wo immer er Arbeit finden konnte. Das Geld schickte er heim nach Haiti, damit seine drei Kinder dort so etwas wie ein Leben hatten; bis zum vergangenen Dienstag machte Alex das so. Und jetzt sind alle vier tot, die Mutter und die Kinder, vier, sechs und acht Jahre alt.
Oder die von Georges Anglade, 65, haitianischer Schriftsteller und Gründer des lokalen PEN-Clubs, einst Minister, dann ins kanadische Exil getrieben, weil er Demokratie wollte und Rechtsstaatlichkeit. Eines seiner letzten Bücher heißt: "Das Lachen Haitis". Am vergangenen Dienstag brach sein Haus zusammen, es begrub ihn und seine Frau Mireille Neptune. Anglade konnte noch seine Tochter in North Carolina anrufen, von dort, unter dem Schutt, dann starb er.
Oder die von Pfarrer Arsène Jasmin, der in Washington lebte und eine Exilgemeinde betreute, Haitianer in der Fremde, selten nur machte Reverend Jasmin Ferien. Am Dienstag allerdings war er in Port-au-Prince. Und nun ist er tot.
Und mit ihm sind 50 000 Menschen tot, schätzt das Rote Kreuz. Vielleicht sind es auch sehr viel mehr, von 200 000 Opfern sprach die haitianische Regierung. Möglicherweise werden es am Ende auch nicht ganz so viel sein, niemand weiß es, niemand konnte bislang zählen, wie viele Körper da liegen.
Es war, nüchtern betrachtet, nicht das erste Erdbeben auf Haiti, zudem noch eines, das - so sehen es die Wissenschaftler - früher oder später kommen musste. Aber es traf eine Nation, die es nicht tragen konnte, nicht auch das noch. Haiti ist ein armes, frommes, abergläubisches Land, von durch und durch korrupten Herrschern zugrunde gerichtet, von Zuckerrohr-, Kaffee- und Baumwollbaronen ausgepresst und ökologisch zerstört. Und dennoch hatte der geschundene Karibikstaat nie den Ruf eines geheimnisvollen Tropenreichs verloren. Künstler und Intellektuelle liebten das Land. Graham Greene schrieb hier seinen Roman "Die Stunde der Komödianten". Haiti, das war immer auch karibische Magie.
Es ist der solchen Naturkatastrophen inhärente Charakter unfassbarer Ungerechtigkeit, der diesmal die ganze Welt aufgerüttelt hat. Niemand hat eine solche Katastrophe verdient, aber dieses Land, in dem sich die Menschen so erkennbar nicht helfen können, schon gar nicht. Den Überlebenden, die in den ersten stromlosen Nächten kreolische Hymnen sangen, um den Beistand des Himmels zu erflehen, wurde nicht geholfen, Haiti blieb, was es eigentlich schon vor dem Beben war - ein von Gott verlassenes Land.
Und so konnte die Welt - zwei Tage lang, bis die Hilfe langsam einsetzte - nichts anderes tun, als mit wachsendem Entsetzen den Berichten zuzusehen, die das unfassbare Leid ausbreiteten.
Am vergangenen Dienstag um 16.53 Uhr Ortszeit brach das Unheil über das Land herein. In 13 Kilometer Tiefe, 25 Kilometer südwestlich von Port-au-Prince bebte die Erde, die karibische tektonische Platte rieb sich an der nordamerikanischen Platte, die Erschütterung erreichte einen Wert von 7,0 auf der Richter-Skala.
"Gefahr einer Naturkatastrophe" hatte die Zeitung "Le Matin Haiti" schon am 25. September 2008 einen Artikel überschrieben, der heute prophetisch wirkt. Experten warnten darin, dass sich die Bewohner von Port-au-Prince auf ein großes Beben einstellen müssten, bis zu einer Stärke von 7,2. Früher oder später werde es eintreffen, schon 1751 und 1771 sei die Stadt komplett von Erdbeben zerstört worden. Alle Fachleute, so der "Matin", "ziehen die gleiche Schlussfolgerung: Port-au-Prince läuft Gefahr, sich von heute auf morgen in einen Schutthaufen zu verwandeln, als Folge eines gewaltsamen Bebens".
Als das Beben schließlich kam, verstanden die meisten Bewohner der Stadt zunächst nicht, womit sie es zu tun hatten. "Es fühlte sich an, als ob etwas in mein Haus gekracht wäre", sagt ein Überlebender. "Ich habe erst verstanden, dass es ein Erdbeben ist, als es vorbei war", ein anderer. "Es klang zuerst, als ob ein Lastwagen an meinem Haus vorbeifährt", ein dritter.
Dann begann die Erde zu zittern, zu schwanken. Es war, als befände sich die ganze Stadt in einem Schüttelbecher. Es gibt ein Video von einer Überwachungskamera, eine Straße ist zu sehen, im Hintergrund ein paar Häuser. Zuerst vibriert es sachte, schließlich wackelt die ganze Welt, sie zittert von oben bis unten durch das Bild, die Autos auf der Straße bremsen scharf, und hinter ihnen fallen die Häuser auseinander. Es dauerte nur 35 Sekunden.
Als es vorüber war, lag die Welt in Trümmern. Die Überlebenden rannten panisch durch die Straßen, manche schrien, aber viele waren gespenstisch still und weinten nur. Überlebende krochen aus den Resten ihrer Häuser hervor, stiegen über die Toten, trugen Tote, suchten sich in Sicherheit zu bringen, aber es gab keine Sicherheit. Ihre Stadt war ausgelöscht, es gab keine Hilfe, kein Telefon, keinen Strom, keine Krankenwagen. Die meisten Krankenhäuser waren zerstört, das Einzige, was in den ersten Stunden funktionierte, war ein mobiles Feldlazarett der argentinischen Armee.
Und, natürlich, war das Erdbeben damit nicht vorüber, es dauerte tagelang. Ein Nachbeben folgte auf das andere, 26-mal in den ersten neun Stunden, davon 12-mal mit einer Stärke über 5,0. Bis Freitag hatte die Erde in Port-au-Prince rund 50-mal gebebt. Ein andauernder Ausnahmezustand, der jedes Gefühl von Sicherheit raubt. Den meisten Überlebenden hat die Katastrophe alles genommen.
Marlyné Ramage etwa hatte es geschafft - für haitianische Verhältnisse. Die 29-Jährige war Geschäftsführerin in einem Laden für Handy-Zubehör, sie konnte ihre Kinder auf eine anständige Schule schicken, ab und zu war noch etwas Geld über, für ein neues Kleid oder eine Jeans. Mit ihrer Schwester Mireille, 26, und ihrem Neffen Andy, 5, wohnte sie in der Rue Riche im Stadtteil Delmas.
Das Viertel in den Hügeln über der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince ist eine Aufsteigergegend: ein Villenviertel, nicht so fein wie Pétionville ganz oben in den Bergen, wo es kühler und grün ist und die Reichen wohnen, aber auch nicht so heiß und stickig wie im Zentrum und in den Slums unten am Meer, wo es nach Müll stinkt und die Kinder in Jauche planschen. Die Rue Riche ist eine ruhige Wohnstraße, in vielen Einfahrten parkten Autos. Zeichen des Wohlstands.
Marlyné und Mireille lebten in einem dreistöckigen weißen Wohnblock. Es war eine einfache, aber gepflegte Anlage. Drei Kokospalmen stehen davor, abends hat man einen Blick auf den Sonnenuntergang über der Bucht von Port-au-Prince. Die Schwestern wohnten im zweiten Stock in einem Drei-Zimmer-Apartment.
Nun ist die Rue Riche eine Trümmerlandschaft. "Da unten haben sie meine Schwester rausgeholt, sie war tot", sagt Marlyné und weist auf den Hügel aus geborstenem Beton und verbogenem Stahl, der einst ihr Wohnhaus war. Andy lag nicht weit von der Mutter entfernt, sie hörte ihn noch eine Weile wimmern. Als Nachbarn ihn unter einem Pfeiler herauszerrten, war es zu spät.
31 Menschen starben in dem dreistöckigen Apartmentgebäude, 6 werden noch unter den Trümmern vermutet.
Marlyné trägt immer noch die orangefarbene Bluse und die schwarze Hose, die sie am Unglückstag anhatte, ihre ganze Habe ist unter dem Haus begraben. Sie hat überlebt, weil sie auf der Straße war, sie kam gerade von der Arbeit.
Schon unmittelbar nach dem ersten alles vernichtenden Erdstoß begann der Kampf gegen die verrinnende Zeit. Tausende Verschüttete lagen unter den Trümmern in Port-au-Prince, zusammen mit Zehntausenden Toten, nun kam es darauf an, sie in 72 Stunden zu retten.
Bis zu 72 Stunden, so die Erfahrung von Helfern, besteht noch Aussicht, viele Verschüttete lebend zu bergen. Nach drei Tagen, so lehrten frühere Beben in Iran, in China und Pakistan, steigt die Zahl der Toten dramatisch an.
Aber in Port-au-Prince gab es kaum schweres Rettungsgerät. Die Überlebenden hatten ein paar Schaufeln, sonst nichts, und sie hörten die Schreie aus den zusammengestürzten Gebäuden.
Der amerikanische Missionar Chris Rolling arbeitet als Entwicklungshelfer in Portau-Prince und befand sich ebenfalls im Stadtviertel Delmas, als ihn das Beben überraschte. Er fühlte noch, wie er auf der schwankenden Erde torkelte, dann sah er, wie sich über einem wenige Meter entfernten Gebäude eine riesige Staubwolke erhob. Eine dreistöckige Schule für Mädchen brach einfach in sich zusammen. Rolling wusste nicht, was er tun sollte, er ist kein Held, er stand nur da und versuchte, seine Frau anzurufen, aber es klappte nicht.
Schließlich lief er zur Schule. Er versuchte, mit bloßen Händen eingeschlossene Schülerinnen aus der Ruine zu befreien, am Anfang war er allein, nur manchmal kam jemand vorbei und rief einen Namen auf der Suche nach Angehörigen. Er bat die Leute mitzuhelfen, aber die sagten, sie müssten zuerst ihre Freunde und Verwandten finden. Ein Mann blieb und half ihm. Er versuchte, ein Mädchen zu befreien, das drei Meter tief unter dem eingestürzten Zementdach der Schule gefangen war, es war außer sich, Chris Rolling sagte ihm, es solle aufhören zu schreien und um Hilfe beten.
Er borgte sich einen Hammer, um einen großen Zementblock zu zerschlagen, hinter dem das Mädchen eingeschlossen war. Dauernd spürte er Nachbeben, neben ihm lag eine tote Frau, und obwohl er große Angst hatte, grub er weiter. Schließlich war das Mädchen frei, und er versuchte, ein anderes zu befreien. Sein Kopf war unter den Trümmern eingeklemmt, die Kleine weinte und schrie, er erfuhr, dass sie Jacqueline heiße, er hämmerte und hämmerte, aber schließlich merkte er, dass er es nicht schaffen würde. Er hatte nur den Hammer. Er hatte nicht einmal eine Taschenlampe. Er sagte Jacqueline, dass er jetzt gehen müsse, Hilfe holen - und ließ sie zurück.
Rolling ging zu Fuß, sechs oder sieben Kilometer, schaffte es irgendwie nach Hause, seiner Familie ging es gut, das freute ihn. Aber er konnte in der Nacht kaum schlafen, er musste an Jacqueline denken, an das Mädchen, das er zurückgelassen hatte. Am nächsten Tag kehrte er zurück zur Schule, zusammen mit einem Team seines Hilfswerks. Viele Menschen hatten die Nacht durchgegraben auf der Suche nach ihren Kindern, sie hatten inzwischen Werkzeug, und Rolling half mit, Mädchen zu befreien. Er half, Löcher in die Zementwände zu bohren, sie fanden sogar ein zweijähriges Kind, aber schließlich verstummten die Schreie aus dem Inneren der Schule. Wahrscheinlich, dachte Rolling, sind die meisten, die nicht schon gerettet wurden, jetzt tot. Er musste nicht an die Leichenberge denken, die er überall sah, sondern an Jacqueline, das Mädchen, dem er in der Nacht nicht helfen konnte und das er jetzt nicht mehr fand. Fast die Hälfte der Einwohner von Port-au-Prince sind Kinder - die verletzlichsten Opfer.
48 Stunden nach dem großen Beben legte sich Leichengeruch über die Stadt. Auch am späten Nachmittag war es noch immer fast 30 Grad heiß. Überall am Straßenrand lagen Tote, notdürftig mit Planen oder Wolldecken bedeckt, meist waren nur die Füße zu sehen. Kleinlaster mit Pritschen voller Toter standen hupend im Stau. Zwei Blocks von der Rue Riche im Stadtteil Delmas entfernt hatten die Anwohner eine improvisierte Krankenstation errichtet. Eine Frau mit einer Kopfwunde lag auf einer Plastikplane, sie stöhnte leise. Fliegen surrten um die Körper.
Weil niemand zu Hilfe kam, hatte Antoine Rosemonde, eine resolute Krankenschwester, die Nachbarn zusammengetrommelt, um die Notversorgung zu organisieren, zwischen den Trümmern spannten sie Laken und Teppiche, daneben wimmerten Kinder. Es gab keinen Strom und kein Wasser, nur diesen grauen Staub, der in alle Poren kriecht und krank macht.
Die peruanischen Soldaten, die vor einem Lagezentrum der Uno-Truppen im Stadtzentrum Wache hielten, warnten die Zivilisten davor, unbegleitet auf die Straße zu gehen: "Die Leute sind hungrig und verzweifelt, sie überfallen jeden Fremden."
Die Zentrale der Caritas liegt wenige Blocks von der Rue Riche entfernt. Wie durch ein Wunder blieb das große dreistöckige Gebäude nahezu unversehrt, während die Nachbarhäuser zusammenstürzten. Im Hof haben Mitarbeiter und Feuerwehrleute Zelte aufgeschlagen. Solange das Hauptgebäude nicht von Bauexperten freigegeben wird, will dort niemand schlafen. Die Katastrophenhelfer sprachen erst mal über Massengräber. "Anders ist die Seuchengefahr nicht zu bannen", so ein Pater.
Wer motorisiert war, der floh: Die Straße Richtung Dominikanische Republik war ein einziger Stau. Tap-Taps, wie die buntbemalten Kleinbusse heißen, kämpften mit den riesigen Geländewagen der Hilfsorganisationen und überfüllten Pick-ups um jeden Zentimeter Geländegewinn. Die Haiti-Hilfe, die an diesem Tag langsam anlief, steckte buchstäblich im Stau fest.
Zwischen den Autos hasteten Familien aus der Stadt. Was sie aus den Trümmern retten konnten, balancierten sie in Bündeln und Säcken auf dem Kopf, einige trugen Hühner unterm Arm. Ihre Gesichter waren grau vom Staub, stumm eilten sie an den Toten vorbei, die am Straßenrand lagen, an eingestürzten Mauern und Hausruinen.
"Jardin de l'espérance", Garten der Hoffnung, steht auf dem Tor zu einem Kindergarten, es ist mit Mickymaus-Figuren bemalt. Von dem Hort ist nur noch ein Trümmerhaufen geblieben, Mütter saßen im Staub und weinten.
In der Rue Riche entfachten die Anwohner nachts Lagerfeuer. Hilflos hockten die Menschen am Straßenrand, immer wieder riefen sie nach Angehörigen. Bis in die Nacht hämmerten Obdachlose gegen das Metalltor der Caritas-Zentrale, sie wollten Zelte wie die Helfer drinnen, aber es gab nicht genug. Ein Junge verfolgte die letzten Nachrichten an seinem Transistorradio. "Gabun, Afrika, hat eine Million Dollar gespendet!", gab er triumphierend in die Runde. "Hier ist bislang nichts angekommen", kommentierte Marlyné.
Der ohnehin fragile haitianische Staat schien ausgelöscht. Das Symbol für seinen Kollaps ist der zerstörte Präsidentenpalast, der bis zum Erdbeben wie ein weißer Märchenpalast aus einer anderen Welt inmitten dieser Metropole der Armut gestanden hatte. Nun liegt er in sich zusammengefaltet auf einer gestutzten grünen Wiese, ein Schutthaufen unter einer schiefen Kuppel, genauso vom Erdbeben in seine Einzelteile zerlegt wie die meisten sichtbaren Institutionen des Staates: das Kulturministerium, das Finanzministerium, der Justizpalast, die Feuerwehr - nichts ist übrig geblieben -, auch viele Kabinettsmitglieder sind dem Beben zum Opfer gefallen.
Ein Kamerateam des Nachrichtensenders CNN spürte Präsident René Préval am Tag nach der Katastrophe auf dem beschädigten Flughafen der Stadt auf. Er trug ein weißes Hemd, er wirkte verwirrt und ohnmächtig. "Was machen Sie hier?", fragte ihn der Korrespondent. "Mein Palast ist zusammengestürzt", antwortete der Präsident. "Ich weiß nicht, wo ich heute nacht schlafen werde."
Bis auf den Präsidenten waren kaum irgendwo Vertreter des Staates zu sehen. Die ankommenden Helfer und Journalisten fanden auf dem Flughafen keine Beamten vor. Auf den Straßen der zerstörten Stadt zeigte sich kaum ein Polizist. Der Polizeichef von Haiti, Mario Andresol, ein junger Mann, stand auf der Straße, in seiner olivfarbenen Uniform, er sprach unter einem Motorradhelm, das Visier aus Plexiglas hochgeklappt. "Wir brauchen Hilfe", sagte er, "es ist ein Desaster", die Sicherheitslage sei katastrophal. Das Gefängnis sei beschädigt, viele Häftlinge seien auf dem Hof von herabfallenden Steinen erschlagen worden. Die übrigen 4500 Gefangenen hätten revoltiert und seien geflohen. "Wir müssen sie wieder einfangen", sagte er. Nur schien er aber nicht zu wissen, wie er das anstellen sollte.
Erst am Donnerstag waren wieder erste Polizisten zu sehen, aber sie waren damit beschäftigt, auf ihren Pick-ups Tote zu transportieren. Vor einem überfüllten Leichenschauhaus, gleich neben dem Zentralkrankenhaus von Port-au-Prince, in dem noch gearbeitet werden konnte, fuhr ein Polizeiwagen nach dem anderen vor. Die Fahrer luden die Toten aus und ließen sie vor dem Haus liegen.
Eine Szene wie nach einem Massaker: Hinter stetig wachsenden Haufen geschundener, häufig nackter Leichen verschwand der Eingang zum Leichenschauhaus. Viele tote Kleinkinder lagen zwischen den Erwachsenen. Am linken großen Zeh einer Frauenleiche hing, mit einem roten Band befestigt, eine Karte mit ihrem Namen. Bei den meisten Opfern wird niemand wissen, wer sie waren, es gab keine Zeit und nicht genügend Helfer, um die Leichen zu identifizieren.
Der Staat blieb unsichtbar, und mit jeder Stunde ohne Hilfe, ohne Wasser, ohne Brot, ohne Elektrizität, ohne Benzin stieg die Wut der Haitianer über das Versagen ihrer Führung. "Herr Präsident, hören Sie auf, uns zu sagen, dass Sie auch ein Opfer sind! Wir brauchen jetzt Führung!", schrieb auf Twitter der bekannte Radiomoderator Carel Pedré.
Es funktionierten keine Telefone mehr, in den ersten Stunden auch keine Handys, und so wurde das Internet, das dank Satellitenverbindungen noch lief, für die Haitianer in den ersten Tagen zur einzigen Verbindung mit der Außenwelt: Sie riefen über das Telefonprogramm Skype an, sie schrieben Nachrichten über Facebook, sie schickten ihre Erfahrungen in Blogs und via Twitter in die Welt. Wie bei anderen internationalen Krisen in jüngster Zeit, zuletzt bei den Unruhen in Iran, wurde Twitter zum schnellsten Nachrichtenmedium, während die Vertreter der meisten internationalen Medien noch auf dem Weg waren nach Haiti.
Pedré war einer der Ersten, die über Twitter berichteten, über das Chaos, das Entsetzen, die Hilflosigkeit auf den Straßen seiner Stadt. Er sei auf dem Weg zur Arbeit gewesen, als das Erdbeben kam, sagte er gegenüber dem französischen Radiosender "RMC". "Ich spürte den Boden wackeln. Zuerst habe ich gemeint, einer sei in mich hineingefahren. Dann sah ich die Häuser wanken."
Pedré blieb unverletzt, er lief nach den ersten Erdstößen durch die Straßen von Pétionville außerhalb von Port-au-Prince, schoss Fotos, sprach mit Verwundeten. Seine Nachrichten schwankten zwischen Resignation und Euphorie: "Ich bin müde, aber ich kann nicht schlafen. Haiti: Jahr null, Tag drei", schrieb er. Es waren Menschen wie Carel Pedré, die in dieser Stunde für Übersicht im Chaos sorgten, ein Mann mit Computer, der wie durch ein Wunder noch funktionierte, ein Einzelner, der versuchte, die Katastrophe zu überblicken, und durch Zufall in eine entscheidende Rolle geraten war.
In den Tagen nach der Katastrophe waren es immer mehr, die sich zu Wort meldeten, die Bilder und Augenzeugenberichte hochluden, die nach ihren Freunden und Angehörigen suchten. Es war das erste Mal, dass das Internet bei einer großen Naturkatastrophe half, im Chaos für so etwas wie einen Überblick sorgte. Die grauenhaften Details lieferten dann wenig später die Kameras. Und selbst gestandene Journalisten schienen in der Todeszone Port-au-Prince die Fassung zu verlieren.
CNN-Reporter Ivan Watson etwa stand tief erschüttert vor einem eingestürzten Haus, ein Dutzend Helfer versuchten, ein elfjähriges Mädchen namens Anaica Saint Louis aus den Trümmern zu befreien. Sie sei ein kleines Mädchen mit Brille und Zahnspange, sagte er, und die Männer hätten ihr Trinkwasser und Essen hinuntergereicht, aber sie hätten kein schweres Gerät, um die großen Brocken zu beseitigen. "Jetzt wollen sie ihr das Bein abnehmen, sie haben Schmerzmittel, aber sie haben keine Blutreserven, um zu amputieren", sagte Watson, und es fiel ihm schwer, nicht zu weinen, während im Hintergrund die Schreie des Mädchens zu hören waren. "Es ist herzzerreißend", sagte er, "sie spricht mit uns, sie hat solche Angst, sie hat solche Schmerzen, sie haben sie erst heute entdeckt, zwei Tage nach dem Beben." Noch während Watson da stand, warfen die Bergungshelfer Gliedmaßen von Toten aus dem Haus, im Hintergrund brüllte das Kind - es war ein Moment wie aus der Hölle, und selbst der Reporter wirkte, als hätte er mehr gesehen, als ein Mensch ertragen kann.
In der Nacht zum Freitag schlug die Not dann vielerorts in Gewalt um. Mit Gewehren und Macheten bewaffnete Banden lieferten sich Kämpfe im Geschäftszentrum der Stadt, sie patrouillierten durch die Straßen und räumten Lebensmittel aus den Geschäften, während ringsum Leichen lagen und Rauchwolken aus den brennenden Trümmern aufstiegen. Niemand stoppte sie. Es war wie im Krieg.
Auch der Schrei nach Hilfe wurde immer lauter. Verzweifelte Menschen häuften Leichen zu Barrikaden auf. Sie wollten - wen auch immer - zwingen, die Toten endlich zu beerdigen.
Am Freitag wurden Nahrungsmittel und vor allem das Wasser immer knapper. Die "ti-marchants", die Frauen, die normalerweise in den Straßen der Hauptstadt Essen an kleinen Ständen verkaufen, waren verschwunden, die Läden geschlossen oder bereits geplündert.
"Die Situation wird mit jedem Tag schwieriger", sagt Kate Conradt von "Save the Children". Das Hauptquartier der Organisation liegt in Pétionville, einem wohlhabenderen Vorort von Port-au-Prince. "Die Menschen haben schon seit über 48 Stunden nichts gegessen, kein sauberes Wasser getrunken, keine Unterkunft. Ohne Hilfe könnten viele in den nächsten Tagen sterben, vor allem wenn es jetzt noch zu regnen beginnt."
Wenn sie aus dem Bürofenster schaut, sieht sie lauter zerstörte Häuser, neben dem Büro verläuft ein tiefer Erdriss den Hügel hinunter, viele kleinere Straßen im Viertel sind verschüttet, niemand kommt durch. Sie schätzt, dass 50 Prozent der Häuser von Port-au-Prince zerstört sind. "Die Straßen sind voller Menschenmassen, die nach einer Unterkunft suchen, sie tragen ihre Sachen in einem Korb auf ihrem Kopf." Nachts sei es wie in einem Film, sagt sie. "Es ist gruselig, die Stadt ist komplett dunkel, und überall am Straßenrand schlafen Menschen."
Haiti ist Afrika, war Afrika - lange vor dem Beben. Niemand ist davon mehr überzeugt als die karibischen Nachbarn, denen es nicht so schlecht geht. Sie bemitleideten Haiti als zerbrochenes, zerrüttetes Land, wie wenige Länder dieser Welt, wie der Sudan vielleicht oder der Kongo. Haiti ist ein Land der leeren Blicke und des Straßenraubs, eines der ärmsten Länder der Welt. Mindestens ein Fünftel der Bevölkerung ist unterernährt, etwa 80 Prozent der Bürger müssen mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Gut zwei Drittel der Einwohner ernähren sich mit Schwarzarbeit. Weniger als die Hälfte aller Kinder gehen zur Schule. Haiti ist ein gescheiterter Staat, ein Land im Chaos, das aber zur westlichen Hemisphäre gehört und zudem in einer Region liegt, die Millionen Touristen als tropisches Paradies gilt.
Es ist ein Land, das allein seit 2004 sechs Premierminister an der Spitze der Regierung verschlissen hat. Ein Land, das von einer dünnen Oberschicht aus Mulatten, Geschäftsleuten, Gewerkschaftern oder Landwirten regiert wird. Die Eliten seien "wie ein gewaltiger Elefant, der sich auf das Land gesetzt hat und es daran hindert, sich zu entwickeln", sagte Michelle Pierre-Louis, 62, bis zum vergangenen Oktober Regierungschefin, eine der wenigen integren.
Die Wirtschaftswissenschaftlerin hatte sich lange Jahre im Kampf gegen den Analphabetismus bei der Stiftung "Wissen und Freiheit" engagiert, die der US-Milliardär George Soros finanziert. Doch das Land hat keine politische Klasse, die Verantwortung für den Fortschritt tragen will. Die Parteien dienen nur der Machtbeschaffung für Politiker. Korruption, Straflosigkeit, Gewalt und Klientelwirtschaft bestimmen das öffentliche Leben.
Es ist ein Land mit einer traurigen Gegenwart und einer stolzen Geschichte. 1804 war es das erste in Lateinamerika, das sich für unabhängig erklärte.
Die ehemaligen Kolonialmächte boykottierten die neue Republik, die bis dahin den Weltmarkt mit Zucker und Kaffee versorgt hatte, das Exportgeschäft brach zusammen. Die Republik musste für ihre Anerkennung jahrzehntelang Entschädigung an die enteigneten Franzosen zahlen, die hellhäutige Elite zog sich in die Küstenstädte zurück und ließ die Bauern auf winzigen Parzellen für sich schuften. So begann der unaufhaltsame Niedergang Haitis. Nacheinander plünderten dann 23 Diktatoren das eigene Land aus.
Nachdem die Amerikaner 1915 in Haiti einmarschiert waren - sie wollten Geld eintreiben -, bauten sie zwar Straßen und Schulen, aber bis zu ihrem Abzug 1934 gelang es ihnen nicht, einen Rechtsstaat zu etablieren.
So kam es zur Terrorherrschaft des Landarztes François Duvalier, der 1957 die Wahlen gewann, indem er die wachsende schwarze Mittelschicht und die arme Landbevölkerung gegen die Mulatten-Elite hetzte. "Papa Doc" wandelte sich schnell zum blutrünstigen Diktator und ernannte sich 1964 zum Herrscher auf Lebenszeit. Seine Schlägertrupps, die Tontons Macoutes, wüteten in Städten und Dörfern. Sie erschlugen 30 000 politische Gegner, Gewerkschafter und Studenten. Die USA unterstützten ihn, weil sie in ihm ein Bollwerk gegen den Sozialisten Fidel Castro auf der Nachbarinsel Kuba sahen.
Nach dem Tod des Vaters 1971 setzte Sohn Jean-Claude die Schreckensherrschaft fort. Erst 15 Jahre später wandten sich die Amerikaner vom Regime ab, der Herrscher wurde mit seiner Familie und 86 Koffern in ein anfangs goldenes Exil nach Frankreich ausgeflogen. Baby Doc lebt heute verarmt in Paris.
Doch schon folgte der nächste Volkstribun, ein katholischer Priester namens Jean-Bertrand Aristide, der in den Elendsvierteln von Port-au-Prince begonnen hatte, auf Kreolisch, in der Sprache des Volkes, zu predigen. Er löste eine Volksbewegung aus, die ihn bei Wahlen im Dezember 1990 in den weißen Präsidentenpalast trug. Vom Balkon verkündete der schmächtige Geistliche bei seiner Amtseinführung die "Vermählung der Armee mit dem Volk".
Doch schon Ende September 1991 verjagte ihn der 192. Militärputsch seit der Unabhängigkeit, und die neue Junta schikanierte ihre Landsleute ebenso wüst wie einst die Duvaliers. Die Uno verhängte Wirtschaftssanktionen, die das Land völlig verarmen ließen. Aristide, den der Salesianerorden wegen seiner Hasstiraden längst ausgeschlossen hatte, schmiedete derweil in Washington Bündnisse. Präsident Bill Clinton sandte im Auftrag der Uno 20 000 Soldaten nach Haiti, die Aristide wieder auf den Präsidentensitz hoben.
Nach den nächsten Wahlen löste der Aristide-Anhänger René Préval, ein Agronom, den Ex-Priester für fünf Jahre ab. Doch Aristide, der inzwischen ein Vermögen von geschätzten 40 Millionen Dollar zusammengerafft hatte, konnte noch einmal die Präsidentschaft zurückerobern und regierte, in unheilvoller haitianischer Tradition, als Diktator.
Er hetzte seine jugendlichen Anhänger aus den Slums auf, ließ sie straff organisierte Banden bilden, die gefürchteten "Schimären", und sprengte mit ihnen jede Versammlung, auf der sich Kritik regte. Die Intellektuellen begannen sich abzuwenden, und die Armen verloren das Vertrauen.
Wieder zerfiel der Staat, ehemalige Militärs besetzten den Norden des Landes, bewaffnete Getreue Aristides kontrollierten den Süden. Frankreich und die USA flogen ihren einstigen Schützling schließlich im Februar 2004 mit seiner Familie nach Südafrika aus.
Erneut wurde René Préval sein Nachfolger. Der arbeitet gut mit der internationalen Stabilisierungstruppe der Uno zusammen, die seit dem Abgang Aristides in Haiti stationiert ist. Ohne die 6700 Blauhelmsoldaten und 1600 Polizisten der von Brasilien angeführten "Minustah" war dieses Land nicht mehr zu regieren. Und nun begann nach Jahrzehnten des Schreckens eine Phase der Hoffnung.
Die Lage in Haiti hat sich in den vergangenen Jahren stark gebessert, von der Weltöffentlichkeit fast unbemerkt. Es gab kaum noch Entführungen, die Bandenkriminalität ging stark zurück, die USA und Kanada schwächten ihre Reisewarnungen ab, Investoren kehrten zurück. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank erließen Haiti Schulden von 1,2 Milliarden Dollar, als Belohnung für eine Reihe von Reformen.
In Labadee im Norden des Landes hat der Kreuzfahrtkonzern Royal Caribbean Cruises 55 Millionen Dollar in ein Strandresort und Hafenanlagen investiert - mehr als 150 Schiffe sollen dort im nächsten Jahr insgesamt 650 000 Touristen nach Haiti bringen. Erst vor kurzem wurde in Port-au-Prince das Luxushotel Montana wiedereröffnet, ein Best-Western-Hotel eingeweiht, das Oasis-Resort für 19 Millionen Dollar ausgebaut. Die Hilton-Kette plante, demnächst ihr erstes Hotel auf Haiti zu übernehmen.
In Pétionville eröffneten Shoppingcenter. 100 000 Mangobäume wurden gepflanzt, die Früchte sollen bald die Supermärkte in New York füllen - die Mangos aus Haiti gehören zu den besten der Welt. Ein modernes Industriegebiet für 45 Millionen Dollar ist in Planung.
Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Jean-Louis Warnholz, der als wirtschaftlicher Berater des Ministerpräsidenten von Haiti an diesem Aufschwung mitgearbeitet hat, telefonierte in den vergangenen Tagen stundenlang mit Freunden und Kollegen auf Haiti, manche konnte er erreichen, andere nicht. Sie alle sagten: "Es gibt keinen Ort, wo wir hingehen können, alles ist zerstört."
Wann immer Warnholz in Haiti war, hat er im Hotel Montana gewohnt, dem besten Hotel auf dem westlichen Inselteil, frisch renoviert, Warnholz schwärmt von seinem phantastischen Design. Auch das Montana ist jetzt zerstört, und unter dem Schutt werden noch Dutzende Hotelgäste vermutet - darunter Amerikaner, Italiener, Franzosen, Deutsche. Am Freitag gelang es einem chilenischen Rettungsteam, noch 23 Menschen lebend aus den Trümmern zu befreien.
Vieles von dem, was im vergangenen Jahr aufgebaut wurde, sei nun wieder zerstört, berichtet Warnholz, seine Stimme zittert ein wenig. Zwölf Gebäude in einem Gewerbepark in Port-au-Prince wurden zerstört, ein Großteil der Infrastruktur in der Stadt. Nur der Norden scheint glimpflicher davongekommen zu sein. "Es war so erstaunlich, was sich vor allem im vergangenen Jahr in Haiti entwickelt hat", sagt er.
"Inmitten der Katastrophe ist es jetzt auch wichtig, daran zu erinnern, dass die wirtschaftliche Entwicklung weitergehen muss", sagt er. "Reine Nothilfe ist nicht genug, wir sollten die Gelegenheit nutzen, um Haiti aus dem Kreislauf der Verzweiflung zu befreien. Das Erdbeben ist schrecklich, aber es ist auch eine Chance." Er will die Hoffnung nicht aufgeben, sondern plädiert jetzt für einen "Marshall-Plan für Haiti".
Denn Katastrophen gab es in Haiti schon genug, allein vier verheerende Wirbelstürme im Jahr 2008. Danach kamen zwar Aufbauhelfer, aber immer war die Hilfe nur kurzfristig und nicht auf langfristige Entwicklung angelegt, sagt Warnholz. So ist das Land abhängig von importierten Lebensmitteln. Der Reis etwa wird aus den USA importiert und umsonst verteilt oder billig verkauft - was den eigenen Anbau fast zum Erliegen gebracht hat.
Während US-Außenministerin Hillary Clinton nun von einer "biblischen Tragödie" spricht, versucht ihr Mann Bill zu versichern, dass das Land eben nicht verflucht und vom Teufel beherrscht sei - was vor allem die fundamentalistischen Christen aus den USA, die auch in Haiti missionieren, den Haitianern einreden. Alle Entwicklungsprojekte im Norden des Landes müssten weitergehen. "Wir sollten unsere Anstrengungen verdoppeln", fordert der Ex-Präsident, der sich als Uno-Sonderbeauftragter um Haiti kümmert. "Vor dem Desaster hatte Haiti die besten Chancen, sein Potential zu nutzen und den Ketten der vergangenen 200 Jahre zu entrinnen."
Sofort nach der Katastrophe setzte eine beispiellose Mobilisierung von Hilfe ein. Organisationen aus aller Welt schickten Helfer und Hilfsgüter auf den Weg. Es war eine Solidaritätswelle, wie sie vor fünf Jahren zu spüren war, als ein Tsunami etwa 230 000 Menschen an den Küsten Südostasiens tötete. China und Frankreich entsandten Rettungsteams. Russland schickte 120 Nothelfer, Israel ein Feldlazarett sowie 220 Ärzte und Krankenschwestern, Brasilien drei Flugzeuge mit 21 Tonnen Hilfsgütern, Spanien ein Flugzeug mit Operateuren. Zu den Ersten, die eintrafen, zählten Bergungstrupps aus der benachbarten Dominikanischen Republik und Ärzte von der Nachbarinsel Kuba.
Die USA haben die größte Hilfsaktion seit dem Tsunami gestartet: 3500 Soldaten sowie 300 zivile Helfer sollen Erste Hilfe leisten. Die ersten Frachtflugzeuge mit Nahrungsmitteln, Wasser, Medikamenten, Zelten und Spürhunden erreichten am Donnerstag Port-au-Prince, am Freitag erschien der Flugzeugträger USS "Carl Vinson" mit einer kostbaren, dringend benötigten Fracht: 19 Hubschraubern.
Ein mobiles Krankenhaus wurde am Mittwoch nach Port-au-Prince geschickt und sollte dort am Wochenende eintreffen. Auch Landungsschiffe mit 2000 Marines an Bord sind unterwegs. Weitere sollen folgen. Insgesamt wird die Einsatzstärke der US-Armee im Krisengebiet wohl rund 10 000 Soldaten betragen.
Rund 3000 Soldaten der in Haiti ohnehin stationierten Uno-Stabilisierungsmission sicherten die Zufuhr ins Katastrophengebiet. Nur so konnte die Nahrungsmittelhilfe am Freitag anrollen.
US-Präsident Barack Obama wandte sich direkt an die Menschen in Haiti: "Ihr schaut zum Himmel und fragt euch, ob ihr verlassen wurdet. Ich sage den Menschen in Haiti mit großer Klarheit: Ihr seid nicht verlassen worden, ihr werdet nicht vergessen. In dieser Stunde eurer größten Not steht Amerika euch bei."
Prominente Privatleute meldeten sich ebenfalls, vom Komiker Ben Stiller über die Schauspielerin Demi Moore bis zur Popsängerin Shakira reichte die Liste der Edelspender. Es handle sich um einen "State of Emergency!!", schrieb der Rapper P. Diddy an seine 2,4 Millionen Follower bei Twitter. Talkshow-Queen Oprah Winfrey forderte gleich zu Beginn ihrer Sendung, die Zuschauer sollten Herzen und Portemonnaie öffnen. Brad Pitt und Angelina Jolie waren da bereits mit gutem Beispiel vorangegangen. Sie spendeten je eine Million Dollar für die Initiative "Ärzte ohne Grenzen".
Die schwerste Herausforderung für die Retter und die Hilfsorganisationen war es, mit ihrer Ausrüstung und ihren Hilfsgütern überhaupt zu den Opfern vorzudringen. Der Hafen von Port-au-Prince ist so schwer beschädigt, dass keine Schiffe anlegen können. Und der Flughafen erwies sich für die ankommenden Retter als Flaschenhals.
Auf dem Rollfeld herrschten tagelang chaotische Zustände - zeitweise waren 44 Flugzeuge geparkt, aber es waren nur zwei Tankwagen im Einsatz, um sie wieder mit Kerosin zu versorgen. In der Nacht zum Donnerstag übernahm die amerikanische Luftwaffe die Kontrolle und versuchte, die Situation in den Griff zu bekommen. Dennoch war der Flughafen am Donnerstag stundenlang komplett gesperrt, schließlich durfte nur noch landen, wer über genügend Kerosin für den Rückflug verfügte. Aber über Port-au-Prince kreisten die Frachtmaschinen aus aller Welt auch am Freitag noch. Einige mussten wieder umkehren, darunter ein britisches Rettungsteam.
Das Erdbeben macht auch seltene Allianzen möglich: So erlaubte Kuba am Freitag den USA, den Luftraum über der Insel zu nutzen, um Verwundete aus Haiti zu evakuieren. Bis Freitagabend waren 17 Schwerverletzte von Haiti zum US-Militärstützpunkt Guantanamo ausgeflogen, dort versorgt und dann in ein Krankenhaus in Miami gebracht worden. Guantanamo soll in den kommenden Tagen und Wochen als logistisches Zentrum für die humanitäre Hilfe dienen. Theoretisch könnte die Militärbasis bis zu 10 000 Flüchtlinge vorübergehend in Zelten unterbringen.
Helfer kommen von überall her, sie kommen mit ihren Spürhunden aus Kanada oder Tokio, aber eben auch aus Lingen mit Spritzen und Medikamenten wie der Notarzt Ralf Siepe.
Am Mittwoch hatte Siepe von dem Beben im Radio gehört und nicht geschaltet, er hatte einfach nur zugehört. Dann kam der Anruf, beim ersten ging es um die Frage, ob Siepe einsatzbereit sei, dann der zweite Anruf, das war der Einsatzbefehl. Denn Ralf Siepe, 47 Jahre alt, arbeitet normalerweise in der Notaufnahme des St.-Bonifatius-Hospitals in Lingen - und im Urlaub arbeitet er für den Malteser-Hilfsdienst. Auch jetzt nahm er sofort Urlaub, für den Flug nach Santo Domingo.
Früher war es so, dass die Helfer im Katastropheneinsatz konkurrierten, um Spenden, um Macht, um Aufmerksamkeit. Aber sie sind professioneller geworden, weil sie alle gelernt haben. Heute gibt es OCHA, das ist das "Office for the Coordination of Humanitarian Affairs" bei den Vereinten Nationen, der Uno-Koordinator ist der Chef aller Helfer. Und er teilt die Bereiche ein, die "Clusters" heißen, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Sicherheit, das sind die "Clusters" in Haiti. Und alle, die neu ankommen und sich zum Einsatz melden, wie am Freitag Ralf Siepe und dessen drei Kollegen, werden eingeteilt, Cluster Medizin, und dann dort eingesetzt, wo sie perfekt wirken können.
"Es ist wie bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn. Alle rasen hin, Feuerwehr, Ärzte, Polizei, aber dann ist da der Chef, das ist der Leitende Notarzt, und der sagt allen, ob sie zurücktreten oder anpacken sollen", sagt Georg Nothelle, der Logistiker der Malteser. So weit die Theorie.
In der haitianischen Praxis ist es aber so, dass der Uno-Koordinator in Haiti beim Einsturz des Uno-Hauptquartiers und mehrerer Unterkünfte selbst Frau und Kind verloren hatte und Ende vergangener Woche nicht in der Verfassung war, irgendetwas zu koordinieren. Die Uno-Zentrale war zerstört, viele Mitarbeiter waren tot. Es gab keine Orientierung für die Neuen, nur Leichen. Berge von Leichen. Und Ruinen und Staub und darunter noch mehr Leichen.
Am Freitag kamen die vier Malteser in Port-au-Prince an, es waren zu viele Opfer, das war schnell klar. Die Zahl der Toten war dabei gar nicht mal so wichtig, nicht für die Helfer, "die Toten sind tot", so sagte es Georg Nothelle, der Logistiker, eigentlich Afrika-Experte, aber zweifellos auch hier am richtigen Ort, weil er schon überall war, wo Menschen leiden. Es waren aber auch zu viele lebende Opfer, zu viele Verletzte, sie lagen überall. "Bei den Verletzten ist das Problem, dass wir einen großen Teil aufgeben müssen", sagte Ralf Siepe, "all die, die offene Knochenbrüche haben, werden sterben, und wir können ihnen nur den Tod erleichtern."
Als Erstes sollte ein Feldhospital entstehen, aber Ende der Woche stand es noch nicht. Und alles fehlte: Medikamente, Personal, Hygiene. "Das Allerwichtigste ist Wasser", so Siepe, "das ist das erste Glied in der Kette, um nun Cholera und Typhus einzudämmen."
Für eine Woche wollen die vier Malteser bleiben, sie verstehen sich als Speerspitze, die nach sieben Tagen abgelöst werden muss, und sie wussten schon zu Beginn, was für eine Woche das werden würde: eine Woche ohne Schlaf; eine Woche der Tränen; eine Woche des Adrenalins, der Trauer, des Respekts vor der Aufgabe; eine Woche der Hilflosigkeit der Helfenden; aber auch eine Woche, in der alles noch viel schlimmer wäre, wenn sie nicht hier wären.
Meist halten sich Ärzte und andere Helfer lieber fern von Soldaten, aber auch das ist diesmal anders. Dass die Amerikaner Haiti zur nationalen Aufgabe erklärt haben, dass die 82. Airborne Division Portau-Prince schützen soll, freut diesmal alle. "Die Einzigen, die dieses Land logistisch in den Griff bekommen können, werden die amerikanischen Soldaten sein", sagt Ralf Siepe, "nur sie können leisten, was hier nötig ist."
Am Ende, das jedenfalls hofft Georg Nothelle, könne es Haiti sogar besser gehen als vor dem Beben. "All das Geld und all die Aufmerksamkeit sind eine Riesenchance", sagt er: "Haiti galt ja als verlorener Staat ohne jede Perspektive. Wenn die Menschen es schlau anstellen, können sie hinterher auf einer anderen Stufe sein als vorher."
Als am Freitag dann die Nacht über Port-au-Prince hereinbricht, beginnen wieder die Schreie. Lange, heulende Laute wie von verletzten Tieren durchschneiden die schwere Tropenluft. Sie mischen sich in den Klagegesang, in das Beten und die Gesänge der Voodoo-Priester, die die Geister ihrer afrikanischen Vorfahren beschwören. Immer wieder klingen Namen durch die Nacht: Jean-Pierre, Naomi, Emanuel. Mütter, Väter, Kinder rufen nach ihren Angehörigen.
In den ersten Tagen nach dem Beben war noch das Stöhnen, waren noch die Hilfeschreie der Verschütteten zu hören, das Klopfen aus den Schuttbergen. Doch die Lebenszeichen sind verstummt.
Port-au-Prince ist eine Stadt der lebenden Toten. Die Gesichter der Überlebenden sind grau vom Staub, das Weiße in den Augen ist blutig unterlaufen. Sie stehen an den Ecken, betteln stumm, strecken fordernd die Arme aus. Sie irren durch die verschütteten Straßen, steigen über Leichen hinweg, die überall noch immer zwischen den Trümmern liegen. Früher roch es in Port-au-Prince nur nach dem Müll, der sich am Eingang zu den Slums zu Bergen türmte. Seit dem Beben riecht es nach Tod.
KLAUS BRINKBÄUMER, JENS GLÜSING,
JULIANE VON MITTELSTAEDT, MATHIEU VON ROHR, STEFAN SIMONS, GABOR STEINGART, HELENE ZUBER
Von Klaus Brinkbäumer, Jens Glüsing, Juliane von Mittelstaedt, Mathieu von Rohr, Stefan Simons, Gabor Steingart und Helene Zuber

DER SPIEGEL 3/2010
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