18.01.2010

TitelGefährliche Bruchzone

Warum die Geologen mit einem starken Erdbeben rechneten - und trotzdem hilflos waren
Experten hatten frühzeitig gewarnt. "Alle Bedingungen kommen zusammen für ein großes Erdbeben in Port-au-Prince", hatte der emeritierte Geologieprofessor Patrick Charles aus Havanna schon vor 15 Monaten vorausgesagt: "Die Bewohner der Hauptstadt müssen sich vorbereiten auf ein Ereignis, das früher oder später eintreten wird."
Doch genau darin liegt das Problem. Früher oder später kann heißen: morgen, in einem Monat - oder erst in Jahrzehnten. Sicher war nur, dass es in Haiti irgendwann wieder mächtig knallen würde. Nur: wann genau?
"Wie sollen Menschen, die abends nicht wissen, ob sie am nächsten Tag etwas zu essen bekommen, sich auf Ereignisse einstellen, die sich in so langen Zeiträumen abspielen?", fragt Jochen Zschau vom Geoforschungszentrum in Potsdam.
Auch Zschau wusste natürlich um die Gefahr aus dem Untergrund. Die Insel Hispaniola, auf der sich Haiti und die Dominikanische Republik befinden, liegt mitten auf einer tektonischen Störungszone, wo zwei Teile der Erdkruste miteinander verkeilt sind. Die Platten schwimmen auf heißem, flüssigem Gestein.
Die Nordamerikanische Platte driftet nach Westen, die Karibische Platte nach Osten. Dabei verhaken sich immer wieder Krustenteile ineinander, geraten wie ein Katapult unter Spannung - und entladen sich dann mit gewaltigen Erdstößen.
Die Rechnung der Geologen war einfach: Das letzte extrem schwere Beben ereignete sich in Haiti im Jahr 1751. Seitdem verschieben sich die beiden Platten rund acht Millimeter pro Jahr gegeneinander. Zschau: "Rein mathematisch ließ uns das eine plötzliche Verschiebung von zwei Metern erwarten, mit einem Beben ungefähr der Stärke 7."
Exakt so kam es.
"Aber eine akute Warnung an die Bevölkerung war dennoch unmöglich", betont Zschau. "Das ist der Unterschied zwischen Wetterkunde und Geologie; bei einem Erdbeben lässt sich nur die Wahrscheinlichkeit berechnen - nicht aber der Zeitpunkt."
In den siebziger Jahren habe in den Geowissenschaften noch eine große Euphorie geherrscht, berichtet Zschau. "Damals hieß es: In zehn Jahren sagen wir Erdbeben so sicher voraus wie Hurrikane. Aber das ist bis heute ein frommer Wunsch geblieben."
Auf Hispaniola gehören Beben zum Alltag - und zwar seit die Insel existiert. Sie ist überhaupt erst entstanden, weil es dort den Bruch in der Erdkruste gibt: Hispaniola wurde geboren, als ein Unterwasservulkan ausbrach. Der höchste Berg der Karibik liegt in der Dominikanischen Republik: der Pico Duarte mit gut 3000 Meter Höhe. Er wächst noch heute.
"In der Karibik besteht eines der größten Störungssysteme der Erde", erläutert Martin Meschede, Geologe an der Universität Greifswald und Mitautor des Standard-Lehrbuchs über Plattentektonik. Darin nennt er Hispaniola als Paradebeispiel für eine gefährliche Bruchzone.
Auch Meschede macht der Menschheit keine Hoffnung auf eine zuverlässige Vorhersagemethode: "Meiner Ansicht nach werden wir es derzeit nicht annähernd schaffen, Erdbeben konkret vorherzusagen - auch nicht mit den besten und aufwendigsten Methoden."
Gewaltige Beben schütteln die Insel immer wieder durch, nicht nur in Haiti, sondern auch im Nachbarland. Was das jüngste Beben so verheerend machte: Das Epizentrum lag nur etwa 20 Kilometer von Port-au-Prince entfernt. Zudem ereignete es sich in einer Tiefe von nur 10 Kilometern. Mit ungefederter Wucht schlug es aus großer Nähe in die Metropole ein. Die Stadt liegt mitten auf der gefährlichen Enriquillo-Verwerfung.
"Die Stärke des Bebens am vergangenen Dienstag war an sich gar nicht außergewöhnlich", sagt der Geologe Uri ten Brink vom United States Geological Survey. Seine aktuelle Karte zeigt starke historische Erdbeben. Die ganze Region ist übersät mit Punkten und Jahreszahlen: 1992, 1953, 1948, 1946, 1943, 1918. Das heftigste verzeichnet die Karte für das Jahr 1751: Stärke 8.
"Große Erdbeben haben die Region seit 1670 insgesamt 13-mal heimgesucht", erzählt ten Brink, "drei davon wurden von starken Tsunamis begleitet."
Und wenn es ein paar Jahre lang ruhig bleibt, ist das nicht Anlass zur Entwarnung - sondern zur Sorge.
"Vor allem die Septentrional-Verwerfung im Norden der Dominikanischen Republik ist derzeit gefährlich", sagt der US-Geologe, "dort ist nun schon seit über 700 Jahren ein großes Erdbeben überfällig."
So werden die Menschen auf Hispaniola wohl weiter einem karibischen Roulette ausgeliefert bleiben.
Seismiker warnen vor einer Serie von Nachbeben der Stärke 5 oder 6. Wenn es dann kracht in Haiti, in ein paar Tagen oder Wochen oder Monaten, wird es wieder heißen: Es gab doch Warnungen.
Ten Brink nimmt es philosophisch: "Wir Menschen sind nur Ameisen auf einer riesigen Kugel." HILMAR SCHMUNDT
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Titel:
Gefährliche Bruchzone

Video 02:10

Nach Vulkanausbruch auf White Island "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"

  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit" Video 01:41
    Wahlkampf in Großbritannien: Boris Johnson und der Kinohit
  • Video "Vor entscheidendem Champions-League-Spiel in Salzburg: Klopp ärgert sich über Dolmetscher" Video 00:51
    Vor entscheidendem Champions-League-Spiel in Salzburg: Klopp ärgert sich über Dolmetscher
  • Video "Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus" Video 01:27
    Expedition Antarktis: Größtes Segelschiff der Welt läuft aus
  • Video "Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch" Video 00:49
    Nahende Buschfeuer: Sydney versinkt im Rauch
  • Video "Finnlands neue Ministerpräsidentin: Denke nicht an Alter oder Geschlecht" Video 02:26
    Finnlands neue Ministerpräsidentin: "Denke nicht an Alter oder Geschlecht"
  • Video "Mögliches Impeachment gegen Trump: Er hat seinen Eid gebrochen" Video 01:43
    Mögliches Impeachment gegen Trump: "Er hat seinen Eid gebrochen"
  • Video "Neuseeland: Amateurvideo zeigt Rettung nach Vulkanausbruch" Video 01:47
    Neuseeland: Amateurvideo zeigt Rettung nach Vulkanausbruch
  • Video "Geschenke: So geht das mit dem Einpacken" Video 02:55
    Geschenke: So geht das mit dem Einpacken
  • Video "Tödliche Attacke auf Feuerwehrmann in Augsburg: Ermittler schildern Tathergang" Video 01:33
    Tödliche Attacke auf Feuerwehrmann in Augsburg: Ermittler schildern Tathergang
  • Video "Systemisches Doping: In weiten Teilen Etikettenschwindel" Video 02:51
    Systemisches Doping: "In weiten Teilen Etikettenschwindel"
  • Video "Brexit-Folgen: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet" Video 03:20
    Brexit-Folgen: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Video "Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten" Video 01:35
    Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • Video "73-Jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß" Video 02:17
    73-Jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Video "Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße" Video 01:34
    Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße
  • Video "Nach Vulkanausbruch auf White Island: Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt" Video 02:10
    Nach Vulkanausbruch auf White Island: "Sie waren vollkommen mit Asche bedeckt"