18.01.2010

GROSSBRITANNIENKarpfen ohne Luft

Gordon Brown zieht in einen Wahlkampf, den er kaum gewinnen kann. Das liegt auch an seinem Vorgänger, der sich nun vor einem Untersuchungsausschuss rechtfertigen muss.
Für Trevor Kavanagh beginnt in diesen Tagen die Jagdsaison, auf die er Jahre gewartet hat. Labour-Politiker mochte er eigentlich noch nie, jetzt aber sind sie Freiwild.
Kavanagh - Glatze, Bart, Anzug - ist einer jener militanten Kolumnisten, wie sie nur London hervorbringt: ein Boulevard-Intellektueller, konservativ, charmant, gnadenlos. Er steht in den Diensten von "The Sun", Großbritanniens Massenblatt.
Bisher musste sich Kavanagh, 67, einer der einflussreichsten Journalisten des Landes, bei der "Sun" immer zurückhalten. Zwar sagt er seit Jahren, die Labour-Regierung sei "atemraubend inkompetent" - seinem Chef Rupert Murdoch, dem "Sun"-Eigentümer, hat sie jedoch gefallen.
Der Medienmagnat hat die Partei unterstützt, solange Tony Blair sie führte. Nicht zuletzt dank Murdoch wurde Blair der Labourpremier mit der längsten Amtszeit der britischen Geschichte. Blair revanchierte sich mit Gefälligkeiten.
Auch sein Nachfolger Gordon Brown, 58, hoffte auf Murdoch. Die Herren kennen sich, sie sprechen oft miteinander. Kavanagh glaubt, der Verleger verspüre nach wie vor aufrichtige Bewunderung für Browns Intelligenz und sein Arbeitsethos - aber nun ist auch Murdoch der Labour-Regierung überdrüssig, Kavanagh ohnehin. "Labour's lost it", titelte die Zeitung, als sie der Partei offiziell die Freundschaft entzog, Labour kriegt's nicht hin.
Die Partei hat ihren Zauber schon lange verloren und mit ihr Tony Blair, dem die Briten nicht verziehen, dass er George W. Bush treu in den Irak-Krieg folgte. Ende Januar muss Blair vor einer unabhängigen Irak-Untersuchungskommission aussagen. Er wird sich zu Vorwürfen äußern müssen, er habe die Bürger bei diesem Kriegsgang belogen. Sein Auftritt könnte zu einem öffentlichen Tribunal über 13 Jahre Labour werden, vielleicht sogar - wenige Monate vor der Wahl - zu einem vorgezogenen Schlussstrich der Labour-Ära.
Im Wahlkampf, der jetzt eröffnet ist, muss der glücklose Brown nicht nur gegen den frischeren Tory-Herausforderer David Cameron ins Feld ziehen, gegen vernichtende Umfragewerte und gegen gierige Banker. Sein Gegner ist auch ein Kampfblatt mit feinem Gespür für die Mehrheit, eine Zeitung, die in Jahrzehnten noch nie auf der Seite des Wahlverlierers stand.
Acht Millionen Briten lesen täglich die "Sun", viele von ihnen sind Wechselwähler - und ihnen will Kavanagh bis zum derzeit wahrscheinlichsten Wahltag am 6. Mai einheizen. "Wir werden eine Tory-Kampagne fahren", sagt er und schaut finster. Reizthemen für die Titelseite gibt es genug - einen Katalog all jener Dinge eben, die Labour nicht hinbekommen hat. England hat die höchste Teenie-Schwangerschaftsrate in Europa und die besoffensten Jugendlichen. Es gibt Messerstechereien in den Ghettos und Massenarbeitslosigkeit gerade unter jungen Erwachsenen. Die öffentlichen Schulen des Landes bringen nach wie vor Analphabeten hervor, obwohl Blair einst mit dem Schlachtruf "Bildung, Bildung, Bildung" angetreten war.
Als letzter großer Industriestaat steckt das Königreich immer noch in der Rezession, der tiefsten seit 1945. Das Haushaltsdefizit liegt jenseits von zwölf Prozent, höher denn je seit Kriegsende. Die Ratingagenturen drohen, Großbritanniens Kreditwürdigkeit herabzustufen. Das Pfund hat in den 30 Monaten seit Browns Amtsübernahme gegenüber dem Euro ein Viertel seines Wertes eingebüßt. Die Banken, einst der Stolz der britischen Wirtschaft, sind heute zum Teil verhasste Milliardengräber. Im zusehends unpopulären Afghanistan-Krieg starben allein im vorigen Jahr 108 britische Soldaten, Hunderte wurden verstümmelt, auch, weil die Armee kein Geld hat für mehr Hubschrauber und besser gepanzerte Fahrzeuge.
Für alle sichtbar wird die journalistische Kampagne der "Sun" verzahnt sein mit der Wahlkampfzentrale von Cameron. Erstens sitzt an deren Spitze ein Ex-"Sun"-Mann. Und zweitens hat Murdoch offenbar mit Cameron einen Handel geschlossen. Der Medienkönig will den Konservativen demnach zum Herren von 10 Downing Street machen, und der würde sich dankbar zeigen. Cameron erwägt, als Premier die Befugnisse der Medienaufsicht einzuschränken, mit der sich Murdoch oft herumstreitet.
In Großbritannien kündigt sich eine Wende an, aber Vorfreude ist nicht zu spüren: Zu trüb ist die Stimmung im Land, und Mr. Cameron ist kein Blair und schon gar kein Barack Obama.
Jede einzelne Umfrage bestätigt einen knappen bis soliden Vorsprung der Tories, selbst in Labour-Stammregionen wie Wales oder den Midlands. Doch aufgrund des Mehrheitswahlrechts wird es nicht einfach sein, die Führung in einen Sieg zu verwandeln. Zu Labours Hoch-Zeiten wurden die Wahlkreise so parzelliert, dass die Partei noch heute über einen massiven eingebauten Vorteil verfügt. Daher könnten die Tories jetzt viel mehr Wählerstimmen einsammeln als Labour und dennoch verlieren. Für den Sieg müssten die Konservativen ihre Position im Parlament verteidigen (193 Sitze) und 133 neue Mandate erobern.
"Wir alle haben Brown satt. Jeder von uns", hat Kavanagh seinen Lesern beschieden. Selbst "Poppy, 19, aus Somerset" reicht es. Das Model auf Seite drei zeigt den "Sun"-Lesern zuerst seine Brüste - und legt danach ein politisches Geständnis ab: "Wir brauchen wirklich eine Veränderung - aber die muss ganz oben anfangen."
Gordon Brown galt einmal als begnadeter Schatzkanzler. Er machte den Blair-Rausch möglich, der die Nation von Mai 1997 an erfasste. Gemeinsam hatten Blair und er den Genossen den Sozialismus ausgetrieben, sie mit der Marktwirtschaft und dem großen Geld versöhnt. "New Labour" kam, und die Wirtschaft brummte wie nie.
Die Ära von "Cool Britannia" brach an: In der Kunst, der Mode, der Architektur, der Musik, im Finanzwesen erstrahlte London als neues Zentrum, New York nahezu ebenbürtig. Der Metropole wuchs eine funkelnde Skyline, dank des Immobilienbooms fühlten sich auch arme Briten plötzlich reich, selbst das englische Essen war gar nicht mehr so schlecht.
Als Hüter der Staatsfinanzen rühmte sich Brown, er habe die Formel gefunden, das Land vor dem ewigen Zyklus von "boom and bust" zu bewahren. Es solle nicht mehr rauf- und runtergehen mit der Wirtschaft, so versprach er, sondern dank New Labour nur noch nach oben.
Heute verkörpert er den Niedergang der Partei. Er übernahm von Blair die Macht, ohne sich Neuwahlen zu stellen, er traute sich nicht. Inzwischen empfiehlt ihm sogar der Labour-freundliche "Guardian", noch vor der Wahl zurückzutreten und Platz für einen unverbrauchten Politiker zu machen.
Auf internationalen Krisenkonferenzen hat sich Brown den Ruf des intelligenten Fachmanns erworben. Dem eigenen Volk aber gilt er als unbeholfen und ungelenk. Er hat die Eigenart, durch den Mund einzuatmen, und darum sieht er im Fernsehen oft aus wie ein Karpfen, der auf dem Trockenen nach Luft schnappt. Brown spricht gern in Worthülsen. Charisma ist ihm fremd, das einzige Gefühl, das er weckt, ist Mitleid. So wie neulich, als er seinen massigen Körper vor den Kameras zum Joggen zwang.
Anders David Cameron, der sich zum natürlichen Erbe des Ex-Premiers, zum "Heir to Blair", ausruft. Cameron ist 43, so alt, wie Blair es war, als der das Amt in der Downing Street übernahm. Beim Joggen macht er eine gute Figur. Aber ansonsten? Bekannt ist, dass er die EU nicht schätzt, niemals den Euro einführen will. Wofür er aber wirklich steht, weiß niemand genau.
Erfahrung in der Leitung einer großen Organisation hat er nicht, außerdem belastet ihn in der klassenbewussten britischen Gesellschaft seine Herkunft. Cameron ist, wie Brown gern betont, ein "toff", ein Mitglied der Upper Class. Er stammt aus einer millionenschweren Banker-Dynastie. Sein Englisch klingt wie das der Royals. Viele Briten halten Cameron für den geeigneteren Kandidaten, aber sie misstrauen den Tories. Die haben seit Margaret Thatcher den Ruf, eine Partei zu sein, die den Armen nimmt und den Reichen gibt. Diese Furcht ist jetzt Browns letzter Trumpf.
Wegen der prekären Staatsfinanzen wird die nächste Regierung Grausamkeiten begehen müssen. Die Steuern werden steigen, die Leistungen des Staates dahinschmelzen. Brown rückt nach links, er kassiert bei den Reichen ab und hat den Bankern Sondersteuern aufgehalst. Er verspricht, weitere Milliardenschulden zu machen, bis er die Krise darin ertränkt hat.
Cameron mahnt, dies sei angesichts der erreichten Schuldenlast selbstmörderisch. Er beschwört den schlanken Staat und eiserne Haushaltsdisziplin wie unter Thatcher. Gleichzeitig aber ist sein designierter Schatzkanzler George Osbourne, 38, ein solches Leichtgewicht, dass selbst Cameron-Fans ihn verspotten als "Jüngelchen in Anzügen".
Europas Finanzminister blickten einst neidvoll auf Londons geordneten Haushalt, das ist vorbei. Die Höhe der Schulden, schätzt der Internationale Währungsfonds, könnte in fünf Jahren dem Bruttoinlandsprodukt entsprechen. Die Zahlen sind so furchtbar, dass der nächste Regierungschef an politische Träume gar nicht erst denken darf.
Vor zwölf Tagen stellten zwei ehemalige Labour-Minister Browns Führungskompetenz offiziell in einem Brief an alle Abgeordneten in Frage. Der Putschversuch misslang, selbst dazu scheint die Partei zu schwach. Brown versicherte am Tag danach, das Ganze habe ihn nicht besonders von der Arbeit abgelenkt. Am Morgen habe er sich um Afghanistan gekümmert, nachmittags um die Flugsicherheit und dann um eine bessere Verteilung der Streusalzbestände im Land. Er hat einfach weitergemacht, wie immer. MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 3/2010
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