18.01.2010

USADie Frau, die aus Wasilla kam

Sarah Palin wurde als Vizepräsidentschaftskandidatin erst gefeiert, dann verlacht, nun gelingt ihr als Kommentatorin bei Fox News und Buchautorin ein Comeback. Mit ihrer Hilfe wollen die Republikaner bei den Kongresswahlen die Mehrheit zurückgewinnen. Von Marc Hujer
Es mag einige Unterschiede geben zwischen Sarah Palin und ihr, ein oder zwei Konfektionsgrößen vielleicht. Aber so wie Cecilia Thompson an diesem Morgen in Colorado Springs vor der Buchhandlung Borders empfangen wird, mit "Sarah, Sarah"-Rufen, geht sie zweifellos als eine der besseren Doppelgängerinnen von Sarah Palin durch.
Thompson hat alles getan, um wie Sarah Palin auszusehen; sie hat ihren Gang erlernt, ihre Gesten, ihre Blicke, sie hat sich ihre Klamotten gekauft, sogar den roten Trainingsanzug, den Sarah Palin auf dem Buchdeckel ihrer Autobiografie trägt. Aber für diesen Tag, für das erste Treffen mit ihr, hat sich Thompson für die klassische Garderobe entschieden, für die Kombination, die Palin so oft als Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner trug, Blazer mit patriotischem Pin, zurückgesteckte Haare und ein Brillenmodell namens "Kazuo Kawasaki 704" auf der Nase.
Sarah Palin sitzt hinter einem Büchertisch bei Borders, schüttelt Hände und signiert ihre Autobiografie "Going Rogue". Es ist Fließbandarbeit, 1500 Bücher am Tag. Und so ist es kein Wunder, dass sie Cecilia Thompson zunächst gar nicht bemerkt und stattdessen Palins Ehemann sie entdeckt. Thompson wirft ihm Luftküsse zu, er zwinkert ihr zu. Dann steht Cecilia Thompson mit ihrem Buch endlich vor Sarah Palin.
Einen Moment lang schauen sich beide Frauen an, Palin und Thompson, die Echte und die Kopie, von Kawasaki zu Kawasaki. Thompson hat sich vorgenommen, Palin nach Hause zum Elchgulasch einzuladen, wird sie später erzählen, weil Elchgulasch Palins Lieblingsgericht sei, aber bevor sie die Einladung aussprechen kann, kommt ihr Palin mit dem schönsten Kompliment zuvor, das sie sich vorstellen kann. "Unglaublich!", sagt Palin. "Ich habe das Gefühl, in einen Spiegel zu schauen!"
Wohin Sarah Palin auf ihrer Buchtour auch kommt, nach Sioux City und Sioux Falls, nach Minneapolis und Salt Lake City, warten Hunderte Menschen auf sie. Sie übernachten vor Geschäften und Shopping-Malls unter Schichten von Decken, manchmal bei minus 20 Grad Celsius. 1200 sind es in Coeur d'Alene, Idaho, 1500 in Bloomington, Minnesota, 2000 auf dem Luftwaffenstützpunkt Elmendorf in Alaska.
Sie wollen gern mit ihr auf die Jagd gehen, sich über ihr Kind mit Down-Syndrom unterhalten, Elchgulasch für sie kochen. Sie haben dieselben Hobbys, kaufen ein in denselben Kaufhausketten, schauen dieselben Seifenopern. Sarah Palin reist durch ein Land voller Doppelgänger.
Es sind ihre Leute, Durchschnittsamerikaner, Durchschnittsverdiener, die meist in der Provinz zu Hause sind. Sie gibt ihnen das Gefühl, eine von ihnen zu sein. "Sie löscht jeden Unterschied zwischen Regierenden und Regierten aus", schreibt Sam Tanenhaus im "New Yorker".
Sarah Palin ist nach Barack Obama das größte Phänomen der amerikanischen Politik. Sie verkörpert alle Hoffnungen ihrer konservativen Gefolgschaft, während der Präsident nach einem Jahr im Amt geschrumpft ist. Sie ist heute der größte und der einzige Star der Republikaner. Das ist für die in den vorigen Wahlen vernichtend geschlagene Partei nicht nur Glück, sondern auch Verhängnis. Palin steht mit ihren Positionen für den äußersten rechten Rand, sie spaltet das Land in Fans und Gegner, stärker noch als Präsident George W. Bush.
Ihre Autobiografie "Going Rogue" hat Sarah Palin um die drei Millionen Mal verkauft, seit das Buch am 17. November 2009 erschienen ist, 700 000 Exemplare in der ersten Woche, damit hat sie Hillary Clintons Memoiren "Living History" um 100 000 übertroffen. Fünf Millionen Dollar Vorschuss hat sie kassiert, so viel bekommen sonst nur Ex-Präsidenten.
Aber was will Sarah Palin? Das ist das große Rätsel der amerikanischen Politik. Es ist diese Frage, die sie so überlebensgroß macht, weil alles möglich scheint: Will sie sich wirklich in zwei Jahren um die Präsidentschaft bewerben? Will sie eine Polit-Berühmtheit ohne Amt bleiben? Will sie nur Geld machen mit ihrem Ruhm? Ist es vorstellbar, dass sie eines Tages einfach wieder verschwindet?
Seit der vergangenen Woche ist Sarah Palin Kommentatorin für Fox News, den Haussender der Konservativen, 2,2 Millionen Zuschauer jeden Abend. Sie redet dort regelmäßig über Politik, über Präsident Barack Obama, aber auch über ihre Parteifreunde. Sie wird über sie richten, über Abweichungen von der Doktrin, von dem, was sie für die richtige Linie der Partei hält.
Bei ihrem ersten Auftritt in ihrer neuen Rolle, am Dienstagabend vergangener Woche, saß sie im Studio von Bill O'Reilly, dem rechten Talkmaster, der seine Gäste auch gern mal anschreit, wenn sie eine andere Meinung vertreten, aber zu Sarah Palin war er sehr freundlich: "Es ist fast komisch, dass so viele Leute Sie für eine solche Bedrohung halten, finden Sie nicht?" Sie lächelte verhalten. "Es geht nicht um mich persönlich, wer ich bin, von da oben in Alaska", sagte sie. "Die mögen die Botschaft nicht. Die mögen die vernünftig-konservativen Lösungen nicht, für die ich stehe." Es war ein sehr bescheidener Auftritt, weil es natürlich meistens um nichts anderes geht als um ihre Person.
Sie ist nun das sichtbarste Gesicht ihrer Partei. Für sie selbst bleibt weiterhin alles möglich.
In diesem Jahr will Palin den Republikanern helfen, die Mehrheiten im Kongress zurückzugewinnen. Seit Richard Nixons Watergate-Skandal befand sich die Partei nicht mehr in einer derart desolaten Lage. Nach der Wahlniederlage 2008, die auch Palin als Vizepräsidentschaftskandidatin mitzuverantworten hatte, verlor die Partei nicht nur das Weiße Haus und die Mehrheit im Kongress, sondern auch das Vertrauen vieler konservativer Stammwähler.
Sarah Palin will die Partei verändern. Sie wird Kandidaten stützen, die eindeutig konservativ sind, christlich, gegen Abtreibung und staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Palin ist die Hauptfigur im Richtungsstreit um die Zukunft der Republikaner. Gegenüber stehen sich die wenigen verbliebenen Moderaten, die mit Präsident Obama in Sachfragen zusammenarbeiten wollen, und die kompromisslosen Rechten, die auf Totalopposition setzen. Es geht um die Frage, ob die Partei die Wahlen zukünftig in der Mitte oder am rechten Rand gewinnen kann.
Es geht auch um den Feldzug einer wütenden konservativen Basis, die ihre Werte vom Establishment der Partei verraten glaubt und die darin den Grund für die Niederlagen der Vergangenheit sieht. Es ist die Bewegung einer meist weißen, ländlichen Schicht, die sich fürchtet, das zu verlieren, was Sarah Palin einst das "wahre Amerika" genannt hat. Palin steht an der Spitze dieses Aufstands von unten. Ende Februar wird sie auf der ersten nationalen Versammlung der Tea Party auftreten, einer neuen Protestbewegung der Ultra-Konservativen, benannt nach der Boston Tea Party von 1773, die zur amerikanischen Unabhängigkeit führte.
Palin ist unkontrollierbar für die Republikanische Partei, aber sie erreicht jene Leute, denen Parteiprogramme zu trocken sind, für die Politik keine Sachfrage, sondern Emotion ist.
Mit wenigen Worten, die sie über Facebook veröffentlichte, beherrschte sie zuletzt die politische Debatte. Sie braucht keine Pressekonferenzen, um ihre Meinung zu verbreiten. Sie behauptet, dass Obama mit seiner Gesundheitsreform "Todesgremien" einrichten wolle, und schon debattiert darüber die ganze politische Klasse.
Was Barack Obama für die Demokraten war, ist Palin für die Republikaner: die diffuse Hoffnung auf Wandel, auf den Beginn einer neuen, besseren Zeit. Auch bei ihr geht es nicht in erster Linie um ihr Programm, es geht um kulturelle Nähe zu ihren Wählern. Was Obamas "Yes, we can!" ist, ist Palins "You betcha!", darauf kannst du einen lassen, die Sprache der einfachen Leute.
Für ihre Lesereise wählt sie Orte, in denen es aussieht wie bei ihr zu Hause in Wasilla, Alaska. Einkaufsmärkte am Rande der Stadt. Sie tritt auf in Buchhandlungen, in Supermärkten und im Großmarkt Costco, wo sie in Salt Lake City zwischen Stapeln von Sonderangeboten liest, rechts ein Pfannenset für 199,99 Dollar, links ein 20-teiliges "Haarschneide-Kit" für 24,99 Dollar. Es ist das Prinzip des White Trash Amerikas, der Opfer des Massenkonsums, man bekommt immer viel für sein Geld, aber das meiste davon braucht man gar nicht.
Palin erscheint mal in einem roten, mal in einem schwarzen Kostüm, die immergleichen Farben. Entsprechend ist auch der Stift, mit dem sie signiert, mal rot und mal schwarz. Sie liebt diese Klarheit. Sie will berechenbar bleiben.
Die Presse darf meist nicht näher als fünf Meter an sie heran, auch das nur in kleinen Gruppen und nicht länger als fünf Minuten, und unter strenger Aufsicht.
Ihre Familie ist immer dabei. Als sie die Bühne betritt, hält sie ihr Baby im Arm, das dann ihr Ehemann übernimmt. Er sitzt später auf den Stufen der Kaffeeabteilung und gibt Trig das Fläschchen, während Chuck Heath, der Vater von Sarah Palin, Jeans, Turnschuhe, Bauchansatz, ein Joe-Sixpack-Original, am Ausgang steht und die Bücher seiner Tochter ein zweites Mal signiert. "Chuck DAD" schreibt er hinein, damit der Dümmste versteht, dass es sich hier um den Vater handelt. Und als ihm eine Blondine im Pelzmantel zuruft: "Ist das Gerücht wahr, dass sie der Vater von Sarah Palin sind?", zeigt er nur ein Regal weiter auf eine Frau im lila Pulli, ebenfalls Turnschuhe. "Und das da ist ihre Mutter."
Ihre Familie ist ihr Programm, als Referenz für ihre politische Eignung genügt ihr, dass sie Mutter ist. Sie nennt sich "Common-Sense Conservative", Konservative mit gesundem Menschenverstand, und für so eine gibt es kein besseres Trainingsgelände als die Familie. Sie glaubt, dass man den Staat wie eine Familie führen kann, dass man nur Geld ausgeben kann, das man hat. Palin sagt: "Was man auf der Mikroebene lernt, gilt auch auf der Makroebene."
So gewinnt sie die Massen in der gottesfürchtigen Provinz, rechte Waffenliebhaber, evangelikale Protestanten, Arbeiter. Sie bezeichnet ihre Fans so: "fleißig, unprätentiös, patriotisch". Es sind Menschen, die ihre Überzeugungen auf T-Shirts tragen: "Wenn es dir in Amerika nicht gefällt, warum haust du nicht ab?" Oder: "Ein Illegaler ist ein Illegaler". - "Wir glauben an Gott und Sarah Palin". - "Ich bin ein rechtskonservativer Extremist". Es geht nicht um ihr Programm, sondern darum, dass sie kulturell passt zu ihren Wählern.
Für das liberale Amerika ist Palin eine Lachnummer und ein Schreckgespenst: eine Frau, die 2008 an der Seite von John McCain Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten werden wollte, aber nicht wusste, dass Afrika kein Land ist, sondern ein Kontinent. Die über Außenpolitik Bescheid zu wissen glaubte, weil von Alaska aus an klaren Tagen Russland zu sehen sei.
Steve Schmidt, der ehemalige Wahlkampfmanager von John McCain, erzählte in einem Interview mit dem Fernsehsender CBS, Palin habe die Dinge regelmäßig so verdreht, "dass oben unten war und unten oben war - es war nachweislich unwahr". Schmidt enthüllte auch, dass sie den Unterschied zwischen Nord- und Südkorea nicht kannte, nicht wusste, welche Aufgabe die amerikanische Notenbank hat, und 2008 immer noch glaubte, Saddam Hussein habe die Anschläge vom 11. September 2001 geplant.
Doch keine Wissenslücke, kein Skandal, nicht einmal ihre vielen nachgewiesenen kleinen und großen Lügen können ihre Strahlkraft mindern. Es gibt viele Episoden, die an ihrer Eignung für ein hohes politisches Amt zweifeln lassen, doch jede von ihnen scheint sie ihren Fans nur noch näherzubringen.
Als Bürgermeisterin von Wasilla feuerte Palin die Chefin der Stadtbibliothek, weil die sich ihren Bestand an Büchern nicht zensieren lassen wollte - und sagte darüber später die Unwahrheit. Als Gouverneurin von Alaska entließ sie ihren Polizeichef; und zwar nur, weil er Palins Ex-Schwager nicht feuern wollte, der als Polizist arbeitete und sich in einem Scheidungskrieg mit Palins Schwester befand.
Als sie vor einem halben Jahr ohne Vorankündigung als Gouverneurin von Alaska zurücktrat, sahen ihre Gegner darin politischen Selbstmord. Würden ihre Anhänger ihr wirklich verzeihen, dass sie ihr Amt
nach nur zweieinhalb Jahren einfach hinwarf, weil sie offenbar keine Lust mehr darauf hatte? Sie verziehen ihr. So befreite sich Sarah Palin von der Lokalpolitik, die ihr plötzlich zu klein erschienen war, zu provinziell. "Sie steckt nicht zurück", sagte ihr Vater Chuck, "sie lädt nur nach."
Ihre Autobiografie ist eine Abrechnung mit ihren Kritikern, das Porträt einer Verkannten. "Going Rogue: An American Life" kritisiert auch die Wahlkampfstrategen um John McCain, denen sie vorwirft, dass sie niemals sie selbst sein durfte, sondern ein Kunstprodukt übereifriger Spin-Doctors blieb. Der britische Schriftsteller Jonathan Raban bezeichnet das Buch in seiner Rezension für die "New York Review of Books" als eine "400 Seiten lange Lobrede auf die Ignoranz".
Egal, was Palin macht, sie wendet die Kritik zu ihrem Vorteil. Sie fühlt sich als Opfer von John McCain, der sie am Wahlabend keine Abschiedsrede halten ließ. Als Opfer von Wahlkampfmanager Steve Schmidt, der ihr, "einer 44-jährigen gesunden, athletischen Frau" nicht nur erzählen wollte, was sie anzuziehen habe, sondern auch, was sie essen solle, und der "Fuck" gesagt habe vor ihren Kindern. Als Opfer des Kameramanns, der sie an Thanksgiving 2008 angeblich so vor der Schlachterei einer Truthahnfarm platziert hatte, dass man im Hintergrund einem Schlachter bei der Arbeit zusehen konnte. Auf YouTube ist das Video berühmt geworden.
Sie sieht sich als Opfer der "Eliten", und wenn Palin "Eliten" kritisiert, trifft sie das Grundgefühl eines Landes, das sich einst von seinem überheblichen Mutterland lossagte. "Ich würde lieber von den ersten 2000 Namen im Bostoner Telefonbuch regiert werden als von den 2000 Harvard-Professoren", schrieb einst der konservative Publizist William Buckley.
Hat sie eine Chance, bald selbst Präsidentin zu werden? Es ist unwahrscheinlich. Nur rund 42 Prozent der Amerikaner haben eine positive Meinung von ihr. Sie polarisiert stärker als jede andere politische Figur in Amerika. Wenn sie in zwei Jahren antreten sollte, wäre es ein gewaltiges Wagnis für die republikanische Partei, mit ihr gegen Präsident Obama in den Wahlkampf zu ziehen, selbst wenn dessen eigene Beliebtheit auf so niedrigem Niveau bliebe wie jetzt. Und dennoch ist sie für ihre Partei unverzichtbar, weil sie die konservativen Dissidenten als Einzige versöhnen könnte mit dem Establishment.
Sie mobilisiert den gleichen Mob wie einst der republikanische Präsidentschaftskandidat Barry Goldwater, der Anfang der sechziger Jahre gegen John F. Kennedy und gegen die Bürgerrechtsbewegung polemisierte. Heute kämpft dieser Mob gegen den schwarzen Mann im Weißen Haus. Es ist die konservative Reaktion auf Barack Obama, gegen seine Wirtschaftspolitik, den Klimaschutz, seine Gesundheitsreform, es ist ein inhaltlich hohler Feldzug, getragen von einem Gefühl, das man im Englischen mit dem merkwürdigen Begriff "Uber-Patriotism" brandmarkt.
Mit Sarah Palin lebt der Kulturkampf wieder auf, der auch unter George W. Bush geführt wurde, Klein gegen Groß, Ungebildet gegen Gebildet, für Waffen und Gott, gegen Abtreibung und Wissenschaft. Sie stellt den Klimawandel in Frage, wettert gegen den Sanierungsplan zur Bewältigung der Wirtschaftskrise. Sie verteidigt die gefeuerte Miss Kalifornien Carrie Prejean, die gegen die Schwulenehe zu Felde zieht. Sie spricht ihre Sprache.
Zugleich steht sie für einen neuen, augenzwinkernden Konservatismus, der nicht großväterlich streng daherkommt, der zwar Prinzipien hat, sie aber nicht ganz so ernst nimmt. Palin ist eine "Pro-Life working mom", die Abtreibung unter allen Bedingungen ablehnt, auch bei Vergewaltigung, die ihren Kindern Abstinenz vor der Ehe predigt, aber trotzdem sieht sie nicht so aus, als hielte sie sich daran. In ihrer Autobiografie lässt sie zwischen den Zeilen ihre Leser wissen, dass es in Wahrheit auch bei ihr ein wenig anders war. Sie predigt Verzicht, aber sie verkörpert das volle Leben.
Für Frauen ist sie eine Übermutter, die alles geschafft hat, die erfolgreich ist und dennoch gut aussieht, die Gouverneurin von Alaska war und fünf Kinder bekommen hat. Und trotzdem erklärt Sarah Palin auch Hausfrauen zu Helden.
Für Männer ist sie ein Sexsymbol. "Außergewöhnlich hübsch" nennt sie Fred Barnes vom "Weekly Standard", bei seinem Kollegen Bill Kristol löste sie "Herzklopfen" aus. John McCain sagte angeblich, sie sei "heiß".
Das Fehlbare ist es, was sie ihren Fans sympathisch macht. Die moralischen Postulate der religiösen Rechten sind in der amerikanischen Unterschicht hehre Wünsche geblieben. Es bringt Sarah Palin ihren Anhängern näher, dass ihre Tochter Bristol mitten im Präsidentschaftswahlkampf hochschwanger war, mit einem unehelichen Kind.
Sarah Palin stammt aus einfachem Hause. Geboren am 11. Februar 1964 in Sandpoint im US-Bundesstaat Idaho, einem kleinen Arbeiterstädtchen am Rand der Rocky Mountains. Als sie drei Monate war, zog ihre Familie nach Alaska um, weil ihr Vater dort auf bessere Jobs hoffte. Ihre Eltern waren Lehrer, sie führten ein einfaches Leben in Wasilla, einem 7000-Einwohner-Nest. Sarah spielte Basketball bei den Wasilla Warriors und wurde Miss Wasilla, die Schönste im Dorf. Sie studierte Journalismus, wechselte sechsmal das College, Alaska, Hawaii, Idaho, es sieht mehr aus wie eine Flucht als wie ein vernünftiges Studium, die Noten waren nicht besonders gut.
Mit 24 Jahren heiratete sie Todd, den besten Basketballspieler des Dorfs, er beeindruckte sie, weil er mit zwei Autos in ihr Leben fuhr, einem Ford Mustang und einem Ford F-150 Pick-up. Sie war schwanger, bevor sie heiratete, das erste Kind bekam sie mit 25, nun hat sie fünf, ein bis 20 Jahre alt, sie heißen Track, Bristol, Willow, Piper, Trig - benannt nach Sportarten, Buchten, Flugzeugen.
Wasilla ist eine Welt endloser Parkplätze, riesiger Supermärkte, eine Welt der Kegelbahnen, Autokirchen und Miss-America-Wahlen. Jeden Morgen stoppt Palin an ihrem Lieblingscafé, Mocha Moose in Wasilla, wo man den Kaffee durch das Fahrerfenster gereicht bekommt. An Wochenenden liebt Sarah Palin es, im Windbreak Café am Park Highway nach Anchorage Pfannkuchen und Rentierwurst zu essen. Sie lebt das einfache Leben der Provinz, und ihre Autobiografie ist dazu da, dass alle daran Anteil haben. "Wir kaufen Windeln im Sparpack und Erdnussbutter als Nachahmerprodukt", schreibt sie, außerdem sammle sie Coupons des Großmarkts Costco und vergleiche Sonderangebote.
Ihr Ehemann Todd passt in diese Welt, ein Weißer mit Inuit-Blut, ein kleiner Mann, Lachsfischer, Gewerkschaftsmitglied, Sieger im Schneemobilrennen, der auch schon mal besoffen am Steuer erwischt wurde und abends am liebsten Ultimate Fighting im Fernsehen schaut, die brutalste unter den modernen Kampfsportarten. Sarah Palin heiratete ihn in einer Autokirche, ohne es ihren Eltern vorher zu sagen. Ihr Hochzeitsessen nahmen sie zu zweit ein, bei "Wendy's-drive-thru", der Hamburger-Kette, in Palmer, knapp 20 Kilometer von Wasilla.
Palin hat diese Welt immer verteidigt, als Bürgermeisterin und als Gouverneurin. Sie idealisiert Alaska als letzten Zufluchtsort für das fleißige, gottesfürchtige Amerika. Als sie von der erfolglosen Präsidentschaftswahl nach Hause zurückkehrte, fühlte sie sich angeblich wie befreit.
Ihr Erbe sind Strip-Malls, in ihrer Zeit haben sich Ketten in Wasilla breitgemacht, Pizza Hut, Burger King, eine Mehrzweckhalle, die 15 Millionen Dollar kostete. Palin hat sie an die Last Frontier, an die Grenze zur Wildnis gebracht. Das letzte Abenteuer: überall Durchschnittlichkeit.
Sie selbst gehört längst nicht mehr zu der einfachen Welt, die sie so verherrlicht. Sie hat das neue Leben schätzen gelernt, seit sie zum Nominierungsparteitag der Republikaner für Zehntausende Dollar Garderobe vom Nobelkaufhaus Neiman Marcus tragen durfte und von persönlichen Stylisten betreut wurde. Mit einem kombinierten Familieneinkommen von zuletzt einer Viertelmillion Dollar gehört sie nicht mehr zu den Durchschnittsverdienern, und mit ihrer Autobiografie ist sie ohnehin Millionärin. Sie macht Urlaub in Hawaii und geht mit Privatjets auf Reisen.
In Wahrheit ist Palin ein Produkt jener Eliten, die sie so gern kritisiert, eine Erfindung einer Gruppe einflussreicher konservativer Kolumnisten, die 2007 zu einer Luxuskreuzfahrt nach Alaska aufbrachen.
Bei einem Abendessen in der Hauptstadt Juneau lernten sie Palin kennen, Bill Kristol und Fred Barnes vom "Weekly Standard" und Michael Gerson, ehemaliger Redenschreiber von George W. Bush und Autor der "Washington Post". Sie waren hingerissen von Palin, sie schwärmten von ihrer Attraktivität.
Als John McCain ein Jahr später, im Sommer 2008, darüber nachdachte, den ehemaligen Demokraten Joe Lieberman zu seinem Vizepräsidentschaftskandidaten zu ernennen, bestürmten ihn seine Berater, seine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Sie sagten ihm, dass er mit Lieberman auf keine gute Presse hoffen dürfe. Sie schlugen ihm die Gouverneurin von Alaska vor, eine Rebellin gegen den Parteiapparat, wie er selbst, eine Frau, die er kaum kannte.
Und John McCain setzte Sarah Palin in die Welt.
* Links: nach ihrer Wahl zur Miss Wasilla 1984; Mitte: mit Ehemann Todd und den Kindern Track, Willow, Piper, Bristol 2007; rechts: auf einer Veranstaltung in Missouri am 31. August 2008.
Von Marc Hujer

DER SPIEGEL 3/2010
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