18.01.2010

Das betende Klassenzimmer

Global Village: In einem israelischen College studieren jüdische Rabbiner, muslimische Scheichs und christliche Priester gemeinsam.
Im Klassenzimmer 303 auf dem Campus des College von Kirjat Ono östlich von Tel Aviv stehen heute außergerichtliche Einigungen auf dem Lehrplan. Drei Jurastudenten sollen einen Ehestreit schlichten, und dafür sind sie denkbar schlecht gerüstet. Denn die Studenten - allesamt Israelis - sind Kleriker der drei großen Weltreligionen, die im Umgang miteinander nicht gerade zimperlich sind. Nun spielt Scheich Kamal Rajan den Ehemann, Rabbi Elieser Schenkolewski die Ehefrau, Pater Elias Dau ist der designierte Schlichter.
Pater Elias, klein, braune Augen, schwarzer Kinnbart, ist ein gutmütiger Mann, der daran glaubt, dass das Christentum "eine vermittelnde Religion" ist. Aber diesmal gelingt es ihm nicht, die verhärteten Fronten zu überwinden. Die "Ehefrau" bleibt bei ihren Forderungen: Sie will die Scheidung und das Haus für sich. "Wenn ich nachgebe, ist das ein Zeichen von Schwäche", sagt Rabbi Schenkolewski.
Es ist wie im Nahost-Konflikt, keine Seite will verzichten.
Der Pater, der Rabbi und der Scheich sind Teilnehmer eines einmaligen Experiments, das in diesem Monat zu Ende geht: Sie sind Absolventen des ersten interreligiösen Jurastudiums, das den Geistlichen eine fundierte Rechtsausbildung vermitteln soll. So können sie in ihren Gemeinden nicht nur religiöse Dispute entwirren, sondern auch bei Alltagsstreitigkeiten die Gemüter beruhigen.
"Wir wollen damit das gegenseitige Einfühlungsvermögen und die Toleranz füreinander fördern", sagt die Sprecherin des College. Das klingt geradezu gefährlich naiv in einem Land, in dem Religion meist als Waffe gegen Andersgläubige benutzt wird, in dem islamistische Terroristen Juden töten, fanatische israelische Siedler Moscheen anzünden und selbst die Christen in der Jerusalemer Grabeskirche regelmäßig handgreiflich werden im Kampf um die besten Gebetsplätze.
So sitzen nun die Rabbiner mit Kippa auf dem Kopf neben muslimischen Geistlichen in der traditionellen Dschalabija und Priestern im schwarzen Ornat. Auch die Drusen, Angehörige einer Glaubensgemeinschaft, die aus dem schiitischen Islam entstanden ist, nehmen an den Seminaren teil. "Willkommen in unserem kleinen Nahen Osten", sagt Scheich Kamal und lacht.
Vor drei Jahren, als sie zum ersten Mal zusammenkamen, sollte jeder eine persönliche Geschichte aus seinem Leben erzählen. Scheich Kamal, 51, gelernter Arabischlehrer aus dem Dorf Kufr Bara, beklagte die Diskriminierung durch die jüdische Mehrheit und erzählte, wie das israelische Erziehungsministerium ihm vor etlichen Jahren seine Lehrerlaubnis entzogen habe, weil er als Extremist galt.
Rabbi Schenkolewski, 48, aus der jü-dischen Stadt Beit Schemesch erzählte, dass kürzlich seine Enkelin im Alter von nur zwei Jahren gestorben sei und er sich frage, warum Gott seiner Familie dieses Opfer abverlangt habe.
Als Pater Elias, 42, aus Nazaret an der Reihe war, sagte er, er habe sich als Christ in Israel immer fremd gefühlt. Aber die anderen sollten ihn nicht unterschätzen: Er betreibe in seiner Freizeit Karate und trage den schwarzen Gürtel.
Der Pater lebt ganz in der Nähe des Ortes, wo Jesus vor 2000 Jahren in der Bergpredigt seine Zuhörer aufgefordert haben soll, auch ihre Feinde zu lieben. Es sei nicht immer leicht gewesen, diesen Worten zu folgen, bekennt der Pater: "Wir Christen haben es hier doppelt schwer." Die Juden würden sie als Araber betrachten, den Muslimen seien sie verdächtig, weil sie die jüdische Tora als Altes Testament verehren.
Die insgesamt 40 frommen Studenten haben zwar alle einen israelischen Pass, aber sie leben in Parallelwelten. Ohne das gemeinsame Jurastudium wären sie einander vermutlich nie begegnet. Vorher kannte sich jeder ausschließlich in seinem eigenen Religionsgesetz aus, Kamal hatte die islamische Scharia studiert, Schenkolewski die jüdische Halacha und Pater Elias Kirchenrecht und Katechismus. In Kirjat Ono studierten die Gottesgelehrten nun weltliche Gesetze: Öffentliches Recht, Arbeits-, Erb- und Familienrecht.
Je nach Thema hätten sich immer neue Allianzen ergeben, berichtet Scheich Kamal. Wenn es um die staatliche Enteignung von arabischem Land ging, solidarisierten sich im Klassenzimmer die Christen mit den Muslimen. Bei Fragen des Familienrechts fühlten sich die Orthodoxen unter den jüdischen und muslimischen Geistlichen einander näher, wenn es um Staat und Religion ging, machten die gemeinsamen heiligen Schriften Juden und Christen zu Verbündeten.
Nur im Seminar über die Rechte der Frauen waren sie sich plötzlich einig. Je ausführlicher der Dozent die Gleichstellung der Frau vor dem israelischen Gesetz erläuterte, desto misstrauischer wurden die frommen Männer. "Die Religion sagt, was für Frauen richtig ist", protestierte einer. "Seitdem sie um ihre Rechte wissen, gibt es bei uns im Dorf 20-mal mehr Scheidungen als früher", beschwerte sich ein anderer.
Vorigen Dienstag war der letzte Studientag. Dass der israelisch-palästinensische Dauerkonflikt auf absehbare Zeit lösbar sei, mag auch nach drei Jahren gemeinsamen Lernens niemand glauben. Aber ein Zusammenleben, ja, das sei durchaus möglich, jetzt, da man sich gut kenne.
Rabbi Schenkolewski sagt, er habe erfahren, wie wenig er als Vertreter der jüdischen Mehrheit über die Nöte seiner Mitbürger gewusst habe. "Ich musste mehr über die anderen beiden Religionen lernen als sie über meine Religion."
Scheich Kamal sagt, er habe nun Freunde, die Rabbiner seien. Als kürzlich sein erstgeborener Sohn bei einem Autounfall starb, kamen die jüdischen Kommilitonen zu der Beerdigung und spendeten Trost.
Und Pater Elias Dau, der Fremde im eigenen Land, gibt zu, die Zeit auf dem privaten College habe ihm etwas sehr Wichtiges vermittelt: "Zum ersten Mal habe ich mich als Israeli gefühlt." CHRISTOPH SCHULT
Von Christoph Schult

DER SPIEGEL 3/2010
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