18.01.2010

RELIGIONLebenslänglich

Der Däne Kurt Westergaard löste vor vier Jahren mit einer Mohammed-Karikatur einen erbitterten Kulturkampf aus. Am Neujahrstag hat ihn ein junger Muslim aus Somalia mit Messer und Axt umzubringen versucht. Ein Besuch bei einem, der trotzdem nicht aufgibt. Von Henryk M. Broder
Auf einen Stock gestützt steht er in der Diele und schaut auf die demolierte Badezimmertür. Das kaputte Türblatt wird von einer Spanplatte zusammengehalten, man sieht noch die Spuren der Axt in der Zarge, Holz ist abgesplittert. In ein paar Tagen werden Handwerker eine Stahltür einbauen und eine Alarmanlage, im Garten bekommen die Polizisten, die ihn schützen, einen Pavillon. Kurt Westergaards Haus muss eine Festung werden.
Seit dem Überfall am Neujahrstag ist er vergangenen Donnerstag zum ersten Mal wieder in seinem Reihenbungalow in Århus. Ein junger Mann aus Somalia war bei ihm zu Hause eingebrochen. Westergaard sah ihn im Flur, flüchtete ins Badezimmer, schloss die Tür und drückte auf den Panikknopf, während der Mann mit einer Axt auf die Tür einschlug. Die Polizei kam schnell, zwei Schüsse setzten den Eindringling außer Gefecht.
Nun will Westergaard nur ein paar Dinge abholen, damit er arbeiten kann in seinem Versteck. Draußen auf dem Klingelschild steht immer noch Kurt & Birgitte Westergaard, aber Kurt Westergaard fremdelt in seinem eigenen Zuhause.
Seine Frau kocht in der Küche das Mittagessen, Backfisch auf Schwarzbrot mit Remoulade. Der Tisch im Wohnzimmer ist für acht gedeckt: drei Polizisten, zwei Handwerker, die beiden Westergaards und den Besuch aus Deutschland. Wenn es an der Haustür klingelt, steht einer der Beamten vom dänischen Staatsschutz auf und guckt, wer es ist. Die Westergaards wollen ganz zurückkehren, wenn der Umbau fertig ist und die Lage sich beruhigt hat. "Ich werde mich nicht verstecken", sagt Westergaard. "Das würde auch nichts nutzen", sagt seine Frau, "dazu ist Dänemark zu klein, hier kann jeder jeden finden."
Westergaard hatte zusammen mit elf anderen Karikaturisten im September 2005 Zeichnungen von Mohammed, dem Propheten, in der Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlicht. Ein paar Monate später, entflammt von Islamisten aus Dänemark, empörte sich die islamische Welt. Botschafter in Kopenhagen beschwerten sich bei der dänischen Regierung, eine Organisation islamischer Staaten rief zum Boykott dänischer Waren auf, Libyen schloss seine Botschaft, in Gaza-Stadt stürmten Aktivisten das Gelände des EU-Büros, Außenminister der Arabischen Liga forderten eine Bestrafung der Zeichner. Zehntausende von Frauen gingen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa auf die Straße, im Libanon wurde die dänische Botschaft angezündet, Iran brach seine Handelsbeziehungen ab, Demonstrationen überall, in Teheran, in Pakistan, Malaysia, Bangladesch, Indien, Sri Lanka und Nigeria. 150 Demonstranten starben insgesamt, bei einem Selbstmordattentat auf die Botschaft Dänemarks in Pakistan kamen sechs Menschen ums Leben.
Die Welt des Islam fühlte sich beleidigt und provoziert von den Karikaturen in Dänemark. Westergaard, ein Atheist, hatte wohl die provokanteste Zeichnung abgegeben: Sein Mohammed trug in seinem Turban eine Bombe mit Zündschnur. Und er war auch der einzige der Zeichner, der damals öffentlich auftrat und sein Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigte.
Er hat seitdem Dutzende Drohanrufe bekommen. 2008 wurden drei Personen verhaftet, die einen Mordanschlag auf ihn verüben wollten. Aber seit dem 1. Januar hat sich alles verändert, weil es nicht mehr um eine Bedrohung geht, sondern ums Überleben. Muss er sich nicht fragen, ob solch ein Symbol, solch eine Zeichnung, es wert ist, von nun an sein Leben mit drei Polizisten zu teilen, die ihn und seine Frau rund um die Uhr beschützen?
Westergaard ist 74 Jahre alt. Er kommt aus einer Kleinstadt in Nordjütland, sein Vater hatte einen kleinen Laden, er wuchs auf unter bibeltreuen Christen und ging in die Sonntagsschule, so, wie es alle taten. Dort lernte er, dass es einen Gott und einen Teufel gibt, "aber Gott", sagt Westergaard, "ist weit weg und der Teufel ganz nah - und beide sind Tyrannen, die einem Angst einjagen".
Nach dem Abitur wollte er Kunst studieren, aber die Eltern waren dagegen. Stattdessen hat er als Lehrer für Deutsch, Englisch und Kunsterziehung gearbeitet, zuerst an einer Grundschule und nach zehn Jahren Praxis an einer Sonderschule für Behinderte. Mit 50 entschied er sich für eine Existenz als Künstler, seine ersten Karikaturen erschienen in einer linksliberalen Zeitung namens "Demokraten", die bald darauf ihr Erscheinen einstellen musste. So kam er zu "Jyllands-Posten", für die er seit inzwischen 25 Jahren zeichnet, beinah jeden Tag eine Karikatur, meistens zu einem aktuellen Ereignis. All die Jahre, auch nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen, hatte er ein Büro in der Redaktion.
Vor zwei Monaten aber wurde Westergaard dann, wie er sagt, "in Ferien geschickt", wobei nicht klar ist, ob sich die Zeitung um seine Gesundheit oder um ihre Sicherheit sorgte. Jetzt aber, sagt er, will er nicht mehr zu Hause bleiben, sondern zurück an seinen Tisch bei "Jyllands-Posten".
Jörn Mikkelsen ist der Chefredakteur von "Jyllands-Posten", seit 1994 arbeitet er für das Blatt, damals als Korrespondent in Bonn, zur Chefredaktion gehört er seit 2002, seit 2008 führt er das Blatt alleinverantwortlich.
Irgendwann im Dezember 2005, erinnert sich Mikkelsen, gab es bei der Nachrichtenagentur AP eine vierzeilige Meldung aus der Stadt Srinagar in Kaschmir, dort hätten nach dem Freitagsgebet Basarhändler gegen Karikaturen in einer dänischen Zeitung demonstriert. "In der Redaktion haben wir noch darüber gelacht, später auf dem Weg nach Hause hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Ich fragte mich: Wie haben die das mitbekommen? Wer liest die ,Jyllands-Posten' in Kaschmir?"
Sie hatten damals lange über den Abdruck der Karikaturen diskutiert, mit großem Ernst, wie er sagt, aber niemand habe mit so dramatischen Folgen gerechnet. Mehr als vier Jahre ist das nun alles her, und es scheint, als würde diese Sache nie ein Ende finden.
"Wir haben es trotzdem nie bereut, denn die Auseinandersetzung ist zu wichtig, ohne den Abdruck wäre sie nie in Gang gekommen. Wir haben keine Terrorpläne geschmiedet, wir haben niemanden mit der Axt überfallen, wir haben nur unsere Aufgabe als Medien erfüllt, andere haben diesen Abdruck instrumentalisiert."
Dann macht Mikkelsen eine Pause.
"Andererseits haben damals sehr viele Menschen ihr Leben verloren."
Die Zeitung hat die Karikaturen später immer wieder mal gedruckt. Vor etwas mehr als einem Jahr zum letzten Mal, nach dem damaligen Mordkomplott gegen Westergaard und dem Selbstmordattentat auf die dänische Botschaft in Islamabad.
"Wir sind alle schlauer geworden", sagt Mikkelsen. "Es gibt eine neue verschärfte Sicherheitslage, die wir nicht ignorieren können." In einem Interview in seiner eigenen Zeitung erklärte er die neue Politik seinen Lesern damit, dass Dänemark auf die Hot-Spot-Liste der Terroristen geraten sei und von Pakistan aus das Land genau beobachtet werde. "Es geht nicht mehr nur um ,Jyllands-Posten', es geht um die ganze dänische Nation. Als verantwortliche Zeitung können wir uns darüber nicht hinwegsetzen."
Nun müsse die Debatte über den Islamismus und über einen neuen Totalitarismus geführt werden, die Karikaturen habe man schon oft genug gesehen. "Wir sind jetzt als Zeitung an unsere Grenzen gestoßen. Wir wollen die Debatte im Gang halten, aber wir können nicht jedes Mal zum Ausgangspunkt zurückkehren."
Kurt Westergaard aber fühlt sich alleingelassen. Seit dem Anschlag sei sein Zorn zurückgekehrt, er spricht von Enttäuschung, davon, dass die dänischen Intellektuellen sich gegen ihn gestellt hätten. Weder der dänische Künstlerverband noch das dänische PEN-Zentrum hätten sich hinter ihn gestellt. Die "intellektuelle Klasse" sei damit beschäftigt, "Kaffee zu trinken und ihren Kulturrelativismus" zu pflegen.
Dafür habe er Hunderte E-Mails von "normalen Menschen" bekommen. Irgendjemand habe ihm ein Haus auf den Färöer-Inseln angeboten als Versteck, das sei, so der Gönner, ein sicherer Zufluchtsort.
"Es ist einfach absurd, dass man im eigenen Haus, im eigenen Land um sein Leben fürchten muss, wenn man als Karikaturist eine Meinung hat, die anderen nicht passt." Er habe sich auch schon über das Christentum lustig gemacht und einen Jesus gezeichnet, der im Armani-Anzug vom Kreuz steigt. "Da haben sich die Leute auch aufgeregt, aber nach einer Woche war alles vorbei."
Westergaard sagt, dass er gut schläft, ihn keine Träume plagen, er keine Tabletten braucht. Aber nun fremdelt er in seinem eigenen Haus, in das er dennoch zurückkehren will. Er versucht, über Dinge zu lachen, die ihn eigentlich böse machen. Er glaubt an eine Zukunft, obwohl die Vergangenheit ihn nicht loslässt. Er hat sich vorgenommen, wieder jeden Tag in die Redaktion der "Jyllands-Posten" zu fahren, jeden zweiten Tag ins Fitness-studio zu gehen und sich in ein Café zu setzen, wenn es ihm passt. Die Polizisten werden immer dabei sein, "solange ich lebe", sagt er. Westergaard versucht, gute Laune zu haben, obwohl es keinen Grund dazu gibt.
War es das wert?
Er lächelt. "Darüber denke ich nicht nach, auch der dänische Ministerpräsident wird rund um die Uhr bewacht", das sei eben eine Art Stockholm-Syndrom, nur mit positivem Vorzeichen.
Dann erzählt er die Geschichte des dänischen Zeichners Hans Bendix, der sich in den dreißiger Jahren über die Nazis lustig machte, bis er vom dänischen Außenministerium aufgefordert wurde, solche Provokationen zu unterlassen. Bendix fügte sich, Dänemark wurde trotzdem besetzt. Bendix überlebte die Okkupation und machte nach dem Krieg weiter.
Kurt Westergaards Leben wird nie wieder so sein, wie es vor dem 30. September 2005 war. Fundamentalisten haben ein langes Gedächtnis.
Am Abend lässt er sich von seinen Leibwächtern nach Skanderborg fahren, zu seinem Galeristen Erik Guldager. Der hat früher für die BASF in Dänemark gearbeitet und sich vor ein paar Jahren mit einer Kunsthandlung selbständig gemacht.
Nach einem Abendessen in Guldagers Haus macht sich Westergaard an die Arbeit. Er signiert Aquarelle und Drucke, die Guldager an Westergaard-Sammler in aller Welt verschickt, sogar nach Saudi-Arabien. Am besten geht der Mohammed mit der Bombe, ein signierter Druck kostet inzwischen 500 Euro. Die Auflage von 1000 Stück ist bis auf ein paar Exemplare, die Guldager zurückgekauft hat, vergriffen.
Für das Original hat ein Sammler vor kurzem einen sechsstelligen Dollarbetrag geboten. Es liegt in einem Banksafe in Kopenhagen.
Von Henryk M. Broder

DER SPIEGEL 3/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 3/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

RELIGION:
Lebenslänglich

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib