18.01.2010

AFFÄRENMrs. Robinson und die Sünde

Die Sex-Beichte einer Politikergattin erschüttert die irische Seele.
Man könnte erleichtert sein, dass der Sex-Skandal, der derzeit Nordirlands Pubs bewegt, eine rein protestantische Angelegenheit ist. Die katholische Seite lag nämlich seit den Missbrauchsvorwürfen gegen den Bruder des Sinn-Fein-Führers Gerry Adams 0:1 hinten. Jetzt ist die Sache in etwa ausgeglichen, das Spiel wieder offen, die wacklige kaum dreijährige Friedensallianz im nordirischen Parlament wird ihre Arbeit möglicherweise fortsetzen können, mit schuldgesenkten Häuptern, auf beiden Seiten.
Allerdings muss man sich doch fragen: Was ist nur in die Iren gefahren? Bisher hatte man sie als harte Trinker (Süden) oder verbohrte Terroristen (Norden) auf der Karte, beides als Hauptbeschäftigung, aber doch nie im Leben Sex! Und dann auch noch als Skandal! Das war doch bisher eine britische Spezialität.
Vielleicht ein positives Zeichen. Auch für die Iren ist offenbar nun Francis Fukuyamas "Ende der Geschichte" gekommen, sie sind eingemündet in die Posthistoire, sie wehen mit dem Weltgeist, und der interessiert sich nicht mehr für Ideologien, sondern für, ähm, Sex. Und 1000 (tausend!) Büstenhalter. So viele nämlich soll die liebeskranke Mrs. Iris Robinson im Laufe der Zeit gesammelt haben.
Nicht nur das. Die Frau des nordirischen Regierungschefs Peter Robinson hatte 2008 eine Affäre mit dem Sohn eines verstorbenen Freundes. Sie war 58, er war 19.
Der Skandal wirft eine Menge Fragen auf, zu denen unter anderem die gehört, wozu eine Frau 1000 Büstenhalter braucht. Vielleicht kann uns die andere Mrs. Robinson aus unserem Zynismus heraushelfen, jenes Urmuster aller Mrs. Robinsons dieser Welt, nämlich die grottenunglückliche, aber doch aufregende Tigerin Anne Bancroft aus Mike Nichols' Film "Die Reifeprüfung", die von Simon & Garfunkel besungen wurde und die als Prinzip Hoffnung, um es mit Bloch zu sagen, in unser aller Pubertät schien: "And here's to you, Mrs. Robinson ..."
Das Lied wird dieser Tage häufig bemüht, doch keiner scheint zu bemerken, dass es weniger höhnisch als vielmehr lächelnd und verzeihend aus den Saiten plinkert und gar nicht zu Pub-Grölereien passt!
Unsere tiefgefallene Mrs. Iris Robinson war bis letzte Woche Parlamentsabgeordnete und absoluter Darling der Ulster-Protestanten. Ihr Lieblingsbuch ist die Bibel. "Sodomie", also Homosexualität, hält sie für schlimmer als Kindesmissbrauch.
Aber das ist Ulster-Linie, seit der Reverend Ian Paisley in den siebziger Jahren die wütende Kampagne "Rettet Ulster vor der Sodomie" in Gang setzte.
Peter Robinson war jahrzehntelang der Mann hinter Paisley. Jetzt steht für ihn viel auf dem Spiel. Jetzt geht es um Wahlkreise und Lobbyisten und wacklige politische Absprachen. Affären haben da die Sprengkraft von Bomben.
Unsere Mrs. Robinson stammt aus bescheidenen Verhältnissen. Mittlerweile ist sie mondän. Die Robinsons, die rund eine halbe Million Pfund im Jahr verdienen, unterhalten Wohnsitze in Belfast, London und Florida. Den in Belfast hat Iris selbst eingerichtet, und zwar genau so, wie es sich eine vorstellt, die mit 16 von der Schule gegangen ist.
Es hat Räume im italienischen, orientalischen und schottischen Stil, einen drei Meter hohen Kamin sowie Tapeten, verziert mit dem lateinischen Spruch "Non magni pendis quia contigit" - sinngemäß: Man schätzt nur das, was hart erarbeitet ist.
Iris wollte zeigen: Sie war angekommen. Angekommener kann man gar nicht sein. Doch etwas fehlte zum restlosen Angekommensein, so legte sie sich einen Liebhaber zu, den Sohn eines Fleischers. Er ist nicht Dustin Hoffman wie im Film, aber Iris war zu dem Zeitpunkt auch keine Anne Bancroft mehr. Eher deren Mutter.
Um den damals 19-jährigen Kirk McCambley bei Laune zu halten, verschafft die beinahe 40 Jahre Ältere ihm Startkapital für ein Café, und das wiederum stammte von Investoren und ging nicht durch die Bücher. Als die Affäre - trotz der 1000 Büstenhalter - beendet war, wollte Iris das Geld zurück. Für Gott und die Kirche und ein wenig für sich selber.
Am 1. März vergangenen Jahres erfuhr Peter Robinson von der Liaison seiner Frau, sie beichtete ihrem Mann die gefährliche Liebschaft. Und brach zusammen. Und beging einen Selbstmordversuch.
Ungerührt davon ging ihr Mann am nächsten Morgen zur Arbeit, andere sollten sich um Iris kümmern. Umso grotesker die Vorstellung, die er vorletzte Woche, in der die BBC die Geschichte enthüllte, vor der TV-Kamera ablieferte. Mit belegter Stimme berichtete er vom Suizidversuch seiner Frau und ihrer Affäre. Aber er habe ihr vergeben.
Peter Robinson hat vorläufig sein Amt niedergelegt. Er soll Mitwisser der Finanzaffäre gewesen sein, was er bestreitet. Robinson wird als kalkulierend und eiskalt beschrieben. Nicht der Typ, der vergeben kann.
Man stelle sich das Joch des Verzeihens vor, unter das dieser Mann unsere Mrs. Robinson zwingen wird, den Rest ihres Lebens. Mrs. Robinson ist in psychiatrischer Behandlung. Vielleicht wird sie sich, wo immer sie ist, dann doch noch einmal unbefangen Simon & Garfunkel anhören können und Erlösung fühlen, statt vor einem exmilitanten Karrieristen und Kulissenschieber zu kriechen: "God bless you please, Mrs. Robinson / Heaven holds a place for those who pray ..." Gott segne Sie, Mrs. Robinson / Im Himmel ist Platz für jene, die beten. MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 3/2010
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