18.01.2010

KINO„Wir malen ein Bild“

Die Regisseure Joel und Ethan Coen über ihre jüdische Herkunft, Alterssentimentalitäten und ihren neuen Film „A Serious Man“
Joel Coen, 55, und sein Bruder Ethan, 52, stammen aus der Nähe von Minneapolis in Minnesota. Mit Thrillern und Komödien wie "Blood Simple" (1984), "Barton Fink" (1991) oder "Fargo" (1996) wurden sie zu den erfolgreichsten Filmemachern des unabhängigen US-Kinos. Für ihren vorletzten Film, "No Country for Old Men", erhielten sie 2008 drei Oscars.
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SPIEGEL: Joel und Ethan Coen, "A Serious Man" spielt 1967 und erzählt von einer jüdischen Familie im Mittleren Westen, die zerfällt, weil dem Vater Larry das Leben entgleitet: Die Frau läuft davon, der Job ist gefährdet, alles löst sich auf, und er sucht Trost und Rat in der Religion. Wie viel ist autobiografisch in Ihrem Film?
Ethan Coen: Nicht viel. Aber diese jüdische Gemeinde ist der Gemeinde, in der wir aufgewachsen sind, recht ähnlich.
Joel Coen: Damit keine Missverständnisse aufkommen: Nichts von dem, was in dem Film passiert, ist in irgendeiner Form autobiografisch. Das ganze Setting aber basiert auf unseren Kindheitserfahrungen.
SPIEGEL: Sie sind in St. Louis Park aufgewachsen, einem sehr jüdisch geprägten Vorort von Minneapolis. Sind Sie religiös erzogen worden?
Joel Coen: Ja, wir mussten fünf Tage in der Woche nach dem normalen Unterricht zur Talmud-Tora-Schule, und wir haben dort auch Hebräisch gelernt. Freitags und samstags hatten wir frei. Sonntags ging es erst in die Synagoge und dann wieder zum Unterricht.
SPIEGEL: War das nicht eine zu kleine Welt für Jugendliche?
Ethan Coen: Nein, das war kein Ghetto. Viele unserer Freunde und Bekannten waren zwar ebenfalls Juden, aber das fühlte sich nicht wie eine Beschränkung an; es war einfach die Welt, in die wir hineingeboren wurden, also war es normal.
SPIEGEL: So richtig religiöse oder tiefgläubige Menschen sind aus Ihnen offenbar nicht geworden, wenn man sich Ihre Filme so anschaut.
Ethan Coen: Nein, gar nicht.
SPIEGEL: Warum nicht? Lässt es sich damit erklären, dass Sie sich indoktriniert fühlten?
Joel Coen: Da könnte etwas dran sein.
Ethan Coen: Wir haben aber nie bewusst rebelliert, Religion war einfach nie wirklich interessant.
Joel Coen: Viele, mit denen wir aufgewachsen sind und die dort noch leben, sind heute sicherlich in einer jüdischen Gemeinde. Aber wir gehörten zu den Leuten, die rauswollten aus dieser Kleinstadt im Mittleren Westen, weil sie nach einer größeren Welt Ausschau hielten. Als wir gingen, haben wir zwar nicht das Jüdischsein an sich zurückgelassen, aber sicherlich das Religiöse.
SPIEGEL: Und warum kehren Sie mit "A Serious Man" ausgerechnet jetzt zurück in die Kleinstadt Ihrer Kindheit?
Ethan Coen: Weil wir in ein Alter kommen, in dem ein Nachdenken beginnt über die eigene Herkunft. Das setzt nicht mit Anfang zwanzig ein, wenn man die Kindheit gerade hinter sich hat. In Erinnerungen zu schwelgen ist ja ein fester Bestandteil des Alterungsprozesses.
SPIEGEL: Das klingt sentimental.
Ethan Coen: Tut es das? Nein. Oder doch? Ich weiß noch nicht einmal genau, wieso wir auf dieses Setting kamen. Man entwickelt eine Geschichte, und plötzlich schleicht sich so etwas automatisch hinein.
SPIEGEL: Haben Sie bei der Arbeit an diesem Film etwas über Ihr Jüdischsein gelernt, das Sie bisher noch nicht gekannt haben?
Ethan Coen: Nein, das war kein Selbsterfahrungstrip. Bei jedem Film lernt man hinzu, weil man immer wieder vor neue Probleme gestellt wird. Filme zu machen aber ist kein Weg, sich selbst auf die Schliche zu kommen.
Joel Coen: Immerhin war es bizarr, an den Ort seiner Kindheit zurückzukehren, um dort einen Film zu machen. Dadurch verändert sich der Blick auf diesen Ort.
SPIEGEL: Ihre Hauptfigur Larry Gopnik ist eine Hiob-artige Figur: Ihm widerfährt sehr viel Missliches in sehr kurzer Zeit, irgendwann möchte er von Gott wissen, womit er das verdient hat.
Ethan Coen: Der Hiob im Alten Testament ist ein Mann, dessen Glaubensfestigkeit von Gott getestet wird - darum geht es bei uns eigentlich nicht. Larry teilt zwar viele von Hiobs Sorgen und Nöten, aber im Grunde will er doch einfach nur sein altes Leben zurückhaben.
SPIEGEL: Larry will Antworten von Gott, er versucht alles, er fragt drei Rabbis um Rat, aber die verweigern ihm die erhoffte Hilfe. Die Religion, der Glaube, sie sind in Ihrem Film sehr grausam.
Ethan Coen: Ach, wir machen uns nicht so viele Gedanken über den Glauben.
Joel Coen: Und wir erzählen ja nicht die Geschichte einer Erleuchtung. Larry findet seine Antworten nicht im Kontext organisierter Religion.
SPIEGEL: Es gibt nur wenige Regisseure, die ihre Figuren so unerbittlich für ihre Gier und ihre Dummheit bestrafen wie Sie. Kennen Sie gar keine Gnade?
Ethan Coen: Auf keinen Fall empfinden wir Mitleid im herkömmlichen Sinne, wie für eine reale Person. Wir malen da ein Bild und fragen uns: Was fühlt der Zuschauer beim Betrachten? Aber ich gebe zu, dies ist alles sehr kompliziert. Hier kommen viele schwierige Fragen zusammen: Wie steht das Publikum zur Figur, wie verhält sich die Figur zu einer wirklichen Person?
SPIEGEL: Ist ein Regisseur so eine Art Gott?
Ethan Coen: Ja. Jeder Regisseur ist der Schöpfer seiner Figuren.
Joel Coen: Absolut. Und deshalb weisen wir Vorschläge, die vom Studio kommen, auch prinzipiell zurück. Wir sagen einfach: Hey, Moment mal, wer ist hier der Gott?
INTERVIEW: LARS-OLAV BEIER,
ANDREAS BORCHOLTE
Von Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte

DER SPIEGEL 3/2010
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