18.01.2010

Hitzig flehen ihre Lieder

Filmkritik: Detlev Bucks „Same Same But Different“ erzählt eine deutsch-asiatische Love-Story.
Märchenland ist abgebrannt. Kambodscha sei ein Land hinter den Spiegeln, sagt Ben, der junge aus Hamburg stammende Held, der in Detlev Bucks jüngstem Film als Rucksacktourist zum ersten Mal durch Südostasien reist. Doch leider hat die Magie schwarze Löcher.
Während der Morgendämmerung erheben sich grandios die Hügel und Tempelsilhouetten aus der Dunkelheit, aber im Licht des Tages stolpern Kinder über eine riesige Müllhalde, trottet ein Elefant über ein mit Warnschildern abgesperrtes Minenfeld und begrapschen zugedröhnte ältere weiße Männer aus Europa Mädchen, die so jung sind, dass sie ihnen in den Bars von Wien oder Berlin nicht mal einen Energydrink ausgeben dürften.
Ben und seine gerade aus Schule und Studium entkommenen Reisegefährten fühlen sich in Phnom Penh trotzdem wie im Paradies. Tagsüber fläzen sie sich in die Korbstühle auf der Holzterrasse ihres Quartiers, abends rauchen sie Marihuana oder schlucken ein paar Pillen zum Bier. Und nachts schippern sie auf der Ladefläche eines Taxi-Pick-ups zur tollsten Discothek der Stadt. Die Schweizer Studentin Marie plappert Hippie-Mist, der Klugschwätzer Alex doziert über die Kriege und die Seuchen in der jüngsten kambodschanischen Vergangenheit.
Und Ben, gespielt von dem immer ein bisschen wie ein Schlafwandler durch die Welt stromernden Schauspieler David Kross, macht große Augen und Ohren und grinst, wenn in der Discothek die Musik von Rammstein aus den Boxen hämmert.
Bucks Film "Same Same But Different" erzählt vordergründig von einem großen Drama: davon, wie sich der junge Deutsche Ben in das mit dem HI-Virus infizierte leichte Mädchen Sreykeo (Apinya Sakuljaroensuk) verliebt und ihm zu helfen beschließt.
Dahinter jedoch beschwört der Film eine Atmosphäre, in der die Beschränkungen und Sorgen des westlichen Alltags, der sogenannte Ernst des Erwachsenenlebens, unendlich weit weg zu sein scheinen. Eine Welt in der Welt, in der die Hitze und das Licht, die Musik und die fröhlichen Gesichter der Menschen von einer trügerischen Leichtigkeit des Seins künden, die zu schön ist, um wahr zu sein.
Der Regisseur Buck hat sich einst mit Filmen wie "Erst die Arbeit und dann?" (1985) oder "Männerpension" (1996) einen Ruf als schratiger und ziemlich gerissener Komiker erworben. Dass er auch ganz anders kann, hat er später in dem unerbittlichen Jugendbandenthriller "Knallhart" (2006) bewiesen, aber auch mit der Kinderbuchverfilmung "Hände weg von Mississippi" (2007). In "Same Same But Different" macht Buck nun mit einem Genre Ernst, in dem er trotz eines Versuchs mit "Liebe Deine Nächste!" (1998) als blutiger Anfänger gelten kann: dem Melodram.
Die großen Gefühle werden in seinem Film furios unterspielt. Einmal steht Ben in einem deutschen Großraumbüro herum, auf dem Bildschirm seines Computers taucht das Gesicht der Freundin aus Phnom Penh auf, das Mädchen erzählt, es habe sich auf HIV testen lassen und sei positiv. Und nun schweigen beide, die Kamera verharrt auf dem Gesicht des Jungen, in seinen Augen spiegelt sich die Angst, selber infiziert zu sein, und die Sorge um Sreykeo. Schon im nächsten Bild aber ist Ben wieder nach Kambodscha gereist, aus ein paar knappen Sätzen erfahren wir, dass er Glück gehabt und kein Aidsvirus im Blut hat.
Wo andere Regisseure aus Bens Test und seiner Todespanik tausend pathetische Worte gemacht hätten, genügen Buck ein paar Augenblicke. Und ähnlich verfährt er auch mit der Eifersucht des jungen Deutschen, als Sreykeo sich mit anderen Freiern einlässt; mit seiner Hilflosigkeit, als er in ihrem Heimatdorf von ihrer Verwandtschaft zum Bau eines Hauses genötigt werden soll; mit seinem Wutanfall, als eine Ärztin ihm erklärt, dass in Kambodscha nun mal wirksame Aidsmedikamente kaum aufzutreiben seien.
"Same Same But Different" beruht auf einer wahren Geschichte, dem in Buchform veröffentlichten, viele harte Fakten schildernden Erfahrungsbericht des deutschen Journalisten Benjamin Prüfer. Die Kunst des Films aber besteht darin, die Geschichte der beiden Helden bis zuletzt in einer schönen und manchmal surrealen Schwebe zu belassen. Von der "Liebe in globalen Zeiten" habe er berichten wollen, behauptet Buck, aber die Kraft seines Films entsteht vor allem daraus, dass er äußerst sparsam erzählt und fast nichts erklärt.
Stattdessen unterlegt Buck seinen Film mit einer drängenden, wehmutssatten Musik, man hört Songs von Konstantin Gropper, Noir Désir, Cat Power und einmal sogar Franz Schuberts "Leise flehen meine Lieder". Der Regisseur scheint zu ahnen, dass sich die Sehnsucht seiner beiden Liebenden auf etwas richtet, das die Kamera niemals einfangen kann. Möglicherweise ist es das Glück, sich entschieden zu haben, wo der eigene Platz ist in einer mit oft unerträglicher Leichtigkeit gesegneten Welt. WOLFGANG HÖBEL
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 3/2010
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