18.01.2010

BOXENScheidung am Ring

Weltmeister Felix Sturm klagt gegen seinen Promoter Klaus-Peter Kohl. Der Vorwurf: Sein Vertrag mit Kohls Boxstall Universum sei in Teilen sittenwidrig.
Was genau in dem Vertrag stand, der da vor ihm lag, war ihm vielleicht nicht klar, wahrscheinlich war es ihm sogar egal. Er träumte lieber, was jeder Boxer träumt: Schlag dich hoch, schlag dich reich. Es war der 1. November 2000, als Adnan Catic, der 21-jährige Sohn bosnischer Eltern, geboren in Leverkusen, seinen ersten Profivertrag bei Universum in Hamburg unterschrieb, dem größten Boxstall Europas.
Sturm sei "ein absoluter Top-Mann", sagte Klaus-Peter Kohl, der Chef von Universum, für den damals Vitali und Wladimir Klitschko kämpften, Dariusz Michalczewski auch. Universum war eine Premium-Adresse. Wer würde hier nicht boxen wollen, beim Herrn des Rings?
In neun Jahren kämpfte Catic unter dem Künstlernamen Felix Sturm 36-mal für Universum, 33-mal siegte er. Er ist Weltmeister im Mittelgewicht, hat es geschafft. Trotzdem will er nie wieder etwas mit Kohl zu tun haben. "Ich war naiv, ich dachte, Herr Kohl und ich, wir sind Partner", sagt er heute, "aber Kohl hat mich ausgenutzt."
Am 4. August vorigen Jahres kündigte Sturm seinen Vertrag mit Universum fristlos, er will künftig sein eigener Chef sein. Doch Kohl besteht darauf, dass er weiter für ihn boxt. Er hat eine Option gezogen, die den Vertrag, der letzten November abgelaufen wäre, um drei Jahre verlängert.
Nun haben die Juristen das Wort. Sturm hat eine Feststellungsklage eingereicht, die klären soll, ob seine Kündigung wirksam ist. Für Kohl, den erfolgreichsten deutschen Box-Promoter, der die Klitschkos zu Weltstars formte und mit Regina Halmich das Frauenboxen salonfähig machte, steht bei dem Rechtsstreit viel auf dem Spiel: Sturm ist Kohls bester Kämpfer, sein letzter Trumpf.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Universum-Boss sich mit einem seiner Stars verkracht. Die Klitschkos trennten sich 2004 von ihm, eine jahrelange juristische Auseinandersetzung folgte, ehe der Bundesgerichtshof im November urteilte: Kohl verlor.
Sein Imperium zerfällt. Vergangene Woche wurde Jürgen Brähmer, Weltmeister im Halbschwergewicht, wegen Körperverletzung zu 16 Monaten ohne Bewährung verurteilt; er hat Berufung eingelegt. Drei weitere Boxer reichten ihre Kündigung ein, und das ZDF teilte mit, den Fernsehvertrag im Juli 2010 auslaufen zu lassen, der Universum jährlich bis zu 20 Millionen Euro einbrachte.
Sturm ist entschlossen zum Rosenkrieg. Er hat bereits einen Vertrag über zehn Kämpfe mit einem anderen Vermarkter unterschrieben, und seine neuen Berater lassen kaum eine Gelegenheit aus, Kohls Geschäftsgebaren in Frage zu stellen.
Vier Verträge hat Sturm in seiner Zeit bei Universum unterzeichnet, immer hatte Kohl die einseitige Möglichkeit, den Kontrakt zu verlängern. Sturm sagt: "Herr Kohl hat mich beschissen." Sein Anwalt Sebastian Cording formuliert es eleganter: "Der Vertrag von Felix Sturm ist in Teilen sittenwidrig."
Boxen ist nicht romantisch, Boxen ist ein Geschäft. Sturm erhielt bei Universum kein monatliches Grundgehalt, er kassierte nur die Kampfbörse. Sturm sagt, es sei "immer genau der vertraglich fixierte Mindestbetrag" gewesen, 35 Prozent davon habe er Kohl geben müssen.
Was der Promoter sonst mit Sturms Kämpfen umsetzte und verdiente, blieb dem Boxer verborgen. Kohl hatte alles so regeln lassen, dass es Sturm untersagt war, entsprechende Geschäftsunterlagen einzusehen. Die Fernseheinnahmen, die Erlöse aus dem Kartenverkauf, alles floss in Kohls Tasche.
Seine ersten drei Verträge mit Sturm garantierten Kohl sogar 35 Prozent an den Sponsorengeldern des Boxers, auch wenn Kohl diese Einnahmen nicht besorgt hatte.
Anders als seinen Gegnern im Ring sah sich Sturm dem eigenen Manager fast hilflos ausgeliefert. In Anlage zwei seines letzten Vertrags heißt es: "Universum obliegt es, dem sportlich leistungsfähigen und leistungsbereiten Boxer Boxkämpfe zu vermitteln." Eine Obliegenheit ist keine Verpflichtung. Sturm hatte keinen Anspruch darauf, dass Kohl ihm Kämpfe organisiert.
Das war, so behauptet es Sturm, Kohls Druckmittel. Im Juli 2006 verlor er seinen Weltmeistergürtel an den Spanier Javier Castillejo. Etwa acht Wochen später sei Kohl zu ihm gekommen und habe ihm erklärt, wenn er in naher Zukunft noch mal um die WM boxen wolle, müsse er einen neuen Kontrakt zu den bisherigen Konditionen unterzeichnen. Sturm sagt, sein alter Vertrag wäre wenig später ausgelaufen, aber Kohl hätte die Option ziehen und ihm in den kommenden drei Jahren keinen Gegner präsentieren können. Da habe er unterschrieben.
Sein Anwalt sagt, Sturms Kündigungsrechte seien massiv eingeschränkt. Universum aber kann den Boxer laut Vertrag feuern, wenn er "einen vertragsgegenständlichen Boxkampf verliert, wobei das Kündigungsrecht nach jedem verlorengegangenen Boxkampf ausgeübt werden kann". Im Klartext: Eine Niederlage, und Kohl kann Sturm vor die Tür setzen.
Kohl wollte sich zu Sturms Vorwürfen gegenüber dem SPIEGEL nicht äußern. Sturm sagt, Kohl habe den Fehler gemacht, ihm nicht entgegenzukommen, er sei "zu gierig" gewesen. "Wir waren neun Jahre verheiratet", sagt Sturm, "jetzt habe ich die Scheidung eingereicht."
MAIK GROßEKATHÖFER
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 3/2010
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