01.02.2010

ARCHÄOLOGIEPoet mit Blut an den Händen

Cao Cao ist eine der großen Figuren aus Chinas Mittelalter. Als Feldherr und Dichter wird er verehrt. Jetzt behaupten Archäologen, sein Grab sei gefunden.
Als Xi Zhenhai wieder einmal Erde für seine Ziegelfabrik brauchte, fing er am Dorfeingang, gleich links neben der Straße, an zu graben. Doch merkwürdig: Der Sand war verfärbt, an einigen Stellen sackte der Boden ab.
Heute, fünf Jahre später, versperrt ein gelb-weißes Polizeiband den Zutritt, über dem Acker wölben sich blaue Wellblechdächer, und Xigaoxue, ein 2500-Seelen-Örtchen in der Nähe von Anyang, dreieinhalb Schnellzug-Stunden südlich von Peking, ist berühmt geworden.
Archäologen haben den Fund des Ziegelbrenners inzwischen zur Sensation erklärt: Er habe das Grab des großen Cao Cao entdeckt, bekannt als grausamer Despot, genialer Feldherr und talentierter Poet. Im Jahr 220 nach Christus ließ er sich hier, in der Provinz Henan, bestatten.
Die Forscher haben einen breiten Gang gegraben, fast 20 Meter führt er in die Tiefe hinab. Stromkabel hängen an den Wänden neben Blechrohren für drei Kohleöfen, die den Archäologen Wärme spenden.
"Das ist ein komplizierter Bau", sagt Ausgrabungsleiter Pan Weibin. Zwei Haupt- und vier Nebenkammern hat die bis zu sechs Meter hohe Gruft, darin lagen Knochenreste dreier Leichen: eines Mannes und zweier Frauen, vermutlich Caos Frau und seine Konkubine.
Waffen und Alltagsbedarf bekamen die Toten mit auf die Reise ins Jenseits. Für die Forscher bedeutsam aber sind besonders die grauen Steinplättchen, die ein Arbeiter in einer Ecke gerade putzt. Sieben von ihnen tragen die Aufschrift "Militärkönig von Wei" - so hieß das Reich des Kriegsherrn Cao.
China ist fasziniert von dem Despoten, der Fund elektrisiert das ganze Land. Magazine widmen ihm Titelgeschichten, in vielen Romanen und Fernsehserien taucht er auf. Sogar in der Alltagssprache ist er präsent: "Wenn man von Cao spricht, ist er nicht weit", sagen die Chinesen dort, wo die Deutschen vom "Teufel" reden.
Cao habe "auf der Seite der Gerechtigkeit" gestanden, lobte Staatsgründer Mao Zedong. Offenbar hatte er Gemeinsamkeiten mit dem Dichter-General entdeckt: Auch dieser stammte, wie Mao, aus armen Verhältnissen, beide waren gewiefte Kriegsherren, beide hatten viel Blut an den Händen, beide liebten die Frauen und die Poesie.
Während in Europa gerade Roms Legionen in den Orient vordrangen, kämpften in China die Kriegsherren um das Erbe der Han-Dynastie. Cao besiegte sie fast alle. Wer sich ihm entgegenstellte, bezahlte mit dem Leben. Selbst die Kaiserin ließ er hinrichten und vermählte den Kaiser dann mit seiner Tochter. Wenig später wurde dieser von Caos Sohn dann ganz zum Abdanken gezwungen.
Aber Cao ging auch als Reformer in die Geschichte ein. Er gründete Wehrdörfer, die ersten Volkskommunen Chinas; er erneuerte das Beamtensystem, duldete fremde Religionen und schrieb feinfühlige Gedichte: "Wenn auch die Schildkröte durch Zauber lange lebt, sind ihre Tage doch gezählt; wenn auch geflügelte Schlangen durch die Lüfte fliegen, müssen sie schließlich zu Asche werden ..."
Aber gehören die Gebeine in der Gruft wirklich Cao? Schon melden sich Zweifler, die das Gewölbe auf eine spätere Epoche datieren. Sie bemängeln, dass die damals üblichen Amtsstempel und Kondolenzschreiben fehlen.
Archäologe Pan lässt sich davon nicht irritieren: "Was haben die schon für Beweise?", fragt er. Stolz führt er eine steinerne Kopfstütze vor, eingeritzt findet sich die Inschrift: "Dies ist das Kissen, das der Militärkönig gern benutzte". Für Pan ist das der "endgültige Beweis" dafür, dass es sich um Caos Grab handelt.
Letzte Klarheit durch einen DNA-Test wird es wohl nie geben. Die Knochen der männlichen Leiche sind arg lädiert. Und wenn sich trotzdem noch Erbgut isolieren ließe, womit sollte man es vergleichen? Das Grab von Caos Sohn wurde zwar gefunden, doch die Knochen sind seit langem verschwunden.
Die Gebeine aus Xigaoxue liegen derweil in einer Holzkiste, daneben bewahren die Archäologen andere Schätze aus dem Grab auf - ein Schwert, Kristallkugeln, Pfeilspitzen, ein Lineal aus Knochen, Jadeplatten, Reste einer Rüstung.
Es könnten noch mehr Stücke sein, wenn sich nicht längst Grabräuber über die Gruft hergemacht hätten. Die Ganoven kamen schon, als die Forscher das dreifach zugemauerte Tor des Grabs noch gar nicht geöffnet hatten. "Zum Frühlingsfest 2005, als die Leute Feuerwerkskörper zündeten, nutzten die Räuber die Gelegenheit und sprengten das Grab auf", erinnert sich Dorfchef Xu Huanchao.
Auch die Dörfler aus der Umgebung drangen in Caos letzte Ruhestätte ein. Zu groß ist für sie die Versuchung. Denn der Preis einer geklauten Grabplatte war von 300 auf 30 000 Yuan (3000 Euro) geklettert.
Knapp 1800 Jahre nach Caos Tod halten sich die Menschen damit ebenso über Wasser, wie es einst der große Feldherr getan hatte: Auch er hatte Finanzprobleme, denn seine Feldzüge verschlangen viel Geld. Das aber beschaffte er sich einfach - indem er die Gräber seiner Vorfahren plünderte. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

DER SPIEGEL 5/2010
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