08.02.2010

Einbruch, Beinbruch, Ehebruch

Literaturkritik: Arno Geigers ehrgeiziger Roman „Alles über Sally“
Leo Tolstoi, der sich mit Eheproblemen auskannte, resümierte 1899 im Tagebuch: "Hauptursache für unglückliche Ehen ist, dass die Menschen in dem Gedanken erzogen werden, die Ehe schenke Glück." Die Ehe aber verschafft nach Tolstois Ansicht keineswegs Glück, sondern Leid, "mit dem der Mensch für seine sexuelle Befriedigung bezahlt".
Alfred Fink, der den russischen Dichter verehrt und selbst ausgiebig Tagebuch schreibt, sieht das ganz anders. Seit 30 Jahren kennt er Sally, seit gut 25 Jahren ist er mit ihr verheiratet, es gibt drei gemeinsame Kinder. Und immer noch ist er glücklich darüber, dass ihn die begehrte Sally erwählt hat, als die beiden sich 1977 in Kairo begegneten. Sie war damals 20, er 25 Jahre alt und als Einkäufer für völkerkundliche Museen unterwegs. Er konnte es kaum fassen, so erinnert er sich, "dass es so viel Glück überhaupt gibt".
Alfred und Sally sind die Hauptfiguren in Arno Geigers Roman "Alles über Sally"*. Mehr als vier Jahre hat Geiger, 41, seine Leser auf einen neuen Roman warten lassen - seit er 2005 den erstmals vergebenen Deutschen Buchpreis gewann. Sein Familienepos "Es geht uns gut", das damals prämiert wurde, avancierte zum Bestseller. Mehr als 400 000 Exemplare sind bis heute allein von der deutschen Ausgabe verkauft worden, das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt.
"Es geht uns gut" beeindruckte als weit ausholende Geschichts- und Generationensaga. Am Beispiel eines österreichischen Familienclans wird vorgeführt, wie Politik in den Alltag hineinspielt, wie Nazis und Nazi-Gegner aufeinanderstoßen, wie die Vergangenheit in der Gegenwart nachwirkt. Drei Generationen ließ Geiger zu Wort kommen.
"Alles über Sally" ist in jeder Hinsicht das Gegenprogramm: ein Eheroman, der nur wenige Monate umfasst, in dem die Zeitgeschichte eine Nebenrolle spielt:
Fernsehbilder vom amerikanischen Wahl-
kampf 2008 und von der Steinigung einer Ehebrecherin in einem islamischen Land geben den zeitlichen Rahmen an und deuten auf ein Thema des Romans voraus.
Im Vordergrund steht das Paar. Sally ist Lehrerin geworden, 52 Jahre alt, und sie betrachtet ihren Alfred mittlerweile mit kritischer Distanz, besonders wenn er wieder einmal seinen Kompressionsstrumpf gegen Krampfadern trägt. Und dann die ewige Tagebuchschreiberei! Mit diesem Mann Urlaub zu machen ist für sie eine Qual. Denn Alfred möchte lieber nicht so viel erleben, weil er sonst mit seinen Notizen nicht nachkommt.
Sally aber will etwas von der Welt sehen und ihre Wirkung auf Männer prüfen. Alfred ahnt, dass sie ab und zu fremdgeht. Er tröstet sich damit, immerhin ein "Nutznießer" zu sein, da ihm ihre sexuellen Aktivitäten am Ende auch zugute kommen.
Als aber im Haus der beiden während ihrer Abwesenheit eingebrochen wird, stehen sie gleichermaßen verwirrt vor dem Chaos: "Umgestürzte Möbel, Eier und Eierschalen, die in die Wüstenornamente der Teppiche getreten waren." Ein befreundetes Ehepaar, Erik und Nadja, versucht zu trösten: "Ihr könnt die Gelegenheit nutzen und gleich auch wegwerfen, was ausgedient hat."
Während Alfred vollends in Lethargie verfällt, packt Sally an, räumt auf, versucht vergeblich, ihren Mann zu ermutigen. Und sie beginnt eine Affäre mit Erik, die sie sich durchaus als Dauereinrichtung vorstellen kann. Doch dann taucht die betrogene Nadja bei Alfred und Sally auf und teilt mit: "Erik will die Scheidung!" Das eigentlich Überraschende dabei ist, auch für Sally, dass Erik sich nicht etwa ihretwegen von Nadja trennen möchte, sondern weil er sich Hals über Kopf in eine junge Russin verliebt hat. Beide Frauen sind düpiert.
Ein hübscher Einfall. Dennoch bleibt der Roman "Alles über Sally" merkwürdig farblos. Die Figuren gewinnen keine Tiefe, der Plot trägt nicht über 360 Seiten. Vor allem findet Geiger keine überzeugende Perspektive für seine Geschichte. Anders als in seinem komplexen Roman "Es geht uns gut" gibt er seinen Figuren keine eigene Stimme.
Mit einer Ausnahme: Als hätte der Autor die Schwäche seiner Erzählhaltung selbst gespürt, erteilt er Alfred kurz vor Schluss unvermittelt und ausgiebig das Wort, in einem langen inneren Monolog, der sich deutlich am letzten Kapitel aus "Ulysses" von James Joyce orientiert. Anspielungen auf große Werke der Weltliteratur liebt Geiger offenbar. Gleich zu Beginn des Romans greift er auf Melvilles "Moby-Dick" zurück.
Hinter diesem Buch steckt viel Ehrgeiz, vielleicht zu viel. Zwar kann ein großes Ehebruchsepos wie Tolstois "Anna Karenina" hier kein Maßstab sein, aber auch an John Updikes subtile Ehetragödien reicht "Alles über Sally" nicht heran.
Immerhin vermag Arno Geiger die Ambivalenz einer modernen Ehe plausibel darzustellen, die weder besonders glücklich noch besonders unglücklich ist.
Am Ende schaut Sally mit milden Augen auf Alfred, dessen Bein nach einem Knöchelbruch in Gips liegt - immerhin gibt es nun keinen Stützstrumpf mehr. "Ihre Zuneigung", heißt es, "nahm zu und wieder ab, das war wohl nichts wirklich Besonderes."
Nein, wohl nicht. Und eigentlich ist damit auch schon alles über Sally gesagt.
VOLKER HAGE
* Arno Geiger: "Alles über Sally". Hanser Verlag, München; 368 Seiten; 21,50 Euro.
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 6/2010
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