22.02.2010

FILM„Ich hätte mir Bianca nie ausgesucht“

Der Schauspieler und Produzent Ulli Lommel über seine wilde Karriere vom deutschen Teeniestar der sechziger Jahre zum B-Movie-Regisseur in Hollywood, seine berühmten Liebhaberinnen und die Zeit mit Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol
SPIEGEL: Herr Lommel, Sie haben in 76 Filmen mitgespielt, 55-mal Regie geführt und 52 Filme produziert. Zu Ihren Weggefährten gehören Rainer Werner Fassbinder, Andy Warhol, Truman Capote, Bianca Jagger und Jackie Onassis. Warum kennt man Sie kaum in Deutschland?
Lommel: Das Rampenlicht hat mich nie interessiert, denn ich habe als Kind sehr darunter gelitten, meinen berühmten Vater immer so traurig und zusammengefallen zu sehen. Für das eigene Seelenheil ist es vollkommen bedeutungslos, ein Star zu sein.
SPIEGEL: Ihr Vater Ludwig Manfred Lommel war einer der bekanntesten deutschen Radiohumoristen der Weimarer Zeit.
Lommel: Er hatte schon in den Schützengräben von Verdun die Truppe mit Stimmimitationen unterhalten. Er starb, als ich 17 war. Meine Mutter erzählt, dass er im Juli 1935 vom Führer für eine Privataudienz nach Berlin einflogen wurde. Hitlers Vorstellung von Entertainment war, Witze erzählt zu bekommen. Mein Vater war aber ein introvertierter Mann, der keinen einzigen Witz kannte. Als er loslegen sollte, brachte er keinen Ton raus. Hitler war aufgebracht: "Was glauben Sie, weshalb ich Sie herbestellt habe? Ein Komiker, der keine Witze erzählt: Das ist doch völlig absurd!" Mein Vater wurde rasch verabschiedet und bekam noch eine Dose Hummer geschenkt.
SPIEGEL: Wie stand er zu den Nazis?
Lommel: Mein Bruder ist mit 21 hingerichtet worden, weil er zum Stauffenberg-Kreis gehörte. Mein Vater, so erzählt es meine Mutter, erfuhr davon während einer Vorstellung in der Scala in Berlin. Ein SS-Mann kam auf die Bühne und übergab ihm das blutverschmierte Soldbuch meines Bruders. Am nächsten Morgen habe Goebbels ihn angerufen: Er solle die Aktion in der Scala als mildestmögliche Strafe verstehen, man brauche ihn, um die Menschen in diesen dunklen Zeiten zum Lachen zu bringen.
SPIEGEL: Mit 15 rissen Sie von zu Hause aus, um die Nachwuchsschule der Ufa in Berlin zu besuchen. Zwei Jahre später drehten Sie Ihren ersten Film und galten bald als Frauenheld. In Ihrer Autobiografie erzählen Sie von Ihren Beziehungen mit berühmten Frauen wie Bianca Jagger, dem Bond-Girl Carole Bouquet und der französischen Schauspielerin Anna Karina, die mit Jean-Luc Godard verheiratet war. Was machte Sie bei Frauen so erfolgreich?
Lommel: Ich war anders. Als ich mit Rudolf Thome "Detektive" drehte, erschien am Set eine 18-jährige Debütantin. Ihr Name war Iris Berben. Ihr erster Auftritt war eine Liebesszene mit mir. Ich habe sie völlig ignoriert, weder guten Tag gesagt noch mich vorgestellt. Nach der Szene bin ich ohne ein Wort weggegangen. Abends gab es ein Essen, zu dem ich zu spät kam. Ich ging auf Iris zu, nahm sie bei der Hand und sagte: "Wir gehen jetzt!" Das funktionierte. Wir waren dann ein halbes Jahr zusammen.
SPIEGEL: Sogar die hochkomplizierte Schriftstellerin Ingeborg Bachmann fand Gefallen an Ihnen.
Lommel: Der Produzent Wenzel Lüdecke feierte in seiner Villa am Grunewaldsee eine Party zu Ehren des Tänzers Rudolf Nurejew. Eine Frau, die eine Beruhigungspille nach der anderen mit Sekt runterspülte, diskutierte mit mir über den Sinn des Lebens. Erst gegen Mitternacht klärte mich der Komponist Hans Werner Henze auf, dass ich mit einer berühmten Poetin geredet hätte. Er sagte: "Die Bachmann ist ein wenig lebensmüde. Kümmere dich um sie. Du kennst dich doch mit Frauen aus."
SPIEGEL: Was haben Sie gemacht?
Lommel: Wir gingen fast jeden Tag am Grunewaldsee spazieren, anschließend fuhren wir mit dem Bus zu einem Chinesen an der Gedächtniskirche. Der Besitzer, ein alter Mongole, aß immer die Essensreste seiner Gäste und rülpste und furzte dabei. Das war damals das Einzige, was die Bachmann zum Lachen bringen konnte.
SPIEGEL: Worüber sprachen Sie?
Lommel: Ihre Beziehung mit Max Frisch war gerade zerbrochen, und sie wollte von mir wissen, wie Männer funktionieren.
SPIEGEL: 1969 spielten Sie die Hauptrolle in Fassbinders Debütfilm "Liebe ist kälter als der Tod". Was interessierte den Provokateur Fassbinder an einem Frauenschwarm, dem Magazine wie "Bravo" große Geschichten widmeten?
Lommel: Er war an meinem Marktwert interessiert. Ich hatte Rollenangebote für die nächsten drei Jahre und bekam Tausende Autogrammbitten. In einer Kneipe in München sagte er zu mir: "Ich will Filme machen. Jemand hat mir Geld versprochen, wenn du mitmachst." Er war ein halbes Jahr jünger als ich und hatte diese Attitüde aus Genie, des Teufels General und trinkendem Desperado. Weil er unsicher war, war er großmäulig. Er rauchte Kette, hatte dreckige Fingernägel und trug viel zu enge Hosen. Dennoch wirkte er irgendwie süß und sexy.
SPIEGEL: 1970 drehten Sie mit Fassbinder den Western "Whity". An Ihrer Seite spielte Ihre damalige Frau Katrin Schaake. Über die Dreharbeiten schreibt der Produzent Peter Berling in seinen Memoiren: "Am Schluss lagen die beiden Lommels am Boden und wimmerten vor Scham, Ekel und Wut."
Lommel: In einer Szene sollte Katrin mir zwei Minuten lang mit dem Handrücken ins Gesicht schlagen. Am Ende bin ich mit wahnsinnigen Kopfschmerzen vom Drehort weggelaufen. Fassbinder sagte: "Es ist besser, auf diese Weise Schmerzen zu empfinden, als sich mit einer verlogenen Ehe herumzuquälen." Er hielt unsere Ehe für gescheitert und war der Meinung, private Verlogenheiten gehörten auf den Tisch.
SPIEGEL: Drei Jahre später inszenierte Fassbinder mit Ihnen Heinrich Manns "Bibi" am Bochumer Schauspielhaus. Wie verstand er sich mit dem nicht minder egomanen Intendanten Peter Zadek?
Lommel: Als Theaterleiter war Zadek der Boss, aber Fassbinder ließ es sich nicht bieten, irgendwo nicht der Boss zu sein. Er kaufte sich bei einem Tierhändler einen Boxer, den er "Zadek" nannte. Wenn ihm der Intendant Zadek entgegenkam, brüllte er den Hund an: "Zadek, Platz! Zadek, kusch! Zadek, friss!"
SPIEGEL: Sie sind 1977 in die USA übersiedelt. Haben Sie Fassbinder, der mit 37 an einer Mischvergiftung aus Kokain, Alkohol und Schlaftabletten starb, noch mal wiedergesehen?
Lommel: Er kam 1981 nach Los Angeles, um mit einem Agenten über die Besetzung seines Films "Kokain" zu reden. Wir trafen uns in einer Bar am Hollywood Boulevard. Er hatte mehr als 40 Pfund zugenommen und trug immer noch die schwarze Lederjacke, die ich ihm 1969 geschenkt hatte. Die meiste Zeit starrte er nur vor sich hin. Mit seiner dicken, schwarzen Sonnenbrille sah er aus wie Onassis auf LSD. Er schimpfte über die kalifornische Sonne: "Goethes letzte Worte waren 'Mehr Licht!' Das verstehe ich überhaupt nicht. 'Mehr Schatten!' macht doch viel mehr Sinn." Dann sang er leise ein Lied von Vicky Leandros: "Was kann mir schon geschehen? Glaub mir, ich liebe das Leben. Das Karussell wird sich weiterdrehen, auch wenn wir auseinandergehen. Du weißt, ich liebe das Leben." Ein Jahr später war er tot.
SPIEGEL: Nach Fassbinder wurde Andy Warhol Ihr Mentor. Wie kam es, dass Sie zu seiner Entourage gehörten?
Lommel: Andy hatte meinen Film "Die Zärtlichkeit der Wölfe" gesehen und schlug vor, gemeinsam Filme zu drehen. Meine erste Regiearbeit für ihn war "Blank Generation". Das war 1978. Ein Jahr später folgte "Cocaine Cowboys". Mit seiner sanften Art war Warhol das genaue Gegenteil von Fassbinder, der wie ein boshafter Despot Abhängigkeit und Unterdrückung züchtete. Wenn Andy jemanden mochte, verschaffte er ihm Kontakte und Publicity. Das hat Fassbinder nie gemacht, unter seiner Sonne wuchs nichts.
SPIEGEL: Wer gehörte damals zu Warhols Zirkel?
Lommel: Beim Abendessen saßen wir meistens mit Bianca Jagger, Jackie Onassis und Truman Capote zusammen. Jackie trug immer Chanel und hatte eine piepsige Babystimme wie Marilyn Monroe. Truman war meistens blau und trug fleckige Jeans zu gammeligen Turnschu-
hen, Größe 39. Ich liebe seinen Roman "Frühstück bei Tiffany". Als er einmal auf meiner Couch übernachtet hatte und als Frühstück einen Cognac mit einem Schuss Kaffee trank, fragte ich ihn, ob er eigentlich schon jemals bei Tiffany's gewesen sei. Er sagte nein, fünf Minuten später saßen wir in einem Taxi, das uns zu Tiffany's an der 5th Avenue fuhr. Im Laden war es still wie in einem Mausoleum. Keiner der Verkäufer erkannte ihn - und bei so was wurde Truman ungemütlich. Er legte sich wie ein Penner der Länge nach vor den Eingang und schloss die Augen. Als der Wachmann "What the fuck!" rief und ihn abtransportieren wollte, begann er mit seiner Eunuchenstimme zu kreischen. Ich sagte zu dem Wachmann: "Sir, das ist der Schriftsteller Truman Capote, der Ihren Laden berühmt gemacht hat." Die Antwort war: "Und wer sind Sie? Jack Nicholson?" Wir wurden dann auf das Polizeirevier Midtown Manhattan gebracht.
SPIEGEL: Sie arbeiten seit 30 Jahren an dem Film "The Death of Marilyn Monroe". Was ist das für ein Projekt?
Lommel: Ich mische Spielszenen mit Dokumentarmaterial. Dazu kommen Interviews, die ich mit Billy Wilder, Tony Curtis, Frank Sinatra und Jackie Onassis geführt habe. Keiner von ihnen sprach gut über Marilyn. Billy Wilder beschwerte sich, sie sei zum Drehen immer sieben Stunden zu spät gekommen. Als ich ihn nach seiner Theorie über ihren Tod fragte, winkte er ab: "Der Tod interessiert mich nicht, es sei denn, man stirbt beim Sex. Aber das ist nur wenigen vergönnt."
SPIEGEL: Hasste Jacqueline Onassis die Monroe?
Lommel: Das Thema war bei ihr ein No go. Deshalb habe ich sie nachts um drei im Studio 54 ausgefragt, nachdem sie schon einige Gläser Veuve Clicquot getrunken hatte. Sie wurde bitter und spöttisch und sagte: "Marilyn und ich haben die gleiche Stimme. Einmal rief ich Jack im Weißen Haus an und tat so, als ob ich Marilyn sei. Ich flirtete mit ihm. Dieser Hund! Es ist ja kein Geheimnis, dass er was mit der Monroe hatte. Boys will be boys."
SPIEGEL: 1977 begleiteten Sie Warhol ins Trainingslager des Schwergewichtsweltmeisters Muhammad Ali. Das Treffen zwischen "The Greatest of All Times" und dem "Pope of Pop" ist in die Kunstgeschichte eingegangen.
Lommel: Andys Chauffeur holte uns in einer weißen Cadillac-Stretchlimousine von der Factory ab. Ali residierte in einer 14-Zimmer-Villa in Pennsylvania. Die beiden haben kein Wort miteinander geredet. Es war, als würden sich Panther und Löwe treffen. Ali musterte Andy mit einem argwöhnischen Blick: Was für ein dekadenter Vogel ist das denn? Da krachten zwei Welten aufeinander - hier der vitale schwarze Macho in hellgrauer Trainingshose, da der Blasseste der Blassen in einem dunkelblauen Blazer mit Krawatte, gewienerten Western-Boots und einer silbernen Langhaarperücke auf dem Kopf.
SPIEGEL: Wie lange dauerte das Treffen?
Lommel: 30 Minuten. Andy machte drei Polaroids. Wir fuhren in die Factory zurück, und Andy gab seinen Assistenten Anweisungen, welche Farbkombinationen die Silk-Screens haben sollten. Am nächsten Vormittag brachte er ein paar Pinselstriche an. Das ging wie Fingerschnippen. Zehn Jahre später waren die Bilder 20 Millionen Dollar wert.
SPIEGEL: Warhol wurde von Biografen durchleuchtet wie kaum eine andere Figur des 20. Jahrhunderts. Gibt es etwas, das wir noch nicht über ihn wissen?
Lommel: Er hatte eine Penissammlung, die seit seinem Tod von der Warhol-Foundation unter Verschluss gehalten wird. Wenn ein Prominenter in die Factory kam und die Stimmung übermütig wurde, fragte Andy den Gast, ob er ein Polaroid von dessen Penis machen dürfe. Wenn wir unter uns waren, legte er ein paar Polaroids auf den Tisch und ließ uns raten, welcher Penis zu wem gehört.
SPIEGEL: Ein berühmter Satz von Warhol lautet: "Sex is nostalgia for sex." Zu Deutsch etwa: Sex ist die Sehnsucht nach dem Sex, den man früher mal hatte.
Lommel: Ich habe Andy nie in einer intimen Situation mit einem Mann oder einer Frau gesehen. Er flirtete nicht und verhielt sich völlig asexuell, wie ein Extraterrestrischer, der nicht weiß, was Geschlechtsverkehr ist. Es gab auch niemanden in seinem Bekanntenkreis, der behauptete, Sex mit ihm zu haben. Für uns war er eine Sphinx ohne Körper. Bei einer Pressekonferenz zu unserem Film "Cocaine Cowboys" wurde er gefragt, ob er den weltweiten Hype um seine Person erklären könne. Nach einer langen Pause sagte er mit seiner leisen, zerbrechlichen Stimme: "It is the Andy Warhol in you." Ich glaube, er meinte damit ein Phänomen, das auch für Marilyn Monroe, Elvis Presley und Michael Jackson gilt: Die Menge will sehen, dass das, was ihr fehlt - Ruhm, Reichtum, Glanz - unglücklich macht.
SPIEGEL: Wie wurden Bianca Jagger und Sie ein Paar?
Lommel: Als ich "Blank Generation" drehte, schaute Bianca oft zu. Sie wollte Hauptrollen spielen und schlug mir vor, ihr Regisseur zu werden. Wir hatten ein wildes halbes Jahr zusammen. Sie war ein großes, gieriges Kind, in das ich sehr verliebt war.
SPIEGEL: Ist es eitles Kalkül gewesen, dass Sie fast immer mit schönen Trophäenfrauen liiert waren?
Lommel: Ich hätte mir Frauen wie Bianca oder Carole Bouquet nie ausgesucht, dazu bin ich viel zu schüchtern. Sie waren es, die mich aufgerissen haben. Die drei Frauen, die ich mir in einem Leben ausgesucht habe, waren arm und hatten kein Renommee.
SPIEGEL: Sie drehen seit 30 Jahren einen Horrorfilm nach dem anderen. Was interessiert Sie an diesem Genre?
Lommel: Ich wollte meine dunkle Seite erkunden und Freundschaft mit ihr schließen. Inzwischen finde ich Horror öde. Deshalb habe ich gerade mein Studio verkauft.
SPIEGEL: Ihr Horrorfilm "Boogeyman" war der erste Film eines deutschen Regisseurs, der nach dem Krieg in den USA auf Platz eins stand. Wieso taucht im Abspann der Name des Schriftstellers William S. Burroughs auf?
Lommel: Während der Dreharbeiten wohnte ich im Tropicana in West Hollywood. Um Mitternacht versammelte sich am Hotelpool die Rock- und Drogenszene um Burroughs, der in Nummer 34 wohnte. Mein Zimmer war gleichzeitig der Schneideraum. Weil er immer wieder Todesschreie in meinem Zimmer hörte, klopfte Burroughs irgendwann an meine Tür und fragte, was ich da treiben würde. Mit seinem Hütchen und knittrigen Anzug sah er aus wie ein Provinzbuchhalter in den Fünfzigern. Er setzte sich an den Schneidetisch, kiffte und machte mir Vorschläge für den Schnitt. Dabei sagte er hundertmal pro Minute "Fuck me!" oder "Fuck you!" In den folgenden zwei Wochen übernahm er auch die Regie. Die berühmte Szene, in der der Boogeyman seinem Opfer einen Grillspieß in den Hals stößt, ist von ihm.
SPIEGEL: 1984 drehten Sie mit Klaus Kinski und Ihrer zweiten Frau Suzanna Love "Revenge of the Stolen Stars". Stimmt es, dass Kinski mit ihr durchgebrannt ist?
Lommel: Am ersten Tag verprügelte er den Tonmeister und verlangte, sofort mit der Maskenbildnerin ins Bett zu gehen. Als der Film fertig war, ist Suzanna mit ihm in seine Prachtvilla nach San Francisco geflogen - warum, müssen Sie sie fragen. Sie hat dann schnell festgestellt, dass sie seine Gefangene war. Wenn Kinski zum Einkaufen fuhr, wurde sie gefesselt und geknebelt. Er hat das wohl als Liebesspiel empfunden. Irgendwann rief sie mich an: "Bitte komm sofort und befreie mich. Klaus hält mir dauernd die Knarre an den Schädel und droht, mich umzubringen." Ich mietete einen bewaffneten Bodyguard. Als Kinski die Tür öffnete, schlug ihm der Bodyguard die Faust ins Gesicht. Dieses paranoide Monster bewusstlos am Boden zu sehen war eine schöne Entschädigung für die grauenhaftesten Dreharbeiten meines Lebens.
SPIEGEL: Haben Sie, wie Fassbinder und Kinski, Drogen genommen?
Lommel: Nein. Ich habe Alkohol getrunken - bis ich an dem Punkt war, den Tag mit einer doppelten Bloody Mary zu beginnen.
SPIEGEL: Und dann?
Lommel: Ich setzte mich in mein Auto und fuhr in ein Apachen-Dorf nach New Mexico. Ich war der einzige Weiße. Es dauerte eine Weile, bis der Häuptling auf eine Lehmhütte zeigte und sagte, ich könne bleiben, wenn ich mich um den Gemüseanbau kümmern würde. Der Medizinmann des Dorfes hatte die Augen eines 200 Jahre alten Elefanten und lebte von einem Teller braunem Reis und zwei Litern Wasser am Tag. Ich machte ihm das nach und wog bald nur noch 109 Pfund.
SPIEGEL: Wie lange blieben Sie bei den Apachen?
Lommel: Acht Monate. Eines Morgens schaute der Häuptling mir beim Jäten zu und sagte: "Mehr können wir nicht für dich tun. Du musst wieder dahin zurück, wo du hergekommen bist."
Das Interview führte SPIEGEL-Mitarbeiter Sven Michaelsen.

Ulli Lommel

stand mit 17 Jahren zum ersten Mal vor einer Kamera - an der Seite von Maria Schell in dem Film "Ich bin auch nur eine Frau". Der Sohn eines berühmten Humoristen und einer Schauspielerin war in den sechziger Jahren ein Jugendidol, Kritiker nannten ihn "den deutschen Alain Delon". 1968 entdeckte ihn Rainer Werner Fassbinder für seine Filme. Mit ihm arbeitete Lommel 16-mal zusammen, etwa in "Liebe ist kälter als der Tod" oder "Warnung vor einer heiligen Nutte". 1977 zog Lommel nach New York, wo er für Andy Warhol in dessen "Factory" zwei Filme drehte. Seit 1979 lebt Lommel, 65, in Los Angeles und macht als Produzent und Regisseur Horrorfilme. Nun hat er seine Autobiografie vorgelegt: "Zärtlichkeit der Wölfe" (Verlag Belleville, München; 216 Seiten; 22 Euro).
Von Sven Michaelsen

DER SPIEGEL 8/2010
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