22.02.2010

TIERETeure Gefangenschaft

In den USA treiben Cowboys Mustangs zusammen, um ihnen die Freiheit zu rauben - im Regierungsauftrag. Fressen die verwilderten Pferde den Rinderzüchtern die Weiden kahl?
Das Knattern des Helikopters zerreißt die Stille wie Sturmgewehrfeuer. In halsbrecherischen Manövern kurvt die Maschine durch die Winterluft der Calico Mountains im Nordwesten Nevadas, unter sich eine Herde panisch galoppierender Mustangs.
Immer wieder korrigiert der Pilot den Kurs, damit die Pferde nicht ausbrechen können. Schließlich endet die Hetzjagd. In ein Gehege getrieben, gibt es für die Pferde kein Entkommen mehr. Ihre Freiheit haben sie für immer verloren.
Im Westen der USA treiben Hightech-Cowboys derzeit Herden von Mustangs zusammen - im Auftrag der US-Regierung. Rund 12 000 der Pferde, über ein Drittel ihrer Gesamtzahl, will das "Bureau of Land Management" (BLM) bis Ende September in den Weiten Nevadas, Colorados, Wyomings und anderer US-Bundesstaaten eingefangen haben.
"Die Zahl der Pferde explodiert", rechtfertigt Don Glenn, Chef des Mustangprogramms, die großangelegte Hatz. Um 20 Prozent würden die Herden jährlich anwachsen: "Ohne Regulierung zerstören die Tiere ihren eigenen Lebensraum und drohen zu verhungern."
Doch viele Amerikaner halten den Zusammentrieb für einen Skandal. Tierschützer und Ökologen wollen den Mustangs die Freiheit erhalten. Auch Künstler wie die Sängerin Sheryl Crow oder der Schauspieler Viggo Mortensen setzen sich für die Tiere ein.
"Die Regierung behandelt die Pferde wie Kakerlaken", sagt etwa Bryan Monell von der Organisation "Last Chance for Animals". Eine Lobby aus Rinderzüchtern, Jägern, Bergbau- und Energieunternehmen sieht er am Werk. Tatsächlich geht es bei dem Streit vor allem darum, wer das öffentliche Land in den USA kontrolliert. Präsident Barack Obama hat ausgerechnet den Demokraten Kenneth Salazar zum Innenminister gemacht - einen Ranchbesitzer aus Colorado.
"Rancher und Landentwickler haben sich gegen das öffentliche Interesse verschworen", schimpft der Ökologe Craig Downer. Viele Mustangpopulationen befänden sich in einer "Abwärtsspirale". Zahllose Herden seien bereits zerstört, Zehntausende Pferde sterilisiert.
Statt in Freiheit leben zu können, klagt Downer, bekämen die Mustangs auf Weiden ihr Gnadenbrot - auf Kosten der Steuerzahler. 66 Millionen Dollar wird das Mustangprogramm allein in diesem Jahr verschlingen. Mehr als die Hälfte davon kostet es, die bereits in den vergangenen Jahren eingefangenen rund 34 000 Mustangs durchzufüttern und zu pflegen.
"Inzwischen leben schon genauso viele Mustangs in Gefangenschaft wie in Freiheit, das ist doch Irrsinn!", schimpft Downer. "Die Regierungsleute behaupten, dass sie den amerikanischen Westen lieben; doch warum tun sie den Pferden dann so etwas an?"
Der Mustang ist das schönste Symbol amerikanischen Pioniergeistes. 1519 setzten die ersten Hauspferde ihre Hufe auf nordamerikanisches Festland. Der spanische Eroberer Hernán Cortés brachte sie mit. Einige der heute lebenden Mustangs sind direkte, verwilderte Nachkommen der Konquistadoren-Pferde. Die meisten Tiere aber sind bunte Mischungen verschiedener Pferderassen, die in den vergangenen Jahrhunderten in die Neue Welt gelangten.
Auf dem Rücken der Pferde erschlossen die Siedler einst den Westen. Für die Amerikaner verkörpern die zähen Tiere Freiheit, Unabhängigkeit und Stärke. "Wir sind eine Cowboy-Nation", sagt Deanne Stillman, Autorin eines 2008 erschienenen Mustangbuchs*. "Pferde sind unser Kulturerbe; sie waren seit dem ersten Tag an vorderster Front dabei."
Und doch ist das Verhältnis der US-Bürger zu ihren Mustangs seit je gespalten. Hunderttausende von ihnen soll es früher in den USA gegeben haben. Als Cowboys Mitte des 19. Jahrhunderts nach und nach etliche Millionen Rinder in die Region trieben, waren die Pferde bald unliebsame Konkurrenz auf den Weiden. Einige Zeit durften sie noch den Hausstand der Siedler schleppen und Soldaten in den Bürgerkrieg tragen. Schließlich jedoch hatte nur noch ihr Fleisch einen Wert. Die Mustangs wurden verwurstet oder zu Hundefutter verarbeitet.
Erst Velma Johnston aus Nevada, besser bekannt als "Wild Horse Annie", kämpfte in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts gegen das Schlachtfest. Sie trug ihre Empörung über das Pferdemassaker bis nach Washington und scharte auf dem Weg fast das ganze Land hinter sich. 1971 verabschiedete der US-Kongress den "Wild Free-Roaming
Horses and Burros Act": Wilde, freilebende Pferde "bereichern das Leben der Amerikaner und sollen vor Fang, Brandzeichen, Drangsalierung oder Tod beschützt werden", heißt es in dem Gesetz. Die US-Regierung deklarierte daraufhin rund 20 Millionen Hektar Land als Lebensraum für die Mustangs.
Doch inzwischen hat sich der Wind gedreht, die Zahl der Pferdereservate ist stark geschrumpft, und das BLM findet, dass es immer noch zu viele Mustangs gibt. Allein vor der Kulisse der majestätischen Calico Mountains haben Viehtreiber in den vergangenen Wochen über 1900 Mustangs "gesammelt", wie es im Sprachgebrauch des BLM heißt.
"Im September habe ich hier in der Gegend noch 3040 Pferde gezählt", berichtet Jerome Fox, Pferdeexperte des örtlichen Winnemucca-Verwaltungsbezirks. Wie viele sollen es am Ende sein? "Höchstens 600 bis 900. Wir sind verpflichtet, allen Landnutzern gerecht zu werden."
Fox drückt seinen Cowboyhut noch ein Stück tiefer ins Gesicht. Die Wintersonne wirft ihr sanftes Licht über die weite, endlos wirkende Landschaft. Ein gutes Dutzend gefangener Mustangs steht in einem Gatter. Ihre Nüstern blasen Nebel. Bald wird ein Lastwagen kommen und die Pferde abtransportieren. Die Hengste werden kastriert, die Stuten und Fohlen voneinander getrennt.
Für das BLM sind diese Maßnahmen kein unzulässiger Eingriff in die Natur - im Gegenteil. Schließlich seien die verwilderten Pferde streng genommen eine fremde, vom Menschen eingeschleppte Art. Natürliche Feinde gebe es fast nicht. Um ökologische Schäden in den von Trockenheit geplagten Landstrichen des Westens zu vermeiden, müsse ihre Zahl reduziert werden.
Die Mustangfans halten die Berechnungen des BLM jedoch für weit übertrieben, etwa im Fall der Calico-Mountains-Region: "Dieses Gebiet hier ist über 200 000 Hektar groß und soll nur Platz für 600 bis 900 Pferde bieten?", schimpft Deniz Bolbol von der Tierschutzorganisation "In Defense of Animals". In Wahrheit gehe es nicht um ökologische Störungen, sondern um Wirtschaftsinteressen: "Sie treiben die Pferde wegen der Rinder zusammen."
Rund 107 Millionen Hektar öffentliches Land verwaltet das BLM. Energiefirmen pochen auf ihr Recht, die Öl- und Gasvorräte der Gebiete auszubeuten. Jäger wollen in den Bergen Hirschen und Dickhornschafen nachstellen. Vor allem aber sind fast zwei Drittel des öffentlichen Landes für Rinder ausgewiesen.
Rinder auf öffentlichem Land weiden zu lassen ist in den USA rund zehnmal billiger, als sie auf privates Land zu stellen. "Das ist doch geisteskrank, eine irre Geldverschwendung", sagt Bolbol. "Zuerst wird öffentliches Land an Privatinteressenten verscherbelt; dann sind die Pferde im Weg, und es werden Millionen Steuergelder ausgegeben, um sie einzufangen; und schließlich kostet es weitere Millionen, um die Tiere auf Privatranches unterzubringen."
Andererseits bestätigt der Veterinär Jay Kirkpatrick aus Billings in Montana, dass eine zu hohe Zahl von Pferden ein Problem für die Wildtiere, die Rinder und auch für die Pferde selbst bedeuten könnte. Er schlägt daher vor, den Mustangs Empfängnisverhütungsmittel per Injektionspfeil zu verabreichen. Im kleinen Stil war die Methode bereits erfolgreich.
Doch die meisten Gegner des Regierungsprogramms wollen, dass die Mustangs ganz in Ruhe gelassen werden. "Wenn die Pferde komplette Lebensräume zur Verfügung hätten, vom Tiefland bis in die Berge, würde sich ihre Zahl von selbst regulieren", argumentiert etwa Ökologe Downer. Er will auch die Verbreitung der natürlichen Räuber der Pferde wie Wolf oder Puma fördern.
Immerhin sieht auch BLM-Experte Don Glenn die Regierung in einer "Zwangslage". Je mehr Mustangs eingefangen werden, desto mehr müssen für viel Geld durchgefüttert werden. Versuche, die Tiere von Pferdefans adoptieren zu lassen, haben sich aufgrund der Wirtschaftskrise als wenig erfolgreich erwiesen. Und das Vorhaben des BLM, die Tiere einzuschläfern, scheiterte am Aufstand der Bevölkerung.
Nun droht neuer Ärger. Die Tierschutzorganisation "In Defense of Animals" hat Klage gegen den Zusammentrieb in der Calico-Mountains-Region eingereicht. In einem Punkt gab der Bundesrichter Paul Friedman den Klägern bereits recht: Aus seiner Sicht ist es höchstwahrscheinlich nicht zulässig, die gefangenen Pferde langfristig auf Weiden zu halten, die weit entfernt von ihrem ursprünglichen Lebensraum liegen. Wahrscheinlich muss der US-Kongress jetzt die Sache entscheiden.
Der aktuelle Vorschlag Salazars muss daher wie Hohn in den Ohren der Pferdefans klingen. Der Innenminister möchte sieben neue Mustangreservate im Mittleren Westen und im Osten der USA eröffnen, in denen Öko-Touristen die eingefangenen Mustangs gleichsam wie in einem Safaripark bestaunen können.
"Wilde Pferde erst für viel Geld einzufangen und dann woanders als wilde Pferde auszustellen?", wundert sich Bolbol. "Absurder geht's wohl nicht mehr."
* Deanne Stillman: "Mustang: The Saga of the Wild Horse in the American West". Houghton Mifflin, Boston; 368 Seiten; 14,95 Dollar.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 8/2010
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