01.03.2010

GELDANLAGEAbsturz des Stars-Express

Nach der Pleite mit LehmanPapieren hat die Hamburger Sparkasse erneut ein Problem: Sie empfahl Kunden Zertifikate, die 97 Prozent Verlust brachten.
Im vergangenen Oktober bekamen Horst Jagemann und seine Frau Post von ihrer Sparkasse in Hamburg. Der Inhalt des Schreibens war ein Schock: Von 10 000 Euro, die sie im April 2007 angelegt hatten, waren 262 Euro übrig geblieben.
Mit dem Geld hatten die Jagemanns fürs Alter vorsorgen wollen. Sie waren vorsichtige Anleger, ihre Risikobereitschaft bewegte sich zwischen Sparbüchern und Bundesschatzbriefen.
Für die Berater der Hamburger Sparkasse (Haspa) hatte das wenig Reiz, und so machten sie den Jagemanns Appetit auf etwas Besonderes, ein Zertifikat.
Genauer gesagt: Sie ließen die Jagemanns wetten. Das mühsam Ersparte des ehemaligen Matrosen Jagemann trat quasi an gegen eine der größten Banken der Welt, die Schweizer UBS. Wobei Horst Jagemann, 63, "nicht mal wusste, was UBS überhaupt hieß".
Die Wette war relativ einfach. Sie bezog sich auf zehn Dax-Aktien. Schwankten die in ihrer Wertentwicklung etwas hin und her, gab es zum Auszahlungstermin einen netten Aufschlag. Stürzte jedoch einer der Werte in einem bestimmten Zeitraum über 50 Prozent ab, richtete sich der Wert des "Stars-Express-Zertifikats" nur nach dieser Pleite-Performance.
Das Problem: Unter den Aktien war auch die der Münchner Hypo Real Estate. Die Bank hatte zu viel Geld in windige Finanzgeschäfte gesteckt. Ihre Aktie stürzte ab, im Oktober verschwand sie von der Börse. Und so fiel das Ersparte der Jagemanns in die Hände der UBS.
Über 40 Betroffene haben sich inzwischen bei der Hamburger Verbraucherzentrale gemeldet, viele davon sind Rentner. "Die Bankberater", so Finanzexpertin Gabriele Schmitz, "klärten die Kunden weder über die Funktionsweise des Papiers noch über den drohenden Verlust auf." Flyer habe es wohl nur selten gegeben. Von einem Sonderkündigungsrecht im Fall eines zu mehr als 75 Prozent von einem Eigner beherrschten Unternehmens - wie bei der verstaatlichten Hypobank - war im Flyer gar nicht die Rede.
Haspa-Chef Harald Vogelsang hält die Sache offenbar für nicht relevant genug, um sich dazu zu äußern. Das Papier sei ein "Teilschutzzertifikat", ließ eine Sprecherin wissen. Der "Welt" sagte sie, die Haspa weise auf Risiken hin, und grundsätzlich würde man den Kunden auch Flyer mitgeben - eine juristische Floskel, die offenlässt, ob es immer so war. Wenn Fehler gemacht worden seien, wolle man die in Ordnung bringen. Weitere Fragen ließ die Bank unbeantwortet.
Deutschlands Sparkassen stehen, so verheißt es ihre jüngste PR-Kampagne, "seit 200 Jahren an der Seite der Menschen", sie suchen "nicht den kurzfristigen Profit". Doch es ist nicht das erste Mal, dass das größte Institut, die Haspa, schlecht dasteht: Schon das leichtfertige Anpreisen von Papieren der Pleitebank Lehman Brothers und der anschließende Umgang mit geschädigten Kunden ließen Zweifel an ihrer Seriosität aufkommen.
Im Fall des UBS-Papiers kassierte das Geldhaus nicht nur üppige Provisionen, es setzte die Kunden auch subtil unter Druck: Sein Berater, berichtet ein Kunde, der fast 14 000 Euro verlor, habe ihm geraten, schnell zuzugreifen - die Zeichnungsfrist sei kurz, die Papiere knapp.
Tatsächlich musste die Haspa im Frühjahr 2007 offenbar fürchten, auf den Wett-Papieren sitzenzubleiben: Von rund 50 Millionen Euro Emissionsvolumen, will einer der geschädigten Kunden erfahren haben, hatte sich die Bank mit Zertifikaten für rund 20 Millionen eingedeckt, die verkauft werden mussten.
Die Rechtsanwältin Cornelia Uthoff vertritt Dutzende Anleger gegen die Haspa. Einige sind über 80 Jahre alt, manchen wurden sowohl Lehman- als auch UBS-Papiere angedreht. Um sich aus der Verantwortung zu stehlen, so Uthoff, konstruiere die Haspa bei vielen nun eine Anlagegeschichte, "bei der ein jahrelang zurückliegender Aktienkauf eindeutige Risikobereitschaft belegen soll".
Während der UBS-Prospekt zum Zertifikat immerhin 62 Seiten lang ist, begnügte sich die Haspa bei ihrem Info-Blatt mit acht Seiten. Zwar ist im hinteren Teil auch von einem möglichen Verlust des eingesetzten Kapitals die Rede, doch sonst vermittelt der Flyer einen ganz anderen Eindruck, mehrfach ist von einem "Sicherheitspuffer" die Rede. Von Sicherheit zu sprechen, aber etwas anderes zu meinen, "das ist ein beliebter Trick", so Thomas Möllers, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Augsburg. Ein verschütteter Hinweis auf einen möglichen Kapitalverlust wie bei der Haspa reiche nicht aus, wenn der Gesamteindruck des Prospekts anderes verheißt.
Ähnliches scheint auch die Haspa zu befürchten. In den vergangenen Wochen ließ sie sich bereits auf einige großzügige Vergleiche ein.
Die Regel ist das aber nicht. Ein weiterer Kunde, seit 1957 bei der Bank, hat 10 000 Euro mit dem UBS-Papier verloren. Der 77-jährige Rentner war als Zocker eingestuft. Er hatte Aktien der Deutschen Bank und RWE im Depot.
Er bat um ein klärendes Gespräch. Man bot ihm als Entschädigung ein Wellness-Wochenende an. Gegen Vorkasse. "Fahren Sie erst mal", so die Berater, "und reichen Sie dann die Rechnung ein."
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 9/2010
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