01.03.2010

OLYMPISCHE SPIELEIm Imperium der Sieger

Wer hat versagt und wer gewann, als es um Medaillen ging? Die Spiele von Vancouver haben gezeigt, dass mehr gefordert wird als nur ein gehöriges Maß an Talent und Nervenstärke. Ein Sportlertypus hat die Wettkämpfe dominiert: charismatisch, konsequent und manchmal größenwahnsinnig.
Die Sekunden danach können ein Rausch sein oder reine Leere, alle in der Halle wissen es, und als der Druck entweicht, sind die Kameras auf das Gesicht von Evan Lysacek gerichtet.
Und alle in der Halle sehen nun verzerrte Züge auf dem Videowürfel unter dem Holzdach, es mag ein Grinsen sein oder Ekstase, aber niemand hier hört den Schrei, den der Eiskunstläufer aus Chicago ausstößt, man sieht den Schrei nur, es ist zu laut hier. Alle schreien, manche stehen auf ihren Sitzen, viele weinen.
Lysacek gleitet in die Mitte der Eisfläche, schließt die Augen, kurz erzittert sein Körper, als sich, verspätet, auch die Spannung seiner Muskeln löst.
Und es ist vorbei.
Vier Jahre Training, vier Jahre lang Zweifel und Zuversicht, vier Jahre lang Rück- und Fortschritte, vier Jahre auf der Suche nach der idealen Kür, nach viereinhalb Minuten Perfektion. Und dann der Moment, in dem der Athlet auf das Eis geht, das olympische Finale, jener Augenblick, in dem sich alles verdichtet.
Wenn es nun schlecht geht, und so ging es ja bei den Paarlauf-Favoriten Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko, machen die Nerven nicht mit, und ein Sturz beim einfachsten Sprung macht vier Jahre zunichte. Wenn es gut geht wie bei der Südkoreanerin Kim Yu Na während ihrer Weltrekord-Kür, läuft ein Uhrwerk an Bewegungen, Kurven, Rotationen, Sprüngen, Posen ab: 150 Punkte, nie erreicht, bis heute, unter maximalem Druck. Wenn es gut geht, gibt es im olympischen Finale keine Fehler, da es im Training schon lange keine mehr gab.
Dann gibt es Gold. Die Halle erbebt.
Und was haben Sie gefühlt, Mr. Lysacek, fragen die Sportreporter.
"Ich dachte: Das war eine Siegerkür, das war ein Goldmedaillenlauf. Ich war mir sicher", antwortet Lysacek.
Doch warum? Was machte die Sieger von Vancouver zu Siegern, wieso gewannen sie und nicht andere? Warum er-
brachte Kim, von der Südkorea einen Triumph über die Japanerinnen verlangte, im wichtigsten Moment die Bestleistung ihres Lebens, warum stürzten andere mit dem Start?
Evan Lysacek, Sohn eines Bauunternehmers, Schauspielschüler, wurde in Vancouver Olympiasieger im Eiskunstlauf. Er war nicht der Favorit, das war der Russe Jewgenij Pluschenko, ein Modell der Gattung Große Sieger: Pluschenko ist eine Diva, ein Größenwahnsinniger, er hat so viel Talent, dass es für drei Olympiasiege reichen müsste, aber als seine Trainer sagten, er dürfe sich nicht sicher sein, nur zu springen genüge nicht, sagte Pluschenko: "Ich bin Eiskunstläufer, kein Tänzer." Weich und mädchenhaft findet er das Gezappel seiner Konkurrenten. Er wurde Zweiter, eine Niederlage.
Und Lysaceks Trainer Frank Carroll sagte, Evan sei natürlich nicht "der talentierteste" unter all den Läufern, aber er sei einer dieser Athleten, die in der Lage sind, "auf den Punkt das Optimale aus sich herauszuholen".
Ist das Begabung? Gutes Training und außerdem Glück, Zufall? Oder kann man Olympiasieger machen?
Der deutsche Trainer Ingo Steuer sagte am vergangenen Donnerstag: "Auf keinen Fall sind Olympiasiege planbar, die Spiele schreiben eigene Gesetze." Ja klar, zum einen. Zum anderen jedoch, auch dies sagte Steuer: "Olympiasieger werden schon in ihrer frühen Jugend gemacht, wobei es einen harten Weg zu beschreiten gilt und man doch nicht weiß, was mal wird. Auf jeden Fall kann man von einem gewissen Leistungsstand an darauf hinarbeiten. Und am Ende siegt derjenige, der die Erfahrung gesammelt hat und weiß, wie er es machen muss, um zu gewinnen."
Der Amerikaner Lysacek konnte sich an einen Minutenplan halten. Sein Trainer hatte nicht nur die Kür, sondern den gesamten Tag, an dem die Kür zu laufen sein würde, geplant. Als Lysacek am Finaltag erwachte, war er nervös, er war durcheinander. Aber er wusste, dass er nervös und durcheinander sein würde und konnte sich an seine Struktur halten, die sie festgelegt hatten, vom Frühstück bis zum Winken nach dem letzten Ton.
"Ich ging einfach einen Punkt nach dem anderen durch. Es war, als flüsterte mir mein Trainer alle paar Sekunden ins Ohr: So, Evan, und nun kommt dies, und nun kommt das", erzählt er, es ist der Tag nach dem Gold. Er trägt es um den Hals, das Gold. So sei er "immer ruhiger" geworden, sagt Lysacek nun, irgendwann gab es "keine Zweifel mehr, keine Panik", nur noch "diese Kür".
Ein programmierter Sieger. Ein Sieg der Disziplin, der Demut des Sportlers vor dem Plan des Trainers. Vermutlich muss man für so etwas geboren sein, für die Unterwerfung, das Vertrauen. Auf dem Eis, mit all dem Gel im Haar, gibt Lysacek den Dandy, aber heute, mit dem Pony, sieht er aus, wie er ist: nett, fleißig, formbar - bis zum Olympiasieg.
Es gab einige dieser zielstrebigen Helden in Vancouver: Aksel Lund Svindal, Goldmedaillengewinner im Super-G, ein Mann wie ein Model, vor Jahren zerschmettert nach einem Sturz in Beaver Creek, jetzt dreifacher Medaillengewinner; oder Felix Loch, Rodler, als Kind vom Vater trainiert und heute immer noch, Lochs Vater ist nun Bundestrainer.
Und in einem Café auf der West Side von Vancouver sitzt Thomas Niendorf, Trainer. Das Café wird von einem einstigen Dieb und Straßenkämpfer aus Ontario geführt, glatzköpfig, tätowiert, der aus dem Kreislauf von Knast und neuen Verbrechen nach Vancouver floh, vor seiner Gang und den Feinden, und dieser Topher Honey hat zum Thema "Die Sieger" die Weisheit der Straße beizusteuern: "Du musst dich entscheiden. Ohne Bedauern, ohne Rückblick. Leben heißt, dass du einen Weg wählst und ihn gehst." "Und was dir Sicherheit gibt, sind Gewohnheiten." Dies sagt nun der Trainer Thomas Niendorf, seit 20 Jahren in Kanada, er spricht ein Sprachengemisch: "Du brauchst positive habits." Niendorf trinkt Kaffee und sieht den Skispringern zu, ein kleiner Fernseher zeigt Sieger und Verlierer. Niendorf war beim BFC Dynamo in Berlin, Fußball, Thomas Doll und Andreas Thom gingen durch seine Hände, seine Frau war Schwimmtrainerin beim TSC; beide waren jung, um die 30, als die Mauer fiel, chancenlos im neuen Heimatland. Also Kanada.
Hier in Vancouver trainiert Niendorf Jugendliche für den Sprung nach Europa, er hat Owen Hargreaves gefunden, geschult, weitergereicht zum FC Bayern, ein Sportlermacher. Ein Siegermacher?
Geht das, kann man Olympiasieger ausbilden? Und Leistungsträger aller Art, kann man Leistungsträger formen? Natürlich gehe das, sagt Niendorf.
Zunächst braucht es Begabung, dann beginnt die Arbeit. Die meisten Sportler stehen ständig unter Druck, spüren Stress, also kämen sie "immer zu spät" mit ihren Handlungen, sagt Frank Carroll, der Eiskunstlauftrainer. Sieger seien sich sicher, sagt Niendorf, sie wüssten, dass sie jeden Schritt, der nötig ist, beherrschten, "sie haben einen Zeitvorsprung durch Automatismen, die Ruhe, eine Entscheidung zu treffen". Es geht um jene 10 000 Stunden Training mit den besten Lehrern, Generalisten wie Spezialisten, ständig herausgefordert, von neuen Aufgaben überrascht; von 10 000 Stunden Ausbildung sprechen Forscher, die den Erfolg von Leuten wie Bill Gates ergründet haben.
Dazu zählen Zufälle: Sieger müssen am richtigen Ort geboren sein. Skiläuferin Maria Riesch, Gold in der Super-Kombination und im Slalom, kommt aus Garmisch-Partenkirchen, Magdalena Neuner, Wallgau, sah als Kind Biathlonrennen und wollte werden wie ihre Helden, Riesenslalom-Siegerin Viktoria Rebensburg, geboren in Kreuth, war mit 14 Jahren im C-Kader, weiter ging's. Siegerinnen müssen in der richtigen Zeit für ihre Begabung leben, sie müssen ja zunächst die Chance erhalten, siegen zu können.
Darum ist es kein Zufall, dass Shaun White in den neunziger Jahren im Snowboard-, Skateboard-, Surferstaat Kalifornien aufwuchs und heute zweimaliger Olympiasieger ist. Es bedeutet ja auch etwas, dass Steve Jobs von Apple, Eric Schmidt von Google und Bill Gates von Microsoft allesamt 1955 geboren sind; sie waren 15 Jahre alt, als sie in Computerlaboren programmieren durften; sie waren 16 Jahre alt, als der erste Personalcomputer ausgeliefert wurde. Und es bedeutet etwas, dass von den 75 reichsten Menschen der Geschichte gleich 14 Amerikaner sind, die zwischen 1831 und 1840 geboren wurden: nicht zu alt und nicht zu jung, um die Möglichkeiten zu nutzen, die Eisenbahn und Wall Street boten.
Im Sport ist sogar der Tag der Geburt wichtig: Kanadische Jungs, die im Januar geboren sind, spielen mit Jungs Eishockey, die elf Monate später, im Dezember, geboren sind - bei Achtjährigen macht das einen Unterschied, körperlich, bei Achtjährigen beginnt die Auslese, und der eine bekommt eine Stunde Extratraining in einer Landesmannschaft, der andere nicht. Der Soziologe Robert Merton nennt dies den "Matthäus-Effekt", nicht nach Lothar, sondern nach der Bibel: Wer schon hat, dem wird gegeben; wer nichts hat, bekommt auch keine Chance. Und dann muss Leidenschaft dabei sein, Leidenschaft ist mehr als Lust, mehr als Spaß. Es braucht diesen gierigen Willen, der die Besten dazu bringt, 15 Prozent mehr zu üben als alle Schwächeren. "Einen Olympiasieger musst du nicht motivieren", sagt Thomas Niendorf, "Motivation ist da, nur Konzentration muss er lernen." Niendorf trägt einen Trainingsanzug, es geht ihm um das Vermeiden jeglicher Ablenkung, er sagt schöne deutsch-englische Sätze: "Du musst, das gilt in allen Berufen, die distractions wegnehmen, du brauchst focused discipline."
Die Deutschen hatten eine Menge Sieger in Vancouver: Tatjana Hüfner siegte im Rodeln und André Lange im Bob. Jahre fleißiger Leidenschaft führten zu Momenten der Konzentration, zu richtigen Entscheidungen im wichtigen Augenblick. Es nimmt den Leistungen nichts, dass es Siege waren, die der deutsche Sport seit Jahrzehnten erlebt: Produkte von Technologie, Standortvorteilen, Verbandsarbeit und individuellem Antrieb.
In anderen Mannschaften war etwas Neues zu sehen. Da waren Sportler am Start, die auf eine im Wintersport fremde Weise konsequent und charismatisch und egomanisch sind, die um sich selbst kreisen, was sie vermutlich zu komplizierten Eheleuten oder auch treulosen Freunden macht, aber nahezu unbezwingbar.
Diese Sportler achten nicht mehr auf Teamgeist oder das IOC. Sie achten auf ihren Körper.
"Sich etwas vom normalen Weg zu entfernen und auf die eigene Weise vorzubereiten bewirkt, dass man sich mehr hinter eine Sache stellt, als wenn alles seinen geregelten Gang geht", so sagt es Ingo Steuer. In den jungen Wintersportarten, Snowboard oder Trickski, ist diese Lebensweise eine Haltung. In den älteren Sportarten wird sie langsam modern.
Steuer macht das auch so, mit Sawtschenko und Szolkowy, ein Team für sich, was zu Irritationen führt. Nach der Bronze-Kür von Vancouver kritisierte Steuer Robin Szolkowy scharf, für seinen Sarkasmus wurde Steuer kritisiert. Es kränkte ihn. "Wir sind ein Team und können uns alles sagen, ohne dass wir uns zerfleischen", sagt er, "wir wissen, was wir aneinander haben. Wir haben Kraft für neue Aufgaben, gemeinsam."
Es sind ansonsten eher Amerikaner, die sich ihre kleinen Imperien geformt haben und von der ganzen Bürokratie des Sports nicht mehr gestört werden, weil sie die nicht mehr zur Kenntnis nehmen.
Die Sieger der Zukunft? Vielleicht gab Olympia 2010 ja einen Ausblick.
Der Sieger der Zukunft wird gewiss nicht die Fehler der Unglücklichen von Vancouver machen. Der Niederländer Sven Kramer gewann Eisschnelllauf-Gold über 10 000 Meter und verlor es wieder, da er die Bahn gewechselt hatte, als er die Bahn nicht wechseln durfte; Kramers Trainer hatte die Anweisung übers Eis gebrüllt. Die Französin Marion Rolland fiel in der Abfahrt fünf Meter nach dem Start einfach um. Die Italienerin Daniela Merighetti startete bei drei Skirennen und stürzte dreimal. Dem Japaner Nobunari Oda riss bei der Kür der Schnürsenkel.
Der Sieger der Zukunft wird sich auch nicht einem patriotischen Förderprogramm wie diesem kanadischen "Own the Podium" fügen, das 117 Millionen kanadische Dollar kostete und dann Athleten vorschrieb, wo und mit wem sie zu trainieren hatten. "Blown the Podium" nannten die Zeitungen die sportliche Planwirtschaft; sollen die Kanadier doch ihr Podium besitzen, wir leihen es uns für die Gold-Übergabe, so scherzten die Sieger aus den USA.
Der Athlet der Zukunft wird vermutlich ein Team aus Managern, Taktikern, Psychologen um sich haben. Er wird Verträge schließen mit Fernsehsendern, die ihr Programm für ihn bauen. Die Athletin der Zukunft könnte sein wie Lindsey Vonn, so stark, so schön, so ehrgeizig. Vonn gab eine Pressekonferenz, erzählte etwas von einer Schienbeinprellung, das nahm ihr vorher den Druck und überhöhte hinterher ihren Triumph: what a drama! NBC machte eine Rekordquote mit dem Abfahrtslauf, Vonn schlug "American Idol", die amerikanische Variante von "Deutschland sucht den Superstar".
Im Sport geht es ja darum, immer neue Strategien zu entwerfen, um Vorsprünge vor denen zu erreichen, die auch wissen, wie man trainiert. Doping kann helfen, leider. Die Unterwerfung unter ein rigides System war der Erfolgsweg in den Siebzigern, in China ist sie es noch.
Nun könnte die Zeit der Individualisten angebrochen sein. Bode Miller ist ein Kerl, der während der Weltcupsaison im Wohnmobil von Rennen zu Rennen fuhr, ein Kumpel kochte für ihn, manchmal geht Miller mit den Trainern des US-Skiteams auf den Berg, meistens allein. "Ich brauche die Freiheit, selbst entscheiden zu können", sagt Miller. Er hat einen eigenen Fahrstil entwickelt, extreme Rückenlage, es sieht so aus, als flöge er gleich ins Fangnetz. Führe ein Österreicher so, würden sie ihn aus dem Team werfen. Aber Miller holte in Vancouver Gold, Silber und Bronze, die österreichischen Skirennfahrer holten bis zum Wochenende keine Medaille.
Der Shorttracker Apolo Anton Ohno ist auch so einer, Olympiasieger in Salt Lake City, Olympiasieger in Turin, Medaillengewinner in Vancouver, zwölf Jahre lang Sieger, eine Weltkarriere, das Produkt eines Familienunternehmens. Der Vater fuhr ihn zum Training, zu Wettkämpfen, sie übernachteten im Auto, weil das Geld knapp war. Es gab einen Verbandstrainer, der dem jungen Ohno verbieten wollte, ein Stirnband zu tragen. Ohno, in Seattle geboren und heute für die USA am Start, trainierte allein weiter, mit Stirnband. Er steigerte sich in seinen Sport hinein, brauchte keinen Coach, der ihn treibt, er braucht eher einen, "der ihn bremst", sagt sein Vater Yuki Ohno.
Der Sohn klaut den Läufern aus Südkorea regelmäßig die Medaillen, obwohl es in Seoul noch Kaderschmieden gibt. Die Koreaner hassen ihn, weil er so anders ist, so unabhängig, man sah den Hass bei jedem Rennen, wenn sie versuchten, ihn mit den Ellbogen zu beseitigen.
"Sie gehen zur Arbeit, ich mache es aus Spaß", sagte Ohno.
Und dann betritt der leidenschaftlichste Athlet Olympias eine Bühne im Medienzentrum in Whistler. Er trägt eine Nickelbrille, er hat einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand und zwei Goldmedaillen um den Hals. Ein junger Mann mit ruhiger Stimme, Sohn eines Schweizer Bergbauern, kein Glamour, keine Inszenierung, einfach nur Gold.
Simon Ammann ist wohl der größte Skispringer aller Zeiten. Er gewann zweimal Gold in Salt Lake City, das ist acht Jahre her, und jetzt wieder. In der Schweiz vergleichen sie ihn mit Roger Federer, er mag den Vergleich nicht, "er ist mir zu groß", sagt Ammann.
Alle hier wollen wissen, wie das geht: gewinnen. Ammann sagt: "Ich habe nie aufgehört, diesen Sport zu erkunden." Er rückt die Brille zurecht und spricht weiter, er doziert nun: "Ich habe einen Weg gefunden, den vertikalen Druck beim Absprung zu verbessern. Als es mir noch gelang, ballistische Probleme zu lösen, wusste ich: Das ist der Weg zur Medaille."
Wer ist dieser Mann, ein Athlet oder ein Physiker? Ammann redet über Druckpunktverteilung, Hebelkräfte und Aerodynamik. Er weiß wahrscheinlich mehr über seinen Sport als seine Trainer. "Ich habe die technischen Grenzen ausgelotet und meinen Körper den Anforderungen angepasst", sagt Ammann, er könnte von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich stammen.
Dort, an der ETH, sitzen die Forscher Gerhard Tröster und Hanspeter Gubelmann, die Ammann seit einiger Zeit begleiten, überwachen, beraten. Sie haben den Skispringer im Training und auch während der Spiele mit Sensoren zugepflastert, um Kreislauf, Herz- und Muskelaktivitäten zu messen; sie wollten wissen, wie hoch die psychophysischen Belastungen an einem Wettkampftag seien, sagt Gubelmann. Die Details sind noch auszuwerten, aber "überraschend war die Höhe der Belastungsspitzen im Wettkampf", erläutert der Psychologe, "Simon selbst sagt ja, dass er im entscheidenden Moment richtig Gas geben, sich aktivieren" könne. Sein Puls in der Luft: 180.
Es geht also, letztlich, um Ruhe unter Stress. Darum, unter Druck am besten zu sein, weil ein Sieger gerade dann zur Ruhe kommt. Weil er weiß, dass er kann, was verlangt wird. "Aus psychologischer Sicht darf gefolgert werden, dass Simon über eine hohe Selbstregulierungskompetenz verfügt. Er hat also Mittel und Möglichkeiten, gerade in der sehr belastenden Vorstartphase sein Aktivierungsniveau gezielt anzupassen", sagt Gubelmann.
Denn zum Sieger wird, wer sich selbst zum Fluggerät machen kann und abhebt, wenn es stürmt und kracht.
(*1) Mit den US-amerikanischen Kollegen Andrew Weibrecht und Julia Mancuso.
Von Klaus Brinkbäumer und Gerhard Pfeil

DER SPIEGEL 9/2010
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