08.03.2010

GRIECHENLAND„Reparationszahlungen sind eine offene Frage“

Der geschäftsführende Außenminister Dimitris Droutsas, 41, über die belasteten Beziehungen zu Deutschland und Athens Kampf gegen die Finanzkrise
SPIEGEL: In Deutschland wird Ihr Land derzeit als Sündenpfuhl aus Vetternwirtschaft, Korruption und Steuerhinterziehung beschrieben. Athen revanchiert sich mit Nazi-Vorwürfen. Wie gespannt sind die Beziehungen zwischen beiden Ländern?
Droutsas: Griechenlands Verhältnis zu Deutschland ist exzellent wie immer. Die Stimmung der letzten Tage war bestimmt von Spannungen auf medialer Ebene, auf beiden Seiten. Unsere Bürger stehen vor harten Zeiten, das wissen sie. Sie haben aber auch das Gefühl, dass sie schon einiges geleistet haben. Trotzdem spüren sie Druck und hören vor allem Kritik, manchmal auch Hohn und Häme. Das führte dazu, dass Emotionen überschwappten - und zu Missverständnissen.
SPIEGEL: Ihr Vizepremier Theodoros Pangalos konnte sich den Hinweis nicht verkneifen, dass die deutsche Besatzungsmacht im Zweiten Weltkrieg den Griechen ihr Gold und Geld genommen und "nie zurückgezahlt" habe. Und Parlamentspräsident Philippos Petsalnikos bestellte sogar den deutschen Botschafter ein.
Droutsas: Das zeigt, dass die griechische Bevölkerung sich wirklich irritiert fühlte. Aber ich bin sicher, dass dies nicht das wahre Verhältnis zwischen beiden Nationen widerspiegelt.
SPIEGEL: Während der deutschen Besatzung presste Hitler den Griechen eine Zwangsanleihe zur Bezahlung der Wehrmacht ab, die nicht getilgten Schulden beim Abzug belaufen sich auf umgerechnet rund fünf Milliarden Euro. Ist die Rechnung noch offen?
Droutsas: Wenn Emotionen im Spiel sind, kommen Gefühle und Erinnerungen aus der Vergangenheit hoch. Während des Zweiten Weltkrieges haben die Griechen sehr gelitten …
SPIEGEL: … deswegen klagen noch immer 66 griechische Gemeinden auf rund elf Milliarden Euro Entschädigung für Nazi-Massaker wie in Distomo und Kalavrita. Sogar der Internationale Gerichtshof in Den Haag ist damit befasst.
Droutsas: Für uns bleiben Reparationszahlungen durch Deutschland eine offene Frage, das ist richtig. Das hat auch Premierminister Papandreou im Parlament bekräftigt. Aber wir bringen sie in keiner Weise mit unseren Bemühungen, den griechischen Staatshaushalt zu sanieren, in Verbindung.
SPIEGEL: Ist der Versuch, die deutsche Geschichte in Erinnerung zu rufen, nicht ein Ablenkungsmanöver?
Droutsas: Die Fragen sind nun mal offen und liegen auf dem Tisch. Und wenn eine Diskussion so stark emotionalisiert, dann werden sie entsprechend instrumentalisiert. Aber beide Seiten werden sich durch diese Debatte nicht ablenken lassen.
SPIEGEL: Sollten EU-Länder wie Deutschland und Frankreich einspringen, falls Griechenland auf den Finanzmärkten doch nicht ausreichend Geld zu akzeptablen Konditionen bekommt?
Droutsas: Nein, die griechische Regierung hat zu keiner Zeit direkte finanzielle Unterstützung durch die EU-Partner verlangt, sie wird sie auch nicht fordern. Wir sind überzeugt, dass wir das selbst schaffen.
SPIEGEL: Und wenn nicht, was erwarten Sie dann von der EU?
Droutsas: Dass mit vereinter Stimme ein klares Signal ausgesandt wird, dass Griechenland mit seinen Maßnahmen auf dem richtigen Weg ist. Es geht um unsere Glaubwürdigkeit. Wir brauchen die absolute Solidarität unserer Partner, damit sich die Finanzmärkte wieder beruhigen.

DER SPIEGEL 10/2010
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