22.03.2010

PRESTIGEBAUTENNeuschwanstein an der Elbe

Immer später, immer teurer: Die Hamburger Elbphilharmonie soll eines der atemberaubendsten Gebäude der Republik werden. Doch bisher nimmt sie nur dem Haushalt der Hansestadt immer mehr die Luft. Die Geschichte einer Ernüchterung.
Eines vorweg: Es wird kommen, Hamburgs neues Wahrzeichen, die Elbphilharmonie. Stahl, Beton, Glas - aus dem, was jetzt schon steht, wird keiner mehr etwas anderes machen können als: die unglaubliche!, die einzigartige!, die wunderbare! Elbphilharmonie. Den spektakulärsten Konzertsaal der Republik. Egal, was es noch kostet. Egal, wie lange es noch dauert. Egal, wie sehr sich alle noch zanken. Es gibt keinen Weg zurück. Nicht aus dem 23. Rohbaugeschoss.
Und damit zu den schlechten Nachrichten.
Gips? Gips! Sie haben jetzt die ersten Probestücke in Hamburg, diese Gipsfaserplatten, die später mal den ganzen Innenraum des Saals auskleiden werden. Fast 10 000 Stück, im Schnitt 50 mal 70 Zentimeter, aber was heißt hier schon im Schnitt? Es gibt größere und kleinere, dünnere und dickere, die Oberflächen mit Wellen und Wirbeln, feinsten Gräben und Graten, von einer Diamantkopffräse hineingeschnitten. Keine Platte darf am Ende aussehen wie die andere, jedes Wellental in diesem Meer aus Gips muss einmalig sein - 999 987 Wellentäler im ganzen Saal, 999 987-mal ohnegleichen. Damit der Klang perfekt widerstrahlt. Damit er am Ende unvergleichlich schön erstrahlt in diesem Raum.
So etwas hat es noch nie gegeben, allein vier Jahre Vorarbeit am Computer. Aber: Das alles ist auch so einzigartig, dass die Stadt Hamburg anfangs mal 3,5 Millionen Euro für diese "Weiße Haut" eingeplant hatte - und der einzige Hersteller, der sich so etwas zutraute, 31 Millionen forderte. Das Neunfache. Einen anderen Anbieter habe man nicht auftreiben können, behauptete nach der Ausschreibung der Konzern, der die Philharmonie 2011 schlüsselfertig abliefern soll, Hochtief aus Essen.
Also machte sich die Stadt selbst auf die Suche und fand mit viel Mühe doch noch eine kleinere Firma, die sich traute, für gut 15 Millionen. Weil aber so ein Gipsfaserkleid bisher keiner irgendwo auf der Welt so gebaut hat, musste Hamburg etwas tun, was nun ebenfalls einzigartig sein dürfte beim Bau einer Konzerthalle. Die Stadt hat, ohne dass die Öffentlichkeit davon etwas mitbekommen soll, das Insolvenzrisiko für diese Firma übernommen - für den Fall, dass an der "Weißen Haut" später einmal ein Schaden auftritt, der so teuer würde, dass der Hersteller ihn nicht überlebt, mit seinen 3,1 Millionen Euro Bilanzsumme 2008. Dann bleibt der Steuerzahler im schlimmsten Fall darauf sitzen. Und es mag ja sein, dass das nur ein Restrisiko ist. Doch wer kann das heute schon sagen?
Es sind die Extravaganzen, aber auch diese Extrakosten, Extrarisiken, die den Jahrhundertbau im Jahr drei nach dem Spatenstich prägen. Im Hamburger Hafen entsteht für mindestens 400 Millionen Euro ein Konzerthaus, das nur einen Maßstab kennt: absolute Weltklasse. Es vereint die Virtuosität der Baseler Stararchitekten Herzog & de Meuron, berühmt für ihr Olympiastadion in Peking, mit dem Genie des weltbesten Akustikers, Yasuhisa Toyota, mit dem Anspruch, hier künftig die weltbesten Orchester spielen zu lassen, Spitzenklangkörper wie die Wiener Philharmoniker. Und das alles natürlich für den Weltruhm Hamburgs.
Doch die Elbphilharmonie, einst euphorisch gefeiert, weil sie für die Hansestadt werden soll, was der Eiffelturm für Paris und das Opernhaus für Sydney ist, ein Weltjuwel, wird nun zu einem weiteren Lehrbeispiel dafür, wie bei Großbauten der öffentlichen Hand immer wieder die Kontrolle verlorengeht. Wird zum Streitpunkt der Parteien. Warum es immer teurer wird, warum sie immer später kommt. Kann sich eine Stadt mit 22,9 Milliarden Euro Schulden so etwas leisten?
Im Januar hat das Bauunternehmen Hochtief angekündigt, dass es mit einer Premiere nun auch im Mai 2012 nichts wird - die nächste Verschiebung, möglicherweise um ein ganzes Jahr, mindestens aber um ein halbes. Bei der Stadt wollen sie davon offiziell noch nichts wissen, pochen auf Vereinbarungen, aber natürlich prüfen sie bereits "alternative Eröffnungsszenarien". Immerhin sollten die "Wiener" beim Auftaktfestival spielen, so einem Orchester kann man nicht erst sechs Wochen vorher absagen.
Und auch höhere Kosten hat Hochtief bei der Gelegenheit mal wieder angemeldet: 22,4 Millionen, weil die Stadt und ihre Generalplaner Herzog & de Meuron nachträglich immer wieder umgeplant, teurer geplant haben sollen. Dazu könnten noch mal 8 oder 9 Millionen kommen, weil sich deshalb angeblich die Bauzeit verlängert hat; da sind aber auch schon die Folgen des harten Winters eingepreist. Und weitere 12 Millionen, weil manche Gewerke für das Geld, das dafür im Haushalt stand, nicht zu bekommen waren. Macht zusammen möglicherweise bis zu 44 Millionen extra.
Die Stadt hält das für aufgeblasene Rechnungen, aus denen man nun in den Verhandlungen die Luft herauslassen muss, jede Woche zwei bis drei Gespräche, durchterminiert bis Sommer. Sie hat selbst Forderungen - gegen Hochtief.
Doch ganz egal, was dabei herauskommt, schon der Streit macht das Glanzstück matt. Die Stimmung in der Stadt ist in den vergangenen drei Monaten gekippt - mit welcher Wucht, das hat auch die Kulturbehörde überrascht, die im Senat für den Bau zuständig ist.
Der Blick geht weg vom Großartigen ins Klein-Klein, richtet sich vom Streben nach absoluter Exzellenz auf das Sterben aller Hoffnungen, dass man bei diesem Bau je auf der sicheren Seite sein wird. Das mag ungerecht sein, weil dabei leicht aus dem Blick gerät, was am Ende entstehen wird: ein Weltkulturerbe der Zukunft. Aber andererseits ist dieser kleinliche Blick überfällig. Denn die Geschichte der Elbphilharmonie ist eine voller Fehleinschätzungen und -konstruktionen, die sich nun auswirken. Fehler, die zu lange beschönigt wurden, weil Schönheit vor Wahrheit ging. So wie bei der "Weißen Haut", die zwar so heißt, in Wahrheit aber gar nicht weiß ist. Sondern grau.
Die Idee: Alles Jubel
Die Stadt wollte nicht, nein, und wie sie nicht wollte. Alexander Gérard erinnert sich noch gut daran, an jenen 26. Juni 2003, den Tag der Pressekonferenz, die Geburtsstunde der Elbphilharmonie. Gérard, ein Hamburger Projektentwickler, hatte die Medien ins alte Kesselhaus in der Speicherstadt einladen wollen, wo der Senat sonst auch die Modelle des Großvorhabens Hafencity vorstellt. Doch er durfte nicht.
Also wich Gérard aus, in die Musikhalle, ebenfalls städtisch, und auch deren Leiter sollte deshalb noch Ärger bekommen. Denn der Senat wollte Geld verdienen mit dem Grundstück, das nicht nur an der Spitze eines Piers in die Elbe sticht, sondern auch das Spitzengrundstück der Hafencity ist. Bürotürme, das weiß man ja, bringen Geld, Kulturstätten dagegen verbrennen Geld, also wollte die Stadt das Grundstück für einen Bürokomplex verkaufen. Und den alten Kaispeicher A, der dort stand, zum Abriss freigeben.
Gérard fürchtete wohl auch die Konkurrenz dieser neuen Büros - er hatte nebenan selbst welche hochgezogen. Er liebte aber auch die Musik, und er liebte seine Frau, Jana Marko, eine Österreicherin, die in Salzburg Gesang studiert und mit ihm die Idee hatte: diese Philharmonie im Hafen.
Schon seit 2001 hatten sie mit der Stadt gesprochen, immer wieder, und immer wieder kam: "Hören Sie doch auf damit." Bis sie verstanden: Es geht nicht mit Reden, nicht mit Schreiben. Es geht nur mit Sehen. Gérard hatte in Zürich Architektur studiert, schon damals waren ihm an der Hochschule zwei junge Männer aufgefallen, die nach ihm angefangen hatten, Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Grenzgänger zwischen Kunst und Architektur, die sich nach ihrem Studium erst nicht entscheiden konnten, ob sie als bildende Künstler arbeiten sollten, befreit von der Pflicht zur Funktion, oder als Architekten, deren Entwürfe einem Zweck dienen müssen. Vielleicht erinnern deshalb auch manche ihrer Entwürfe an Skulpturen, die Münchner Allianz Arena, das "Vogelnest"-Stadion von Peking. Und gerade so etwas brauchte Gérard nun: eine Skulptur, ein Kunstwerk, einen Entwurf für seine Konzerthalle, so überwältigend, dass eine Stadt nicht mehr nein sagen konnte. Nur noch "wow".
Genau das lieferten Herzog und de Meuron ab, für die eine Chance, für den Tag der Pressekonferenz: ein Wellengebirge über der Elbe, in Glas gegossen, auf die Backsteinmauern des Kaispeichers aufgesetzt, kühl und kühn, groß und großartig, und selten hat nur ein Modell eine Stadt so elektrisiert: "eine Sensation" schwärmte der "Stern", das "Hamburger Abendblatt" fühlte sich "berauscht".
Als ob der Entwurf nicht schon Droge genug gewesen wäre, verabreichte Gérard noch ein Versprechen: Das alles könne Hamburg bekommen, ohne einen Euro auszugeben. Nur das Grundstück sollte die Stadt den Investoren schenken, ihnen ein Hotel und Luxuswohnungen genehmigen. Mit dem, was sie am Hotel und den Wohnungen verdienen würden, könnten sie den Konzertsaal in der Mitte mitbezahlen. Kosten? So um die 40 Millionen Euro. Die erste Schätzung. Die erste von vielen falschen. "Wenn ich so eine Idee ins Laufen bringen will, nenne ich erst mal einen günstigen Preis", sagt ein städtischer Projektentwickler heute.
Es war der Tag, an dem Hamburg angefixt wurde von einer Idee, abhängig wurde und sich abhängig machte. Im Grunde hat die Stadt bereits damals die Kontrolle über das Projekt verloren, denn der öffentliche Druck auf die Politik, dieses Schmuckstück wirklich zu bekommen, ließ danach nie mehr nach.
Der Senat, die Bürgerschaft, die Bürger, alle ließen sich mitreißen von Wille und Vorstellung: 68,3 Millionen Euro hat die eigens gegründete Elbphilharmonie-Stiftung bis heute eingesammelt, von Großmäzenen und Kleinspendern, rund 7500 insgesamt. Die Hamburger Bäckerinnung ließ Elbphilharmonie-Brote verkaufen, zehn Cent für das neue Wahrzeichen. Bürgermeister Ole von Beust sonnte sich im Glanz der gläsernen Schönheit, bei Roadshows in Berlin und New York. Und er schickte einen seiner Besten in das Projekt, Hartmut Wegener, der die Erweiterung des Airbus-Geländes gemeistert hatte und jahrelang als Chef der städtischen Entwicklungsgesellschaft ReGe Hamburg die Elbphilharmonie anschob.
Mit der Begeisterung, die das Modell ausgelöst hatte, bekam die Elbphilharmonie allerdings auch schon am Tag der Pressekonferenz jenen Geist eingehaucht, der das Projekt von nun an gleichzeitig animieren und vergiften sollte: den radikalen Vorrang der Kunst, architektonisch wie akustisch. Architektur auf Weltniveau, Klang ohne Kompromisse, im Zweifel geht Kunst vor Technik, geht Kunst vor Kosten, geht Kunst über alles andere. Ein Neuschwanstein an der Elbe.
"Dieses Haus soll zu einem der zehn besten Konzerthäuser der Welt werden", hieß es in einem Senatsbericht, als im Juli 2005 die Machbarkeitsstudie vorlag. Es werde "die Architekturdiskussion der nächsten Jahrzehnte wesentlich mitbestimmen". Und Touristen anziehen - wie die Oper in Sydney, das ewige Vorbild.
Erst weiter hinten befasste sich der Bericht mit der Frage, was es denn so kosten soll: 204 Millionen Euro, immerhin. Davon aber gingen noch ab: die Millionen für Hotel und Wohnungen, die private Investoren tragen. Die Quersubventionierung, also der versprochene Zuschuss der Investoren für die Philharmonie. Schließlich die Spenden. Damit blieben an der Stadt noch knapp 95 Millionen hängen. Doch keine Sorge: "Dieser Betrag kann sinken." 95 Millionen also, höchstens - die zweite Schätzung. Die zweite, die sich als falsch erweisen sollte.
Zweifelt keiner? Erkennt keiner den Widerspruch, an dem die Elbphilharmonie von Anfang an krankt, dass Weltklasse und Pauschalpreis nicht gut zusammenpassen? Erst recht nicht, wenn sich so ein Vorhaben über Jahre hinzieht und die Weltklasse in der Zwischenzeit immer wieder neu definiert wird? Nein, offenbar zweifelt keiner, die CDU lobt die Harmonie mit den anderen Fraktionen, die SPD meint 2005 tatsächlich, dass die Elbphilharmonie zwar ein großes Projekt sei, für den Haushalt aber bei weitem nicht eines der größten. Wie naiv.
Und niemand stört sich an den riskanten Konstruktionen, weniger in der Architektur, umso mehr aber in den Verträgen. Da liegen die Kernfehler, die man in Senat und Bürgerschaft damals entweder übersieht oder übersehen will, von denen die Öffentlichkeit auf jeden Fall nichts erfährt. Sie haben da-mit zu tun, dass die Kunst am Ende auch gebaut werden muss, von Handwerkern, nach exakten Plänen, und mit einem Zeittableau, an das sich alle halten müssen.
Der Weg von der Idee bis zur Schlüsselübergabe sieht dafür normalerweise so aus: Der Bauherr, hier die Stadt, will eine Konzerthalle, also macht er einen Architektenwettbewerb und wählt einen Entwurf aus. Im nächsten Wettbewerb holt er sich eine Firma, die den Siegerentwurf bauen will, zum Festpreis. Und damit dieser Generalunternehmer später keine böse Überraschung mit dem Preis erlebt, den er seinem Bauherren garantieren musste, sucht er sich selbst einen Architekten, der ihm die Ausführungsplanung macht, also den großen Entwurf in die Millimeterarbeit umsetzt. So nämlich ist klar: Der Generalunternehmer hat das Sagen, er bestimmt über den Architekten. Wann der die Pläne zu liefern hat, was in den Plänen stehen soll. Plant aber sein Architekt teurer, weil hier etwas nicht passt, da etwas nicht aufgeht, muss er an anderer Stelle eben wieder abspecken.
Nicht so bei der Elbphilharmonie: Hier gab es keinen städtischen Architektenwettbewerb, es gab den Entwurf, den alle haben wollten, von Herzog & de Meuron für den privaten Investor Alexander Gérard. Koste es, was es wolle. Also kaufte die Stadt - genauer gesagt die Elbphilharmonie Baugesellschaft, die von der städtischen ReGe Hamburg gemanagt wird - erst mal Gérard aus dem Projekt heraus, um überhaupt Bauherr zu werden.
Herzog und de Meuron aber dachten gar nicht daran, sich herauskaufen zu lassen. Im Gegenteil: Sie wollten sogar selbst den Kleinkram übernehmen, die Ausführungsplanung, aus Angst, ein anderer Architekt könnte ihren Bau im Detail noch verschandeln. Also musste die Stadt für Gérard in den Architektenvertrag einsteigen, was ihr auch ganz recht war, denn es sollte ja alles nur vom Besten sein: in der Tiefgarage der streichelglatte Sichtbeton, im Fluchttreppenhaus das Design-Geländer, zum stilvollen Flüchten. "Dass man den begnadeten Architekten zum Generalplaner machte", sagt heute der Aufsichtsratschef der Elbphilharmonie Baugesellschaft, Johann Lindenberg, "hat sich als Quelle regelmäßiger Konflikte erwiesen."
Aber längst nicht als die einzige: Als die Stadt 2007 den Bau der Elbphilharmonie an eine Firma Adamanta vergab, die Hochtief als Generalunternehmer mitbrachte, machte sie zwar einen Vertrag mit Adamanta - und noch einen Vertrag mit Herzog & de Meuron. Nur zwischen den beiden gab es nichts. Keinen Vertrag also zwischen Architekten und Bauleu-ten, und noch schlimmer: keinen abgestimmten Zeitplan. Also liefen jetzt zwei Uhren auf der Baustelle Elbphilharmonie: eine nach Hochtief-Zeit, eine nach Herzog & de-Meuron-Zeit. "Der Architekt hatte Probleme mit dem Zeitplan von Hochtief; Hochtief sagte, je länger es deshalb dauert, umso mehr kann ich für Verzug in Rechnung stellen. Und dazwischen saß die Stadt und musste zahlen", sagt einer, der mal in diesem Dreieck gearbeitet hat.
Es gibt eine verklausulierte Senatsmitteilung vom Mai 2007, die das alles andeutet. Doch wer liest so etwas so genau? Erst recht nicht in der Bürgerschaft. Dort reimte sich Philharmonie weiter auf Euphorie, und vor dem Bauvertrag hatten Abgeordnete und Senat noch mal kräftig draufgesattelt: Wünsche, Wünsche, Wünsche. Der Bau, im Entwurf von Gérard nur 84 000 Quadratmeter groß, war inzwischen auf 120 000 Quadratmeter gewachsen. Es gab, neben dem Großen Saal und einem zweiten, kleineren, plötzlich sogar noch einen dritten. Und für die Glasfassade, bis dahin glatt, mussten es nun unbedingt gebogene Scheiben sein, jede einzeln geformt und kaum eine wie die andere. Hübsche Idee von Herzog & de Meuron. Machte aus 28 Millionen Euro für die Fassade kurzerhand mehr als 50.
Eigentlich, denkt Alexander Gérard heute, hatten sie doch am Anfang schon einen ziemlich spektakulären Entwurf, warum sonst hatte er alle so begeistert? "Der Bau hätte auch in seiner kargeren, dem Standort entsprechenden Gestaltung sein Faszinosum entwickelt", glaubt er. Vielleicht hätte er etwas weniger gestrahlt, anfangs, aber der Glanz wäre auch nicht so matt geworden, im Streit.
Baubeginn: Der Preis der Euphorie
Als die Stadt Anfang 2007 mit der Adamanta und Hochtief einig wurde, gab es mal wieder eine neue Zahl: 294 Millionen für alles, 90 Millionen mehr als in der Machbarkeitsstudie. Der Steuerzahler war nun mit 114 Millionen dabei, knapp 20 Millionen plus. Dies war nun die dritte Zahl, keine Schätzung mehr. Trotzdem die dritte falsche Zahl. So falsch wie der versprochene Fertigstellungstermin, im März 2010. Heute.
Und überhaupt: ein Weltklasse-Konzertsaal mit 2200 Plätzen, dazu noch ein zweiter Saal mit 660 Plätzen, und das alles für 191 Millionen. Geht das überhaupt? In Los Angeles hatte die Walt Disney Concert Hall, eröffnet 2003 und ähnlich groß, schon 235 Millionen Euro gekostet. Das aber war ein Neubau, keine komplizierte Melange aus Alt und Neu, mit einer Gründung im Hafenschlick.
Es besteht bei solchen Großprojekten der öffentlichen Hand immer eine Gefahr: Das Bauunternehmen tritt mit einem zu niedrigen Preis an, um den Zuschlag zu bekommen. Die Regierenden glauben diesen Preis nur zu gern, um das Vorhaben durchs Parlament zu drücken. Im Grunde aber ist allen klar: Das wird teurer.
Die Hamburger Kultursenatorin bestreitet das. "Die Kosten sind wirklich nach bestem Wissen und Gewissen mitgeteilt worden und nicht aus politischem Kalkül", sagt Karin von Welck. Auch Hochtief-Sprecher Bernd Pütter behauptet: "Wir sind nicht zu billig eingestiegen." Aber wie es dann so läuft: ein Vertrag mit 2000 Seiten. Eine Ausführungsplanung, die bei Herzog & de Meuron lag, allerdings dann doch nur zum Teil - für die Gebäudetechnik etwa ist Hochtief zuständig. Ein Bausoll - die Definition, was der Bauherr genau will -, das noch an vielen Stellen im Ungefähren blieb. Und das alles ohne synchronisierten Zeitplan. Das wurde teurer.
"Man hätte diesen Vertrag nicht unterschreiben dürfen", gab der heutige ReGe-Chef Heribert Leutner vor kurzem mal als seine persönliche Meinung zu Protokoll. Aber was sollte man machen. Dieser öffentliche Druck! Der nächste Wahltermin, 2008! So dauerte es nicht lange, und Hochtief fand Anlass, sich zu beklagen. Über fehlende Pläne, über Pläne, die ohne Absprache geändert worden seien.
Es bringt den Hamburger Hochtief-Chef Thomas Möller immer in Rage, wenn er daran erinnert wird, dass die Stadt seiner Firma ein "so nicht erwartetes Claim-Management" nachgesagt hat. Paragrafenreiterei also, der Versuch, aus jeder Kleinigkeit einen Anspruch und aus jedem Anspruch Geld herauszuschlagen. "Bei uns kümmert sich nur ein Jurist im Haus um die Elbphilharmonie, und das auch nur an zwei Tagen die Woche", sagt Möller. Andererseits, als Chefsyndikus Georg von Bronk kürzlich in Berlin einen Vortrag hielt, beschrieb er seine Rechtsabteilung durchaus als Teil der "ValueChain", Wertkette. Und glaubt man einem Insider des Elbphilharmonie-Projekts, war das Vorhaben bei Hochtief 2008 schon so rot angelaufen, dass eine Abwertung in den Büchern drohte. Hochtief stand enorm unter Druck.
Jedenfalls kamen 2008 immer mehr Meldungen des Konzerns bei der städtischen ReGe an, dass man nicht wie geplant weiterbauen könne. Für diese Flut von Anzeigen war die ReGe zu dünn besetzt. So dünn, dass ihre Leute sogar viele Pläne, die Herzog & de Meuron mit inzwischen 75 Architekten zeichnete und bei ihnen abgab, unbesehen an Hochtief weiterschickten, mit allen neuen Ideen, die sich die Schweizer Architekten hatten einfallen lassen. Das lieferte Hochtief dann erst recht und auch zu Recht Vorlagen für Störmeldungen an die ReGe - und Ansprüche auf mehr Geld.
"Der ReGe ist das Controlling entglitten", gab Kultursenatorin Welck später zu. Worst-Case-Szenarien türmten Kosten von 635 Millionen Euro auf, Bürgermeister von Beust zog seinen Staatsrat Volkmar Schön vom Aufsichtsratsvorsitz der Elbphilharmonie zurück. Ob Schön oder sogar Beust schon vor dem Wahltermin im Februar 2008 etwas vom Desaster gewusst haben, wird wohl bald ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss erörtern. In den Aufsichtsratsakten, die vor kurzem den Fraktionen vertraulich zur Einsicht vorgelegt wurden, hat sich dafür nach SPIEGEL-Informationen bisher kein Hinweis gefunden.
Am Ende musste ReGe-Chef Wegener gehen, die Stadt von 270 Millionen Euro, die Hochtief extra gefordert hatte, 137 Millionen zahlen. Und 20 Millionen mehr an Herzog & de Meuron.
Immerhin, einen abgestimmten Zeitplan zwischen Herzog & de Meuron und Hochtief bekam sie nun endlich dafür, allerdings auch eine Horrorzahl. Neue Gesamtkosten des Baus: jetzt 503 Millionen Euro, davon 400 Millionen für die öffentliche Hand. Selbst wenn Spenden und Querfinanzierung abgezogen waren, blieb noch ein Berg von 323 Millionen übrig. Damit hatte sich der Einsatz der Stadt seit der Machbarkeitsstudie mehr als verdreifacht. Auch der Übergabetermin war um 20 Monate verrutscht. Neues Datum: November 2011.
Neustart: Planen und Pokern
Das sollte aber nun der Neustart sein. Jetzt einmal richtig draufzahlen, dann nie wieder. Das war der Plan. Damit die Vision nicht zerredet, nicht verrissen wird. Sogar 20 Millionen Euro für Notfälle hatte sich die Stadt dafür noch ins Budget gepackt. Im März 2009 stimmte die Bürgerschaft zu. Und nur ein paar Tage später kamen wieder Briefe. Von Hochtief, an die ReGe. Und seitdem immer mehr. Inzwischen so etwa ein Leitz-Ordner Papier alle drei Tage. Der Plan war gut gewesen, im Prinzip, aber er konnte nicht gutgehen. Nicht, wo es um die Kunst geht, um Perfektion, um das Ohr von Yasuhisa Toyota, dem besten Akustiker der Welt.
Man kann ihm das wirklich nicht vorwerfen, Toyota hat seinen Anspruch, den höchsten, dafür ist er berühmt, dafür hat ihn die Stadt doch beauftragt. Er ist der Mann, der die Akustik der Walt Disney Concert Hall erschaffen hat. Der Mann, der Ravel wieder zu Ravel gemacht hat. Denn als das Los Angeles Philharmonic Orchestra das Ballett "Daphnis und Chloe" von Maurice Ravel aufführte, im neuen Saal, da hörte ihr Maestro Esa-Pekka Salonen zum ersten Mal, dass in der Partitur des Orchesters seit Jahrzehnten einige falsche Noten standen - im alten Konzertsaal war das nie aufgefallen.
Wer Toyota will, der will in Wahrheit auch nicht einen der zehn besten Säle der Welt, wie es in Hamburg immer heißt. Der will den allerbesten - schon deshalb, weil es so eine Top-Ten-Liste gar nicht gibt. Der will also auch keine Entscheidung, ob diese oder jene Technik noch für Rang acht reicht oder nur für Platz elf. Die Wahrheit ist: Toyota bestimmt in Hamburg. Toyota macht keine Kompromisse. Toyota guckt nicht aufs Geld, nur aufs Ergebnis.
"Wo immer so ein Saal gebaut wird, sagen die Leute immer, es sei zu teuer", sagt Toyota also, und in aller Offenheit über die "Weiße Haut", seine zentrale Idee für die Elbphilharmonie: "Ich habe keine Ahnung, wie teuer es ist, aber eines weiß ich genau: Es ist wirklich einzigartig." "Unique", einzigartig, das ist eines seiner Lieblingswörter, sein Maßstab. Selbstverständlich könnte man auch einfacher eine erstklassige Akustik erreichen, auch mit Holz statt mit Gips, siehe Los Angeles. Doch "es ist halt kein schöner Gedanke, wieder, wieder und wieder zu kopieren. Wir brauchen die Herausforderung, andernfalls wäre die Designarbeit einfach zu langweilig".
Stadt und ReGe erstarrten so in Ehrfurcht vor des Meisters Kunst, dass sie nicht mal auf die Idee kamen, ihm einen offiziellen Ergebnisbericht abzufordern. Seine Wünsche koordinierte Toyota ausschließlich mit Herzog & de Meuron, Gefährten im Geiste, Designkünstler wie er selbst. Denn so wie Toyota denkt, so denken sie auch dort: Natürlich hätte man in die Elbphilharmonie auch einen konventionellen Schuhkarton-Saal einbauen können, wie einer ihrer Architekten sagt - vorn das Orchester, gegenüber das Publikum. Nicht etwas so Kompliziertes wie das Weinbergmodell: in der Mitte das Orchester, rundherum die Zuhörer. Aber auch "Architekten wollen eben immer etwas Neues machen", weiß Toyota. So wie er.
Wann aber wäre es bei diesem Anspruch je zu spät für noch eine und noch eine Verbesserung? Erst bei der Schlüsselübergabe. Der Horror für jedes Baumanagement. Für jede Kostenkontrolle. Und für den Plan der Stadt, endlich auf der sicheren Seite zu bleiben.
Am 28. November 2008, nur zwei Tage nach dem Friedensvertrag mit der Adamanta und Hochtief, der die Stadt 137 Millionen extra gekostet hatte, meldeten sich die Architekten beim Bauunternehmen und übermittelten Korrekturen für den Großen Saal; sie stammten von der Firma Nagata, für die Toyota arbeitet. Eigentlich schien die Sache geklärt: Im "Lüftungsschema Index A", Teil des gerade ausgehandelten Vertragspakets, sollten die Zu- und Abluftkanäle der Klimaanlage vom 11. bis zum 18. Geschoss aus zwei Ein-Millimeter-Blechen bestehen, dazwischen 40 Millimeter Dämmung aus Kalziumsilikat. Gewicht pro Kubikmeter Silikat: 480 Kilo. Für die Kanäle im Technikbereich über der Saaldecke war gar keine Dämmung geplant.
Doch das reichte den japanischen Akustik-Weltmeistern jetzt nicht mehr. Damit man kein Rauschen hören möge, sollte die Silikatschicht der Lüftungsanlage an vielen Stellen doppelt so dick werden. Auch bei den Kanälen in den meisten Technikräumen hieß es nun: unbedingt dämmen.
Drei Monate später, nach einem fünfstündigen Treffen zwischen Nagata, Hochtief und den Architekten, startete Toyotas Team die nächste Exzellenzoffensive: für die Zu- und Abluftkanäle, so das Protokoll, "2 mm Blech", auch hier also das Doppelte. "Das für die Akustik relevante Kalziumsilikat muss eine Dichte von 600 kg/m³ betragen" - 120 mehr als vorher. Auch alle Entrauchungskanäle brauchten plötzlich eine Geräuschdämmung. Damit stieg das Gewicht der Lüftungsteile bis zum Vierfachen.
Ende Juni 2009 legte ein Toyota-Mann noch mal nach. Bei einer Besprechung zur "Lüftung Kleiner Saal" erklärte er en passant die Aufhängung der Rohre an starren Trägern für untragbar - auch im Großen Saal: "Bitte vermerken Sie hier, starre Verbindungen werden nicht akzeptiert." Inzwischen haben sie bei Hochtief für "neue Erkenntnisse aus der Champions League der Akustik" nur noch Spott übrig. Sie fordern eine "Frozen Zone": endlich Schluss mit den neuen Ideen.
Aber das ist nur die Lüftung. Und nur der Akustiker. Auch die Architekten haben bis Mitte 2009 noch neu geplant und Pläne zu spät abgegeben, wie die Stadt einräumt. Jacques Herzog und Pierre de Meuron behaupten, das stimme nicht, sie hätten alles pünktlich geliefert.
Bereits die Sache mit der Lüftung erklärt, warum Hochtief nun wieder fleißig Nachforderungen stellen kann, warum alles wieder von vorn losgeht. Man sei da sehr gelassen, behauptet Lindenberg, der Aufsichtsratschef der Elbphilharmonie-Gesellschaft. Schon 2008, also bei der letzten Vertragsrunde, sei in den Plänen klar zu erkennen gewesen, welch hohen Standard die Rohre erreichen müssten. Wie Hochtief das schaffe, zu welchem Preis, sei jetzt nicht Sache der Stadt.
Wirklich? Aus dem Baukonzern hört man, die Architekten bastelten schon wieder an der Statik, weil die schwereren Rohre eben nicht von vornherein eingeplant gewesen seien. Es geht hin und her, jede Woche Treffen zwischen ReGe und Hochtief, man schenkt sich nichts.
Zwar sitzt auch bei der ReGe nun genug Personal, um jede Störmeldung ganz genau zu prüfen. Und auch die ReGe schickt umgekehrt Verzugsanzeigen an Hochtief, weil im Januar der Bau noch nicht wie vereinbart im 26. Stock angekommen war. Jeder Tag zu spät kann Hochtief 200 000 Euro Strafe kosten, bis zu 24 Millionen Euro insgesamt. Aber auch Lindenberg sagt, dass "der eine oder andere Anspruch von Hochtief berechtigt sein könnte". Die Frage ist nur noch: Muss deshalb neues Geld aus der Stadtkasse her, oder reicht der Rest des Notpolsters, 11 Millionen? "Wir bleiben sicher im einstelligen Millionenbereich", sagt Lindenberg zu den jetzt noch erwarteten Extrakosten, damit bliebe es im Etat. Garantiert? "Ich schließe nichts aus, gar nichts - aber wir sind gewappnet."
Schon gar nicht ausschließen kann er, dass es noch viel länger dauert bis zur Eröffnung. "Elf Monate plus" ist die aktuelle Ansage von Hochtief. Vielleicht bleibt ja noch ein kleiner Zeitpuffer beim Einspielen der Halle, zwischen Übergabe und Premiere. Aber das reicht wohl nicht. Erst recht wenn die Kulturbehörde nicht blufft mit dem Satz, ihr sei jetzt ein "striktes Kosten- und Qualitätsmanagement wichtiger als die Frage, wann das erste Konzert stattfindet". Die Wiener Philharmoniker hat die Stadt jedenfalls schon informiert: Der Termin kippelt.
Man würde jetzt in der Stadt auch sowieso nichts anderes mehr glauben. Zu viele Zahlen, die nicht stimmten, zu viele Termine, die sich nicht halten ließen. "Ein tolles Projekt, nur wenn wir geahnt hätten, dass es dreimal so teuer wird, hätten wir damals dagegen gestimmt", sagt Peter Tschentscher für die SPD-Fraktion. Aber es gibt keinen Weg zurück. Nicht aus dem 23. Rohbaugeschoss. Und damit zu den guten Nachrichten: Die letzte Zahl der Elbphilharmonie, die richtige, sie steht noch aus, doch spätestens in hundert Jahren werden alle darüber lächeln.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 12/2010
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