29.03.2010

„Ein riesiger Schritt zurück“

Google-Mitbegründer Sergey Brin, 36, über seinen Kampf für die Öffnung des Internets in China
SPIEGEL: Mit Ihrer Entscheidung, die chinesische Google-Website zu schließen, sind Sie der erste Großkonzern, der die chinesische Regierung auf diese Weise herausfordert. Sind Sie stark genug, um es mit einem ganzen Staat aufzunehmen?
Brin: Es geht nicht darum, ob wir es mit China aufnehmen, das liegt nicht in unserer Absicht. Ich bewundere China und auch die chinesische Regierung für die Fortschritte, die sie erreicht hat. Es geht einzig und allein darum, sich der Zensur entgegenzustemmen. Wir sprechen uns für Freiheit und für die Möglichkeit einer politisch abweichenden Meinung aus. Das ist unser Kernanliegen.
SPIEGEL: Vor vier Jahren willigten Sie noch ein, Ihren Dienst zu zensieren. Warum jetzt der Sinneswandel?
Brin: Die Hacker-Attacken, denen Google im Dezember ausgesetzt war, waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Der Angriff hatte mehrere Ziele: direkt auf Google und auf die E-Mail-Konten der Menschenrechtsaktivisten. Doch es gab auch ein umfassenderes Muster: die systematische Überwachung der Aktivisten.
SPIEGEL: War es ein Fehler, sich 2006 auf Chinas Forderungen einzulassen?
Brin: Als wir in den chinesischen Markt hineingingen, hofften wir, dass wir wirklich helfen könnten, das Internet zu öffnen. Und wir waren damit zumindest teilweise erfolgreich. In den ersten Jahren konnten wir beispielsweise in der Suchergebnisliste anzeigen, wenn Ergebnisse unterdrückt worden waren. Aber nach den Olympischen Spielen verschlechterte sich die Situation. Wir sollten immer mehr Themen und Suchanfragen herausfiltern, einige unserer Angebote wie YouTube wurden geblockt. Das war ein riesiger Schritt zurück.
SPIEGEL: Einige Menschenrechtler argumentieren, Sie hätten mehr erreichen können, wenn Sie geblieben wären.
Brin: Man kann immer argumentieren, dass wenig Einfluss besser ist als gar keiner. Aber ich glaube, dass es Grenzen geben muss. Es gibt diesen Punkt, an dem wir sagen müssen, damit sind wir nicht mehr einverstanden.
SPIEGEL: Ist die Entscheidung nicht auch ein großer PR-Coup, der sicherlich Googles Image, das in letzter Zeit gelitten hat, erheblich aufpoliert?
Brin: Nein, für uns ging es nur darum, wie wir am besten für Offenheit im Internet kämpfen können. Wir glauben, dass dieser Schritt das Beste war, was wir machen konnten, um die Prinzipien von Offenheit und Informationsfreiheit im Internet zu verteidigen.
SPIEGEL: Als Sechsjähriger emigrierten Sie mit Ihrer Familie aus der Sowjetunion. Hat dieser Umstand Googles Entscheidung beeinflusst?
Brin: Die Entscheidung spiegelt sicherlich meine Sichtweise wider. Ich komme aus einem totalitären Land und habe erlebt, wie meine Familie drangsaliert wurde.
SPIEGEL: Was genau ist damals passiert?
Brin: Ich war ja erst ein kleines Kind, aber ich erinnere mich, wie die Polizei zu uns nach Hause kam, als wir uns um die Ausreisevisa beworben hatten. Mein Vater verlor seine Arbeit, es gab ständig dieses Gefühl von Angst. Niemand sollte so etwas erleben.
SPIEGEL: Andere Internetfirmen sind über Ihren Schritt verwundert. Microsoft-Gründer Bill Gates sagte, die chinesische Zensur sei "sehr begrenzt", und will weitermachen wie bisher.
Brin: Diese Stellungnahme hat mich verblüfft. Ich bin erstaunt, dass eine progressive Technologiefirma diese Sichtweise einnimmt.
SPIEGEL: Befürchten Sie, dass Micro-softs Suchmaschine Bing in China nun den Platz von Google einnehmen könnte?
Brin: Vergessen Sie nicht, dass wir immer noch in China operieren. Von Hongkong aus zu arbeiten ist sicherlich eine Herausforderung, unsere Konkurrenz hat nun einen Vorteil. Allerdings war unser Hauptkonkurrent immer die chinesische Suchmaschine Baidu. Ich glaube nicht, dass Bing einen substantiellen Marktanteil hat.
SPIEGEL: Fürchten Sie nun, den riesigen Zukunftsmarkt in China zu verlieren?
Brin: Es kann nicht angehen, dass die chinesische Regierung beliebige Forderungen stellen kann und wir alle Einschränkungen einfach akzeptieren. So kann man kein Geschäft betreiben.
SPIEGEL: Wird die US-Regierung Sie in dieser Angelegenheit unterstützen?
Brin: Ich glaube nicht, dass sie für uns etwas tun wird. Aber ich glaube, dass die Regierung die umfassendere Frage der Informationsfreiheit im Internet sehr ernst nimmt.
SPIEGEL: Wird Ihr Schritt auch den chinesischen Regimekritikern nutzen?
Brin: Noch mal: Wir kritisieren nicht die chinesische Regierung als Ganzes. Wir haben lediglich versucht, die unnachgiebige Zensurpolitik aufzubrechen. Ich hoffe, dass diese Politik sich mit der Zeit verändern wird und dass der Zugang zu Informationen auch in China globalisiert wird.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 13/2010
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