29.03.2010

FUSSBALLDie neue Zehn

Vor eineinhalb Jahren wurde Toni Kroos beim FC Bayern aussortiert. Er ging als Leihgabe zu Bayer Leverkusen und entwickelte sich dort zum Nationalspieler. Nun wollen die Münchner ihn als Spielmacher zurückhaben. Kroos ist nicht begeistert.
Auf der Autobahn, die neben dem Trainingsgelände von Bayer Leverkusen vorbeiführt, rauscht der Verkehr. Toni Kroos hat sich ein paar Bälle zurechtgelegt, um Freistöße zu üben. Nach jedem Schuss schaut er dem Ball hinterher, um zu sehen, wo genau er im Tor einschlägt.
Kroos, ein blasser junger Mann, gilt bereits als einer der besten Schützen in der Bundesliga, als Künstler am Ball. Aber heute ist er noch nicht mit sich zufrieden. Immer wieder nimmt er Anlauf, auch als die Kollegen schon unter der Dusche sind.
Toni Kroos ist 20 Jahre alt, wenn er Fußball spielt, könnte man meinen, er wäre älter. Er gehört zu jenen Spielern, die selbst dann, wenn sich die Ereignisse in einer Partie überschlagen, nicht die Ruhe verlieren. Er behält immer den Überblick, wie ein alter Routinier. "Toni ist ein Stratege, der durchdacht und gelassen spielt", sagt Jupp Heynckes, der Trainer von Bayer Leverkusen. Dann fügt er einen Satz an, der lange im Raum stehenbleibt. Kroos, sagt Heynckes, habe das Zeug zum "Weltklassespieler".
Der Weg von Toni Kroos ist gesäumt von Lobeshymnen. Er gilt als eines der größten Talente des deutschen Fußballs, vor vier Wochen debütierte der Mittelfeldspieler gegen Argentinien in der Nationalmannschaft. Bundestrainer Joachim Löw wird Kroos wohl auch für die Weltmeisterschaft in Südafrika nominieren.
Das klingt nach einer perfekten Karriere. Tatsächlich ist Toni Kroos auch ein Beispiel dafür, wie schnell man im deutschen Fußball selbst als Ausnahmetalent in einer Sackgasse landen kann.
Toni Kroos kommt aus Greifswald. Bereits im Alter von fünf Jahren kickte er auf dem Bolzplatz mit seinem jüngeren Bruder Felix und seinen Eltern. "Wir haben immer zwei gegen zwei gespielt", sagt Mutter Birgit Kroos, eine ehemalige DDR-Badminton-Meisterin. Roland Kroos, der Vater, besuchte als Ringer eine Kinder- und Jugendsportschule, mit 21 Jahren stieg er wegen einer Handverletzung auf Fußball um. Er lobt noch heute das systematische Training im DDR-Sport.
Kroos übte mit seinen Jungs früh die richtige Schusstechnik, das saubere Stoppen und Passen von Bällen. "Wir haben dem Fußball alles untergeordnet", sagt er und spricht von "unserem Familienprojekt".
Als Toni zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Rostock um, wo der Vater Nachwuchstrainer beim damaligen Bundesligisten FC Hansa wurde und es bis heute ist. Seine Söhne spielten fortan in den Jugendteams, Felix Kroos ist inzwischen Profi bei dem Verein von der Ostsee.
Toni Kroos war ein Hochbegabter, einer, der Jahrgänge einfach übersprang und trotzdem aus seinen Teams herausstach. 2004 war es dann so weit: Der FC Bayern bekundete sein Interesse an dem Talent aus Ostdeutschland.
Die Familie Kroos wurde nach München eingeladen, man wohnte im Hotel Vier Jahreszeiten. In der Lobby begegnete Toni dem französischen Weltstar Thierry Henry und dem deutschen Nationaltorhüter Jens Lehmann, die mit dem FC Arsenal für ein Champions-League-Spiel in der Stadt waren. Am nächsten Tag wurde die Familie über das Trainingsgelände der Bayern an der Säbener Straße geführt. Am Ende des Rundgangs traf man den damaligen Manager Uli Hoeneß in dessen Büro.
"Und, Toni, wo möchtest du am liebsten spielen?", fragte Hoeneß. Die Antwort war klar.
Es ist riskant, als junger Spieler der Versuchung FC Bayern zu verfallen. Der Club leistet eine gute Jugendarbeit, er kann aber auch zur Falle werden.
Kroos zog in das Fußball-Internat der Bayern. Er entwickelte sich gut und wurde 2007 bei der U-17-WM in Südkorea zum besten Spieler gewählt. Kurz darauf gab er sein Debüt bei den Profis und wurde zum jüngsten Bundesligaspieler in der Geschichte des FC Bayern. Die Vereinsbosse reagierten überschwänglich. Hoeneß meinte damals sogar: "Wir haben für Toni die Zehn reserviert." Diese Rückennummer auf dem Trikot tragen die großen Spielmacher.
Doch dann kam ein neuer Trainer. Jürgen Klinsmann wurde Bayern-Coach. Kroos landete auf der Ersatzbank, manchmal saß er sogar nur auf der Tribüne. Er wusste nicht, was er falsch gemacht hatte. Klinsmann, der immer beteuert hatte, auf die Jugend setzen zu wollen, redete nicht mit ihm.
"Für mich war Klinsmann der falsche Trainer zur falschen Zeit", sagt Kroos heute. "Toni hat sich damals auch eine Zeitlang hängenlassen", meint Birgit Kroos. Ihr Sohn bestreitet das nicht. Manchmal hätte ihn der Frust heruntergezogen, am Ende einer guten Trainingswoche doch wieder zuschauen zu müssen.
Schon bald fühlte sich Kroos in München nur noch einsam. Er war aus dem Internat ausgezogen in eine eigene Wohnung. Die besten Kumpel, die er hatte, waren Mannschaftskapitän Mark van
Bommel und Nationalstürmer Miro Klose. Sie unterhielten sich wenigstens mit ihm. Seine Familie im 800 Kilometer entfernten Rostock konnten sie nicht ersetzen.
Irgendwann kaufte sich Kroos einen Hund.
Nach Monaten, in denen er auf der Ersatzbank saß, liehen die Bayern ihn im Januar vergangenen Jahres nach Leverkusen aus. Kroos hatte darauf gedrängt, und es war ein Glücksfall. Im Sommer kam mit Jupp Heynckes ein erfahrener Trainer nach Leverkusen, der die richtige Balance zwischen Strenge und Vertrauen im Umgang mit jungen Spielern fand. Kroos wurde zum Stammspieler, zum Leistungsträger, auch dank seiner Auftritte gehört Bayer in dieser Saison unerwartet zur Spitzengruppe in der Bundesliga.
Kroos hat sich in Leverkusen verbessert. Er ist durch individuelles Training kräftiger und stabiler geworden, besser im Zweikampf und stärker in der Defensive. Er ist jetzt ein gutes Beispiel dafür, wie schnell sich ein Talent zum gestandenen Profi entwickeln kann, wenn ein Verein Geduld hat. Es ist noch mal gutgegangen für den Spieler Toni Kroos. Das Problem ist nur, dass er keinen Vertrag mit Leverkusen hat, sondern mit dem FC Bayern München.
Am Ende dieser Saison läuft Kroos' Ausleihzeit in Leverkusen ab. Der FC Bayern will ihn zurückhaben, klar, Kroos ist jetzt Nationalspieler.
Diesmal ist es der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, der sagt: "Wir haben für Toni die Rückennummer Zehn reserviert."
Es ist schwer zu sagen, ob sich Kroos darüber freut.
"Ich sehe solche Aussagen als Auftrag, sie zu bestätigen", sagt er. Es ist ein nüchterner, etwas staatstragender Satz. Kroos spricht meistens so vorsichtig. Man kann deshalb oft nur erahnen, was er denkt.
Kroos ist der Prototyp des modernen Jungprofis. Die Zeiten der launenhaften Egozentriker und der schlampigen Genies sind in der Bundesliga weitgehend vorbei. In den Nachwuchszentren der Clubs durchleben die Spieler bereits eine Miniversion des Profilebens. Sie werden von diplomierten Trainern technisch und taktisch ausgebildet, von Physiotherapeuten und Psychologen betreut, getestet, ausgesiebt. Bei manchen Vereinen sind inzwischen Tätowierungen und lange Haare nicht geduldet, selbstverständlich müssen die Jungkicker auch in der Schule mithalten können. So gehen vielen Spielern jugendlicher Übermut und flotte Sprüche ab.
Toni Kroos ist es egal, dass es manchmal heißt, er sei ein Langweiler. Er mag das wilde Leben nicht, weil es die Konzentration auf Fußball stört. Seit dem Wechsel zu Bayer wohnt er in Köln-Hahnwald, einem exklusiven Villenvorort. Der Maler Gerhard Richter hat hier sein Haus, der Entertainer Stefan Raab oder die Familie Mühlens, der früher die Firma 4711 gehörte. Kroos hat sich mit seiner Freundin in Hahnwald eingemietet, weil man dort gut mit den Hunden spazieren gehen könne, sagt er. Das Paar geht selten aus, im letzten Sommer haben die beiden eine Mittelmeerkreuzfahrt gemacht.
Ist so einer der Richtige für den schillernden FC Bayern München?
"Mental ist Toni stark", sagt Birgit Kroos, "aber von der Zeit in München ist eine größere Narbe zurückgeblieben, als ich damals gedacht habe." Ihr Sohn erlebte dort, dass Fußballclubs sich Spielern gegenüber oft wie Männer verhalten, die alle Kraft darin investieren, eine Frau zu erobern, aber bei den ersten Schwierigkeiten das Interesse verlieren. So etwas mag als Lebenserfahrung wichtig sein, aber man braucht sie auch nur einmal.
Nun überlegt Kroos, ob es nicht besser wäre, zumindest noch ein weiteres Jahr in Leverkusen zu bleiben, und hat das auch Karl-Heinz Rummenigge erklärt, als dieser neulich zum Gespräch an den Rhein kam. "Hier habe ich schließlich den Spaß am Fußball wiedergefunden", sagt Kroos.
Rummenigge zeigt Verständnis für den Spieler. "Er hat bei uns eine Zeit erlebt, die für ihn nicht lustig war", sagt er. Doch ab dem Sommer soll alles vergessen sein. Kroos ist als der neue Spielmacher in München fest eingeplant. Der jetzige Bayern-Trainer Louis van Gaal habe sich bereits DVDs kommen lassen und Kroos genau studiert.
Van Gaal sei von ihm begeistert, berichtete Rummenigge Kroos. Beruhigt hat ihn das noch nicht.
(*1) Beim Länderspiel gegen Argentinien in München am 3. März.
Von Christoph Biermann

DER SPIEGEL 13/2010
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