03.04.2010

PRESSEFREIHEITNackt im Internet

Mit KGB-Methoden wird in Moskau der deutsche Verlag Axel Springer unter Druck gesetzt: Ein Chefredakteur tappte in eine Sexfalle.
Den Reizen von Lora konnte Frankreichs Botschafter in Moskau nicht widerstehen. Agenten des sowjetischen Geheimdienstes KGB verfolgten das zärtliche Rendezvous mit der blonden russischen Schauspielerin aus dem Nachbarzimmer. Das war Ende der fünfziger Jahren, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges.
In jüngster Zeit scheinen russische Geheimdienstkreise wieder zu ähnlichen Praktiken zu greifen. Diesmal haben sie neben Oppositionellen auch Europas größten Zeitungskonzern im Visier: den deutschen Verlag Axel Springer, der mit den Lizenzausgaben von "Newsweek" und "Forbes" zu den wenigen unabhängigen Akteuren auf dem Medienmarkt Russlands zählt.
Die Falle war bereits gestellt, als Michail Fischman, 37, "Newsweek"-Starjournalist, um drei Uhr nachts das Springer-Gebäude im Norden Moskaus verließ. Eine Frau stand am Straßenrand, Anfang zwanzig, langbeinig. Katja Gerassimowa jobbt als Gelegenheitsmodel, Freunde nennen sie Mumu. Der Journalist nahm sie im Wagen mit, sie trafen sich wieder, begannen eine Affäre. Mitte März tauchten die Aufnahmen des Techtelmechtels aus dem Sommer 2008 im Internet auf. Fischman war inzwischen "Newsweek"-Chefredakteur. Manche Aufnahmen zeigen ihn nackt, einmal nimmt er ein weißes Pulver zu sich - vermutlich Kokain. Der Journalist ist heute sicher, dass Mumu "damals nicht zufällig dort stand". Sie wusste, wo sie Fischman abpassen konnte. Offenbar hatte sie Komplizen, vielleicht sogar direkt im Springer-Haus.
Die Schmutzkampagne gegen den Top-Mann trifft Springer in einer schwierigen Zeit. Die Übernahme des Russlandgeschäfts des Konkurrenten Gruner + Jahr stockte über Monate, weil Wladislaw Surkow, Chefideologe des Kreml und für Medien zuständiger Vizechef der Präsidialverwaltung, die Zustimmung zu dem Deal hinauszögerte.
Das nährt den Verdacht, dass die Operation Fischman Springers Expansionspläne torpedieren soll, um die Meinungsmacht der Deutschen zu begrenzen. Allerdings ist die russische Auflage von G + J-Titeln gering, die Ausrichtung von Magazinen wie "Geo" unpolitisch.
Offenbar sind Springers russische Reporter zu unbequem geworden. Fischman hat "Newsweek" politischer und kritischer gemacht. So enthüllten seine Reporter Ende März, wie sich hochgestellte russische Beamte an Staatsaufträgen bei Bauprojekten bereichern. Selbst in sei-nen Anzeigenkampagnen setzt das Blatt noch ironische Spitzen gegen das Regime. "In Russland", stand auf den Plakaten, "wächst das Vertrauen in die Gerichte." Neben dem Slogan war die Hand eines Marionettenspielers zu sehen, eine Anspielung auf die allgegenwärtige Korruption und Obrigkeitshörigkeit im Justizwesen.
Das Wirtschaftsblatt "Forbes" berichtete jüngst über die undurchsichtigen Geschäfte einiger Gefolgsleute von Premierminister Wladimir Putin im Umfeld der staatlichen Handelsflotte und über den verblüffenden Geschäftserfolg der Jugendfreunde des Regierungschefs.
Anfang Februar wurde ein Mann in der "Forbes"-Redaktion vorstellig, kurz zuvor hatte das Blatt einen Artikel über die aus vermutlich veruntreuten Firmengeldern finanzierten "Datschen für die Bosse von Gazprom", dem Moskauer Energiegiganten, veröffentlicht. Er müsse den Autor sprechen, forderte der Mann, der sich Major Andrej Safarow nannte, es gebe Ermittlungen gegen den Journalisten, angeblich wegen Erpressung. Der Fremde wedelte mit einer Dienstplakette, auf der ein Schwert und ein Schild prangten, das Emblem des Inlandsgeheimdienstes FSB. Dort jedoch will ihn niemand kennen.
Schon einmal, 2007, hatte Springer massive Probleme in Russland und stand kurz vor dem Rückzug aus dem anfangs wenig profitablen Geschäft. Damals hatte die Bauunternehmerin Jelena Baturina, Gattin des Moskauer Oberbürgermeisters und reichste Frau des Landes, "Forbes" wegen angeblich rufschädigender Äußerungen verklagt.
Jetzt aber hat Springer keine andere Wahl, als sich hinter die angefeindete Russland-Tochter zu stellen. "Newsweek" und "Forbes" sind Bastionen der Pressefreiheit in einem Land, in dem seit 2000 mindestens 17 Journalisten wegen ihrer Berichterstattung getötet wurden. Kritische Medien stehen unter ständigem Druck. Im Dezember legten Hacker den Server der unabhängigen Wirtschaftszeitung "Wedomosti" lahm. Unbekannte schicken der Zeitung "Nowaja gaseta", die für ihre kremlkritische Haltung bekannt ist, regelmäßig tote Ratten und abgeschnittene Eselsohren.
Auch in der Moskauer Springer-Dependance rüsten sich die Verlagsmanager für künftige Auseinandersetzungen. Sie fürchten, dass den Redaktionen belastende Materialien untergeschoben werden. Deshalb lassen sie jetzt Überwachungskameras anbringen.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 14/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PRESSEFREIHEIT:
Nackt im Internet

Video 01:48

Indonesien Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen

  • Video "Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung" Video 00:00
    Stimme aus dem Sarg: Toter spricht auf seiner eigenen Beerdigung
  • Video "Rituale im britischen Unterhaus: Lady Usher of the Black Rod" Video 01:41
    Rituale im britischen Unterhaus: "Lady Usher of the Black Rod"
  • Video "Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: Wir haben ein Statement abgeliefert" Video 03:19
    Englands Trainer nach rassistischen Vorfällen: "Wir haben ein Statement abgeliefert"
  • Video "Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend" Video 01:42
    Optische Illusionen: Alles höchst verwirrend
  • Video "Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth" Video 00:50
    Größer geht nicht: Kreuzfahrtschiff im Kanal von Korinth
  • Video "Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad" Video 04:33
    Videoanalyse: Kurden schmieden Allianz mit Assad
  • Video "Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona" Video 01:26
    Proteste gegen Separatisten-Urteil: 50 Verletzte in Barcelona
  • Video "Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden" Video 01:31
    Ex-Fußball-Torhüter: Petr Cech wird zum Eishockey-Helden
  • Video "Wiedereröffnung des britischen Parlaments: Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen" Video 03:41
    Wiedereröffnung des britischen Parlaments: "Die Queen musste ein Tory-Wahlprogramm vorstellen"
  • Video "Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne" Video 01:39
    Queen's Speech: Elizabeth II. verliest Johnsons Pläne
  • Video "Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch" Video 05:57
    Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Video "Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören" Video 01:23
    Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Video "Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt" Video 04:00
    Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Video "Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen" Video 07:46
    Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen
  • Video "Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen" Video 01:48
    Indonesien: Orang-Utans werden Opfer von Brandrodungen