12.04.2010

AFFÄRENWeit weg vom Elend

Dienstvilla, Maserati, Chauffeur - mit seiner Obdachlosenbetreuung Treberhilfe Berlin finanzierte sich Harald Ehlert ein Luxusleben. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.
Es war ein warmer Juliabend, das Feuerwerk hatte begonnen, im Garten einer Neo-Renaissance-Villa im Havelland feierten sie ein großes Fest. Berlins wichtigste Obdachlosenbetreuung, die Treberhilfe, hatte keine Kosten gescheut. 500 Gäste wurden mit Essen und Getränken für 44 000 Euro verwöhnt.
Auf der Bühne stand Harald Ehlert, ein großer, schwerer Mann, wie immer ganz in Schwarz und mit Seidenschal und Hut. Er nahm das Mikrofon, die Band spielte jetzt einen Sinatra-Song. "I did it my way", sang Ehlert, als wäre das Lied für ihn geschrieben. Schließlich führte auch er sein Leben und die Treberhilfe auf ganz eigene Art.
Sein Dienstwagen war ein 152 000-Euro-Maserati, seine Dienstwohnung in einer Villa am See, sein Jahresgehalt belief sich zuletzt auf 322 000 Euro. Obdachlosenhilfe und ein Leben im Luxus, für Ehlert passte das zusammen.
Der Berliner Senat und das Diakonische Werk, bei dem die Treberhilfe Mitglied ist, haben Mitte März gegen Ehlert, 47, Strafanzeige wegen des Verdachts auf Untreue erstattet. Nachdem sein Dienst-Maserati mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Radarfalle geraten war, hatte sich ein öffentlicher Skandal um seine Verschwendungssucht entwickelt.
Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Berlin. Ihre wichtigste Quelle ist ein vorläufiger 600-Seiten-Bericht der Prüfgesellschaft Forensic Management, der dem SPIEGEL vorliegt. Er zeichnet das Bild eines Mannes, der offenbar keine Hemmungen dabei kannte, sich aus den öffentlichen Geldern für die Bedürftigen zu bereichern.
Ernsthafte Grenzen wurden ihm kaum gesetzt, nicht von Berliner Behörden, nicht von der Diakonie. Ehlerts Fall zeigt, wie Anbieter auf dem Wohlfahrtsmarkt in Deutschland kontrolliert werden: im schlimmsten Fall gar nicht. In der Hauptstadt wird gegen den Vereinsvorsitzenden eines anderen Trägers ermittelt, der auch Geld verschleudert haben soll.
"Soziale Arbeit ist keine Ware", sagt die Berliner Sozialsenatorin Carola Bluhm, "wir brauchen eine unabhängige Kontrolle für Vereine und Unternehmen im Sozialbereich."
Menschen in Not zu versorgen ist ein Riesengeschäft. Allein die Hauptstadt zahlt 2,3 Milliarden Euro an gemeinnützige Vereine und Unternehmen.
Die Treberhilfe ist auf dem Berliner Markt ein großer Träger. Ihre 280 Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr 3000 Menschen betreut, das Unternehmen machte 2008 zwölf Millionen Euro Umsatz.
Lange hatte Ehlert einen guten Ruf. Er galt als findiger Sozialmanager mit Gefühl für Not und Bedürftigkeit. Und als einer mit Ideen, wie daraus ein Geschäft zu machen ist. Sozialarbeit sollte sich für alle lohnen, die Obdachlosen, den Staat, für Ehlert natürlich auch. "Social Profit" nannte er das. Noch im Februar veranstaltete er in Berlin eine Konferenz über derart effiziente Sozialarbeit.
Angefangen hatte er klein. Ehlert kam aus Detmold nach West-Berlin, wurde Sozialarbeiter und kümmerte sich im Bezirk Schöneberg um sechs junge Obdachlose. 1989 wurde daraus die Treberhilfe Berlin e. V., ein Verein, der rasch Wohn- und Beratungsprojekte aufzog, 1991 mit 25 Mitarbeitern, bald waren es mehr als 100. Ehlert wurde bekannt in der Stadt, sein soziales Profil beeindruckte, die SPD schickte ihn 1999 ins Abgeordnetenhaus.
2005 kaufte der Verein eine Villa bei Potsdam, im Örtchen Caputh, wo Albert Einstein einst seine Sommer verbrachte. Hier, weit weg vom Berliner Elend, wollte die Treberhilfe ein Schulungszentrum eröffnen.
Und Ehlert wollte hier wohnen.
Allerdings war an dem Anwesen am See noch ein bisschen was zu richten. Deshalb mietete die Treberhilfe den Sommer über im Landhaus Ferch ein Zimmer, auch schön am Wasser gelegen. Der Raum im obersten Stock war der größte, mit dem besten Blick auf den See. Er müsse den Bau überwachen, erklärte Ehlert im Hotel. Die Rechnungen zahlte er mit einer Kreditkarte der Treberhilfe. Die verbuchte die Kosten - 8976 Euro für 156 Übernachtungen - unter "Baubetreuung".
Alles schien nun möglich. Inzwischen war die Treberhilfe auch nicht mehr nur ein Verein. Ehlert hatte eine Konstruktion gefunden, die offenbar zu seinen Ansprüchen passte, die mehr Macht versprach und wirtschaftliche Freiheit.
Die Treberhilfe ist seit Oktober 2005 eine gGmbH, eine gemeinnützige Gesellschaft. Der alte Verein wurde zum 50-Prozent-Gesellschafter der neuen Firma, dort vertreten von einem alten Gefährten Ehlerts aus dem Vereinsvorstand. Die anderen 50 Prozent übernahm Ehlert selbst.
Er war jetzt Geschäftsführer des Vereins, Gesellschafter und Geschäftsführer der gGmbH. Dreimal an der Macht.
Neue Mitarbeiter der Treberhilfe bekamen in der Regel nur noch 20 Tage Urlaub im Jahr und ein paar hundert Euro Urlaubsgeld - einen Betriebsrat gibt es in dem Unternehmen seit längerem nicht mehr.
Ehlert hingegen genehmigte sich als gGmbH-Geschäftsführer 14 Monatsgehälter, insgesamt 183 000 Euro waren es 2006, und 36 Tage Urlaub im Jahr. Einer seiner alten Gefährten unterschrieb ihm diesen und andere Ergänzungsverträge, als Mitgesellschafter unterzeichnete Ehlert außerdem selbst. Sein Gehalt stieg seither erheblich. Es war, als habe er seine Fesseln abgelegt, sagen Leute, die ihn damals trafen.
Für die Wohnung in der Villa in Caputh unterschrieb Ehlert einen Mietvertrag für beide Seiten selbst. Als Geschäftsführer der Treberhilfe für den Vermieter - und noch einmal als Mieter.
Gut 870 Euro zahlte er im Dezember 2009 für eine 89-Quadratmeter-Dienstwohnung inklusive Weinkeller sowie für die Nutzung von Bootshaus, Steg und Garage. Das gesamte Ensemble nutzte er für private Zwecke.
Es fügte sich gut, dass das Anwesen für die Treberhilfe aufwendig renoviert worden war: ein Kamin, Kosten: 10 905,04 Euro, ein Bad mit Sauna, Hamam und Whirlpool, Kosten: 78 616,24 Euro, auch Bootshaus und Steg waren verschönert worden, für 152 818,02 Euro.
Übermäßigen Betrieb musste es im Haupthaus nicht mehr zwingend geben: Die Kurse für die Sozialarbeiter fanden in der Regel in einem neuen "Seminarpavillon" im Garten statt, dessen Bau 647 382,34 Euro verschlungen hatte.
Einen Großteil ihrer Gelder, knapp acht Millionen Euro im Jahr 2008, bekam die Treberhilfe von der Sozial- und Bildungsverwaltung des Berliner Senats und den Stadtbezirken. Der Senat zahlte für verschiedene Beratungs- und Jugendprojekte, die Bezirke überwiesen feste Sätze für die Betreuung hilfsbedürftiger Personen.
Doch die Kontrollmöglichkeiten waren offenkundig begrenzt. Berlin habe nur die Qualität der Leistungen prüfen können, nicht aber, was die Treberhilfe mit ihren Gewinnen machte, sagt Sozialsenatorin Bluhm.
Ehlert wurde so zum Mann, dem Berlin, die arme Stadt, ein luxuriöses Leben ermöglichte. Ein schlechtes Gewissen hatte er offensichtlich nicht, als evangelischer Sozialkapitalist hat er sich einmal bezeichnet sowie als "Mischung aus Mutter Teresa, Horst Schimanski und Dagobert Duck". Selbst auf Barack Obama bezieht er sich. Als Obama zum US-Präsidenten gewählt wurde, gratulierte Ehlert mit einer halbseitigen Zeitungsanzeige ("Der erste Sozialarbeiter im Weißen Haus").
Zu seinem Selbstverständnis gehört offenbar, dass sich ein Unternehmer effizienter um sein Produkt kümmern kann als ein Sozialarbeiter - selbst wenn der mit den allerbesten Absichten handelt.
Produkt, das ist in diesem Fall die Obdachlosenhilfe, ein Markt, auf dem allein in Berlin Dutzende wohltätige Einrichtungen konkurrieren. Wer mehr Obdachlose betreut, bekommt mehr Geld vom Staat. So einfach geht diese Rechnung. "Wir dürfen wie alle anderen teilhaben an den schönen Dingen des Lebens", sagte Ehlert 2008 dem "Tagesspiegel".
Und daran hat er sich gehalten. Die kräftig sprudelnden Einnahmen der Treberhilfe flossen nicht so sehr in die Gehälter der Mitarbeiter, auch die Wohnprojekte der Obdachlosen wurden eher sparsam eingerichtet. Dafür gab es repräsentative Firmenwagen: den Maserati für sich, außerdem 16 BMW, darunter drei zweisitzige Cabrios. Alle gekauft, nicht geleast.
Seit er in Caputh wohnte, mussten die Mitarbeiter, die er sprechen wollte, oft zu ihm in die Villa kommen. Anderthalb Stunden fuhren sie von Schöneberg hin und anderthalb Stunden zurück.
Mehrere Angestellte standen in der See-Villa zur Verfügung, sein Fahrer, eine Sekretärin und zwei Haushälterinnen - alle überwiegend von der Treberhilfe bezahlt. So wie die Rechnungen aus einem Supermarkt in Caputh und einem Feinkostgeschäft in Berlin. Dort orderte Ehlert allein im vergangenen Jahr unter anderem Jacobsmuschelfleisch, Hummer und Entenbrust für mindestens 5000 Euro.
Trotz mehrfacher Interviewanfragen möchte sich Ehlert nicht zu den Vorwürfen äußern. Einen konkreten Fragenkatalog beantwortete sein Anwalt zwar, verbot aber jedwede, auch nur indirekte publizistische Nutzung seiner Antworten.
Im Vergleich zu anderen Dienstwagen sei "unser Maserati nur hübscher, aber nicht teurer", sagte Ehlert im Februar in einem "Stern"-Interview. Die Nutzung des Wagens sei vom Finanzamt nach einer längeren Diskussion legitimiert worden.
Seine Arbeit bezeichnete er als "sozialen Front-Job, der nichts für Weicheier ist und auch noch wirtschaftlich sein muss".
Ehlert will nun um sein Lebenswerk kämpfen, er sieht nicht ein, dass er Fehler gemacht hat. Bei seinen Mitarbeitern warb er um Unterstützung, als die Affäre um den Maserati losbrach.
Aber viele wollen nicht mehr. Sie unterzeichneten auf einer Mitarbeiterversammlung einen offenen Brief gegen ihn. Hinten saß ein Mann, den fast niemand kannte, und machte Notizen. Es war Ehlerts alter Gefährte aus dem Verein, der alle Verträge unterschrieben hat.
Kurz darauf war Ehlert in der Zentrale in Schöneberg. Hinter einer Tür hörte man ihn brüllen. Er wollte wissen, wer hinter dem offenen Brief stecke, er wollte Personalakten. Er wollte den neu eingesetzten Geschäftsführer entlassen.
So leicht, scheint es, will Ehlert von der Macht nicht lassen.
Es sieht so aus, als könnte ihm das gelingen. Noch gehört ihm die Hälfte des Unternehmens. In der letzten Woche hat der Aufsichtsrat, den es bei der Treberhilfe seit kurzem gibt, erst mal den neuen Geschäftsführer weggeschickt - wohl ganz in Ehlerts Sinne.
Der Kurzzeit-Geschäftsführer hat nun Hausverbot. Er hatte versucht, die Vorwürfe gegen Ehlert aufzuklären.
Von John Goetz und Wiebke Hollersen

DER SPIEGEL 15/2010
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