19.04.2010

HAITIStars in Ruinen

Der Wiederaufbau des zerstörten Landes verläuft schleppend, über eine Million Menschen leben noch in Zeltlagern. Nun eilen Hilfstruppen aus Hollywood auf die Insel.
Jinette Dorvideau umklammert den Vorschlaghammer, holt aus und schlägt auf die einsturzgefährdete Ruine vor sich ein. Ihre Kolleginnen sammeln die heruntergefallenen Mauerbrocken auf, tragen sie zur Straße und werfen sie auf einen Schutthaufen, mit bloßen Händen. Schweres Gerät ist rar in Petit Goâve, die meisten Bagger sind in Port-au-Prince im Einsatz, 70 Kilometer weit entfernt.
Jinette Dorvideau ist eine kräftige Mulattin mit rotlackierten Fingernägeln, Ende zwanzig. Beim Erdbeben vor drei Monaten hat sie ihren einzigen Sohn und ihr Haus verloren, jetzt lebt sie in einem Verschlag aus Pappe und Plastikplanen. Sie hat früher als Straßenhändlerin gearbeitet, aber im Moment will niemand etwas kaufen, nun erhält sie vier Euro pro Tag, damit sie Schutt und Ziegel beseitigt.
In Petit Goâve ist die Hälfte aller Häuser zerstört, weitere 30 Prozent sind einsturzgefährdet. Die 35 000-Einwohner-Stadt lag wenige Kilometer vom Epizentrum eines der schwersten Nachbeben entfernt.
Dorvideau arbeitet in einem Trupp von 45 Helfern, etwa zwei Wochen brauchen sie, um eine Ruine abzutragen. Ihre Arbeit unterbrechen sie nur, wenn sie auf verschüttete Leichen stoßen. Wenn sie ohne Schutzbrille und Helm arbeiten, schimpft ihr Chef.
Der ist Deutscher und spricht haitianisches Kreol mit hessischem Akzent. Rudolf Kögler kommt aus dem Spessart, trägt Sandalen und ein grünes T-Shirt, auf seiner Glatze perlt der Schweiß. Kögler ist Entwicklungshelfer, er war schon in Ruanda, im Sudan und gleich nach dem Tsunami in Indonesien; seit Jahren schickt die Welthungerhilfe ihn zu den Katastrophen dieser Welt.
Seit sechs Wochen ist er jetzt in Haiti, er überwacht das Programm "Cash for work", bei dem die Haitianer Geld dafür bekommen, dass sie ihre zerstörten Städte aufräumen. Doch der Wiederaufbau des zerstörten Landes kommt nicht voran. Die Hauptstadt Port-au-Prince ist nach wie vor eine Trümmerlandschaft, überall erheben sich Schuttberge, Hunderttausende einsturzgefährdete Häuser müssen abgerissen werden. Über eine Million Menschen übernachten in etwa 1200 Zeltlagern. Die Regenzeit hat eingesetzt, bald beginnt die Hurrikansaison. Niemand weiß, wo die Obdachlosen dann untergebracht werden sollen.
In Petit Goâve sind auch die Stadtverwaltung und das Gericht in Zelten untergekommen. Der Staat, vor dem Beben schon schwach, ist kaum handlungsfähig. Hilfsorganisationen füllen die Machtlücke, allein in Petit Goâve kümmern sich 50 internationale NGOs um die Erdbebenopfer.
Ihre Projekte koordiniert die NGO-Gemeinde in der Clubanlage Fort Royale, in der sich einst die Mitglieder des Lions Club trafen. Nun steht Rudolf Kögler aus Hessen hier unter einem Mangobaum, um ihn herum zwölf Helfer.
Marek, ein bleicher Tscheche mit Bartflaum und Che-Guevara-T-Shirt, arbeitet für die Organisation PIN, People in Need of Partnership. Die Italienerin Silvia verteilt für eine italienische Hilfsorganisation Essen an 120 bedürftige Familien. Auch die Amerikanerin Lorraine ist für Lebensmittelverteilung zuständig.
Außerdem dabei: ein Kongolese, der für die Welternährungsorganisation FAO arbeitet, eine Kanadierin, ein Landwirtschaftsexperte aus Burundi und zwei verschüchterte Haitianer vom Zivilschutz. Kögler spricht abwechselnd Französisch, Englisch und Italienisch. "Wir versuchen, den Staat an unseren Entscheidungen zu beteiligen", sagt er, "auch wenn es schwierig ist." Ab und an kommt zumindest der Bürgermeister von Petit Goâve bei ihm auf einen Kaffee vorbei.
An den meisten Projekten im Land ist die Regierung nicht beteiligt. Schon vor dem Beben hing Haiti am Tropf der internationalen Gemeinschaft, der Staatshaushalt wurde zu über 80 Prozent aus Hilfsgeldern bestritten. Jetzt haben die NGOs auf fast allen Ebenen das Handeln übernommen.
Die Kontrolle über die internationalen Hilfsgelder ist einer 23-köpfigen Kommission übertragen worden, geleitet vom ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton und von Haitis Premierminister Jean-Max Bellerive. Parlament und Opposition sind nicht beteiligt, auch die Exekutive hat ohne den Segen der NGOs keinen Zugriff auf das Geld. So soll verhindert werden, dass es in den Taschen korrupter Politiker versickert.
Zehn Milliarden US-Dollar hat die internationale Gemeinschaft auf der Geberkonferenz in New York für den Wiederaufbau versprochen; 5,3 Milliarden will sie allein in den kommenden zwei Jahren in die Karibikrepublik pumpen. Die Regierung hat einen Plan vorgelegt, der das zerrüttete Land innerhalb weniger Jahre in eine blühende Nation verwandeln soll. Er sieht vor, die Landwirtschaft zu unterstützen, das vernachlässigte Landesinnere wirtschaftlich zu erschließen und so die übervölkerte Hauptstadt zu entlasten.
Es ist ein ehrgeiziger Plan, aber er setzt stabile politische Verhältnisse voraus. "Ohne einen starken Staat bekommen wir das Chaos nie in den Griff", sagt Charles Castel, Präsident der Zentralbank und ein Vertrauter des Präsidenten Préval. Castels Büro liegt in einem der wenigen Regierungsgebäude, die das Beben überstanden haben. Von hier hat man einen deprimierenden Blick über die Trümmerlandschaft der Hauptstadt.
Préval ist ein schwacher Präsident, in den ersten Wochen nach dem Beben war er praktisch abgetaucht. Seine Amtszeit läuft im kommenden Februar aus, noch vor Ende dieses Jahres sollen Wahlen stattfinden, um ein Machtvakuum zu vermeiden.
Doch wer soll das Land aus der Krise führen? Glaubwürdige Politiker sind nicht in Sicht. Rudolf Kögler sieht in den anarchischen Verhältnissen das größte Hindernis für den Wiederaufbau. Er glaubt nicht mehr an eine neue politische Führung. "Haiti braucht eine Schutzmacht", sagt er.
In Petit Goâve sorgt bislang die spanische Armee für Sicherheit. Ihr Quartier ist ein ehemaliger Nachtclub am Stadtrand, die Soldaten patrouillieren rund um die Uhr, bis zum 4. Mai, dann werden sie abgezogen. Kögler hofft, dass sie durch US-Truppen ersetzt werden.
Aber Washington möchte um keinen Preis als Besatzungsmacht wahrgenommen werden. Nach dem Beben hatten die Amerikaner 10 000 Soldaten geschickt, 2000 haben sie inzwischen wieder abgezogen.
Auch die Kontrolle des Flughafens haben sie wieder den Haitianern übertragen. "Wir sind hier, um humanitäre Hilfe zu leisten, unsere Truppen waren nie für die Sicherheit zuständig", sagt US-Botschafter Kenneth Merten.
Der Botschafter glaubt, die Amerikaner selbst hätten zur Schwächung des haitianischen Staates beigetragen, indem sie 20 Jahre lang vorwiegend mit NGOs zusammenarbeiteten und nicht mit der Regierung. Außerdem, so Merten, sei die Hilfe ineffektiv gewesen: "Wenn man überlegt, wie viel Geld nach Haiti geflossen ist, fällt die Bilanz dürftig aus."
Dafür haben nun Reisegruppen aus Hollywood die Insel für sich entdeckt: Demi Moore war erst vergangene Woche da, sie besuchte ein Kinderkrankenhaus, machte ein Handyfoto von sich und einem kleinen Jungen, der drei Finger verloren hat, und stellte das Bild anschließend auf Twitter. Zuvor waren die Schauspieler Angelina Jolie und Vin Diesel gekommen. Susan Sarandon und Ben Stiller blieben gleich mehrere Tage. Die Glamour-Hilfe ist nicht mehr aufzuhalten, so unkoordiniert sie auch sein mag.
Vor zehn Tagen war der kolumbianische Popstar Shakira eingeflogen, um ein Baugelände für eine Schule zu suchen. "Ich sah eine Nation, die abhängig ist von unseren Versprechen und unserem guten Gedächtnis", schrieb sie später auf ihrer Website.
US-Schauspieler Sean Penn, der seit dem Erdbeben auf Haiti wohnt, führte Shakira über den Golfplatz des Reichen-Vororts Pétionville, wo über 50 000 Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die 82. Airborne Division der U. S. Army, die über den Zugang zu dem Gelände wacht, sorgte für Shakiras Sicherheit.
Penn hat nach dem Beben eine eigene Hilfsorganisation für Haiti gegründet. Er schläft seither in einem Zelt am Rande des Camps, von hier aus überwacht er die Hilfsarbeiten. In blauem T-Shirt und olivgrünen Kampfhosen stiefelt er durch den Matsch, um jedes Detail kümmert er sich persönlich. Kaum ein Haitianer erkennt ihn, nur die ausländischen Helfer lassen sich gern mit ihm fotografieren.
Sean Penn hat ein Krankenhaus, eine Zahnklinik und eine Röntgenstation errichten lassen, er befestigte die schlammigen Wege eigenhändig mit Sandsäcken und verteilte Trinkwasser. Derzeit organisieren seine Mitarbeiter die Verlegung von 9000 Menschen in ein neues Lager am Stadtrand. Der Regen hat ihre Baracken unterspült, doch die Insassen ziehen nur ungern um.
"Vielen Erdbebenopfern geht es jetzt besser als vor der Katastrophe", sagt Michael Kühn, Leiter der Welthungerhilfe in Port-au-Prince. "Sie bekommen eine ärztliche Versorgung, Trinkwasser, Essen, medizinische Verpflegung - Dinge, die sie vorher nicht hatten."
Die Regierung fordert deshalb, dass keine Lebensmittel mehr verteilt werden, die Welthungerhilfe hat sich dem Appell angeschlossen. Sie will verhindern, dass sich die Zeltlager in dauerhafte Slums verwandeln. Dafür ist es vielleicht schon zu spät: In vielen Camps haben die Bewohner Läden, Werkstätten und Schönheitssalons eröffnet, in den Notbehausungen ist eine eigene Infrastruktur entstanden.
Es soll auch Slumbewohner geben, die schon in ihre Häuser zurückgehen könnten, das aber verweigern. Sie müssten dann Miete zahlen.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 16/2010
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