19.04.2010

POLENDie weinende Nation

Die Flugzeugkatastrophe von Smolensk hat den verunglückten Präsidenten Lech Kaczy#x0144ski zur nationalen Ikone gemacht, sein Zwillingsbruder Jaroslaw könnte sein politisches Erbe antreten.
Der Anruf aus Russland ist eben gekommen. Sie haben Andrzej Sariusz-Skapski identifiziert. "Er war nur noch an seinem Siegelring zu erkennen", sagt seine Tochter Izabella. Seit ihr Vater tot ist, trägt sie Schwarz.
Sie sitzt in ihrer Wohnung in der Krakauer Altstadt und dreht den silbernen Ring an ihrem Finger. Es ist der gleiche, wie ihn der Vater trug, sein Geschenk zu ihrer Doktorarbeit. Sie hat über Katyn geschrieben. Durch das Fenster in der Küche kann sie den Wawel sehen, die Krakauer Burg. Dort, wo Polens berühmter König Jan III. Sobieski liegt, aber auch der Unabhängigkeitsheld Józef Pilsudski, war zum Wochenende alles vorbereitet für die Beisetzung von Lech Kaczyński. Polens Präsident starb eine Woche zuvor, als sein Flugzeug auf dem Weg nach Katyn abstürzte.
Ausgerechnet bei Katyn! Vor 70 Jahren hatte der sowjetische Geheimdienst dort und in anderen Lagern etwa 22 000 Polen ermordet. Der Präsident, seine Frau, hohe Militärs und Politiker wollten zu einer Gedenkfeier, und Andrzej Sariusz-Skapski war mit an Bord.
Izabella Sariusz-Skapska blickt auf die beiden Fotos in ihrer Hand. Das eine zeigt den Vater, Andrzej, das andere, vergilbte, Großvater Boleslaw. Auch er starb in Katyn, 70 Jahre vor seinem Sohn: auf Geheiß Stalins, durch einen Genickschuss. Boleslaw Sariusz-Skapski war Staatsanwalt und 35 Jahre alt, als die Russen ihn bei ihrem Einmarsch 1939 im ostpolnischen Dubno festnahmen. Ein einziges Mal durfte er als Gefangener noch Frau und Kind sehen. Damals übergab er ihr den Siegelring. Sohn Andrzej trug ihn sein ganzes Leben lang, auch am vorvergangenen Samstag um 8.56 Uhr, als die Präsidentenmaschine im dichten Nebel vor Smolensk zu Boden ging.
"Die Feier mit dem Präsidenten sollte für ihn die nachgeholte Beerdigung seines Vaters sein", sagt Sariusz-Skapska.
Das Erdgeschoss ihres fünfstöckigen Altstadthauses haben die Sariusz-Skapskis an vier Araber vermietet. Sie handeln mit orientalischen Gewürzen. Als Izabella Sariusz-Skapska vorige Woche einmal die Treppe herunterkam, hielt ihr einer der Männer die Tür auf und sagte in fließendem Polnisch: "Frau Izabella, mein herzliches Beileid. Wir verstehen Sie jetzt. Heute lief auf al-Dschasira ein langer Bericht über Katyn."
Darüber immerhin kann sich Izabella Sariusz-Skapska freuen: "Die Welt hat endlich zur Kenntnis genommen, was vor 70 Jahren in Katyn geschah."
Am Sonntag nach dem Begräbnis ging die offizielle Staatstrauer zu Ende, aber die Tragödie wird Polen prägen - zumindest den Kampf um die Nachfolge des Toten: Wird Lechs Zwillingsbruder Jaroslaw das politische Erbe seines Bruders antreten? Schrecken und Trauer hatten die über Katyn zerstrittenen Polen und Russen vergangene Woche einander nähergebracht. Aber ist die Entspannung von Dauer?
Am Freitagmittag voriger Woche herrschte Stille am Absturzort bei Smolensk, nur schwer war vorstellbar, welche Katastrophe sich hier sechs Tage zuvor abgespielt hatte - in dichtestem Nebel, bei miserabler Sicht.
Die letzten Trümmer waren weggeräumt, 76 von 96 toten Passagieren identifiziert. Die zerschmetterten Teile des Flugzeugs vom Typ Tupolew-154-M werden derzeit in Kleinarbeit unweit der Unglücksstelle wieder zusammengesetzt.
Der dritte aufgefundene Flugschreiber wird in Warschau ausgewertet.
Die ganze Woche über hatten sich die Gerüchte über die Umstände des Absturzes nicht gelegt. War es wirklich so, dass Präsident Lech Kaczynski Druck auf seinen Piloten Arkadiusz Protasiuk ausgeübt hatte, um trotz des extremen Nebels eine Landung zu erzwingen - so, wie er es schon einmal im August 2008 während des Krieges zwischen Russland und Georgien im Anflug auf Tiflis getan hatte? Nein, behaupten die Ermittler, auf den Bändern seien nur die Stimmen der Piloten zu hören.
Die Untersuchungskommission ließ nichts von dem durchsickern, was sie aus den Flugschreibern erfahren hatte. Lediglich, dass die letzten Worte der Piloten, als diese die Katastrophe kommen sahen, so persönlich waren, dass man sie "aus ethischen Gründen" nicht veröffentlichen werde.
Die Chefin des für Russland und weitere elf Ex-Sowjetrepubliken zuständigen Luftfahrtkomitees, Tatjana Anodina, bekräftigte Freitagabend aber: Es habe weder Feuer noch eine Explosion an Bord gegeben. Überraschend aber war: Sie wies Meldungen zurück, Kaczynskis (Kaczyńskis) Pilot habe bei Smolensk bis zu vier Landeanflüge versucht. "Es wurde eindeutig festgestellt, dass die polnische Crew nur einen einzigen Versuch unternahm."
Jaroslaw Kaczynski hofft nun, dass auf seinen Bruder nicht noch post mortem ein Schatten fällt.
Als sich Dienstag vergangener Woche Regierung und Opposition zum Gottesdienst einfanden, saß Jaroslaw einsam in der ersten Reihe. Die Sitze um ihn herum blieben leer: Die wichtigsten Berater und Vertrauten sind mit Bruder Lech abgestürzt.
Über drei Jahrzehnte bildeten die Zwillingsbrüder ein kongeniales PolitGespann: Lech übernahm die Ämter, Jaroslaw war der Stratege im Hintergrund.
Nur weil die 83-jährige Mutter der beiden derzeit schwerkrank in einer Warschauer Klinik liegt, war Jaroslaw nicht an Bord der Unglücksmaschine. Er könnte antreten bei der Wahl für das höchste Staatsamt. Er ist jetzt der Bruder eines Märtyrers, der auf dem Wawel liegt.
Aber steht Jaroslaw die schwere persönliche Krise durch?
"Er ist ein Mann aus Stahl", sagt Pawel Poncyljusz, ein Jungparlamentarier aus Kaczynskis national-konservativer Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS).
Die Kaczynski-Brüder (Kaczyński-Brüder) hatten die Partei auf sich zugeschnitten, keine Entscheidung fiel ohne sie. Deshalb erwarten PiS-Wähler und die Mitglieder nun, so glaubt Poncyljusz, dass Jaroslaw zu den vorgezogenen Wahlen im Juni den Kampf um das höchste Staatsamt eröffnet - gegen den Kandidaten der liberal-konservativen Bürgerplattform, den Parlamentspräsidenten Bronislaw Komorowski. Der Sieg wäre ihm wohl sicher, die Welle des Mitgefühls könnte ihn ins Ziel tragen.
Allerdings setzt das voraus, dass die vergangene Woche aufgebrochene Debatte über den Beisetzungsort Lech Kaczynskis nicht erneut den Graben zwischen den politischen Lagern vertieft. Denn dass der Präsident nun gleich auf der Krakauer Königsburg bestattet wird, empfanden viele als "dicke Übertreibung". So jedenfalls stand es auf den Transparenten jener Polen, die in Krakau und Warschau gegen die Entscheidung protestierten.
Komorowski, der Herausforderer, wird einen schweren Stand haben: Man kann im Wahlkampf kaum jemanden angreifen, der gerade den nächsten Verwandten verloren hat.
Während innenpolitisch vorige Woche noch Friedenspflicht herrschte, waren die außenpolitischen Folgen schon deutlicher zu spüren, vor allem im bislang so angespannten Verhältnis zu Russland.
In Moskau war seit der Nachricht aus Smolensk Erstaunliches vor sich gegangen, und was der Vizechef der liberalen "Nowaja gaseta" Andrej Lipski in seiner Zeitung schrieb, traf die Stimmung vieler Russen: "Das erste Mal seit Jahren musste ich mich nicht für die Handlungen unserer Staatsführer schämen."
Es war seine persönliche Bilanz jener vier, fünf Tage nach dem Flugzeugabsturz, die auch den Russen als schicksalhaft für das Verhältnis zum Nachbarn Polen schienen. Moskau und Warschau hatten die Beziehungen in den vergangenen Monaten mit großer Mühe geflickt. Aber am vorvorigen Sonnabend, am Unglückstag, befürchteten viele, das "zweite Katyn" könnte die endgültige Scheidung der Polen von den Russen bringen.
Denn sofort wurde die Erinnerung an den mysteriösen Flugzeugabsturz von Wladyslaw Sikorski, dem Premier der in London residierenden polnischen Exilregierung, wieder wach. Sikorski, der von Moskau die Aufklärung der Massenmorde in Katyn forderte, stürzte im Juli 1943 vor Gibraltar ab.
Ein Absturz in Russland, mit einem russischen Flugzeug und dem bei den Russen unbeliebten Präsidenten Lech Kaczynski an Bord, und das am Schicksalsort Katyn - den Vorwurf, Russland habe Schuld, hatten Moskauer Politiker schon im Ohr.
Präsident Dmitrij Medwedew wie Premier Wladimir Putin reagierten blitzschnell. Der Präsident rief Staatstrauer aus, die es für Bürger eines anderen Staates noch nie gegeben hatte. Putin übernahm selbst die Leitung der russisch-polnischen Expertenkommission.
Dass ausgerechnet der sonst kühl wirkende Putin am Unglücksort spontan seinen polnischen Kollegen Donald Tusk umarmte und dabei Tränen nicht zurückhalten konnte, hat die Russen bewegt. "In der Politik sollte man nüchtern handeln", schrieb Lipski, "aber manchmal sollten Politiker auch auf ihre Gefühle hören - für die Verbesserung der Beziehungen zu einem so emotionalen Nachbarn wie den Polen wäre das nützlich."
Schon eine Viertelstunde nach Eintreffen der Unglücksmeldung brachte der erste russische Staatskanal Live-Schaltungen über den Absturz, andere Kanäle schoben Sondersendungen ins laufende Programm. Sie strahlten den "Katyn"-Film Andrzej Wajdas aus, der es in Russland noch nie in die Kinos geschafft hatte.
Die Fernsehchefs folgten natürlich einem politischen Wink, aber das Erstaunlichste war: All die Sendungen zum polnischen Unglück hatten beachtliche Einschaltquoten: Über 30 Prozent des russischen Fernsehpublikums sahen sie. "Es ist, als ob irgendetwas Neues zwischen uns begonnen hat", kommentierte Polens Botschafter in Moskau, Jerzy Bahr.
Und in Krakau wiederum sagte Kardinal Stanislaw Dziwisz: "Wir müssen dahin kommen, dass wir unseren russischen Brüdern sagen: Wir vergeben und bitten um Vergebung." Diesen Satz hatten die polnischen Bischöfe 1965 ihren deutschen Kollegen geschrieben und damit einem Dialog zwischen der Nation der Täter und jener der Opfer den Weg bereitet.
Der Duft hunderttausender Kerzen zog die ganze vorige Woche durch die Warschauer Innenstadt. Die Menschen hatten sie an den Denkmälern ihres nationalen Martyriums aufgestellt: am Denkmal für den Unbekannten Soldaten, an den unzähligen Gedenksteinen für von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg ermordete Polen, an der Statue Józef Pilsudskis oder vor dem Betonkreuz, das an die Pilgerfahrten Johannes Pauls II. in das kommunistische Polen erinnert. Pfadfinder hielten Wache für die Toten, Veteranen trugen die Banner längst untergegangener Regimenter durch die Straßen.
Dabei galt der ums Leben gekommene Staatschef Lech Kaczynski in Polens Medien zum Schluss nur noch als starrsinnig und erfolglos, er besaß kaum eine Chance auf die Wiederwahl. Doch die Katastrophe von Smolensk hat ihn zu einer Ikone gemacht. "Herr Präsident, Ihre Nation weint", titelte die Zeitung "Fakt".
"Wir Polen brauchen das Märtyrertum wie die Luft zum Atmen", sagt Zbigniew Mikolejko, Professor für Religionsphilosophie in Warschau. Schon immer hätten sich die Polen vor allem aus der leidvollen Geschichte definiert: angefangen mit den Teilungen der Adelsrepublik im 18. Jahrhundert über die Fremdherrschaft der russischen Zaren, der Preußen und der österreichisch-ungarischen Monarchie bis zum Überfall der Nazis. Die Tragödie von Smolensk scheint dieses Geschichtsbild ein weiteres Mal zu stützen.
"Die Identität der Polen besteht darin, sich als ewiges Opfer zu sehen", sagt Mikolejko: "Dabei sind wir ein sehr erfolgreiches Land."
1989 schüttelte Polen ohne Blutvergießen das kommunistische Joch ab. Die polnische Wirtschaft boomt ununterbrochen, sie konnte im Krisenjahr 2009 als einzige in der EU ein Wachstum verzeichnen.
Trotzdem verharrt das Land im Opfermythos. Aber das ist kein Widerspruch, meint Mikolejko.
Denn die Modernisierung ist in den Augen vieler mit schweren Defiziten behaftet: Noch immer hat Polen eine marode Infrastruktur, der Boom macht einen Bogen um Dörfer und Kleinstädte. Korruption gehört zum Alltag wie die Staus auf den überfüllten Straßen, Hunderttausende Polen verließen in den vergangenen Jahren das Land.
"Es ist die Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, die die Menschen auf die Straßen treibt", sagt Mikolejko. Eigentlich würden die Polen ihre Politiker verachten. Doch wenn einer so tragisch umkommt wie Kaczynski, vereine sich die Nation im kollektiven Trauerrausch. So wie vorige Woche vor dem Präsidentenpalast.
Von Christian Neef und Jan Puhl

DER SPIEGEL 16/2010
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